Geschrieben am 8. Februar 2014 von für Crimemag, Kolumnen und Themen

Enthüllt: Forssman hat geguttenbergt

Eigentlich wollten wir dem Wirbel um Friedrich Forssman nur noch mit Humor begegnen, doch nun nimmt die Geschichte ein Wende, die wir nicht ignorieren können: Herr Sixtus hat auf seinem Dachboden einen uralten Text gefunden, datiert um 1450, der belegt: Forssman hat abgeschrieben! Er ist ein Plagiator! Skandal! Er hat geguttenbergt!

letterWider die beweglichen Lettern!

Muss man eigentlich noch etwas gegen gedruckte „Bücher“ sagen? Müssen sie einem nicht womöglich leidtun, die albernen, von Maschinen gepressten Blättersammlungen, die gern echte, von Menschen niedergeschriebene Bücher wären, es aber niemals sein dürfen? Ja, das muss man, und nein, das müssen sie nicht, sie sind ein Unfug, ein Beschiss und ein Niedergang.

Ich bin gegenüber neuen Techniken erst einmal skeptisch, und ich halte das für eine vernünftige Einstellung. Wenn das intellektuelle Leitmedium, die Schrift, starken Veränderungen unterworfen werden soll, schaue ich genau hin. In Revolutionen – und um eine solche würde es sich handeln, wenn Schriften verstärkt durch Gutenberg-Maschinerien vervielfältigt werden – überwiegt die Zahl der nichtintendierten Folgen die der intendierten, um mit Bruder Marquard zu sprechen.

Zur Ästhetik des „Gedruckten“ kann ich gar nichts schreiben, denn es gibt sie nicht. „Inhalt“, wenn ich das schon höre! „Ich habe noch nie einen Inhalt ohne Form gesehen“ (Freifrau von Schalansky). Die Form einer echten, in langen Nächten von Hand dem Tintenfass entwrungenen Schrift ist günstigstenfalls überlegt, funktional und schön; schlimmstenfalls gleichgültig. Die Form des durch die Gutenberg’schen leblose Lettern gequälten Papierstapels ist hingegen entseelt und bestenfalls eine Unart. Ein gedrucktes Buch ist die materielle Entsprechung einer öffentlichen Nasebohrung im Ohr!

Es gibt Erfahrungsberichte, in denen Naivlinge jubeln: Wenn man die Lektüre in solch einem „Buch“ unterbräche, so könne man sie in jedem beliebigen anderen Exemplar wieder aufnehmen, da die Seitenzahlen aller Kopien identisch seien. Hurra! Das Publikum feiert die Austauschbarkeit, die Verwechselbarkeit, das Uniforme, Gesichtslose. Nicht länger soll eine Schrift ein Unikat sein, so individuell wie deren Niederschreiber. Nein, das Volk schreit nach Masse! Es ekelt mich an. Sollen sie doch Kuchen lesen!

Ich besitze weder ein Buchregal noch ein Lesezeichen und habe noch nie ein gedrucktes Buch gelesen. Klar habe ich so was schon in der Hand gehalten, und immer ungern, und danach musste ich immer brechen.

Nur ein Autor, der seine Gedanken mit Hilfe der eigenen Feder aufs Papier fließen lässt, ist eins mit seinem Werk, ist untrennbar mit ihm verbunden. Zwischen den Schreiber und seine Schreibe passt ‒ man verzeihe mir diese Metapher aus der Grafschaft Kalau ‒ kein Blatt Papier. Die papiermassenaustoßende Gerätschaften des feinen Herrn Gutenberg entfernen den Dichter hingegen von seiner Dichtung. Sie erzeugen einen gefährlichen Abstand zwischen Künstler und Kunstwerk, in dem Fälschung und Verfremdung gedeihen. Nehmen wir nur den sogenannten „Setzer“, der den Text des Autors spiegelschriftig in Holzrahmen voller bleierner Buchstabenklötzchen nachbildet. Was kann dieser Mensch alles verändern an Wort und Sinn des Textes? Wer hindert diesen Setzermenschen daran, eine völlig andere Geschichte aus diesen Einzelbuchstaben zu basteln? Wie kann der Leser denn sicher sein, dass er das originale Wort des Autors vor sich hat und nicht das gräuliche Machwerk eines von billigem Fusel betrunkenen Setzers?

Und ausgerechnet vergessene, vergriffene Schriften sollen durch das maschinengefertigte Buch besser erhalten bleiben? Ha! Was für ein törichter Gedanke! Druckmaschinen sind dumm! Bedrucktes Papier ist dumm! Wie sollte dieses dumme Duo denn jemals etwas bewahren können? Nein! Die einzige Sicherheit gegen das Vergessen, gegen das Verschwinden einzelner Dichtungen und Erzählungen sind die Gedächtnisse der Schreiber! Ein Text, an nur 1000 Schreiber verteilt, ist ein Sicherungssystem, das keine Druckerschwärze und keine bleiernen Buchstabenklötze braucht, in das man auch mal einen Schlauch Wein hineingießen kann, das eine Klostertreppe hinabstürzen darf und das eine 1000-fache Redundanz bietet.

Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit.

(im Jahre 1450)

Die unerhörten Plagiate:
Friedrich Forssman: Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt
und
Buchgestalter Friedrich Forssman über seine E-Book-Polemik

Mario Sixtus

PS: Geistlose Maschinenwesen haben den Text in die heutige Rechtschreibung übertragen.

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  • Das Knistern des Pergaments, auf dem wir mit dem Gänsekiel schreiben, und den stimulierenden Geruch der gegerbten Tierhäute nicht zu vergessen …