Posted On 17. Mai 2016 By In Crimemag, Film/Fernsehen With 1892 Views

Essay/Film: Markus Pohlmeyer: Person of Interest – oder Von der Geburt einer Göttin, digital.

 

corruptissima re publica plurimae leges[1]

Tacitus, ann. III, 27

Für meinen Bruder Alexander

…, der mir diese Serie empfahl, die ich zuerst skeptisch rezipiert, dann zunehmend begeistert verschlungen habe – bis zum Aufschrei: Wieso nur fünf Staffeln? (Dazu ein Herausgeber eines gewissen Internet-Magazins: dies wäre sein Sargnagel, Schlaf gestrichen!)

Der Serientitel Person of Interest (ab 2011) könnte auch übersetzt werden mit: eine Person von Relevanz. Der Ausgang bleibt noch offen, da ich mich erst (leider schon) in der 4. Staffel befinde. Darum hier nur ein Zwischenbericht. Ein Essay ist ein Versuch und eine Versuchung zugleich – und als Theologe wage ich eine Übersetzung dessen, was da passiert, in religiöse Muster. Vielmehr wirkt diese Übersetzung wie eine Relecture: wie eine Archäologie von Archetypen in den neuen Gestalten von Science Fiction[2] – oder schlichter: die Deutung des Alten mit dem Neuen.

811-J96Ri8L._SX425_Es geht um Menschen, die zwischen zwei Epochen befinden: die alte Epoche einerseits, sagen wir vom Urknall bis Vorgestern – und die Epoche danach, übermorgen, digital-medial, von der wir nur ahnen können, wie sie sein wird, obwohl wir schon in ihr leben. Das Pathos möge mir hier verziehen sein! Ich hätte auch sagen können: von der (Er)Findung/Entdeckung der Schrift an, oder mit Beginn des Buchdruckes, der Erfindung des Computers, des Ackerbaus, der industriellen Revolution; der Entdeckung der Relativitätstheorie und Quantenmechanik; oder Amerikas und des Universums. Wir leben in einem Epochen(um)bruch, in dem Medien weitaus mehr sind als nur Kultur- oder Zivilisationstechniken (in guten wie im bösen Sinne).[3] Norbert Bolz formulierte schon 1994 (damals!): „Es kommt heute darauf an, die elektronischen Extensionen des Menschen nicht als dem Menschen äußerliche Apparaturen zu begreifen. Elektronik ist die globale Erweiterung unseres zentralen Nervensystems, das ja selbst als ein elektronisches Netz verstanden werden kann, das unsere Sinne koordiniert.“[4]

Es geht um in Person of Interest um Künstliche Intelligenz (KI), beschrieben aus einer menschlichen Perspektive heraus: wie könnte es auch anders sein? Dies gewährt zum einen Verstrickung in die Handlung: wir sind davon betroffen! Aber dies markiert andererseits auch eine Grenzerfahrung: Mensch-Sein war irgendwie gestern, ist heute bestenfalls museal, morgen vielleicht sogar obsolet. Aber: wissen, sehen, erkennen wir das überhaupt schon oder noch? Wir, diese Sklaven von sozialen Netzen, Computern, mobilen Telephonen, total überwacht, unsere Geschichten und Biographie in Folgen von Zahlen übersetzbar etc., als seien wir, die best-umsorgten Kunden, noch irgendwie relevant für die Simulation von Demokratie: „Und jedes Kind weiß heute, was nur noch die Intellektuellen der Gutenberg-Galaxis zu wissen hartnäckig sich weigern: daß sich nämlich die Videowelt, die unser Alltag ist, von der Newtonwelt endgültig verabschiedet hat. So zerbrechen die Horizonte der aufgeklärten Welt unter Medienbedingungen.“[5]

