Posted On 19. September 2017 By In Crimemag, Kolumne With 1447 Views

Essay: Frank Göhre: Haiti und die Romane von Gary Victor

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Wo Hyänen, Schweine und Geier furchtlos herumstolzieren

 von Frank Göhre

Wir nähern uns einem Land in der Karibik, das 1492 von Christoph Kolumbus entdeckt und unter der Herrschaft der Spanier von Sklaven aus Afrika urbar gemacht wurde. Ein Land, dessen westliches Drittel dann den Franzosen überlassen wurde. Ein Land, in dem 1791 Schwarze und Mulatten in blutigen Aufständen über ihre Kolonialherren siegten und die Unabhängigkeit erklärten. Für die Anerkennung der Republik aber forderte Frankreich 150 Millionen Francs.

Das ist die unmittelbare Fortsetzung einer Geschichte der Ausbeutung und Unterdrückung, der Korruption und Gewalt. Es ist die in den Kriminalromanen von Gary Victor sich widerspiegelnde catsGeschichte Haitis:

„Schweinezeiten“,

„Soro“,

„Suff und Sühne“.

Oder auch: der Voodoo, das Erdbeben und die Politik.

Haiti – ein karibischer Alptraum.

Ich habe mit den Romanen von Nicolas Freeling und Janwillem van de Wetering Amsterdam erkundet, bin auf den Spuren Friedrich Glausers durch die Schweiz bis nach Nervi bei Genua gereist. Seinen marrokanischen Fremdenlegionsposten Gourrama habe ich nicht mehr erreicht.

In Marrakesch träumte ich, dass der Glauser mit William S. Burroughs auf Kamelen die Stadt verließ. Zwei Junkies auf einem Ritt in die Wüste. In Rom versuchte ich, die Nacht, in der Pier Paolo Pasolini ermordet wurde zu rekonstruieren, ebenso wie Jahre zuvor im Death Valley, Kalifornien, die Gräuel der Manson Family. Ich ließ mir von Charles Willefords Hoke Moseley Miami und Miami Beach zeigen und von Sjöwall/Wahlöös Kommissar Beck Budapest (Der Mann, der sich in Luft auflöste). Christopher G. Moores Privatdetektiv Vincent Calvino und Detlef B. Blettenberg (Siamesische Hunde, Farang) halfen mir, mich in Bangkok zurechzufinden. Nach einem Fußballspiel mit Bob Marley auf dem Grundstück seines Hauses in der Hope Road, Kingston, aber verlor ich die Orientierung und irrte mit meinen beiden Reisebegleitern im Viertel der Rude Boys herum.

Auf Haiti war ich nicht.

In Palermo, im „Grand Hotel et des Palmes“, Tagungsort der sizilianischen und amerikanischen Mafia-Familien in den Fünfziger Jahren, hörte ich vom Selbstmord des Surrealisten Raymond Roussel im Zimmer 224 und las, dass er in den Zwanzigern des 19. Jahrhunderts viel gereist war, durch Indien, Australien, Neuseeland, China, Japan und Amerika. Europa hatte er in einem von ihm selbst entworfenen Wohnmobil durchquert, „ohne einen einzigen Tag die eigene Behausung zu verlassen.“ Er notierte: „Aus all diesen Reisen habe ich nie etwas für meine Bücher geschöpft. Mir schien, das verdiente, mitgeteilt zu werden, beweist es doch, dass bei mir die Einbildungskraft alles ist.“

Die Imagination.

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Die Kraft der Imagination, die Phantasie, ausgelöst beim Betrachten von Bildern und Fotografien, beim Lesen alter und neuer Texte, Romane, Reportagen und Zeitungsberichte. Zitieren, Variieren und Collagieren. Auch das eine Methode des Berichtens.

Haiti – ein Mosaik.

Anflug: „Einschweben über dem mystischen Haiti. Berge von der Farbe gotischer Dome. Ein See – gallegelbe Ablagerungen an den Rändern.“

