Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

David Peace „Tokio, neue Stadt“

Tokio Redux

Ein Textauszug aus dem letzten Band der Tokio-Trilogie von David Peace

Vorspann noch
Mit dem lange erwarteten „Tokio, neue Stadt“ ist sie nun abgeschlossen, die Trilogie, mit der David Peace sich so lange beschäftigt hat. „Tokio, besetzte Stadt„, 2010, und „Tokio im Jahr Null„, 2009, gehören dazu. Sie bildet einen Gegenpol zum ebenfalls im Verlag Liebeskind in bester Ausstattung erschienen Yorkshire-Quartett „1974„, „1977„, „1980“ und „1983„.

David Peace: Tokio, neue Stadt (Tokio Redux, 21). Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München 2021. 432 Seiten, 24 Euro.

1
Der erste Tag

5. Juli 1949

Die Besatzungsmacht hatte einen Kater, und doch ging sie zur Arbeit: mit grauem Bartschatten und klammen Schweißflecken, auf Hacken und Sohlen die Flure hinauf und hinunter, Toiletten spülten, Wasser lief, Türen gingen auf und zu, Schränke und Schubla- den, Fenster waren weit geöffnet, Ventilatoren kreisten, Füllfederhalter kratzten, Schreibmaschinen klapperten, Telefone klingelten, und eine Stimme rief: Für dich, Harry.

Im vierten Stock des NYK-Gebäudes, in dem riesigen Büro von Zimmer 432 der PSD, drehte sich Harry Sweeney an der Tür um, kehrte an seinen Schreibtisch zurück, nickte Bill Betz dankend zu, nahm ihm den Hörer ab, führte ihn ans Ohr und sagte: Hallo.

Polizeiermittler Sweeney?
Ja, am Apparat.
Zu spät, flüsterte die Stimme eines Japaners, dann war sie verschwunden, die Leitung tot, die Verbindung unterbrochen.
Harry Sweeney legte auf, nahm einen Stift vom Schreibtisch, schaute auf seine Uhr und schrieb Uhrzeit und Datum auf einen

Block gelbes Papier: 9.45 Uhr, 5. Juli. Er nahm den Hörer ab und sprach mit der Telefonzentrale: Ich wurde gerade unterbrochen. Können Sie mir die Nummer geben?

Einen Augenblick, bitte.
Danke.
Hallo. Ich habe die Nummer für Sie, Sir. Soll ich Sie verbinden? Bitte.
Es klingelt, Sir.
Danke, sagte Harry Sweeney, lauschte dem Klingeln, dann …

Coffee Shop Hong Kong, sagte die Stimme einer Japanerin. Hallo? Hallo?

Harry Sweeney legte wieder auf. Dann nahm er den Stift und schrieb den Namen des Coffee Shops auf, dazu Uhrzeit und Datum. Er ging zu Betz’ Schreibtisch: He, Bill. Der Anrufer gerade eben? Was hat er gesagt?

Er hat nach dir gefragt. Warum?
Mit Namen?
Ja, warum?
Ach, nichts. Er hat aufgelegt, das ist alles. Vielleicht habe ich ihn verschreckt? Sorry. Nein. Danke, dass du drangegangen bist. Hast du dir die Nummer geben lassen?
Ein Café namens Hong Kong. Kennst du das? Nein, aber Toda vielleicht. Frag ihn.

Er ist noch nicht da. Keine Ahnung, wo er steckt.

Du machst Witze, lachte Bill Betz. Jetzt sag mir nicht, der kleine Mistkerl ist verschwunden und hat sich einen Kater angetrunken.

Harry Sweeney lächelte: Wie alle guten Patrioten. Macht nichts, vergiss es. Schnapsidee. Ich muss los.

Du Glückspilz. Wo geht’s denn hin?

Ich nehme die Genossen Kriegsheimkehrer in Empfang, am Bahnhof. Befehl vom Colonel. Willst du mitkommen und dir ein paar Kommunistenlieder anhören?

Ich glaub, ich bleib einfach hier im Kühlen, entgegnete Betz la- chend. Die Roten überlass ich dir, Harry. Kannst sie alle behalten.

