Posted On 6. Dezember 2014 By In Crimemag, Kolumnen und Themen With 389 Views

Hinter der Linie, vor dem Spieltag (14)

Mara Braun_neuHinter der Linie, vor dem 14. Spieltag

– Eine Fußballkolumne von Mara Braun.

It’s that time of year again – draußen wird es kalt bis frostig, und so langsam stehen auch die Damen und Herren vom Winterdienst bereit, um ihre perfekte Salzmischung zu unser aller Sicherheit auf die Straßen zu bringen. Es ist dies auch die Zeit des Jahres, die sich besonders gut eignet, um im Stadion richtig schön zu schlottern. Da kann man noch so viele Einlagen in die Schuhe packen und während der 90 Fußballminuten noch so hüpfen, die Eisklotzfüße und rotgefrorenen Nasen lassen sich vorübergehend nicht verhindern: Arschkälte.

Wissen Sie, wer demnächst auch ziemlich heftig mit der Kälte zu kämpfen haben wird? Das sind die Flüchtlinge in teils schlecht, teils unbeheizten Auffanglagern überall auf dem Globus – oder diejenigen, die es bis beispielsweise nach Deutschland geschafft haben, aber auch hier im vermeintlich gelobten Land nicht unbedingt auf durchgängig beheizte Unterbringungen vertrauen können. Was denn, mag der eine oder andere Leser an dieser Stelle denken, ist das nun eigentlich eine Fußballkolumne oder nicht, und wieso dreht es sich hier zuletzt immer wieder um Dinge, die mit dem großartigen Ballsport rein gar nichts zu tun haben?

Weil nun mal, auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, alles mit allem zusammenhängt. Weil es ein Privileg ist, das wir genießen, im Stadion am Wochenende für einige Stunden unsere Köpfe frei geblasen zu bekommen vom Mist, der uns im Alltag oft belastet, mit Freunden ein Bier zu trinken und danach in unsere gemütlichen Wohnstuben zurückzukehren, um uns dort wieder aufzuwärmen. Weil wir es, selbst dann, wenn es uns gerade mal nicht gut geht oder der Verein unseres Herzens unsere Sorgen eher mehrt als vergessen macht, immer noch so viel besser erwischt haben als die Menschen, die weltweit ihre Heimat auf der Flucht zurück lassen müssen in der Hoffnung darauf, an einem fremden Ort in Sicherheit leben zu dürfen. Und weil es uns niemals egal sein darf, wenn auf den Straßen dieser Republik irgendwelche Vollidioten demonstrieren gegen eine vermeintliche Überfremdung, statt die Flüchtlinge hier willkommen zu heißen und ihnen den Schutz zu gewähren, den sie so dringend brauchen.

Da wird vielfach ein Bild gezeichnet, wonach der Flüchtling an sich die Heimat nur verlässt, um sich anderswo zu bereichern, außerdem ist ihm unbedingt Bösartigkeit zu unterstellen, er ist nicht gebildet, aufs Schmarotzen aus, und in seiner Freizeit frisst er kleine Kinder. Was die Menschen, die sich derart bequem in ihren Vorurteilen eingerichtet haben, vergessen: Für den zu unserem Glück sehr unwahrscheinlichen Fall, dass in diesem Land ab morgen ein heftiger Bürgerkrieg tobt, wären wir die Flüchtlinge. Machte uns das über Nacht zu einer Horde ohne Anstand, Bildung und Herz? Nein, nur zu einer Gruppe, die plötzlich um jene Menschlichkeit bitten muss, die sie selbst viel zu selten an den Tag legt.

Dabei gibt es so viele wunderbare Wege, um diese Menschlichkeit zu zeigen. Wie die Macher der fabelhaften Initiative Second Fan Shirt, die abgelegte Fanklamotten sammeln, und den Erlös für Flüchtlinge spenden. Oder wie mein großartiger Verein Mainz 05, der beim letzten Heimspiel 250 Flüchtlinge ins Stadion eingeladen hatte, um ihnen einige sorgenfreie Stunden zu ermöglichen. Man kann sich auch seinen Frust vom Leibe schreiben, Geld sammeln, um Flüchtlinge in Sicherheit zu fliegen oder sich vor Ort als Pate engagieren, wenn die Menschen erstmal hier sind. Kurzum, man kann vom Geiste der nahenden Weihnacht nicht nur immer faseln, bis einem die Backen stauben, sondern stattdessen Herz und Hirn entstauben und Vorurteile durch nachdenken abbauen – und durch Begegnungen.

Apropos Begegnungen … hier die Ergebnisse:
Dortmund – Hoffenheim 3:2
Gladbach – Hertha 4:1
Hannover – Wolfsburg 1:2
Stuttgart – Schalke 3:3
Köln – Augsburg 1:0
Paderborn – Freiburg 2:2
Bayern – Leverkusen 2:1
HSV – Mainz 6:6
Frankfurt – Bremen 3:1

Mara Braun

Mara Braun, geboren 1978 in Heidelberg, aufgewachsen im hessischen Odenwald mit einem Abstecher nach Mississippi, seit 1998 in Mainz am Rhein. Studium der Filmwissenschaft & Publizistik. Journalistin, Autorin, Fußballbegeisterte, Bücherwurm, Überzeugungstäterin. Im September 2013 erschien „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf). Mara Braun bei Facebook, bei Twitter, im Blog.

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  • Jake

    Von der Fußballbegeisterung absehend, ist Beitrag als auch Resume‘ positiver Natur. :-)

    • Mara Braun

      Hehe. Danke. Aber um die Fußballbegeisterung ist eben in einer (eigentlich) Fußballkolumne schwer herumzukommen …