Haiti, der westliche Teil einer Karibikinsel, der Ostteil ist die Dominikanische Republik. Knapp 11 Millionen Einwohner. Im Ballungsraum der Hauptstadt Port-au-Prince leben ca. 2 Millionen Menschen auf 36 qkm. Die Bürgersteige wimmeln von Händlern. Gebrauchte, frisch aus Miami eingetroffene Kleidung, elektrische und elektronische Geräte, extravagante Brillen, Plastikwannen, Babypuppen und Spiegel. Voodoo Utensilien. Fahrradketten und gebrauchte Reifen. Verkaufsstände mit Süßigkeiten, Kochbananen, Reis mit schwarzen Bohnen, tropische Früchte, Kräuter. Hunderte von buntbemalten Tap-Taps (Lastwagen-Sammeltaxis) auf den Avenueen. Eine Aufschrift: „Jesus ist mein Herr“. Motorengeknatter, schadhafte Auspuffanlagen, ständiges Hupen. Ein gewaltiger Lärm. Die Rufe der Händler, voll aufgedrehte Musik aus zig Lautsprechern. Asthmatisches Röcheln der Generatoren. Ansprachen von Wanderpredigern, Gebete von Sektierern, die ihren Wahn unbedingt mit den Anwohnern teilen müssen. Beschwörungen. Litaneien. Bettler, Krüppel und Trinker auf verdreckten Pappen liegend. Irre und Prostituierte. Polizisten, Geheimpolizisten mit der Pistole lose in der Gesäßtasche Gebell von streunenden Hunden, das Krähen der Hähne. Frei herumlaufende Schweine. Wütender Zwist zerstrittener Nachbarn. Kindergeschrei und Fernseher auf voller Lautstärke.

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Es ist Mitte Juni. Die Tage sind unerträglich. Die Sonne lässt drückende Hitze wie Bleiperlen herab tropfen. Schwüle, beißende, erstickende Hitze. Schwefeldämpfe ziehen den Saft aus der kargen Vegetation. Überall am Rande der Hauptstadt die weit ausgedehnten Elendsviertel, besät mit Autowrackteilen. Das Meer spült Massen von Abfällen und Plastik, vermengt mit Schlamm und verfaulten Algen, ans Ufer. Müll und Gestank. Hütten aus Brettern, Wellblech und Lehm. Ein Gewirr von schmalen Pfaden. Hauswände, die wie zerrissene, riesige Buchdeckel aussehen.

Orte der Verdammten.

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Technischer Schmutz schwärzt die Erde. Öliger Dreck, Bäche aus Exkrementen und Quellwasser, in denen Frauen ihr Kochgeschirr waschen. Umringt von Kindern, mit von Würmern schwangeren Bäuchen. Ein Graffito: Der grobe Umriss Haitis auf einer Lehmwand. Hinein gezeichnet zwei aneinander gefesselte Männer. Ein Mann, der einem anderen ins Gesicht tritt. Eine Frau, die vor einem Messer schwingenden Mann davon rennt.

Schriften. Worte.

Kriminalität !! Vorsicht !! Korruption !!

Eine Sprechblase: „Nichts ist vergessen!“

Gary Victor

Gary Victor

Der Autor Gary Victor blickt finster auf Port-au-Prince. Hier ist er 1958 als Sohn ökonomisch gut gestellter Eltern geboren. Nach einem landwirtschaftlichen Studium arbeitet er für diverserse Ministerien des Landes. Er wechselt zum Journalismus, ist als kritische Stimme zu tagesaktuellen Ereignissen im Radio zu hören und schreibt Romane, Erzählungen und Theaterstücke: „Ein scharfes Schwert an der Kehle dieser verrotteten Gesellschaft.“

„Heute war er wütend. Auf sich selbst, auf dieses Land, auf die ganze Welt. Eigentlich empfand er eher Ohnmacht als Wut. Eine erschreckende Ohnmacht, die seine Nichtexistenz in diesem Land schlagartig bloßlegte. Ein weiteres Mal wurde ihm klar, dass er nur Hirngespinste umwälzte. Seine Tragik war, dass er nicht anders konnte, als sie umzuwälzen. Er kam dagegen nicht an. Wäre es nur nach ihm gegangen, hätte er sich wie die meisten seiner Kollegen auf eine fette Schutzgelderpressung oder eine andere illegale Tätigkeit verlegt. Davon gab es genug in diesem Land, das die internationalen Organisationen in ihren Korruptionsberichten regelmäßig mit Vergnügen an den Pranger stellten. „Dieuswalwe“, dachte er mit einem Seufzer, „was hättest du verloren, wenn du es so wie die anderen gemacht und dich im Dreck gesuhlt hättest? Deine Seele? Aber wozu braucht man in diesem gottverdammten Land eine Seele? Schließlich haben sie doch alle ihre Seele verkauft. Für einen Moment des kurzlebigen Glücks, bis die Berge auf ihre Villen und Kitschpaläste fallen.“