Harry Sweeney bestellte einen Dienstwagen, rauchte eine Zigarette und trank ein Glas Wasser, dann nahm er Jackett und Hut und ging die Treppe hinunter in die Empfangshalle. Er kaufte eine Zeitung, blätterte sie durch und überflog die Schlagzeilen: OBERBEFEHLSHABER DER ALLIIERTEN BRANDMARKT KOMMUNISMUS ALS INTERNATIONAL GEÄCHTET: JAPAN IST EIN BOLLWERK / VON ROTEN GELENKTE UNRUHESTIFTER SORGEN FÜR AUFRUHR IN NORDJAPAN / ROTER GEWERKSCHAFTER VERHAFTET / NATIONALE EISENBAHNER- 15 GEWERKSCHAFT BEREITET SICH AUF DROHENDEN KONFLIKT VOR: JAPANS NATIONALE EISENBAHNGESELLSCHAFT STEHT VOR MASSENENTLASSUNGEN / SABOTAGEAKTE GEHEN WEITER / KRIEGSHEIMKEHRER WERDEN HEUTE IN TOKIO ERWARTET.

Sweeney blickte auf und sah, dass sein Wagen draußen am Straßenrand wartete. Er faltete seine Zeitung zusammen und trat aus dem Gebäude hinaus in die Hitze und das Licht. Er stieg hinten ein, erkannte aber den Fahrer nicht: Wo ist Ichirō heute?

Ich weiß nicht, Sir. Ich bin neu, Sir.
Wie heißt du, Junge?
Shintarō, Sir.
Okay, Shin, wir fahren zum Bahnhof Ueno.
Danke, Sir, sagte der Fahrer. Er nahm den Bleistift, der hinter seinem Ohr steckte, und schrieb auf die Fahrtenkarte.
Und noch was, Shin.
Ja, Sir?
Kurbel das Fenster runter und mach das Radio an, okay? Ein bisschen Musik für unterwegs.
Ja, Sir. Sehr gut, Sir.
Danke, Junge, sagte Sweeney, kurbelte sein eigenes Fenster herunter, zog ein Taschentuch aus der Tasche, wischte sich über Nacken und Gesicht, lehnte sich zurück und schloss die Augen zu den Klängen einer vertrauten Symphonie, auf deren Titel er gerade nicht kam.

Zu spät, rief Harry Sweeney, hellwach und mit aufgerissenen Augen. Er setzte sich auf, sein Herz raste, er hatte Spucke am Kinn und eine schweißnasse Brust. Himmel.

Entschuldigung, Sir, sagte der Fahrer. Wir sind da.

Harry Sweeney wischte sich Mund und Kinn ab, löste das Hemd von der Haut und schaute zum Fenster raus: Der Fahrer hatte unter der Eisenbahnbrücke zwischen Markt und Bahnhof gehalten, der Wagen war von Menschen umringt, die in alle Himmelsrichtungen unterwegs waren, und der Fahrer schaute nervös in den Rückspiegel und beobachtete seinen Passagier.

Harry Sweeney lächelte, zwinkerte, öffnete die Tür und stieg aus. Er beugte sich vor und sprach zu dem Fahrer: Warte hier, Junge. Egal, wie lange ich weg bin.

Ja, Sir.

Harry Sweeney wischte sich erneut über Gesicht und Nacken, setzte den Hut auf und suchte nach seinen Zigaretten. Er zündete sich eine an und reichte dem Fahrer zwei durchs offene Fenster.

Danke, Sir. Danke.

Gern geschehen, Junge, sagte Harry Sweeney und machte sich durch die Menschenmenge hindurch auf den Weg in den Bahnhof. Die Menge teilte sich, als die Menschen sahen, wer er war: ein großer, weißer Amerikaner …

Er marschierte durch die riesige Bahnhofshalle, durch das Gedränge aus Leibern und Taschen, den Nebel aus Hitze und Qualm, den Gestank aus Schweiß und Salz, marschierte direkt zur Bahnsteigsperre. Er zeigte dem Fahrkartenschaffner seine Dienstmarke und ging weiter zu den Gleisen. Er sah die knallroten Flaggen und von Hand gemalten Banner der Japanischen Kommunistischen Partei und wusste, welcher Bahnsteig der richtige war.