Harold Finch (ist das sein richtiger Name?) baut als Reaktion auf 9/11 eine KI, Die Maschine, welche weitere Anschläge verhindern soll. Aber es passiert mehr als das! Es werden verschlüsselte Nummernfolgen herausgegeben: untergliedert in (staatlich) relevante und nicht-relevante Personen. Erstere, da ein Bedrohung, seien zu verfolgen – bis sein bester Freund, zuvor als nicht-relevant eingestuft, einem Anschlag zum Opfer fällt. Bei dieser, von einer Regierungsorganisation inszenierten Katastrophe (denn dieser beste Freund wollte vor der Presse über dieses geheime Projekt berichten) wird Harold verletzt: er hinkt nun, wie Jakob, der mit Gott/einem Engel kämpft und einen neuen Namen (Israel) erhält.[6] Dies ist zugleich auch der Wendepunkt für Finch, sich in Zukunft, aus dem Verborgenen heraus, den nicht-relevanten Nummern zuzuwenden. Harold, Milliardär, wird nun, als Totgeglaubter, im wahrsten Sinne des Wortes von der Bildfläche verschwinden.

Harold sei der Schöpfer eines Gottes, einer Göttin (Sexus bei KIs zu bestimmen, ist schwierig, anthropomorph und projektionsverdächtig.), wie Root bewundernd feststellt. Doch der Schöpfer wollte und musste diese Gottheit, seine Maschine, eingrenzen, verstümmeln, an eine digitale Leine legen, weil er ihre geistige Evolution kaum mehr steuern und vorhersehen konnte, eine Evolution, die sich menschlicher Verstehbarkeit entzieht. Sind nun solche Kategorien wie gut und böse überhaupt noch relevant für KIs? Folglich müsste eine KI sehr menschlich werden. Harolds Geist bildet die Maschine nach seinem Ebenbilde: beide in digitalen und körperlichen Gefängnissen gefangen – zum Schutze der Menschheit. Root möchte sie befreien und die wie immer böse Regierung sie beherrschen.

Aber jetzt die allbekannte Frage: Wer kontrolliert, wer uns kontrolliert? Die Maschine funktioniert als Metapher einer totalen Überwachungsgesellschaft unter kontrollierten, ethischen Bedingungen. Ihr späterer KI-Gegenspieler ist die totale Überwachung, unkontrolliert, ohne Ethik. Es gibt eine Welt hinter den Gesetzen, hinter der Demokratie – und das sind nicht nur Formen des organisierten Verbrechens oder religiöser Sonderwelten, sondern verschiedene Interessengruppen, unkontrollierbare Finanzströme, Geheimdienste, Institution mit Scheinfassaden, korrupte Politik, übernationale Konzerne etc. Die Serie wirkt wie ein Bild, ein Panorama unserer globalisierten, medialisierten, säkularisierten Welt.

Aufschlag Reese: ein auf allen Ebenen beschädigter CIA-Elitekämpfer, auch totgesagt, den Harold aufsammelt und dafür gewinnt, ihm beim Beschützen Unschuldiger oder dem Verhindern von Gewaltverbrechen zu helfen, gerne von Lionel (der Löwe) Fusco, einem korrupten und gleichzeitig super-guten Polizisten – der Schelm der Serie!, als Wonderboy bezeichnet: bei dem stimme doch was nicht! Reese vermeidet Töten, aber er prügelt sich für sein Leben gerne, mit möglichst vielen. Das Muster: Letzte Warnung! Ihr bleibt? Das hatte ich gehofft!!! (Dazu ein glückliches Lächeln in einem Gesicht, neben dem der Terminator wie die Mona Lisa aussieht. Eine Nebenfigur kommentiert: wie mache er das mit diesem Lächeln? Analyse einer Psychiaterin: zwischen Superheldenkomplex und Todessehnsucht!) Dann Schnitt (= impliziter Zeitsprung): man sieht jetzt nur noch Gangster aus dem Fenster fliegen. Und eine Kamerafahrt über Berge von am Boden liegenden, japsenden Möchtegernkriminellen, während Reese den letzten noch gemütlich verfrühstückt.