Dieuswalwe Azémar ist Gary Victors Polizei-Inspektor seiner drei bislang auf Deutsch erschienenen Kriminalromane. Dieuswalwe ist die kreolische Schreibweise seines Namens Dieusoitloué (Dieu-soit-loué = Gott sei gelobt), mit der er sich zur haitianischen Kultur bekennt. Der Inspektor kultiviert auch eine gewisse Spiritualität. Er ist ein mittelgroßer, dünner Mann mit nur noch wenigen Haaren auf dem Kopf. Er schielt. Er trägt eine dunkle Brille. Dieuswalwe hat eine militärische Ausbildung absolviert und ist Eliteschütze. Seine Dienstwaffe ist eine Smith & Wesson, die er offen am Gürtel trägt. Er ist aber auch noch im Besitz einer Barretta. Bei seinem direkten Vorgesetzen gilt er als äußerst scharfsinniger Ermittler, der allerdings meist aus dem Ruder läuft. Der Inspektor ist Junggeselle. Er wohnt im Hauptstadtviertel Bas-Peu-de-Chose und fährt einen 27 Jahre alten Nissan. An Lebensmitteln hat er nichts im Haus. Er beugt damit dem Zugriff der Huren vor, mit denen er gelegentlich fickt. Er zahlt nicht viel für sie. Er hat ohnehin nur wenig Geld. Und damit befriedigt er primär seine immer wieder neu aufflammende Sucht. Polizei-Inspektor Dieuswalwe Azémar säuft. Er kippt flaschenweise tranpe, einen aromatisierten Zuckerrohrschnaps. Er schluckt in ebenso großen Mengen soro, eine mit Blättern der Bittermelone destillierten Variante, in der irrigen Annahme, „dieses Getränk sei blutreinigend, wirke gegen schädliches Fieber und befreie die Leber von allem, was sie belaste. Außerdem sollte es die Manneskraft stärken … Zumindest bei ihm hatte es aber auch die ärgerliche Macht, sein Gedächtnis auf unbestimmte Zeit in Schutzhaft zu nehmen.“ Und das bringt ihn mehr als einmal echt in die Scheiße. In den bedeutenden Kriminalromanen von Hammett und Chandler, James M. Cain und Jim Thompson bis hin zu den Autoren des British Noir Derek Raymond, Ray Banks und Gene Kerrigan wird gern und mitunter auch exzessiv Alk getrunken. Zum durchgängigen Thema seiner Mathew Scudder-Serie im New York der Siebziger, Achtziger und Neunziger Jahre hat es Lawrence Block gemacht, mit dem Absturz seines Ex-Cops und seinem mühsamen Weg zum Anonymen Alkoholiker. Nicht weniger intensiv schildert James Lee Burke die Anstrengungen seines im Missisippi-Delta angesiedelten Ex-Lieutenant Dave Robicheaux, der als Soldat in Vietnam gerade noch einmal davon gekommen ist, danach aber lange Zeit gegen das Bedürfnis, sich zu Tode zu saufen ankämpfen muss:

„Der Grund war einfach, dass ich trinken wollte. Und es ging nicht etwa darum, mich langsam wieder daran zu gewöhnen, mit gelegentlichen Manhattans in einer vornehmen Bar mit Mahagonitäfelung und Messingsläufen, mit rot gepolsterten Ledernischen und langen Reihen blankgeputzter Gläser vor einem endlos langen Spiegel. Mich verlangte nach einer richtigen Ladung. Was ich wollte, war Jack Daniel´s mit Fassbier, Wodka auf Eis, Jim Beam pur mit einem Glas Wasser dazu, scharfer Tequila, der einem den Atem nimmt und im eigenen Saft schmoren lässt. Und all das in einer heruntergekommenen Kneipe an der Decatur oder Magazine Street, wo ich mich einfach gehen lassen konnte und meine hässliche Visage im Spiegel nur eines dieser trunkenen Bilder war, wie der vom Neonlicht erhellte Regen, der an die Fenster schlug.“

Die Eckkneipe, die Kaschemme. Düster und rauchgeschwängert. Das eigentliche Zuhause aller Trinker in jedem Teil der Welt. Der Polizei-Inspektor Dieuswalwe Azémar hat einen tiefen Schmerz in sich. Die einzige Frau, die er je geliebt hat, ist in seinen Armen gestorben. Er adoptiert ihre Tochter Mireya und nimmt sie zu sich nach Hause. Übler Klatsch seiner Nachbarn führt dazu, dass er sie zu Ordensschwestern in ein Pensionat geben muss. Er kämpft um sie. Er leidet. Er wütet. Er trinkt.

