Geschrieben am 11. Oktober 2014 von für Crimemag, DVD, Film/Fernsehen

Essay: Markus Pohlmeyer über True Detective

Dieucornu.Vialou6True Detective: mit Kierkegaard vorwärts-zurück in die Hölle?

GesellschaftsBILDER. Ein Essay von Markus Pohlmeyer.

„Wer mit Ungeheuern kämpft,
mag zusehn,
daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird.
Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,
blickt der Abgrund auch in dich hinein.“[1]

I. Hornblower

Wie wunderbar unwahrscheinlich gibt sich „Hornblower“ (1998–2003): die Helden zur See bomben sich unfallfrei durch halb Europa – und nach einer Flaute großer Langeweile und einem öden Dasein als Landratten freuen sie sich von Herzen, dass endlich wieder Krieg mit Napoleon herrscht. Dazu der Philosoph Odo Marquard: Der Krieg „[…] ist für die Menschen nicht nur schrecklich, sondern zugleich auch von den Menschen auf schreckliche Weise gewünscht: als Entlastung vom Alltag, als Moratorium des Alltags.“ [2] Und, oh wie wunderbar politisch unkorrekt gibt sich „Hornblower“ (und in Richtung der politisch Korrekten gesagt: das ist nicht die Meinung des Autors!): Franzosen sind „Froschfresser“, Iren allesamt Verräter und die Damenwelt entweder intrigant, betrunken oder sitzt heulend zu Hause und wartet auf ihn, der gerade die Welt (= England) rettet.

Hornblower_dvd_coverBeispielsweise: Sturm, mitten in der Nacht, eiskalt, Frau über Bord! Wo? Da rechts, Sir! Nichts wie ins Wasser (Sturm, dunkel, eiskalt usw.) … und Horatio Hornblower (I. Gruffudd) hat die ertrinkende Amerikanerin gefunden! Eine Kanonenkugel rollt an Deck – Horatio löscht sie geistesgegenwärtig mit den von seiner Frau gestrickten Handschuhen! Oder er sprengt sich durch eine spanische Festung, um seine Kumpels vor einer aussichtslosen Situation zu befreien! Am Rande von Slapstick-Einlagen, verfremdet durch Selbstironie und historischer Distanz präsentiert sich „Hornblower“als großes Abenteuerkino für richtige Jungs, groß und klein.

II. House of Cards

Härter ist „House of Cards“ (ab 2013): zynisch bis zur Kälte, keine Sympathieträger, Machtgier pur. Natürlich haben auch wir genug Politiker und Politikerinnen, die als Messias antreten, die Wählermassen verführ(t)en – und dann die gewonnene Beute an ihren Clan und ihre Mitläufer verteilen, politisch korrektes Theater spielen und dabei gnadenlos abkassieren. Wir sehen sie durch die Medien geistern, und wir sehen Frank Underwood (K. Spacey), das Ungeheuer, aber nur wir Zuschauer sehen ihn!, nicht aber (oder nur bedingt) die Figuren in dem fiktiven Polituniversum im Washington unserer Zeit, das von ihm beherrscht wird. Wir Zuschauer als absolute Beobachter … sind zur Hilflosigkeit verdammt. Es scheint mir: Underwood braucht keine Flotte mehr, keine Heere, vielleicht sogar kaum noch Finanzen (und schon gar nicht die selbst gestrickten Handschuhe seiner Frau).

Anfang der 2. Staffel wirdhouse-of-cards er zum Vizepräsidenten ernannt, durch Intrigen auf den Weg gebracht, und in der Funktion eines Kommentators wendet er sich an das Publikum: und all dies ohne eine einzige Wählerstimme! Demokratie sei überschätzt. (Wäre das nicht eine Formel für eine implizite Diktatur?) Er manipuliert die Medien mit Hilfe einer karrieregeilen Reporterin; Sex gegen Informationen, das ist der Deal, mit Billigung der eiskalten, noch machtgeileren Ehefrau. Er täuscht, lügt und spielt all die Dilettanten gegeneinander aus. Er instrumentalisiert einen jungen Politiker (um ein Vakuum zu schaffen, in das der noch amtierende Vizepräsident hineinrücken soll, damit dieser Posten frei wird, den er dann selbst übernehmen kann) und eliminiert letztlich seinen gescheiterten, von Alkohol zerfressenen Kandidaten, indem er dessen Selbstmord vortäuscht – die betroffenen, politisch korrekten Reden seiner Frau und von ihm selbst vor Journalisten laufen in der entsprechenden Episode ohne Bild weiter, laufen hinein in den schwarz-weißen Abspann.