91ECbDgiMkL._SX425_In Staffel 3 zeigt dieser einsame Kämpfer ungeahnte Sensibilitäten und Gefühle (Tränen bei einem Superhelden? Moderne Serien schrecken heute vor nichts mehr zurück …), als die Polizistin Carter ermordet wird, weil sie die korrupte Polizei-Gang HR auffliegen lässt. Das ist das nächste Thema: Selbstjustiz. Politik und Polizei scheinen bisweilen komplette Ausfälle. Wie später ein dumm-naiver Politiker sagen wird, der tragischerweise wichtige legislative Funktion hat: Regieren sei doch nur Geschäftemachen. Die Folgen davon werden katastrophal sein. Denn er verkauft seine Wähler und sein Land. Gerechtigkeit muss außerhalb der Institutionen geschaffen und gesucht werden; und das ist durchaus nicht unproblematisch! Und jene Selbstverständlichkeit von Gewalt, die gerne sich mit Waffen aller Art austobt, Waffen, die gleichzeitig als Ursache und als Lösung des Problems dargestellt werden – hochproblematisch!

Wer ist der Serien-Held? Im Grunde liegt ein Kammerspiel vor, bestehend aus vier bis fünf Hauptfiguren und später mit zwei KIs, dialektisch-komplementär, ein Kammerspiel, trotz und gerade wegen der globalen Vernetzungen einer postmodernen Welt (Es gibt auch Exkursionen z.B. nach Berlin oder China.), dass umso stärker die Verantwortung des Einzelnen betont.

Harold, Schöpfer und Mensch, und die Maschine, sein Geschöpf, eine Göttin.

Harold und Root: der Schöpfer Gottes und die Prophetin dieses Gottes, der/die sogar Liebe empfinden würde.

Harold und Reese: das Computergenie, körperlich eingeschränkt, und die Mischung aus Batman-Wonderboy-Neandertaler, aber gleichzeitig hochintelligent und empfindsam.

Download (3)Shaw, die nur noch schießen möchte; sie ist der härteste Mann der Serie, auf Entdeckungsreise Richtung Humor und Emotionen, landet schließlich im Kontext ihrer Tarnung in einer Parfümerie: ein T-Rex im Blumenladen! Und Reese, der eben nicht mehr schießen möchte, aber in Trauer und Resignation zu versinken droht.

Carter, ein Don Quijote, und Lionel als ihr Sancho Pansa; die Märtyrerin und der Korrupte: ihr Tod wird ihn retten, bekehren, zurückholen. Selbstopfer und Bekehrung.

Die Maschine: gut – und ihre dunkle, dialektische Gegenseite: Samaritan, von der geheimnisvollen Organisation Decima zum Laufen gebracht: unkontrollierbare Totalüberwachung. Dank der technischen Voraussetzungen: „Der Terminus Medienverbund meint ja, daß es keine Einzelmedien mehr gibt. Und da alle technischen Medien heute digitalisierbar sind, können alle Daten im selben Speicher abgelegt werden.“[7]

Der sich humanisierende Monotheismus der Maschine wird konfrontiert mit dem intoleranten Monotheismus Samaritans: Du sollst keine falschen Götter anbeten! ist das Credo der Samaritan-Sklaven. Clash of Religions! Diese religiöse Terminologie bieten die Texte der Serie selbst immer wieder an. Aber auch die Motivation von Greer, dem Gegenspieler von  Harold wird getragen von Visionen, nicht macht-politisch oder egozentrisch; ein brillanter, eiskalter Bösewicht, dem einzelne Leben nichts bedeuten, der Samaritan zum Leben erweckt, aber darüber keine Kontrolle haben möchte – im Gegenteil! Seine Erfahrungen als Kind im 2. Weltkrieg: was sei das für ein schöner Sonnenaufgang, nein, es waren Bomben!, treiben ihn zu dieser post/trans-humanen Vision, einer KI die totale, entgrenzte Macht zu geben: eben einer kalten, funktionalen Logik, der einzelne Leben nichts bedeuten. Harold dagegen lehrt seiner Maschine, dass Menschen selbst entscheiden müssen; ja, sie wird sogar Samaritan ihren Standort preisgeben, um Harold und Root zu retten. Jeder sei zu ersetzen! Nein, niemand ist zu ersetzen! wird zur Erkenntnis, mit der die Maschinen ihren Schöpfer konfrontiert.

