
Ohne Bandagen
Virginie Despentes macht keinen halben Sachen. Mit ihrem neuem Roman nimmt sie sich die klassische Form des Briefromans vor – und zerstört sie mit Genuss. In Liebes Arschloch lässt sie zwei extreme Charaktere gegeneinander antreten, die der Form entsprechend ungefiltert giftige Bewusstseinsströme von sich geben, bis sie sich selbst zersetzen.
Ring frei für die Hauptfiguren
In der blauen Ecke haben wir Oscar, 43 Jahre. Ein bisher recht erfolgreicher Schriftsteller. Sein Handicap: Er hat die Verlagsassistentin Zoe so heftig gestalkt, dass er jetzt einen #MeToo Skandal an der Backe hat und damit seine Karriere in die Sackgasse gefahren hat.
In der roten Eck erwartet ihn Rebecca, 50 Jahre. Begabtester Filmstar ihrer Generation und international gefeiertes, französisches Sex Symbol. Ihr Handicap: Weil sie jetzt über 50 ist, wird sie kaum noch besetzt.
Vielversprechendes Duell
Rebecca und Oscar sind beide gleichzeitig Täter und Opfer des strukturellen Sexismus unserer Gesellschaft. Voller Wut und Hass ballern sie sich mit Alkohol und Drogen weg und traktieren in ihrem digitalen Briefwechsel sich, alles und jeden mit Tiefschlägen: Social Media, Paris, die Filmbranche, die Buchbranche, Politik, Fashion, Frauen, Männer, Dealer, Drogen. Was sie ebenfalls verbindet ist, dass sie sich beide aus Arbeiterfamilien in einem Pariser Problembezirk hochgearbeitet haben. Rebecca war außerdem früher mit Oscars Schwester befreundet. Immer wieder wird der Briefwechsel durch feministische Blogeinträge der gestalkten Zoe unterbrochen, die durch diesen Vorfall mit Oscar plötzlich mehr Aufmerksamkeit und Leser:innen bekommt. Was ihr zugute kommt, schließlich hat sich der Verlag – so wie es allgemein üblich ist – stillschweigend von ihr getrennt, und nicht von Oscar. Sie bringt die Perspektive der wütenden jungen Frau ins Buch und wettert gegen die etablierte Gesellschaft, die aus ihrer Sicht Oscar und Rebecca vertreten.

Wie es anfängt: besoffen auf Insta
Oscar ist bedröhnt auf Insta und hört Hypnotize von Notorious B.I.G. in Dauerschleife. Er hat Rebecca in der Stadt gesehen und postet einen fiesen Kommentar über ihre verblassende Schönheit. Das lässt diese nicht auf sich sitzen und pariert mit einer gepfefferten Mail, die schon gleich mit dem titelgebenden Einstieg Liebes Arschloch beginnt und so präzise den Ton setzt. Das folgende E-Mail Duell entwickelt sich im Laufe des Romans von einem brutalen Schlagabtausch zum offenen Austausch. Die beiden haben aneinander keine Erwartungen und machen sich nichts vor. Sie öffnen irgendwann die Deckung und eröffnen sich gegenseitig ihre intimsten Geheimnisse. Dabei verbindet sie nach und nach ein weiteres Projekt: Clean werden. Oscar geht zu Meetings von Narcotics Anonymous und auch Rebecca nähert sich dem Thema an. Aus dem Kampf gegeneinander wird ein gemeinsamer Kampf gegen die Sucht.
Dann kommt auch noch Corona. Das Virus verschont weder Oscar noch Rebecca. Im Wahnsinn des Lockdowns wird der Mail-Wechsel zur gegenseitigen Lifeline. In Zukunft werden diese Passagen bestimmt noch spannender zu lesen sein, als aus heutiger Sicht, wo alle froh sind, das hinter sich gelassen zu haben. Noch einmal das alles im Jahr 2023 durchgehen zu müssen, ist eher mühsam.
Am Ende des Kampfes
Die Ausbrüche von Oscar und Rebecca sind extrem unterhaltsam zu lesen und eine sehr pointierte, bissige Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft und ihrer ungerechten Mechanismen. Die Punchlines sitzen und tun an genau den richtigen stellen weh. Während das Duell zwischen Oscar und Rebecca sich eher zum gemischten Doppel entwickelt, wird ein anderes durch klaren K.O. entschieden. Despentes ist zurzeit klar besser, als Houellebecq.
Christopher Werth
Virginie Despentes: Liebes Arschloch (Cher connard, 2022). Aus dem Französischen von Ina Kronenberger und Tatjana Michaelis. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023. 336 Seiten, Hardcover, 24 Euro.












