Posted On 25. Februar 2012 By In Crimemag, Spotlight, die TV-Kritik With 3428 Views

Christiane Geldmacher über die BBC-Miniserie „Luther“

Moaning and groaning

– (Luther’s Lament I:) Idris Elba ist ausgezeichnet worden mit dem Golden Globe 2012 für den besten Schauspieler in einer Miniserie – zu Recht. Diese Miniserie heißt „Luther“ – und ist tatsächlich ziemlich mini. Das sollten die wissen, die sich die DVD leisten wollen. Die erste Staffel hat sechs Folgen, die zweite nur vier. Die Anschaffung lohnt sich für alle, die diese Serie ungekürzt und inklusive aller Vor- und Abspänne sehen wollen. Denn im ZDF schneiden sie lieblos jeweils zwei Fälle aneinander, obwohl die Musik des Abspanns so etwas wie einen Kommentar zu der eben gesehenen Folge abliefert. Von Christiane Geldmacher

Eine Tankstelle an einer Ausfallstraße Londons. Drei Leute reihen sich an der Kasse auf, der Kassierer fragt, ob der Erste nicht noch ein Spezialangebot haben will. Die knappe Antwort: „Just the petrol.“ Das ist jedem vertraut: Man will nur das Benzin bezahlen, wird aber erst nach der Kundenkarte gefragt, dann nach der ADAC-Karte und schließlich soll man 10 Kaiserbrötchen dazunehmen. Die anderen Kunden blicken unterdessen nach draußen. Da verhält sich einer merkwürdig. Er läuft mit Baseballschläger um die Autos herum. Besprüht sie. Drischt schließlich auf sie ein. Der Kassierer ruft die Polizei und schließt schnell die Tür ab.

Das ist eine der stärksten Szenen der beiden ersten Staffeln von Luther. Weil sie unspektakulär ist. Und von psychologisch genauer Beobachtung zeugt. Die Folge ist eine Studie darüber, wie bedrohlich das Unberechenbare ist. Wir reagieren sofort darauf. Etwas stimmt nicht. Jemand benimmt sich komisch, wir nehmen Abstand. Wir wechseln die Straßenseite, wir hauen erst mal ab.

Diese Studie über die Unberechenbarkeit wird in dieser Folge (es ist die insgesamt neunte) konsequent weitergeführt. Der gleiche Mann betritt einen kleinen Supermarkt und klaut mit provozierendem Blick zum konsternierten Besitzer Sachen aus dem Regal. Er wirft auch Cola- und Limoflaschen auf den Boden. Der Besitzer sieht fassungslos zu, unternimmt aber nichts. Die Provokation ist irritierender als die offene Gewalt.

Schließlich fährt der Mann als Funkkurier durch London. Er hält an und lässt das Motorrad fallen. Die Leute bleiben stehen und schauen ihm hinterher. Einer lässt  das Motorrad fallen: Hier stimmt doch was nicht.

Das sind interessante Reflexionen über das Unbehagliche und die Gefahr. Es ist Psychologie, auch Massenpsychologie: Ein einziger Durchgeknallter kann auf einer belebten Londoner Straße 50 Leute in Schockstarre versetzen, einfach indem er auf Autos einschlägt.

Zu overdone …

Tatsächlich wäre das eine spannende Variante eines Kriminalfalls gewesen: einen irren, wildgewordenen Autohasser vor sich zu haben, der ausrastet. Aber leider hält sich „Luther“ – wie die anderen Kriminalserien auch – am Fetisch Mord fest. Als ob ein Polizeipräsidium nicht mehr Dezernate hätte als nur die „Serious Crime Units“. Die sich gerne auch mal wahrgenommen fühlen würden.