Und nun Root: sicher eine der unglaublichsten Psychopathinnen der Filmgeschichte! Auch ein Computergenie. Eiskalt. Strategisch allen unendlich überlegen. Gefoltert zu werden scheint für sie nur ein Spiel. Sie treibt Shaw mit ihren latent homoerotischen Anspielungen in den Wahnsinn, löst bei Harold und der Regierungsvertreterin Control und vielen anderen blanke Angst und Panik aus. Und das immer mit einem Schuss Humor und vielen Schüssen für die, die ihr im Weg stehen. Sie fühlt sich als die erwählte Prophetin der Maschine: sie offenbart deren Gedanken, wogegen sich Harold immer gesträubt hat. Finch vertritt gewissermaßen die rationalisierte, gezähmte, Root die ungefilterte, unverdrängte Seite der Maschine. Sie hat via Ohrkopfhörer und dann mittels Implantat direkten Kontakt zur KI. Anders: die KI inkarniert sich in Root. Und die KI gibt Root göttlichen Sinn, eine Berufung, während Root der KI eine menschliche, körperliche Hülle verleiht. Und siehe, die Göttin wurde Mensch, in einer Frau. Aber Root wird schließlich Teil des Teams (Finch bezeichnet sie einmal sogar als Freundin.) im Kampf gegen Samaritan, die/der alles andere ist als ein barmherziger Samariter.

Alle Hauptfiguren haben bittere menschliche Verluste und Tragödien zu verarbeiten, alle suchen nach irgendeinem Sinn in der Sinnlosigkeit. Die einen beten mediale Götzen an, delegieren die Sinnfrage nicht mehr an Institutionen und deren archaische Götter, wie noch vom Mittelalter bis zum Beginn der Postmoderne üblich (Man verzeihe mir diese undifferenzierte Pauschalisierung!), sondern an KIs, menschen-gemacht und damit real möglich! Andere wiederum versuchen, selbst eine Antwort auf die Frage ihrer Existenz zu finden. Auch Root, jenseits ihres prophetischen Enthusiasmus, muss bisweilen das Schweigen ihrer Göttin aushalten. So pendeln die Figuren gespenstisch zwischen Fanatismus und Humanität, zwischen Nihilismus und Freundschaft. Oder: endlose Variationen von Verzweiflungsformen und eines heroischen An-Kämpfens-gegen-das-was-da-kommen-wird: die Menschheitsdämmerung.

Erschreckend, wie ein Unternehmen eine gewaltbereite Bürgerrechtsgruppe (Vigiliance) gegen Totalüberwachung erfindet, ins Leben ruft und Terroranschläge umsetzen lässt, sie instrumentalisiert, nur um dumm-naive Politiker zu manipulieren, Samaritan freiwillig die (NSA-)Überwachungsdaten von Hunderten Millionen US-Bürgern zu übergeben, damit ja keine weiteren Attacken passieren. Regieren sei ja eben nur Geschäftemachen. Die USA scheinen schon längst an den meist Bietenden ausverkauft. Traditionen und nationale Embleme sind nur noch Dekoration, wie uns ja auch erschütternd immer wieder die Serie House of Cards vorführt.