Harry Sweeney stand auf dem Bahnsteig, im Schatten, im Hintergrund, wischte sich über Gesicht und Nacken, wedelte sich mit dem Hut Luft zu, rauchte, schlug nach den Mücken und überragte die wartende Menge von Japanerinnen: Mütter und Schwestern, Ehefrauen und Töchter. Er sah zu, wie der lange schwarze Zug einfuhr. Er spürte, wie die Menge erst auf Zehenspitzen stand und dann den Eisenbahnwaggons entgegenbrandete. Er konnte die Gesichter der Männer in den Fenstern und Türen der Waggons sehen; Gesichter von Männern, die vier Jahre als Kriegsgefangene in Sibirien verbracht hatten; vier Jahre Beichten und Bußen; vier Jahre Umerziehung und Indoktrinierung; vier Jahre harte, brutale, gnadenlose Arbeit. Das waren die Glücklichen; diejenigen, die nicht im August 1945 in der Mandschurei niedergemetzelt worden waren; diejenigen, die nicht gezwungen worden waren, für eine der beiden chinesischen Seiten zu kämpfen und zu sterben; diejenigen, die 17 nicht im ersten Nachkriegswinter verhungert waren; diejenigen, die nicht während der Pockenepidemie im April 1946 gestorben waren, nicht an Typhus im Mai oder an der Cholera im Juni; dies waren einige der 1,7 Millionen Glücklichen, die der Sowjetunion in die Hände gefallen waren; einige der einen Million sehr Glücklichen, die die Sowjets nun entlassen und zurückgeschickt hatten.

Harry Sweeney schaute zu, wie diese Glücklichen aus dem langen schwarzen Zug stiegen und ihren Müttern und Schwestern, ihren Ehefrauen und Töchtern in Arme und Tränen fielen. Er sah, dass ihre Augen leer waren oder voller Scham, während sie sich nach ihren Kameraden umschauten. Er sah, wie sich ihre Blicke von ihren Familien lösten und sich auf ihre Genossen richteten. Er sah, wie sich ihre Münder bewegten und zu singen begannen. Er beobachtete die Mütter und Schwestern, Ehefrauen und Töchter, die vor ihren Söhnen und Brüdern, Männern und Vätern zurückwichen, die Hände sinken ließen und mit tränennassen Wangen stumm dastanden, während das Lied, das die Männer sangen, lauter und immer lauter wurde.

Harry Sweeney kannte das Lied, den Text und die Melodie: Die Internationale.

Kaum hatte Harry Sweeney in Zimmer 432 betreten, packte Bill Betz ihn am Arm und drängte ihn wieder zur Tür hinaus und den Flur entlang: Wo zum Teufel bist du gewesen, Harry, flüsterte er, was verdammt noch mal hast du die ganze Zeit getrieben? Shimo- yama wird vermisst, und hier ist die Hölle los.

Shimoyama? Der Eisenbahner?

Ja, der Eisenbahner, der verfluchte Präsident der Eisenbahngesellschaft, flüsterte Betz und blieb vor der Tür zu Zimmer 402 stehen. Der Chief sitzt gerade beim Colonel. Sie fragen schon seit einer Stunde nach dir.

Betz klopfte zweimal an die Tür zum Büro des Colonels.

Er hörte jemanden Herein rufen, öffnete die Tür und trat vor Harry Sweeney ein.

Colonel Pullman saß hinter seinem Schreibtisch, mit Chief Evans und Lieutenant Colonel Batty vor sich. Toda war ebenfalls anwesend und stand mit einem hellgelben Schreibblock in der Hand hinter Chief Evans. Er drehte sich um und nickte Harry Sweeney zu.

Tut mir leid, dass ich zu spät komme, sagte Harry Sweeney. Ich war am Bahnhof Ueno. Ein neuer Zug mit Kriegsheimkehrern ist eingetroffen.

Nun, jetzt sind Sie ja hier, sagte der Colonel. Ein Vermisster weniger. Hat Mr. Betz Ihnen gesagt, worum es geht?

Nur, dass Präsident Shimoyama vermisst wird, Sir.

Wir sind sofort hierhergekommen, Sir, sagte Betz. Gleich, als Mr. Sweeney zurück war.

Viel mehr kann man leider noch nicht sagen, meinte der Colonel. Mr. Toda, wären Sie so freundlich und rekapitulieren für Ihre Kollegen das wenige, das wir wissen.

Ja, Sir, sagte Toda und schaute auf seinen Block: Kurz nach 13.00 Uhr erhielt ich einen Anruf von einer verlässlichen Quelle im Polizeipräsidium Tokio, dass Sadanori Shimoyama, Präsident der Nationalen Eisenbahngesellschaft, am frühen Morgen verschwunden ist. Ich ließ mir des Weiteren bestätigen, dass Mr. Shimoyama sein Heim in Den-en-chōfu gegen 8.30 Uhr verlassen hat, um sich in sein Büro in Tokio zu begeben, seitdem aber nicht mehr gesehen wurde. Er war in einem Buick Sedan Baujahr 1941 unterwegs, mit dem amtlichen Kennzeichen 41173. Der Wagen gehört der Eisenbahngesellschaft und wurde von Mr. Shimoyamas Fahrer gesteuert. Meine Quelle hat mir in der Zwischenzeit mitgeteilt, dass das Polizeipräsidium etwa gegen 13.00 Uhr von seinem Verschwinden informiert wurde und dass eine Überprüfung ergab, dass kein Unfall mit dem fraglichen Fahrzeug gemeldet worden ist. Wir sind offiziell vor einer Stunde, gegen 13.30 Uhr, von dem Vorfall informiert worden. Man hat uns mitgeteilt, dass alle japanischen Polizeikräfte in- formiert wurden und alle Anstrengungen unternehmen werden, Prä-sident Shimoyama aufzuspüren. Soweit wir wissen, sind bislang keine Informationen an Zeitungen oder Rundfunksender gegeben worden.