Azémar trinkt, um „seinen Schmerz, seine Wut und seinen Ekel vor dem Leben in diesem Land zu lindern, das er in seinem tiefsten Innern gleichwohl liebt.“ Die dunkle Brille schützt seine von übermäßigem Alkoholkonsum geröteten Augen.

Pilger an einem Wasserfall auf Haiti

Der Autor Victor Gary blickt zurück. Er lauscht den Stimmen seiner Vorfahren. Sie berichten von einem jahrzehntelang geschundenen und ausgebeuteten Land. Von Chaos, Umstürzen und politischen Morden. Aber sie sagen auch, es gab Hoffnung, es gab sie einmal. Der Hoffnungsträger ist ein kleiner, schmächtiger Mann, der als Landarzt praktizierte und mit den Voodoo-Bräuchen vertraut ist: François Duvalier – „Papa Doc“ genannt. Er wird 1957 mit großer Mehrheit zum Präsident Haitis gewählt. Kaum im Amt aber entpuppt er sich als raffgieriger und brutaler Diktator. Er etabliert die allseits gefürchteten Tontons Macoutes, eine Mischung aus Killertruppe und Geheimdienst. Sie erschießen, erschlagen oder zerstückeln unter „Papa Docs“ Terrorherrschaft ca. 30.000 Menschen. Niemand wagt sich mehr nachts auf die Straße. Es sind die Stunden, in denen die Zombie-Geister am Werk sind oder die Tontons. Auf der Straße hügelauf in die besseren Wohnviertel der Stadt stehen viele Häuser leer. Die Bewohner sind geflohen, um den Zwangsanleihen für den Bau einer von „Papa Doc“ geplanten neuen Stadt zu entgehen. Die Tontons kommen nachts, um die Gelder einzutreiben.

„Nun war er zu sehen, ein großer Cadillac … Vier Männer stiegen aus. Sie trugen weiche Hüte und sehr dunkle Sonnenbrillen; sie hatten Revolver umgeschnallt, doch nur einer von ihnen machte sich die Mühe, den Revolver herauszuziehen … Er trat an die Seite des Leichenwagen und begann, damit methodisch das Glas zu zerschlagen … Sie hoben den Sarg aus dem Leichenwagen und trugen ihn zu ihrem Auto … In einer Diktatur besitzt man nichts, nicht einmal einen toten Gatten …“

Im April 1963 wird „Papa Doc“ gemeldet, dass der Bodyguard und Chauffeur seiner Kinder erschossen wurde. Ein ehemaliger Militäroffizier wird bezichtigt, den Anschlag initiiert zu haben. Er ist unschuldig und hat sich schon in die amerikanische Botschaft geflüchtet. Die Tontons ermorden seine Familie und stecken sein Haus in Brand. Sie bringen „Papa Doc“ den noch in der Wiege liegenden Sohn des Offiziers. „Papa Doc“ schließt sich mit dem Kind ein. Niemand weiß genau, was dann mit dem Kleinen geschehen ist. Es wird getuschelt, dass „Papa Doc“ ihn geopfert habe. „Papa Doc“ lässt verbreiten, dass er der Todesgeist Baron Samedi sei, ein auf Friedhöfen lebender Voodoo-Geist, und dass übernatürliche Kräfte ihn schützen. „Papa Doc“ trägt einen schwarzen Hut, eine dunkle Hornbrille, Spazierstock und goldene Uhrkette – alles Voodoosymbole. Ein Foto neueren Datums: Ein Mann verneigt sich vor einem ihn überragenden, steinernen Kreuz. Ein zweiter Mann in beigen Cargo Jeans hebt beschwörend die rechte Hand. Die Bildunterschrift: Eine kleine Andacht für den Totengott Baron Samadi auf dem Friedhof in Port-au-Prince.

Baron Samedi. Ein Gedicht von René Depestre.

„Ich bin Baron Samstag der Große

Oh! vertraut nicht zu sehr

Meinem schönen weißen Bart

Er ist ein Nest blutdrünstiger Wespen

Mein Bart ist schlimmen Unfugs fähig …“

Es gibt viele Voodoogötter und täglich kommen neue hinzu.

Es gibt die alten afrikanischen Götter und Heroen, die mit den Sklavenschiffen nach Haiti kamen, die Götter der Yoruba, Fon, Ewe; katholische Heilige werden ebenso vergöttert wie Generäle, einflußreiche Politiker und verstorbene Voodoopriester. Die Götter wohnen im Meer, in Quellen, Wasserfällen, Friedhöfen, Straßenkreuzungen, Steinhaufen, in Bäumen, in Heiligenhäuschen, Heiligenzimmern neben den Versammlungshäusern. Alle unterstehen dem „Bon Dié bon“, dem Lieben Gott, der nie in Erscheinung tritt.