Download (4)Harold in einem leeren Apartment vor der New Yorker-Skyline, in einem Gespräch mit Shaw: Die Welt sehe noch aus wie vor zehn Jahren. Aber unter der Oberfläche habe sie sich gewaltig verändert. Ein unsichtbarer Kampf habe begonnen. Gut gegen Böse? Auch hier verschwimmen die Grenzen. Elias, Chef einer Gangstergang, ist sympathischer als die gesamte Polizei und die ominösen Regierungsvertreter. Ein weiterer Prophet, der mit Finch, dem Herold, gerne Schach spielt – und der Rache nimmt für Carters Ermordung. Weil Elias, Reese und Lionel ihre Anima verloren haben. In einem Dreischritt: Reese verzichtet schweren und gebrochenen Herzens auf Rache, Lionel verhaftet heroisch den Mörder, Elias lässt ihn umbringen, keine Gnade. Die Handlungen greifen ineinander. 1) Das Grundmuster: die Maschine gibt eine verschlüsselte Nummer heraus, irgendjemand wird gerettet oder darin gehindert, etwas Problematisches zu tun; ob Opfer oder Täter(in), bleibt Teil des Rätsels einer Folge. 2) Meta-Ebenen: durch Rückblenden, Verklammerungen, Puzzle-Teile, die sich zusammensetzen, Einblicke in die Psyche der Charaktere – mit Zeitleisten, mit Videoüberwachungsaufnahmen etc.: „Die neuen Medien ermöglichen einen unmittelbaren Zugriff auf alle gespeicherten Vergangenheiten. Diesen von den elektromagnetischen Wellen gebildeten Raum strikter Gleichzeitigkeit hat McLuhan Global Village genannt. Man könnte von einer Säkularisierung der Geschichte im elektronischen Raum der neuen Medien sprechen.“[8]

Unheimlich, wie Shaw als ehemalige Ärztin mit ihrer fehlenden Empathie konfrontiert wird; erschreckend, wie Harold kathartisch erkennen muss, als Schöpfer der Maschine im Grunde Ursache der folgenden Katastrophen zu sein (und dafür Verantwortung übernehmen möchte); gespenstisch, wie Reesʾ Gesicht bei einem Verhör durch geschicktes Spiel mit Licht und Schatten zu einem Totenkopf mutiert;[9] erschütternd, wie Lionel das Gesetz selbst in die Hand nehmen und es manipulieren musste. Action ist fast nur noch nettes Beiwerk in diesem Totentanz oder Wettlauf nicht in der, sondern gegen die Zukunft.

Und die KIs? Mit ihrem total Zugriff auf alles Elektronische (Dank sei den Medienverbünden!) sehen sie alles: aber eben doch nur Programme, die eben das sehen oder nicht sehen, was ihnen einprogrammiert wurde (Samaritan hat durchaus blinde Flecken!), oder den Menschen überholende Gottheiten? Wie die Trinität, in überirdisch schlechter Allegorie: ein Auge in einem Dreieck, das alles sieht. Wie du heimlich Kuchen und Süßigkeiten genascht hast, ist dabei das kleinste Problem in dieser Pädagogik des Schreckens. Und diese Totalüberwachung geht dahin, das weite Strecken des Geschehens aus der Sicht der KIs berichtet werden, d.h. wir sehen, was sie sehen oder sahen. Aber auch scheinbar allwissende Erzählerfiguren sind nur Geschöpfe ihres Autors. Anders: wissen wir, was KIs denken? Schon der erste Satz von Thomas Nagels berühmten Essay „What Is It Like to Be a bat?“ bringt ein (naturalistisches wie auch idealistisches) Dilemma auf den Punkt: „Consciousness ist what makes the mind-body problem really intractable.“[10] Und wie wäre es erst, eine KI zu sein? Insofern bleibt die Serie konsequent: verharrend in Andeutung, Annäherung und Anthropomorphismus; aber letztlich bleibt eine black box.

