Posted On 15. Juni 2017 By In Crimemag, Film/Fernsehen With 864 Views

Film: Zbyněk Brynych: Die Weibchen

weibGelobt sei, was satt macht

Von Katrin Doerksen

„Man wird Sie umbringen, bei der nächsten Gelegenheit. Ich werde vielleicht dabei sein – und ich werde lachen.“ Uschi Glas sagt das mit der tiefsten Stimme die sie aufbringen kann, leise, ein bisschen heiser dahin geraunt. Es schauert einem den Rücken hinunter, als hätte sie es ins eigene Ohr gesagt. Bis zu diesem Zeitpunkt hat man in Die Weibchen schon einiges mitgemacht: Fischaugenlinsen, die torkelnde Kamera, 360°-Drehungen, expressionistische Lichtspiele, die redundant schlagereske Musik von Peter Thomas.

Zbyněk Brynych lässt offen, ob es sich bei den Ereignissen im beschaulichen Bad Marein um eine filmische Realität handelt, um die Projektionen eines traumatisierten Geistes oder doch nur um einen fiebrigen Traum. Sämtliche Erzählinstanzen scheinen unzuverlässig. Und so wird Uschis verzweifelt hilfloser Blick auch zu Unserem. Etwas scheint nicht zu stimmen, wenn die Frauen in der Klinik auf sie zukommen, die Hände zum Gruß ausgestreckt, ihre Arme grotesk in die Länge gezerrt vom weiten Winkel des Objektivs. Hüterinnen eines geheimen Wissens, amüsiert zucken ihre Mundwinkel. Etwas scheint nicht zu stimmen, wenn sie am Ende einer nächtlichen Party gackernd aus dem Pool steigen, von farbigem Licht so intensiv bestrahlt, dass ihre Konturen sich in blutroten Silhouetten auflösen. Etwas scheint nicht zu stimmen, wenn Uschis Fluchtversuche stets nach wenigen Schritten enden und ihr Doktor Barbara – eine geheimnisvolle Schimäre aus Gynäkologin und Psychoanalytikerin – in ihrem klinisch reinen Untersuchungszimmer zuflüstert: „Zur Polizei? Aber da waren sie doch schon. Man wird Ihnen morgen genauso wenig glauben.“

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Als „den Kannibalenfilm mit Uschi Glas“ kennt man Die Weibchen, ein Totenkopf mit überdimensionalem Kussmund grimassiert vom Cover der DVD herunter. Der Titel meint weniger eine Verniedlichung als vielmehr das Tierische im Menschen. Genauer: das Insektoide. Gottesanbeterinnen sind die heiligen Kühe des Films, gewissermaßen. Denn während oder nach Vollendung des Geschlechtsakts fressen sie ihre Männchen auf. „Nieder mit den Männern“ forderte 1967 das SCUM-Manifest von Valeria Solanas, dessen schreiend gelbes Titelblatt auch im Film – Jahrgang 1970 – mehrmals auftaucht. Uschi Glas spielt die überarbeitete Chefsekretärin Eve, die sich für sechs Wochen in einem Sanatorium in Bad Marein erholen soll. Beinahe ausschließlich Frauen bevölkern die Straßen des Städtchens und die Kurklinik. Manche davon lachen schrill, andere haben das Gesicht zur Faust geballt. Taucht doch einmal ein Männchen auf, entledigt man sich seiner alsbald.

Säge

Zbyněk Brynych, der Regisseur dieser alptraumhaften Karnivorenfantasie, entstammt der Tschechoslowakischen Neuen Welle, war mit frühen Filmen wie seinem 1958er Debüt Vorstadtromanze noch nach Cannes gefahren. Heute kennt man ihn in seiner Heimat – wenn überhaupt noch – eher als erratischen Sonderling, der, weil er verlässlich Erwartungen enttäuschte, immer wieder auf das westdeutsche Fernsehen ausweichen musste. Tatsächlich kommen von Brynych einige der unkonventionellsten Episoden von Derrick, Der Kommissar oder Der Alte.

GiselaFischerDie Weibchen entstand als letzter Film eines besonders produktiven Brynych-Jahres: O Happy Day und Engel, die ihre Flügel verbrennen waren ihm voraus gegangen, alle drei Kassengift. Der Kölner Verleih Bildstörung hat Die Weibchen für DVD und Blu-ray unter beträchtlichem Aufwand restauriert. 35mm-Vorführkopien mussten in Ermangelung eines Negativs abgetastet werden. Sie beinhalten nicht nur naturgemäß weniger Details, sondern haben über die Jahre auch beträchtlich gelitten. Im Bonusmaterial zeigt ein Vorher-Nachher-Ausschnitt die Ausmaße der Alterserscheinungen: Laufstreifen, Filmrisse, Kratzer und ein Farbstich hin zu ausgewaschenem Zyanblau galt es zu beheben. Ganz anders die restaurierte Fassung: wenn die Kamera ganz nah an die exzessiv überschminkten Gesichter der Darstellerinnen heran kriecht, dann ist jede Pore und jede feine Linie zu sehen. Jedes einzelne Lidschattenpigment oszilliert metallisch und die durch mehrere Schichten Mascara verklebten Wimpern geben ihren Augen den Anschein, als stünde den Frauen eine tatsächliche Metamorphose zum Insektenwesen kurz bevor.

UschiGlas-01Als missglückte Satire wurde Die Weibchen seinerzeit vom film-dienst verunglimpft. Brynych bediene nur die paranoiden Wahnvorstellungen der Gesellschaft von bedrohlich über die Stränge schlagenden Suffragettentöchtern. Dem Regisseur derartig ausbeuterische Tendenzen vorzuwerfen, verweist aber eher auf den Konservatismus des Verfassers. Rainer Knepperges bringt es in einem Interview für das Bonusmaterial der DVD auf den Punkt, wenn er davon spricht, dass die vielen Wiederholungen in den Filmen Zbyněk Brynychs kein reiner Eskapismus sind – keine überdrehten Sperenzchen und schon gar keine inszenatorische Inkompetenz. Ihnen hafte etwas Gequältes an, sich wiederspiegelnd im leidgeprüften Blick, mit dem Uschi Glas in die Welt schaut. Sie könnte das Lied im Hintergrund auch selbst singen: „Liebling, weißt du, was mich quält? / Es ist der Hunger / … / Gelobt sei, was satt macht / und satt machst nur du.“

Katrin Doerksen

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