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Gary Victors Inspektor Azémar-Roman „Schweinezeiten“ beginnt mit einer Szene, die man als literarische Endabrechnung mit den Grausamkeiten „Papa Doc“s und seines Regimes lesen kann. Eine Mutter hat ihr krankes Kind zu einen Voodoo-Zauberer gebracht. An einen Ort, wo der Geruch von Massengräbern, freigelegt von ausgehungerten Schweinen und Hunden, aufsteigt. Ein Ort, der sich dem Leben verweigert.

(Die „Papa Doc“-Ära)

Die Mutter will ihr Kind zurück. Sie ist in Begleitung des Inspektors Azémar. Der Voodoo-Mann und seine Gehilfen (die Tontons) rücken das Kind nicht heraus. Es soll zum Ausschlachten (der Organe) verkauft werden. Geopfert – ermordet, zerstückelt. Inspektor Azémar reagiert:

„Der erste Schuss ließ die Hütte erbeben. Die Wucht des Projektils schleuderte den Mann mit der Machete gegen die Wand aus Lehm und Stroh. Die Frau stand keifend auf. Das zweite Geschoss riss ihr einenTeil des Schädels weg. Marasa sperrte die Augen auf, sein weit geöffneter Mund ließ eine fast schwarze Zunge sehen. Die Kugel traf ihn in den Mund. Marasa schlug wie ein Ertrinkender um sich, während er zuammenbrach.“

haiti4Doch die Macht des Voodoo ist auch hier nicht endgültig gebrochen.  Eine spinnenartige Kreatur mit vier Armen entkommt und krallt sich später an Azemar fest. Einem jungen Kollegen des Kommissars wachsen Schweineohren und eine Schweineschnauze. In einem Zelt am Rand einer belebten Straße hocken die Säufer mit allen Schrullen ihrer zerlumpten Vorstellungswelt. Wahn oder Wirklichkeit? Ein ständiges Palavern „über die mögliche Rückkehr des verrückten Priesters, den man schon zweimal zum Verlassen des Landes gezwungen hatte, über ein Gesetz, das im Parlament eingebracht worden war, um den Bürgern durch eine höhere Besteuerung von Telefonanrufen das Geld aus der Tasche zu ziehen, über die mutmaßliche Verwicklung eines Senators in den unaufhörlich anwachsenden Kokainschmuggel an der Südküste des Landes.“

Der Inspektor erhöht seinen Schnapskonsum.

„Papa Doc“ stirbt 1971. Er hat sich 1964 selbst zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt und überträgt noch vor seinem Tod die Präsidentschaft auf seinen derzeit 19jährigen Sohn Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier.

„Baby Doc“

Es ist Anfang Juli. Die Sonne schickt sich zu ihrem Abstieg in die Bucht an. Die Wellen ersterben mit traurigem Murmeln am Ufer. Gruppenweise kläffen sich Hunde stundenlang über Stadtviertel hinzu, vom Hafen zu den Bergen hinauf. Die rostigen Wellblechstücke, die an die langsam zerbröckelnden Holzpaläste und Katen genagelt sind, rascheln zum Bellen der Hunde. Auf der einzigen Straße, die sich steil hinauf in das Reichenviertel Pétionville von Port-au-Prince schlängelt, gleiten die schwarzen, schöngeputzten Limousinen der Attachés an Palmen und Büsten vorbei. Das leise, vom Nachtwind hin und her gerückte Trommeln deutet ein Opfer an. Alles ist in Dunkel gehüllt, nur im Präsidentenpalast brennt noch Licht. Jean-Claude „Baby Doc“ verkündet: „Mein Vater hat die politische Revolution gemacht, und ich mache die ökonomische Revolution.“ Er verspricht demokratische Reformen. Es sind scheindemokratische Zugeständnisse an Opposition und Presse, um die Entwicklungsgelder aus Washington nicht zu riskieren. Mit dem Amtsantritt von Ronald Reagan 1981 aber kehrt er zu den Unterdrückungsmethoden seines Vaters zurück: Knebelung der Presse, Knast und Mord für Oppositionelle.

