Posted On 15. November 2017 By In Crimemag, Film/Fernsehen With 231 Views

Film: Fernando Aranoa: Loving Pablo

pabVerliebt in die Entschlossenheit

Von Andreas Köhnemann

Schon oft wurde der kolumbianische Drogenhändler, -schmuggler und Terrorist Pablo Escobar (1949-1993) in Filmen und Serien dargestellt – etwa im Thriller-Drama Escobar: Paradise Lost (2014) oder in der Netflix-Produktion Narcos, deren dritte Staffel im September 2017 veröffentlicht wurde. In elf Episoden von Narcostaucht eine TV-Journalistin namens Valeria Velez auf, die eine Affäre mit Escobar eingeht. Diese Figur basiert auf der realen Fernsehmoderatorin Virginia Vallejo.

In Loving Pablo macht der spanische Drehbuchautor und Regisseur Fernando León de Aranoa (PrincesasA Perfect Day) Vallejo zur Protagonistin. Sein Werk ist eine Adaption von Vallejos autobiografischem Buch Pablo lieben, Escobar hassen (2007). Der Titel könnte einen tragischen Liebesfilm im Krimi-Gewand vermuten lassen – doch der Tonfall des Skripts und der Inszenierung ist eher pointiert-satirisch. Die Geschichte beginnt im Jahre 1993, als Vallejo (Penélope Cruz) aus Sicherheitsgründen ihr Land verlassen muss und von der Drug Enforcement Administration (DEA) mit dem Flugzeug in die Vereinigten Staaten gebracht wird. In Rückblenden wird geschildert, wie die kolumbianische Reporterin 1981 Escobar (Javier Bardem) kennenlernte und ihm alsbald verfiel.

Die Entstehung und Entwicklung der Beziehung trägt einen gewissen screwball-Charakter: Als Vallejo Escobar zum Beispiel erklärt, dass ihr Noch-Ehemann sich weigert, die Scheidungspapiere zu unterschreiben, und Escobar sich daraufhin auf seine ganz eigene, äußerst rabiate Weise um die Angelegenheit „kümmert“, wird dies von Vallejo süffisant via Voice-over kommentiert. Letzterer kommt in zahlreichen Momenten zum Einsatz – auch in solchen, die eigentlich selbsterklärend sind und daher keiner Wiedergabe des eindeutig Gezeigten bedurft hätten. Der heitere Plauderton, in dem Vallejo das Geschehen erläutert, ist insbesondere dann irritierend, wenn die Journalistin uns die kriminellen und grausamen Machenschaften des Milliardärs in lapidarer Kürze begreiflich macht. Zeitgeschichte, Politik und der katastrophale gesellschaftliche Zustand eines Landes dienen hier weitgehend als absurder Hintergrund einer amour fou.

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Javier Bardem und Penélope Cruz, die bereits in Jamón Jamón(1992) und in Vicky Cristina Barcelona (2008) ein superbes Leinwandpaar waren und seit dem Dreh mit Woody Allen auch privat miteinander liiert sind, haben zweifelsohne eine stimmige Chemie; an Tiefe gewinnt das Verhältnis zwischen Escobar und Vallejo dadurch allerdings kaum. Als einnehmende Eigenschaft von Escobar nennt Vallejo dessen Entschlossenheit – schon als Kind sei es sein Ziel gewesen, reich zu werden. Weitere Einblicke in das Wesen des brutalen Drogenbosses und in die Motivation von Vallejo (neben dem Genuss von Luxus und Glamour) bleiben aus. Einige Passagen – etwa wenn Escobar seiner Geliebten beim edlen Dinner ein Geschenk überreicht und sich dieses als Handfeuerwaffe entpuppt – haben etwas Pulpiges. Hierzu tragen auch Kostüm und Maske bei: Bardem mit Fake-Wampe sowie scheußlicher Frisur und Cruz in knalligen Farben, mit reichlich Bling-Bling sowie perfekt geföhntem Haar wirken selten wie echte Menschen, eher wie das Personal einer Graphic Novel. In einzelnen Szenen gelingt es Fernando León de Aranoa aber, diese Figuren in beklemmenden Situationen einzufangen und dabei die nötige emotionale Spannung zu erzeugen – beispielsweise wenn Escobar nackt durch die südamerikanische Wildnis eilt, um vor seinen Verfolgern zu fliehen, oder wenn Vallejo in einem Pfandhaus einem Anschlag auf ihr Leben entkommt, da die Waffen der Schützen das Panzerglas nicht zu durchdringen vermögen. Unter den Nebenparts ist einzig die von Julieth Restrepo verkörperte Ehefrau von Escobar interessant, die womöglich gar die bessere Wahl gewesen wäre, um den titelgebenden Drogenbaron aus weiblicher Sicht zu porträtieren.

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Loving Pablo hakt die wichtigsten Stationen in Escobars Aufstieg ab – von der Kartellbildung über den Einzug in den Kongress und den Rückzug aus der Politik bis hin zu der Zeit im selbst errichteten (!) Luxus-Gefängnis, der Flucht sowie dem tödlichen Ende. Dabei finden de Aranoa und sein Kameramann Alex Catalán diverse eindrückliche Bilder, etwa von einem Flugzeug mit Kokain-Fracht, das mitten auf einem US-Highway landet, nachdem dieser blockiert wurde. Dass die Sequenz mit dem Song Let It Snow! Let It Snow! Let It Snow! von Dean Martin unterlegt ist, funktioniert recht gut. In anderen Momenten muten Musik und Witz jedoch allzu zynisch an. Wenn Gewalt und Todesschüsse mit eingängigen, partytauglichen Rhythmen kombiniert werden oder eine Folterung und Tötung per Kettensäge mit einem One-liner endet, mag das in einem Quentin-Tarantino-Werk als Konzept aufgehen; in einem Film über reale Ereignisse wirkt ein derartiges Vorgehen hingegen ziemlich unangemessen.

Andreas Köhnemann

Dieser Artikel erschien zuerst auf kinozeit.de.

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