Danke, Mr. Toda, sagte der Colonel. Also gut, meine Herren. 19 Offen gesagt, wir haben kein gutes Gefühl bei der Sache. Wie Sie
alle zweifellos wissen, hat Shimoyama gestern persönlich autorisiert,
dass über dreißigtausend Entlassungsschreiben verschickt werden, weitere siebzigtausend sind für kommende Woche geplant. Heute Morgen erscheint er nicht zur Arbeit. Sie können in dieser Stadt jede beliebige Straße entlanggehen und sich irgendeinen Laternenpfahl oder eine Mauer anschauen, und Sie werden Plakate sehen, auf denen TOD SHIMOYAMA geschrieben steht, ist das richtig, Mr. Toda?

Ja, Sir. Das ist richtig, Sir. Meine Quelle meldete mir außerdem, dass Präsident Shimoyama wiederholt von Angestellten bedroht wurde, die gegen die Massenentlassungen und Einsparungen sind, Sir, und dass er zahlreiche Morddrohungen erhalten hat.

Irgendwelche Verhaftungen?

Nein, Sir, soweit ich weiß, nicht, Sir. Meiner Kenntnis nach waren alle Drohungen anonym.

Also gut, sagte der Colonel. Chief Evans …

Chief Evans stand auf und drehte sich zu Bill Betz, Susumu Toda und Harry Sweeney um, wobei er sorgfältig darauf achtete, sich nicht direkt vor Colonel Pullman zu stellen: Sie werden umgehend alle laufenden Ermittlungen zurückstellen. Sie konzentrieren sich bis auf Weiteres einzig und allein auf diesen Fall. Wir müssen davon ausgehen, dass Shimoyama entweder von Eisenbahnarbeitern, Gewerkschaftern oder Kommunisten entführt worden ist, oder von alen drei zusammen, und dass er an einem unbekannten Ort gegen seinen Willen festgehalten wird. Sie führen die entsprechenden Ermittlungen, bis Sie anderslautende Befehle erhalten. Haben Sie verstanden?

Ja, Chief, sagten Toda, Betz und Harry Sweeney.

Toda, Sie richten Ihr Augenmerk auf das Polizeipräsidium. Ich möchte wissen, was die wissen, sobald sie es wissen, und was sie vorhaben. Verstanden?

Ja, Chief.

Mr. Betz, Sie gehen rüber zur Norton Hall und schauen nach, was die Spionageabwehr über diese Todesdrohungen weiß. Ich schätze mal, nicht viel, wie üblich, aber dann kann zumindest keiner sagen, wir hätten es nicht versucht.

Ja, Chief.

Sweeney, Sie gehen zum Transportministerium. Finden Sie heraus, wen wir dort sitzen haben und was er weiß.

Ja, Chief.

Der Colonel, Lieutenant Batty und ich werden im Dai-ichi- Haus mit General Willoughby zusammentreffen. Ganz gleich, welche Informationen Sie über den Aufenthaltsort von Mr. Shimoyama erhalten, Sie rufen umgehend dort an und verlangen, in einer äußerst dringenden Angelegenheit zu mir durchgestellt zu werden. Haben Sie das verstanden?

Ja, Chief, sagten Toda, Betz und Harry Sweeney.

Danke, Chief Evans, sagte der Colonel, trat um seinen Schreibtisch herum neben den Chief, stand vor William Betz, Susumu To- da und Harry Sweeney, schaute von einem zum anderen und sah jedem tief in die Augen: General Willoughby möchte, dass dieser Mann gefunden wird. Wir alle wollen, dass dieser Mann gefunden wird. Heute und lebend.

Ja, Sir, bellten Toda, Betz und Harry Sweeney. Gut, sagte der Colonel. Wegtreten.

Tags : ,