Es gibt Ereignisse, die an die Herrschaft Neros im alten Rom denken lassen: Ein zentral gelegenes Viertel brennt nieder. Es verschandelte die Innenstadt. 400 Hütten in Schutt und Asche. Mehrere Kinder sterben in den Flammen. 5.000 Menschen werden obdachlos. Die regierungstreuen Bauunternehmer grinsen wissend und reiben sich die fetten Pfoten. Mit dem Besuch des Papstes Johannes Paul II im März 1983 und seiner Kritik an den haitianische Zuständen – „il faut que les choses changent“ („Die Dinge müssen sich ändern“) – wachsen im Land Protest und Widerstand. Auch die amerikanische Regierung übt jetzt Druck auf „Baby Doc“ aus. Am 7. Februar 1986 wird er abgesetzt. Er flieht nach Frankreich ins Exil. Die Christoph-Kolumbus-Statue wird nach dem Weggang der Duvaliers umgestürzt und ins Meer geworfen. Aber schon wieder wird mit Beginn des Markttages das Opfer eines nächtlichen Verbrechens entdeckt. Erschossen, in einer Blutlache liegend auf dem Asphalt.

Der Generalleutnant Henri Namphy wird Präsident. Sein Regierungsstil entwickelt sich rasch zum „Duvalierismus ohne Duvalier“. Namphy ist – mit einer Unterbrechung von wenigen Monaten – bis September 1988 an der Macht. In seiner Regierungszeit werden vermutlich 1.500 Personen verschleppt und ermordet. Namphys Nachfolger ist ebenfalls ein Generalleutnant und dann wird zum ersten und auch letzten Mal eine Frau zur Präsidentin gewählt. Es ist eine Richterin mit einer Amtszeit von nur einem Jahr. Der zum katholischen Priester geweihte Jean-Bertrand Aristite ist von 1991 – 2004 mehrmals Präsident der karibischen Halbinsel. Er hat die Unterstützung der Landbevölkerung und die der verarmten Bewohner der Slums in der Hauptstadt Port-au-Prince. Er wird als einer der ihren wahrgenommen.

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Erstmals in der Geschichte Haitis wird Voodoo zur offiziell anerkannten Religion und die Voodoo-Geistlichen zivilrechtlich christlichen Priestern gleichgestellt: „Im Voodoo liebt jeder seinen Nächsten. Nur der Voodoo hilft dem Volk.“ Aufgrund von Misswirtschaft und auch staatlicher Korruption (Aristides Privatvermögen wird nach Ende seiner Amtszeit auf 40 Millionen US-Dollar geschätzt) kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen, angefeuert von Kräften des ehemaligen Diktators Duvalier und seiner nach wie vor agierenden Todesschwadronen. Die internationale Besorgnis über die Situation führt im Februar 2004 zur Intervention durch Frankreich und die USA. Aristite dankt ab und geht nach Südafrika ins Exil.

„Dieses Land wird immer in der Scheiße stecken“, sagt Inspektor Dieuswalwe Azémar. Ein Unwetter kündigt sich an. Zu sehen ist ein faszinierendes Wetterleuchten über den Bergen im Westen. Ein tropischer Sturzregen bricht los: „Ungeheuere Wassermassen schossen über die abgeholzten Berhänge in die ausgedörrte Ebene herab … die Straße verwandelte sich in einen reißenden Fluss …Pferde und Kühe, Maultiere und Esel, die sich von ihren Stricken losgerissen oder aus ihren Gattern befreit hatten, irrten vor Angst wiehernd und brüllend über die von Blitzen erhellten, dann wieder von Regengüssen verdunkelten Straßen … die schlechtgebauten Hütten werden mitsamt ihren Bewohnern vom Regen fortgespült oder vom Wind weggerissen …“

Unwetter sind keine Seltenheit auf Haiti. Doch was am 12. Januar 2010 geschieht, bleibt unvergessen. Inspektor Dieuswalwe Azémar hat einige Flaschen Schnaps intus. Er ist im Vollsuff und wird von der Frau seines Chefs gevögelt: „Die Frau schnaufte wie eine Lokomotive, Krämpfe spannten ihren Körper. Einer schleuderte sie auf den Körper des schmächtigen Dieuswalwe Azémar, den sie ergriff wie einen Rettungsring, während ihr Orgasmus mit der verheerenden Wucht eines Orkans anbrandete. Der Inspektor kam im selben Moment, gleichzeitig schwankte das Zimmer …“ Gewaltige Orgasmen. Ein Orkan. Aufgepeitschtes Meer. Riesige Wellen. Ein Grollen und Donnern. Die Erde reißt auf.