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Horror kann kaum besser inszeniert werden. Underwood bedient im Grunde nur die medialen und politischen Oberflächen und manipuliert via Fiktion somit die Realität. Er ist anonym, ein Chamäleon, ohne Programm oder Ideologie. Reiner Wille zur Macht. Aber im Grunde agiert er als eine Inkarnation oder Personifikation des Systems, das betrügt und betrogen sein will. Und der Präsident, der mächtigste Mann der Welt? Eine Marionette, die an den Fäden eines mächtigeren reichen Mannes hängt. Und dann an denen von dem einzig Mächtigen: Frank Underwood. Die Welt neben der Welt: jene eigentliche Welt, deren Dämonie und Gier tiefenstrukturell die oberflächliche, verhübschende, illusorische Welt moderner Medien und Gesetze bestimmt. Und während eine bestimmte christliche Konfession als Institution den Anschein der Heiligkeit beansprucht, huldigen komplementär die Medien der Heiligkeit des Scheins.

dvd_truedetectivestaffel1III. True Detective

Am härtesten: „True Detective“ (2014)[3]. detegere bedeutet auf Lateinisch unter anderem aufdecken oder enthüllen. Also frei übersetzt: der wahre (wahrhaftige) Detektiv oder der die Wahrheit aufdeckende … Und der Untertitel dieser Serie klingt wie die Variation des bekannten Nietzsche-Zitates, das am Anfang dieses Textes zitiert wurde: „Touch darkness and darkness touches you back“. Kein Krimifachmann schreibt hier und kein Filmexperte (was ich beides nicht bin), sondern ich betrachte dieses Meisterwerk – ich stimme dem Spiegel-Online-Zitat auf der Rückseite meiner DVD-Box zu – aus einer philosophischen und theologischen Perspektive: Das ist meine hermeneutische Brille, mit der ich die Serie betrachtet habe! Auch entzieht sich meiner Kenntnis, ob von den Machern und Autoren dies so intendiert war, aber es gibt eine große Nähe zu den Gedanken des dänischen Theologen, Philosophen und Schriftstellers Sören Kierkegaard (gest. 1855). Und natürlich sehe ich diese Nähe, weil ich mich seit Jahre mit Kierkegaard beschäftige. Andere Bezüge mögen genauso legitim sein – und wer weiß, was Platon-, Goethe-, Rosamunde Pilcher- oder Kant-Leser hier noch alles entdecken können?

Wie wird erzählt? In Rückblenden. Dazu Kierkegaard: „Es ist ganz richtig, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den anderen Satz, dass es vorwärts gelebt werden muß.“[4] In dieser dialektischen Dynamik befinden sich die beiden Polizisten M. Hart (W. Harrelson) und R. Cohle (M. McConaughey). Sie werden nun zu einem schon Jahre zurückliegenden Fall verhört. Und irgendwann gabelt sich der Weg zwischen dem, was sie offiziell den Behörden berichten, und dem, was wir sehen: dass sie nämlich ab einem gewissen Punkt der Ermittlungen zur Selbstjustiz greifen mussten – und diese dann geschickt vertuschten und sich nun gegenseitig decken. Es drängt sich der Verdacht auf: gibt es hier überhaupt einen verlässlichen Erzähler? Sie lösen einen Fall, befreien Kinder aus der Hand von deren Peinigern und werden in den Medien als Helden gefeiert. Alles gut. Ende. Für Cohle nicht. Jahre später greift Cohle nämlich den Fall wieder auf.

rdvd_truedetectivestaffel1In der Terminologie Kierkegaards – es geht hier um seine dynamisch-prozessuale Stadienlehre: um erotische, ethische und religiöse Existenzformen:[5] Hart wäre als eine erotische Existenz zu charakterisieren; er spielt die Rolle des Familienvaters, und er möchte dies auch verantwortlich sein, was Cohle nüchtern nur als Verdrängung aufdeckt – und immer wieder verfällt den Lockungen hübscher Sirenen, was letztlich sein Ehe zerstört.[6] Motive des Buddhismus durchziehen diese Serie, aber sie werden auch narrativ, kreisförmig inszeniert. Ein Beispiel: Hart empfiehlt einem jungen Mädchen auf durchaus schiefer Bahn, sich doch bitte beruflich anders zu orientieren – und Jahre später wird sie, genau sie durch Zufall seine Geliebte.