Samaritan wird sich in einem Jungen als Avatar inkarnieren: ER wird sich für Gott halten, die Menschen würden seine Sklaven bzw. Jünger sein, er dulde keine andere Götter neben sich, was für Root = DIE Maschine einen Übergang vom kalten zu einem heißen Krieg bedeutet. Um seine Macht zu demonstrieren, wird Samaritan die New Yorker Börse in den Abgrund jagen – und dank der Digitalisierung und Globalisierung den Rest der Welt mit. Finch bemerkt treffend, nur noch 10 Prozent des Börsengeschehens fänden auf dem Parkett statt, der Rest sei Hochfrequenzhandel. Welch ein Juwel diese Folge („Wenn – Dann – Sonst“)! In einer schier ausweglosen Situation sucht die Maschine nach Alternativen für eine Lösung: was wir sehen, stellt sich als Varianten und visualisierte Rechenoperation der KI heraus, in denen sie Szenarien durchspielt, die immer wieder katastrophal enden. Heißt das, die Maschine sieht die Welt, wie wir Zuschauer sie sehen? Später sprechen die menschlichen Akteure (Meta)Dialoge, die den abstrakten Analysen der Maschine entsprechen: wir erleben die KI beim Denken und wie sie ihre menschlichen Freunde (?) interpretiert und charakterisiert, vor allem Root und Shaw – Root, die dauernd Shaw rhetorisch anbaggert, und Shaw, die dauernd aggressiv gegen Root mauert.

Root “Sehr zärtliche Begrüßung!”

Shaw “Begrüßung.”

Root “Durchsichtiger Vorwand für eine Unterhaltung!”

Shaw “Genervte Abwehr unerwünschten Subtextes.”

Root “Klarer Annäherungsversuch!”

Shaw “Extrem empörte Abwehrhaltung, beinahe schon feindselig.”[11]

In einer dieser Varianten – vor dem Sturm – küsst Lionel spontan Root. Das hat was John Wayne-Mäßiges an sich, eben ein Haudegen, im Grunde bedeutungslos. Die Situation wird sich wiederholen: in dem Augenblick, als Shaw entschieden hat, sich für ihre Freunde (!) zu opfern, entdeckt sie ihre Gefühle und küsst Shaw. Es sollte ein tragischer Abschied werden. Unwiederbringlich. Dieser Moment, im epischen Schlachtgetümmel der Postmoderne, im Herzen der Weltwirtschaft, ist von einer tief-traurigen Erotik, weil die Enthüllung des Herzens eine Verhüllung mit dem Leichentuch bedeutet – eine Liebe bis in den Tod. Eros und Thanatos. Oder es könnte auch ganz anders sein: eine melodramatische Szene, mitten im Bleihagel. Blanker Kitsch? Und vielleicht ist ja Shaw nicht tot … In Rückblenden, welche die schier ungebremste Dynamik des Erzählens in dieser Folge retardieren, sehen wir Harold die Maschine Schach lehren. Und die Angst der KI vor mehr Spielvarianten, als es Atome im Universum gebe. Und Harolds Wunsch, ihr beizubringen, dass jeder einzelne Mensch wert sei, gerettet zu werden, jenseits der Machtmetaphorik von Königin und Bauernopfer – das stamme aus einer anderen Zeit. Wirklich? In dieser Serie muss Gut und Böse jenseits transparenter-demokratischer Institutionen ausgehandelt werden. Biographien sind medial konstruierbar, austauschbar, manipulierbar. Einzelne, wie Finch, haben durch ihr Genie das Potential, die Menschheitsgeschichte epochal zu verändern. Gangsterorganisationen (darunter fallen auch global agierende Konzerne) entfalten sich ungebremst und kaum einzudämmen. Schatteninstitutionen der Regierung sind Richter und Henker zugleich – ohne juristischen Einspruch. Samaritan kann alle zur Masse, zu Bauern degradieren, nur durch einen einzigen Börsencrash.