Es ist 16.53 Uhr Ortszeit als das Erdbeben einsetzt. Häuser, Hütten und auch die Villen stürzen ein. Der von amerikanischen Ingenieuren gebaute Regierungspalast wird von seiner mächtigen Kuppel wie eine Pappschachtel zusammengedrückt. Die von „Baby Doc“ und seiner Frau Michèle prunkvoll eingerichteten Wohnräume – Decken aus Spiegelglas, ein Kühlraum für die Pelzkollektion der Madame – werden zu Schutt und Staub. Nach letzten Schätzungen werden insgesamt 250.000 Wohnungen und 30.000 Geschäfte zerstört. Es gibt etwa 316.000 Tote und ebenso viele Verletzte. 1,85 Millionen Menschen werden obdachlos. Ein Drittel der Bevölkerung Haitis ist von der Naturkatastrophe betroffen. Hyänen, Schweine und Geier stolzieren furchtlos in der zerstörten Stadt herum.

Gary Victor entwirft auch in seinem zweiten Inspektor Azémar-Krimi „Soro“ beklemmende Bilder und Szenen. Auch hier vermittelt sich eine Metaebene, die auf die leidvolle haitianische Geschichte verweist.

Die Frau seines Vorgesetzten ist auf dem vom Alkohol geschwächten Körper Dieuswalwes zusammengebrochen und vom Mauerwerk des einstürzenden Hauses erschlagen worden. Dieuswalwes Vorgesetzter will, dass der Inspektor den Mann findet, mit dem seine Frau fremd gegangen ist. Der Inspektor müsste sich also stellen. Das kann er nicht:

„Inspektor Azémar war in einem Sarkophag aus Eis gefangen. Seine Glieder waren gefroren. Nadeln bohrten sich in seine Finger- und Zehenspitzen. Eine kalte Hand umklammerte seine Kehle. Er bekam auf einmal keine Luft mehr. Vor seinen Augen ging ein schwarzer Vorhang nieder. Er wollte nach der Flasche unter seinem Hemd greifen, besann sich aber rechtzeitig … Wie war es mit ihm so weit gekommen? Damals, als er noch kein solches Wrack war, hatte er unzählige Säuberungen und manches Komplott der Schwärme von Hofschranzen überlebt, von denen die Flure der Polizei verseucht waren. Und nun war er in seinem Delirium im vollem Tempo gegen die Wand gefahren. Er war tot, zerquetscht wie jene Frau im Hotel. Er war nur noch ein Zombie …“

Ein Zomie, wie sein Freund, ein berühmter Maler, der zur Zeit des Erdbebens mit einer Geliebten schläft, obwohl er angeblich zeitgleich bereits tot unter dem Geröll seines Hauses liegt: „Jeder Haitianer hat in seinem Leben einen Zombie gesehen.“

„Ein Zombie ist ein lebender Leichnam. Der Priester gibt einem Gesunden ein Mittel ein, dass er stirbt. In 24 Studen muss begraben werden. Nachts wird der Scheintote von dem Priester ausgegraben. Der Priester träufelt eine Flüssigkeit auf das Grab und der Zombie dringt durch die Erde heraus. Der Zombie ist willenlos. Der Zombie folgt dem Priester in allem. Die Familien töten die Toten ein zweites Mal, um zu verhindern, dass ein Scheintoter zum Zombie gemacht wird.“

Der Inspektor im Soro-Rausch, konfrontiert mit sich selbst und mit lebenden Toten, doch letztlich mit klarem Blick auf die Geier und Hyänen, die Herz und Leber aus dem Leib der Opfern des Erdbebens reißen = die hoch gehandelten Werke des Malers.

„‚Hören Sie auf, mich für einen Schwachsinnigen zu halten. Wenn es einen einzigen Haitianer gibt, der das nicht ist, dann mich’, brüllte der Inspektor außer sich. ‚Sie haben einen unserer besten Künstler ermordet … Sie haben die Katastrophe genauso ausgenutzt, wie es der Haufen von Spinnern machen wird, die uns regieren, und die Schwachköpfe, die unsere Wirtschaft kontrollieren.’

‚Es ist nicht so, wie Sie glauben‘, jammerte Franck.

‚Genug‘, sagte seine Frau trocken. ‚Inspektor! Wieviel wollen Sie?‘ Er zielte mit seiner Waffe auf den Punkt zwischen den Augen der Frau. Er drückte auf den Abzug. Die Frau fiel mit einem blutigen Loch zwischen den Augen rücklings um.

‚Erbarmen!‘ jammerte Franck und sank auf die Knie. ‚Um Jesu Christi Willen, haben Sie Erbarmen mit mir.’