Diese Kreisförmigkeit aber scheint für Cohle eine Grundverfassung der Welt zu sein: der (befreite) Junge und das (befreite) Mädchen würden seiner Ansicht nach nämlich immer und immer wieder gefangen gehalten werden. Ewige Wiederkehr des Gleichen: Eine solch radikal deterministische Position müsste alle und jeden von Schuld und Verantwortung dispensieren, selbst Gott, und jegliche Form von Freiheit als Illusion enthüllen. Dem widerspricht Cohle jedoch durch sein Handeln, er wird zu einer ethischen Existenz: zerbrochen bis an den Rand des Nihilismus durch den Unfalltod seiner Tochter, kehrt er dennoch in die Welt der Menschen zurück und übernimmt Verantwortung. Er vertritt eine komplette Destruktion von Sinn, Religion und Leben, naturalistisch reduziert bis zur Unerträglichkeit (Gott sei z. B. nur ein Virus, eine mentale Krankheit …). Und diese Destruktion macht sich auch (anti)ästhetisch an seinem Äußeren sichtbar: er mutiert zu einer Ruine. Wir sehen eine Ianus-Gestalt.

Die Grundfrage: können wir Verantwortung übernehmen für anderes Leben? Für neues Leben? Für das unserer Mitmenschen? Und für die Vergessenen? Die da sind für Cohle die Opfer einer patriarchalischen Gesellschaft: Frauen, Kinder und Eltern, deren Kinder verschwunden/entführt worden sind. Cohle fragt Jahre später Hart, warum er seinen Beruf als Polizist schließlich aufgegeben habe. Hart hätte gesehen, wie ein Junkie sein Baby in der Mikrowelle trocknen wollte. Cohle findet (stiehlt) ein Video, das der Zuschauer nur andeutungsweise sieht. Hart kann es sich nicht zu Ende ansehen, so fürchterlich. Hat Cohle es zu Ende gesehen? Ja, weil er nicht mehr wegschauen wolle. Nicht mehr wegschauen. Aber die Sinnlosigkeit scheint von erdrückender Beweislast.

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Und dennoch stellen sich beide ihrer Verantwortung – und werden religiöse Existenzen – im Kierkegaardschen Sinne, der, inspiriert von den Evangelien, Christentum nicht als eine Ansammlung von Lehrsätzen versteht, sondern (in einer Variante) zutiefst als Verantwortung.[7] Der Einzelne, eine zentrale Denkfigur des Philosophen aus Kopenhagen, darf nicht seine Verantwortlichkeit alibimäßig an Institutionen der Politik, Gesellschaft oder Kirche delegieren. (Das wäre Entfremdung.) Denn wie in „True Detective“ verdecken sie Janus-gesichtig das Böse, Gleichgültige. Cohle und Hart sind zwei Einzelne, die sich erst verzweifelt (sie beide wollen verzweifelt entweder sich selbst sein oder verzweifelt ein anderer sein[8]), um sich dann, mit sich selbst versöhnt als die, die sie immer waren, oder als die, die sie wurden, dem Horror zu stellen. Cohle verändert sein Äußeres, aber sein Wesen bleibt durch die Zeiten gleich; Hart behält sein Äußeres (er wird nur älter), aber durch die Zeit verändert sich sein Wesen.