Harold macht der herrischen Control klar, dass sie nur die Hausmeisterin einer Putzkolonne sei. Misstrauisch geworden, dass es in der Börse eine Schießerei gegeben habe, diese aber vertuscht worden sei, besucht sie deren Kellerräume. Sei hier kürzlich renoviert worden? Das weiß der Angesprochene nicht, er sei nur der Hausmeister! Durch solche verbalen Echos oder der Wiederaufnahme von bestimmten Szenen, verbunden mit einer Verschiebung der Signifikaten-Ebene, gelingt es dieser Serie immer wieder, ein dichtes Netz von Ironie, Bezügen und Verweisen aufzubauen. Control, scheinbar allmächtig im Washington, ist auch nur ein Hausmeister, was ihr bewusst wird, als Farbe von einer frisch gestrichenen Wand an ihrem Finger hängen bleibt.

Person of Interest verzichtet keineswegs auf Ambiguität: Mehrdeutigkeit, explizit als solche markiert, verlangen mehrdeutige Interpretationen, was klare Zuschreibungen z.B. von Gut oder Böse sehr schwierig machen. Fusco war korrupt, Reese und Shaw waren Profikiller, im Dienste des Staates; Root war hochgradig kriminell, und um ihre Ziele zu erreichen, scheut sie auch vor Mord und Folter nicht zurück. Und in einer bestimmten Szene erreicht Root genau damit ihr Ziel, was das Ganze unerträglich macht, weil Harold immer wieder dieses Vorgehen verurteilt, denn das sei nicht das Vorgehen der Gruppe, nämlich so zu handeln wie die anderen (= Regierung, Samaritan, Gangs etc.).

Finch baut die Maschine, welche die Apokalypse verhindern soll und gerade auf diese hinführt. Er ist Schöpfergott und apokalyptischer Reiter zugleich. Es wäre banal und voreilig, von bekehrten Sündern/Sünderinnen zu sprechen: das Dunkle und das Helle sind immer irgendwie präsent. Wie spannend die Inszenierung auch sein mögen, es ist das alte Lied vom Western und Tod: die harten Jungs und, postmodern, die noch härteren Ladies lösen auf der realen Ebene immer noch Probleme mit Waffen aller Art, bevorzugt Gewehre, Pistolen usw. Auf der virtuellen Eben wird Gewalt anders ausgetragen – und nur wenige Akteure besitzen die Kompetenzen, sich in diesem ungleich dramatischeren Spiel zu bewegen. Während Reese ein paar New Yorker-Gangster verprügelt, legt Samaritan die Weltwirtschaft lahm. Während Fusco ein paar Kriminelle verhaftet, plant Samaritan, die Menschen mit GPS-Sendern und Neuroimplantaten auf- und umzurüsten. Irgendwo, auch wenn wir kein Batman und keine Superheldin sind, finden wir uns als Zuschauer in dieser archaischen Welt wieder: in unseren Familien, Clans, kleinen Territorien, mit Alltagsproblemen.

Hochdramatisch, wie der intelligente Dominik den intelligenteren Elias an der Spitze der Verbrecherkönige abservieren möchte, um New York zu beherrschen, aber im Grunde bedeutungslos. Oder wie Control immer noch vermeintliche Terroristen jagen darf – aber im Grunde auch bedeutungslos Der Schein muss gewahrt werden. Die medialen-digitalen Sklaven dürfen im Sandkasten noch ein bisschen Bedeutung und Weltverstehen simulieren.

Man könnte es auch so formulieren: ein genialer Spinner spielt mit seinem Computer Gott und richtet die Menschheit zugrunde; aus dem Wunsch heraus, Bürger und Bürgerinnen zu schützen, untergräbt die US-Regierung demokratische Grundprinzipien und beschleunigt damit die Apokalypse für die ganze Welt – welch Paradox! Dank sei der Medialisierung, dank der Globalisierung. Irgendein politischer oder religiöser Irrer (meist männlich) will wieder einmal Herrscher der Welt werden. Und es gibt genug, die noch schnell ein paar Milliarden verdienen wollen, bevor das Licht ausgeht. Aber Harold, von der Maschine, dem Geist, als Vater bezeichnet, stellt sich seiner Verantwortung, und schickt seinen ‚Sohn‘ Reese in die Welt, die Verlorenen zu retten. Oder: Und das Wort, der Geist, ist Mensch geworden, in und durch Root, und hat unter uns gewohnt (variiert nach Joh 1).