„Luther“ setzt zu sehr auf Bizarrerie, auf Schockmomente, auf Serienkiller. Die Folgen funktionieren so: Aus dem Vorspann wissen wir, mit welchem Täter es John Luther zu tun bekommen wird. Innerhalb kürzester Zeit ermitteln Luther und sein Team, um wen es sich handelt (auch das ist overdone: Das zu brillante Team). Dann werden Jäger und Gejagter parallel gegeneinander geschnitten, dazwischen: viele Opfer.

Das ist das Hauptproblem der Serie: dass sie auf dieser unsäglichen Gewalt- und Blutwelle mitsurfen will. Luther jagt eine Elternmörderin, die einen Hund übertötet hat (Folge 1); Luther jagt einen Scharfschützen aus militärischem Umfeld, der nur auf Polizisten schießt (Folge 2); Luther jagt einen Serienkiller, der Mütter entführt und ihnen Blut für satanische Zwecke entnimmt (Folge 3).

Held und Antiheld

DCI John Luther ist Genie, Held und Antiheld zugleich. Für alle wirft er seinen Hut in den Ring. Warum eigentlich, könnte man sich fragen. Nun: Seine Frau hat sich von ihm getrennt. Das wirft den Mann aus der Bahn. Er braucht ein Ventil. In emotionalem Aufruhr wirft er Schreibtische um und schlägt Türen ein. In diesen Szenen ist die Serie am schwächsten – Luther groaning and moaning. Keiner will so einen in seiner Umgebung haben. Das ist seine Tragik.

Idris Elba selbst übertreibt es zu sehr, da er es sich vermutlich vorgenommen hat, gegen seinen gefühllosen Drogenkönig Stringer Bell (in „The Wire“ gab er Morde in Auftrag, ohne sich dabei die Finger schmutzig zu machen) den gefühlvollen Ermittler John Luther zu setzen. Das gelingt meistens auch, er kann sogar komisch werden, aber nicht, wenn er zu viel Schmerz zeigt.

Anklänge an andere TV-Serien

Die BBC-Serie ist eine Mischung aus „Dexter“, „The Wire “ und „Prime Suspect“ (der Autor Neil Cross selbst nennt „Sherlock Holmes“ und „Columbo“). „Dexter“ steht für den Gutmenschen, der das Böse mit illegalen Mitteln zur Strecke bringen will; „The Wire“ für die Nichtbegrenzung der Fälle auf zwingend die gleiche Folge; und „Prime Suspect“ für das unnachahmliche hässlich-grünlich-englische Ermittlerambiente samt weiblichem Guv (refer to: Helen Mirren).

Hinter all diesen Serien bleibt „Luther“ aus unterschiedlichen Gründen zurück. Nicht, dass das Serienkillerthema in „Dexter“ nicht auf die Spitze getrieben wäre – das ist es. Aber „Dexter“ ist eine Serie voll schwarzem Humor, Luther nicht. Oder „The Wire“: Rasend gute Detectives gibt es darin weniger, eher solche, die nervenaufreibende Kleinarbeit leisten und Bürokratieschlachten mit dem eigenen Polizeiapparat schlagen müssen. Oder „Prime Suspect“: Die Serie leistet sich eine Ermittlerin jenseits aller Bullenklischees, die ihre Gefühle eher verdeckt, als zur Schau stellt – dies nicht zuletzt aus karrieretechnischen Gründen.

Fazit: Wie stark könnte diese Serie sein, wenn sie auf vordergründige Effekte verzichtete. Und wie stark könnte Iris Elba sein, wenn er weniger überdrehen würde. So könnte man sich eine dritte Staffel vorstellen: die Fälle runtergefahren, die Konflikte runtergefahren, die Emotionen runtergefahren.

Allerdings nicht den Thrill. Den verstehen, ganz unabhängig vom Buch, die Regisseure Brian Kirk und Sam Miller meisterhaft.

Christiane Geldmacher

Zur Homepage von Christiane Geldmacher

Zur ZDF-Seite. Zur BBC-Seite. Idris Elba bei Facebook. Luther-Wiki. Zu Thomas Wörtches Besprechung der Buchvorlage geht es hier.

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