Geschrieben am 1. Mai 2020 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2020

Gordon Parks große Reportage „The Atmosphere of Crime“ (1957)

Wie die Darstellung von Polizeiarbeit in der Gegenwart ankam

Der Fotograf David Kregenow über die wegweisende Fotoreportage von Gordon Parks, die es jetzt als Buch gibt

Die Wahrnehmung von Polizeiarbeit war schon immer geprägt von einem Wechselspiel zwischen Fotografie und Film. In den späten 1930ern waren es die von starkem Blitzlicht und tiefen Schlagschatten geprägten Aufnahmen Weegees, die ein paar Jahre darauf ihren Widerhall in der Ästhetik des Film Noir fanden. Fortan bestimmten Zweireiher, Schlapphüte und kantige Gesichter ebenso das Bild wie lässig den Schlagstock schwingende Cops, die offensichtlich sämtlich irische Vorfahren hatten. Dieses – im doppelten Wortsinn – Schwarzweißbild der Polizeiarbeit wurde durch permanente Wiederholung zu einem derart populären Stereotyp, dass es sich auch noch in frühen TV-Serien wie Dragnet – auf deutsch: Polizeibericht – ungefiltert wiederfand.

In dieser Zeit, 1957, bekam Gordon Parks von LIFE den Auftrag, für eine Artikelserie über Verbrechen in den USA die Bilder zu liefern. Parks war zu diesem Zeitpunkt bereits ein arrivierter Fotograf, der sich durch seine sozialkritischen Dokumentationen zum Thema Rassentrennung und über das Leben von Afroamerikanern in Harlem hervorgetan hatte.

Als Parks zu seiner sechswöchigen Reise nach New York, Los Angeles und San Francisco aufbrach, entschied er sich dafür, wie schon bei seiner 1956 ebenfalls für LIFE entstandenen Reportage „Segregation Story“ in Farbe zu fotografieren.

Durch diese Entscheidung wie auch durch seine Herangehensweise – nämlich die alltägliche Polizeiarbeit und das Umfeld, in dem sie stattfand, direkt und offen, aber doch gleichzeitig empathisch zu dokumentieren -gelang es ihm, nicht nur ein realistisches und ungeschminktes Bild zu zeichnen sondern auch mit bislang vorherrschenden Klischees zu brechen. Polizisten sind nicht länger harte, knurrige Gestalten, Verdächtige weder zwangsläufig Farbige noch verschlagen grinsende Schurken, und Opfer sind einfach „nur“ Opfer. Die Darstellung von Polizeiarbeit ist hiermit in der Gegenwart angekommen und führt den Betrachter von der Observierung über die Festnahme bis in die Gefängnisse hinein, wo verschüchtert wirkende Häftlinge mit ihren Fliege tragenden Anwälten reden, während müde, ältere Beamte die Tage bis zur Pensionierung zählen.

Gleichzeitig schuf seine ausgeprägt cineastische Bildsprache eine Vorlage, die bald darauf von den Regisseuren des New Hollywood aufgegriffen wurde und sich in den frühen Filmen von Don Siegel ebenso wiederfindet wie in William Friedkins French Connection oder Coppolas Der Dialog. Um dann schließlich, Ende der 70er Jahre, durch die fotografischen Serien Street Cops (1978) von Jill Freedman und Police Work (1980) von Leonard Freed dem Thema einen kritischen Blickwinkel hinzuzufügen, der, auch aus Gründen der Distanzierung, wieder auf Schwarzweiß zurückgriff.

Auch wenn der ursprünglich in LIFE publizierte Artikel, der im Buch dankenswerterweise reproduziert ist, nur acht Seiten umfasste, so ist dies doch eines der seltenen Beispiele, in dem es einem Fotografen gelungen ist, einem Thema seine ganz eigene Auffassung abzugewinnen und dadurch nachhaltig die Wahrnehmung zu verändern und scheinbar festgefügte Klischees zu durchbrechen.

Im Falle von Gordon Parks, der dank Steidl seit einigen Jahren umfassend verlegt wird, geschah dies nicht zum ersten Mal. Und auch nicht zum letzten Mal, da Gordon Parks sich 1971 nicht mehr nur damit begnügte, Hollywood Vorlagen zu liefern, sondern selbst hinter die Filmkamera wechselte und mit Shaft nicht nur aus dem Stand einen Kultfilm schuf, sondern darüber hinaus das Genre der Blaxploitation begründete.

  • Gordon Parks: The Atmosphere of Crime. Steidl Verlag, Göttingen 2020. Hardcover mit Umschlag, Format 25 x 29cm. 120 Seiten mit 90 Abbildungen, 38 Euro.

David Kregenow arbeitet derzeit an einem Fotoprojekt, das er „Berlin Noir“ betitelt hat. Seine Internetseite hier.

Gordon Parks bei Steidl.

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