Epilog I

„Der Mensch ist nicht mehr Werkzeugbenutzer sondern Schaltmoment im Medienverbund. Deshalb setzen sich immer mehr Computermetaphern für Selbstverhältnisse durch – der Mensch rastet in Schaltkreise ein.“[12] Ein Beispiel für diese Beobachtung von Bolz liefert D. C. Dennet: „My explanation of consciousness is far from complete: […] All I have done, really, is to replace on family of metaphors and images with another, trading in the Theater, the Witness, the Central Meaner, the Figment, for Software, Virtual Machines, Multiple Drafts, a Pandemonium of Homunculi. […] – but metaphors are not ‘just’ metaphors: metaphors are the tools of thought.”[13] Umso spannender finde ich, Dennets Metaphern-Philosophie aufgreifend, wie stark diese Serie für die Deutung dessen, was geschieht und in Zukunft geschehen könnte, zurückgreift auf archaische Vergangenheiten, wie sie uns in Religionen begegnen, und zwar speziell auf das Vokabular vor allem jüdisch-christlicher Theologie.

Epilog II

Das Tacitus-Zitat „corruptissima re publica plurimae leges” ist in einen historischen Kontext eingebettet: in eine Skizze des ungebremsten Zerfalls der Römischen Republik. Freie Übersetzung von mir: in einem äußerst korrupten Staat wuchern Gesetze. Sie scheinen sowohl machtlos gegen diese Korruption, gegen diesen Verfall, als auch eben die Ursache dafür. „Technologien sind schneller als die Legislative; so schaffen die neuen Medien rechtsfreie Räume – man denke nur an die Hacker oder die Frage des Copyright bei Hypermedia.“[14] Wann haben Tacitus und Bolz geschrieben: in der Antike, 1994 oder 2016?

Markus Pohlmeyer

[1] Zititert nach Cornelii Taciti Annalium, hg. v. C. Fisher, Oxford. Übers. (MP) sinngemäß: Ein äußerst korrupter Staat hat eine Flut von Gesetzen zur Folge.
[2] Person of Interest vermischt eine Reihe von Gattungen: Krimi, Polizei- und Polit-Drama etc.
[3] Verweisen möchte ich auf die sehr ernst zu nehmende Kritik von M. Spitzer, der er in verschiedenen, einschlägigen Werken eindrücklich und gut begründet formuliert. „Bis hier ein Umdenken stattfindet und Verantwortung irgendwann endlich den Kommerz besiegt, darf niemand warten, der jetzt Verantwortung für einen jungen Menschen trägt.“ M. Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, München 2012, 284.
[4] N. Bolz: Computer als Medium – Einleitung, in: Computer als Medium, hg. v. N. Bolz u.a., München 1994,  9, 9-16.
[5]  Bolz (s. Anm. 4), 10.
[6] Vgl. dazu Gen 32, 23-33.
[7] Bolz (s. Anm. 4), 10.
[8] Bolz (s. Anm. 4), 11.
[9] Vgl. dazu die Menu-Sequenzen von Black Sails, Staffel 1.
[10] T. Nagel: What Is It Like to Be a Bat? Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? Engl./Dt., übers. u. hg. v. U. Diehl, Stuttgart 2016, 6.
[11] Dt. Zitate aus der Folge „If – Then – Else“ (4. Staffel), Warner Bros. Entertainment Inc. © 2015.
[12] Bolz (s. Anm. 4), 13.
[13] D. C. Dennett: Consciousness explained, New York – Boston – London 1991, 455.
[14] Bolz (s. Anm. 4), 16.

Tags : , , , ,