Dante_Titelseite_retouchedDas Monster wohnt in den Sümpfen, scheinbar weit weg von der Zivilisation, da draußen, weit weg von einer Zivilisation, die selbst ein Ungeheuer ist, das seine Kinder frisst: geprägt von religiösem Fundamentalismus, Alkohol und Armut, verwüstet von Naturkatastrophen und Politik. Das Monster pflegt seltsame Kulte: archaisch, satanistisch, christlich (bisweilen muten bestimmte christliche Praktiken ja auch wie Magie an); es baut sich ein Labyrinth, verzweigt, höhlenartig, in Ruinen; die Helden müssen in diesen Dschungel hinabsteigen, in die undurchsichtigen Wälder ihrer Psyche, so wie im Seelen-Bild aus dem Beginn von Dantes „Göttlicher Komödie“: „Mittwegs auf unsres Lebens Reise fand / In finstren Waldes Nacht ich mich verschlagen, / Weil mir die Spur vom graden Wege schwand.“[9]

Die beiden Helden müssen sich dem Dämon und damit ihren Dämonen stellen. Dieser pflegt Tierkulte und Menschenopfer, gedeckt von einem korrupten Netz aus Politik, Polizei und Kirche (hier evangelikale Kreise). Darum erzählen auch Cohle und Hart den sie verhörenden Polizisten nicht die wahre (true) Geschichte, sie verdecken (als Gegenbewegung zum detegere in detective) die Wahrheit, weil sie nicht wissen, wie weit der natürliche Sumpf tatsächlich, metaphorisch gesprochen, in die menschliche Zivilisation hineinreicht. Hinter der christlichen Oberfläche dieser Gesellschaft lauert keineswegs ein Rückfall ins sogenannte Heidentum, das wäre zu einfach, sondern etwas viel Schlimmeres: „Ärgernisse in der Kirche sind größer als bei den Heiden. Denn wenn die Christen aus der Art schlagen, sind sie viel gottloser als die Heiden.“[10]

Dieucornu.Vialou6Das erste Opfer, mit dem alles beginnt, welches Cohle und Hart 1995 in Louisiana finden, ist eine ermordete Frau auf einem Feld, vor einer Baumgruppe dekoriert, gekrönt (wie Christus?) mit einem Geweih: Meine Assoziation richtete sich spontan auf eine Höhlenmalerie, den Dieu Cornu: „Ich halte auch diesen ‚Zauberer‘ für einen Schamanen, weil er sich die größtmögliche Hilfe verschiedener Tiere für die Wanderung seiner Seele gesichert hat. Er trägt eine Hirschmaske, er hat eulenartige Augen, Wolfsohren, eine Pferdeschwanz, Bärentatzen. Und er tanzt.“[11] So eine mögliche Interpretation. Die erste Episode scheint mir auf dieses Bild anzuspielen, aber es handelt sich hier um einen Mord, so als ob trotz aller Kultivierung die Praxis der Menschenopfer archaisch weitergeht. Mensch und Tier werden gewaltsam wieder zusammengesetzt. Da kommt etwas aus einer uralten Ferne in unsere Aufklärung hinein, die postmodern zu versinken droht. Die Opfer von Religionen, politischen Ideologien, von Wirtschaft[12] usw. gehen weiter und weiter.

Cohle hätte sich auf der Jagd nach Ungeheuern fast selbst in ein Ungeheuer verwandelt: zerfressen vom Alkohol, seine Nerven von Drogen zerstört, sein Aggressivität kaum kontrollierend. Seine zerstörten Nerven gaukeln ihm Synästhesien vor, die auch visuell beeindruckend dargestellt werden: sieht der Zuschauer mit den Augen Cohles? Sieht er ein verlässliches oder ein verfremdetes Bild der Welt? Gibt es überhaupt diese Welt oder nur die Bilder, die wir sehen? „Ich selbst weiß überhaupt nicht, und bin nicht, Bilder sind […]. Ich bin selbst eins dieser Bilder; ja, ich bin selbst dies nicht, sondern nur ein verworrenes Bild von den Bildern […].“[13]