‚Du hast mit Jacques auch kein Erbarmen gehabt‘, gab der Inspektor trocken zurück. Er schoss ihn ebenfalls mit einer Kugel zwischen die Augen nieder.“

Nicht sehr viel später muss Inspektor Azémar sich einem Entzug unterwerfen. Die Alternative wäre die Entlassung aus dem Polizeidienst gewesen. Dieuswalwe Azémar durchleidet in „Suff und Sühne“ Höllenqualen. Aber schlimmer noch als der Kampf gegen die Dämonen des Zuckerohrschnapses ist die Anschuldigung der Tochter eines brasilianischen Uno-Generals, ihren Vater ermordet zu haben.

Aristide (li.)

Gary Victor greift erneut einen spektakulären Fall in Haitis jüngerer Geschichte auf. Im Sommer 2004 kommen 7000 UN-Blauhelmsoldaten in das Land. In den Monaten zuvor hatte es gewalttätige Aktionen gegen den einstigen Armenprediger und Präsidenten Jean-Bertrand Aristide gegeben. Auf Druck der Amerikaner und Franzosen verlässt er Haiti. Oberkommandeur der Blauhelmmission ist der Brasilianer Matta Bacellar:

„Bacellars Truppen sollten die Polizei der Interimsregierung unterstützen. Doch viele von deren Mitgliedern waren einst Mörderschergen der Diktatoren Duvalier und der Militärs … Die Polizisten sind für Menschenrechtsverletzungen berüchtigt, vor allem gegen Anhänger des einstigen Volkshelden Aristide … Gleichzeitig terrorisieren Kriminelle die Bewohner der riesigen Slums in der Hauptstadt Port-au-Prince … Manche von denen haben noch politische Ziele, sie wollen Aristide zurück oder wehren sich gegen die Willkür der Polizei. Aber viele arbeiten auch einfach für die kolumbianische Drogenmafia, vergewaltigen planlos Frauen und Mädchen – und erpressen vor allem Geld durch immer neue Entführungen …“

Angesichts dieser Situation – so die offizielle Verlautbarung – resigniert der brasilianische Oberkommandeur: „Samstagnacht fand man Bacellar in Shorts und blutverschmiertem weißem T-Shirt auf dem Balkon seines Hotelzimmers in Port-au-Prince. Neben ihm auf dem Boden lag seine 9-mm-Pistole. Aus der hatte er sich offenbar eine Kugel in seinen Kopf gejagt.“

Ausgehend von diesen Geschehnissen schreibt Gary Victor einen brisanten Polit-Thriller, in dem der extrem geschwächte Inspektor nur knapp davon kommt. Er kann verfolgen, wie das Flugzeug mit seiner Tochter an Bord abhebt und Kurs nach Nordamerika nimmt.

„Er trank in bedächtigen Schlucken und entdeckte in der Bitterkeit des soro ein unbekanntes Aroma. Eine Sehnsucht. Eine Depression. Einen Endzeitgeschmack … Mit jedem Schluck vom Grün des soro drang das Flugzeug tiefer in das Blau des Himmels … Er fuhr rückwärts vom Bürgersteig hinunter. Im Spiegel entdeckte er zehn Meter hinter sich den Militätjeep in den Farben des brasilianischen Kontingents. Er fuhr los. Der Jeep ebenso. Die Anwesenheit der Militärs ließ etwas in ihm wieder aufflammen. Ein Bedürfnis, den Wahnsinn zum Kampf zu stellen. Ein Bedürfnis, all jenen, Ausländischen oder Einheimischen, die seinem Land dieses ständige Chaos, diese unmäßige, zur Lebensweise erhobene Korruption wünschten, die Faust zu zeigen.“

haiti8Und wie wir nach Gary Victors drei in höchstem Maße poetisch-politischen Inspektor Azémar-Romanen wissen, bleibt es nicht bei einer Drohgebärde mit der Faust. Der schmächtige, schielende und meist mit reichlich Schnaps abgefüllte Dieuswalwe Azémar reagiert auf die Haiti beherrschende Gewalt ebenso gewalttätig und ohne zu zögern. Es ist ein Akt der immer wieder neu erforderlichen Befreiung.

Frank Göhre

Begleiter/innen auf dieser imaginären Reise in ein fernes Land zu dem Autor Victor Gary (Schweinezeiten, Soro, Suff und Sühne) waren H.C. Buch (Haiti und kein Ende); Klaus Ehringfeld, Berliner Zeitung; Hubert Fichte (Xango, Gesprochene Architektur der Angst); Karin Finkenzeller, FAZ; Graham Greene (Die Stunde der Komödianten); Tobias Käufer, Zeit online; Thomas Kern, DU; Matthias Rüb, FAZ; Gregor Peter Schmitz, Spiegel online; Maggie Streber, DU.

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