Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

Günther Grosser über Laila Lalami „Die Anderen“

Leise, exzellent

Dass und wie Geschichte und Geschichten der Gegenwart ihren blutigen Stempel aufdrücken, ist das älteste und mächtigste Thema der Literatur, und auch die US-amerikanische Schriftstellerin Laila Lalami hievt in ihrem Roman „Die Anderen“ unserer Zeit ein paar Brocken auf den geschundenen Rücken: nicht ganz verheilte Wunden des Irakkriegs, Querschläger aus dem Hasspotential von 9/11 und den uralten Rassismus. 

Mitten in der Nacht wird Driss Guerraoui, Besitzer eines Diners, an einer Kleinstadt-Kreuzung in der kalifornischen Mojavewüste überfahren. Seine Tochter Nora, Komponistin mit noch schwach entwickelter Karriere, versucht die örtliche Polizei zu mehr Engagement bei der Suche nach dem Täter zu bewegen, lässt sich sogar auf ein Techtelmechtel ein mit ihrem alten Schulfreund Jeremy – Ex-Irakkriegs-Soldat, jetzt beim Sheriff´s Office – und setzt eine Belohnung aus. Bald fällt der Verdacht auf den Besitzer der benachbarten Bowlingbahn, der seit längerem wegen eines Parkplatzes im Clinch mit den Guerraouis lag. Dann meldet sich ein Zeuge, und die Sache scheint klar.

Laila Lalami (53) stammt aus Marokko, studierte in Rabat und London und lebt seit 1992 in Los Angeles. Mit „The Moor’s Account”, der Geschichte eines maurischen Sklaven, der mit drei Überlebenden einer 1528 an der texanischen Küste gestrandeten Expedition acht Jahre lang den amerikanischen Kontinent durchwanderte, feierte sie 2014 einen Riesenerfolg; der Roman wurde mit dem American Book Award ausgezeichnet und war für den Pulitzer- und den Booker-Prize nominiert. Der Nachfolger „The Other Americans“, so der Originaltitel, erscheint jetzt als erster ihrer bislang drei Romane in deutscher Übersetzung. 

Lalami vertraut rückhaltlos den Mitteln des klassischen Erzählens, geradlinig, schnörkellos, konsequent aus der jeweiligen Perspektive der Beteiligten, sogar der des getöteten Driss, malt dabei das emotionale Feld breit aus und stellt überall die Stolperfallen dessen auf, was wir inzwischen strukturellen Rassismus nennen: Vorurteile, die Beziehungen vergiften; Benachteiligungen im Alltag; Vergesslichkeit, Irritationen. Und so kriegen wir mit „Die Anderen“ natürlich viel mehr als bloß einen Roman mit Rätsel, denn dass das Ehepaar Guerraoui in den 1980er Jahren aus Marokko eingewandert war, vergiftet alles im Roman. Seit dem 11. September 2001 häufen sich die Vorfälle; man nennt sie jetzt die Talibans, die Muslime, kritzelt `Kameltreiber´ auf Noras Highschool-Spind. Von nun an sind sie die Anderen. Und zwanzig Jahre später, beim Prozess gegen den Fahrerflüchtigen, sind die Chancen auf das, weswegen man gekommen war, auf `Equality´, sehr tief gesunken. 

Und so wie die Kritzeleien als kleine Irritationen sich in die Leben hineinfressen, wuchert sich dieser Rassismus als schmerzhafte  Wunde durch Lalamis Roman, und deutlich wird, dass es nicht die Prügel, das Laute, die Morde aus den einschlägigen Hollywoodkrachern sind,  sondern dass es der schleichende Rassismus ist, der alles ruiniert. Und das jubelt uns Lalami in diesem leisen, exzellenten Roman mehr als gekonnt unter.

Günther Grosser

Laila Lalami: Die Anderen (The Other Americans, 2019). Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger. Kein & Aber, Zürich/Berlin 2021. 442 Seiten, 24 Euro.

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