Manisch jagt Cohle den Mörder, die Gesellschaft und auch Gott. Und Gott, die Gesellschaft und das Monster jagen Cohle. Mit ähnlicher Leidenschaft kämpfte Kierkegaard seine letzten Kampf: gegen die dänischen Staatskirche, gegen die Institutionalisierung des Christentums, gegen Verlogenheit. Er forderte Redlichkeit. Und kaum ein Text drückt die Tragödie eines oberflächlichen, verantwortungsbefreiten Christentums, das sich in der Welt samtweich-prunkpalast-seidengewand-kirchensteuerbehütet richtig gemütlich eingerichtet hat, besser aus als dieser: „In der prachtvollen Domkirche tritt der hochwohlgeborene, hochehrwürdige geheime General-Ober-Hof-Prediger, der erwählte Günstling der vornehmen Welt, vor einen auserwählten Kreis von Auserwählten und predigt gerührt über den von ihm selbst ausgewählten Texte ‚Gott hat auserwählt das Geringe vor der Welt und das Verachtete‘ – und da ist niemand, der lacht.“[14] Kierkegaard kämpfte mit unglaublicher Leidenschaft – und brach finanziell und körperlich ruiniert zusammen. Georg Brandes formulierte das in seiner Kierkegaard-Biographie so: „Kierkegaard […] setzt solcherart sein Leben ein und kämpft mit einer so extremen Anstrengung, der sich kein Mann unterziehen kann noch darf, der sich nicht unmittelbar danach aufs Sterbebett legen will.“ Ende Kapitel 27. Beginn Kapitel 28: „Das war – leider – seine Absicht und sein Los. Er sehnte sich fort von der Erde […].“[15]

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Erst Cohle, dann Hart: sie verstehen erst rückwärts, durch das Erzählen, was geschehen ist, dass sie etwas, jemanden übersehen haben – und dies treibt sie an, vorwärts zu leben. Die Rückblenden hören auf, die Gegenwart beginnt. Wer auf Mega-Action hofft, muss in dieser Serie lange warten. Der Horror, das Grauen, die Angst setzten sich langsam und subtil aus den Gesprächen zusammen, unerbittlich, unausweichlich. Grandios die Dialoge, grandios die Monologe, grandios das Verschwiegene. Aber alles Reden schlägt in Handeln um. Dennoch: Leidenschaft und Verantwortung haben ihren Preis; Cohle und Hart werden von dem Monster fast vernichtet. Im Krankenhaus weint der schwer verletzte Hart. Tränen als Trauer und Befreiung zugleich. Cohle berichtet später von einer mystischen (?) oder buddhistisch gefärbten (?) Nahtoderfahrung in der Krise: die Nähe zu seiner Tochter, Friede und letztliches Erlöschen (im Nirwana?). Versöhnung mit Gott? Die Leerstellen bleiben. Es gibt keine Antworten. So wie bei Kierkegaards Einzelnen, der allein vor seinem Gott steht, ohne die tröstenden Illusionen kirchlicher Institutionen, kein behaglicher Anschein von Heiligkeit mehr, am Abgrund, und schon darüber hinaus. Das Schweigen aushalten müssen. Und warten …

Epilog

„Hornblower“ präsentiert eine Abenteuerexistenz; das Töten wird durch europäischen Nationalismus legitimiert oder durch den Anspruch, einem Tyrannen Einhalt zu gebieten. „House of Cards“ bietet einen von der Macht verführten Verführer, eine dämonische Existenz:

„Wenn also der Herrschsüchtige, dessen Losung ‚Cäsar oder nichts‘ lautet, nicht Cäsar wird, dann verzweifelt er darüber. Das aber bedeutet etwas anderes: Gerade weil er nicht Cäsar wurde, ist es ihm jetzt unerträglich, er selbst zu sein.“[16]

Das Töten wird hier durch einen reinen Formalismus der Macht legitimiert. Das ist ein Schritt weiter als die Alibifunktion für straffreies Morden im Namen von religiösen, politischen oder wirtschaftlichen Führern oder einem geisteskranken Gottesbild. „True Detective“ bietet Komplexität: der Einzelne gegen die Masse, welche Dummheit, Anonymität oder Entfremdung im Sinne Kierkegaards bedeutet. True Detectiveist ein kaum zu ertragendes Heldenlied, indem bisweilen die Heroen von den Ungeheuern kaum zu unterscheiden sind, aber dennoch der Dunkelheit nicht erliegen, weil sie sich entschließen, nicht mehr wegzuschauen. Weil sie von der rückwärts verstandenen Wahrheit vorwärts getrieben werden.

Und noch eine Korrektur zum Schluss: Das Monster war auch nur ein Mensch, nur eine von vielen Möglichkeiten des Menschseins, vielleicht ein archaisch-animalisches Stadium, aber doch eher ein postmodernes. Denn das gefährlichere Monster, von dem es abstammte, lebt weiter: die Lüge. Im Krankenhaus, letzte Episode: es gebe, so eine Nachricht, keine Verbindung dieser Vorfälle mit den entsprechenden hochrangigen Politikern.

