Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Günther Grosser: „Fallstudie“ von Graeme Macrae Burnet

Den wahren Namen der Erzählerin von „Fallstudie“, dem neuen Roman des schottischen Prachterzählers Graeme Macrae Burnet, erfahren wir bis zum Ende nicht, wenn sie dann zu `Rebecca´ geworden sein wird. Sie ist der Überzeugung, dass der Selbstmord ihrer Schwester zu Lasten des Psycho-Gurus Collins Braithwaite geht und gibt sich zu Recherchezwecken bei mehreren Therapie-Sitzungen als ebenjene Rebecca aus. Braithwaite allerdings – und die Hälfte von „Fallstudie“ bildet die Biografie dieses Anti-Psychiatrie-Gurus – ist eine schillernde Figur, wie sie die damalige Zeit in so vielen Varianten hervorbrachte: Der weitaus größte Teil des Romans spielt in den späten Fünfziger und frühen Sechziger Jahren, als die britische Gesellschaft einem kulturellen Zerreißungsprozess ausgesetzt war, der das Alte vom Neuen schied.

Der poetische Giftmischer Philip Larkin drückte es ein paar Jahre später pointiert so aus: „Life was never better than / in nineteen sixty-three / between the end of the “Lady Chatterley” ban / and the Beatles´ first LP” – also zwischen 1960 und 1963.

Burnet illustriert diese kulturelle Umorientierung zum einen farbig, wild und schäumend über die Figur des genialischen Außenseiters Braithwaite, der als Student die Hölle der Irrenhäuser und der brutalen psychiatrischen Methoden mit ansehen muss, eine radikale Anti-Psychiatrie propagiert und zum Guru der im Entstehen begriffenen Pop- und Counterculture-Bewegung wird – und nebenbei zum Gegenspieler des (realen) Gründers der Anti-Psychiatrie-Bewegung R. D. Laing – bis sein überzogenes Ego ihn an den Rand und schließlich darüber hinaus treibt.

Schwarz-weiß hingegen ist `Rebeccas´ Weg heraus aus dem Mief des Kleinbürgerlichen. Tweed, Tee und biedere Tradition hängen wie Steine am Rocksaum der namenlosen Erzählerin, die an Entscheidungsschwäche und  Arroganz zu ersticken droht, während `Rebecca´ sie Richtung Sex, Drugs and Rock´n´Roll zieht. Burnet malt hier gleich eine ganze Reihe prachtvoller Karikaturen der Biederkeit und des Ewiggleichen. Und so ist „Fallstudie“ ein exzellenter Roman über eine schizophrene Zeit, als das verklemmte Alte sich mit aller Macht gegen Veränderungen stemmt, während das Neue sich ganz dem Hedonismus hingibt. Faszinierend dabei, dass die Frage nach der Verantwortung für den Selbstmord der Schwester – und damit der Spannungsanteil des Romans – letztendlich bedeutungslos ist.

Günther Grosser

Graeme Macrae Burnet: Fallstudie. Aus dem Englischen von Georg Deggerich. Kampa Verlag, Zürich 2022. 368 Seiten, 24 Euro.

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