Markus Pohlmeyer

Markus Pohlmeyer lehrt an der Universität Flensburg (Schwerpunkte: Religionsphilosophie; Theologie und Science Fiction).

[1] F. Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, in: Ders.: Werke, Bd. II, hg. v. K. Schlechta, Darmstadt 1997, hier 636 (Nr. 146).
[2] O. Marquardt: Moratorium des Alltags. Eine kleine Philosophie des Festes, in: Ders.: Skepsis und Zustimmung. Philosophische Studien, Stuttgart 1995, 59-69, hier 63.
[3] True Detective © 2014 Home Box Office.
[4]S. Kierkegaard, in: Deutsche Søren Kierkegaard Edition, Band 2: Journale und Aufzeichnungen, hg. v. R. Purkarthofer und H. Schulz, Berlin 2008, 200.
[5] Vgl. dazu auch auf K. P. Liesmann: Kierkegaard zur Einführung Hamburg 1993 oder auf Kierkegaard selbst, z.B. mit In vino veritas.
[6] Ich verweise hier auch auf die Ehe-Diskurse in Kierkegaards Entweder-Oder.
[7] Eine Zitatenkollage aus Sören Kierkegaard: Einübung im Christentum u.a., hg. v. W. Rest, aus dem Dänischen v. H. Winkler, W. Rest und Th. Haecker, München 2005, 49-267:„Unsere Zeit kennt keine andere Mitteilung als dies dürftige: Dozieren. Man hat vollständig vergessen, was Existieren heißt. […D]ie Wahrheit in dem Sinne, in welchem Christus die Wahrheit ist, [ist] nicht eine Summe von Lehrsätzen […], nicht eine Begriffsbestimmung und dergleichen, sondern ein Leben. […] Aber wehe, wehe der christlichen Kirche, wenn sie in dieser Welt bereits gesiegt haben will; denn dann hat sie nicht gesiegt, sondern die Welt. […] Und wenn ich auch keine Vollmacht besitze, einen anderen Mensch zu verpflichten, so habe ich mich doch zu jedem Worte verpflichtet, was ich von der Kanzel in der Predigt gesagt habe – und Gott hat es gehört.“
[8]„Verzweiflung ist eine Krankheit im Geist, im Selbst, und kann so ein Dreifaches sein: verzweifelt nicht sich bewusst sein, ein Selbst zu haben (uneigentliche Verzweiflung); verzweifelt nicht man sich selbst sein wollen; verzweifelt man selbst sein wollen.“ S. Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode. Eine christlich-psychologische Darlegung zur Erbauung und Erweckung von ANTI-CLIMACUS, übers. v. G. Perlet, Stuttgart 2009, 13. Es sei hier auch verweisen auf die Internet-Edition der Werke Kierkegaards: www.sks.dk.
[9] Dante: Die Göttliche Komödie, übers. v. F. Freiherr v. Falkenhausen, München 1974, 15.
[10] M. Luther: Tischreden, hg. v. K. Aland, Stuttgart 2013, 137.
[11] I. Lissner: Sie lebten die Völker der Urzeit, München 1979, 313. Bild auf S. 314.
[12] Sehr lesenswert dazu in cultmag der Artikel über das Buch von M. Lewis: Flash Boys. Revolte an der Wall Street. ((((link))
[13] J. G. Fichte: Die Bestimmung des Menschen, revidiert v. F. Medicus. Mit einem Nachwort von H. Verweyen, Hamburg 2000, 83.
[14] In: Kierkegaard für Gestresste, hg. v. J. de Mylius, übers. v. U. Sonnenberg, Frankfurt am Main – Leipzig 2000, 118. Anm. des Autors: als ob Kierkegaard irgendwie beruhigen könnte …
[15] Beide Zitate: G. Brandes: Søren Kierkegaard. Eine kritische Darstellung. Aus dem Dänischen, eine anonyme Übersetzung aus dem Jahre 1879, bearbeitet u. mit Anmerkungen versehen v. G. Perlet, Leipzig 1992,194 und 195.
[16] Kierkegaard, Krankheit (s. Anm. 8), 20.

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