Carlos


Lange hat Carlos mit sich gerungen und widerstanden. Aber was ist menschliches Wollen gegen ihn, gegen WULFF. Deswegen:

Es gilt nun tapfer die Stimme zu erheben, angesichts der beispiellosen Schmutz- und Verhetzungskampagne eines gewissen Kai Dödelmann, eines schäbigen Satrapen der Finsternis, eines letztlich biederen Kostgängers dessen, der ohne Namen, Schuft und Schädling, Schreiblümmel!

Denn dies ist die Wahrheit! Bereits als Nulljähriger hat ER unserem Land gedient. Blicken wir zurück. 1945. Ein Reich am Boden, die Männer gefallen, gefangen, die Weiber erloschen. Da trat ER an: „Frauen des Landes! Lasst uns gemeinsam diese Trümmer beseitigen! Lasst uns das Titanenwerk anpacken, denn ich sehe blühende Landschaften, ja ein Wirtschaftswunder! Und außerdem werden eure Männer rabiat, wenn sie aus Sibirien kommen, und das Essen steht nicht auf dem Tisch. Folgt mir, ich bin CHRISTIAN WULFF!“

Und so geschah es. Nicht wenige der tapferen Frauen, die unter seiner Führung die entsetzlichen Hinterlassenschaften des Weltenbrandes in eine neue Ordnung zwangen, berichten, das ungeborene Knäblein habe von innen geleuchtet, ja: „Ich sagte zu meiner Freundin Gertrud: ‚Mehr Transparenz geht nicht!‘’“, weiß Eva Bierbichler (107) noch genau. „Aber Gertrud hat nicht zugehört.“

Die junge Demokratie hatte es in einem von der Diktatur durchseuchten Land nicht leicht. Und so nimmt es nicht wunder, dass der greise Kanzler Adenauer nicht selten den Rat des TRÜMMERHEILIGEN, der, bescheiden in einem kirchlichen Internat verborgen, bereits Jura studierte, suchte: „Wat soll isch nur mit dem Franzosen machen? Noch ene Kriesch?“

Weise schüttelte CHRISTIAN WULFF das Haupt: „Waffenstillstand, Freundschaft, den Beginn einer europäischen Union, das wäre der Weg, die Wahrheit und das Licht!“ Ergriffen nickte Adenauer und tat wie ihm geheißen. Schweigend schauten der Alte und das Kind in den verschneiten Kreuzgang. Zart strich DER ERFINDER EUROPAS über die Fensterscheibe. „Ich denke immer“, sagte er, „mehr Transparenz geht nicht.“
„Das denkst du immer?“, fragte der Kanzler.
„Nicht wirklich immer. Einmal in der Woche schlafe und esse ich.“

1954: Schweißnass wälzt sich Joseph Herberger in seiner Hakenkreuzbettwäsche und quält sich mit der Aufstellung für das Endspiel.
„Wenn soll ich bringen im Sturm!“, wimmert er in die alte Schweizer Nacht.
„Rahn!“, ertönt es aus der Dunkelheit.
„Wer bist du, ich sehe dich nicht?“
„Ich bin nur ein Ratgeber, Retter und Ritter der Entrechteten“, sprach es bescheiden aus der Finsternis, „und heute so transparent, dass man mich nicht sieht …“
(Dreißig Jahre später nannte dieses Ereignisses zu Ehren der japanische Filmkünstler Kurosawa sein spätes Meisterwerk „Ran“! Wir sehen: Der Gelbmichel hat sich verschrieben.)

1960: Erneut drohte ein globales Glimmen in einen Feuersturm zu münden. Einen atomaren, finalen diesmal!
„Ich rede nicht mit Kennedy!“, sagte der unberechenbare Comandante Castro. „Ich akzeptiere nur WULFF als Vermittler!“ Alles dieses sagte er natürlich im gutturalen Spanisch der insularen Arbeiterklasse.
„Nur WULFF kann uns retten!“, stimmte Kennedy zu.
Und so kam es, dass CHRISTIAN WULFF mitten aus der Flötenstunde nach Kuba und Washington verbracht wurde. (Er besaß damals schon die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein!)
Nachdem er durch kluges Zuhören und klare Worte die Welt gerettet hatte, fragte ihn Kennedy: „Wie kann ich Ihnen nur danken?“
Ernst schaute ihn da der WELTENRETTER ab: „Es wäre mir Dank genug, wenn Sie in Zukunft nur noch gepanzerte Limousinen benutzten. Transparenz ist nicht alles!“
„Aber nicht doch!“, Kennedy schüttelte den Kopf, der dann ja nochmal ganz anders durchgeschüttelt wurde …

In der wüsten 68er Zeit, hielt sich CHRISTIAN WULFF zurück und widmet sich der Feinziselierung seiner enzyklopädischen Bildung. Nur einmal trat er in Erscheinung, als er auf Bitten der Universität Oxford den gelähmten Physiker Steven Hawking vertrat, da dieser dringend in die Inspektion musste. Es blieb dem ALLERGRÖSSTEN vorbehalten, das erste schwarze Loch zu entdecken, zu seinen Ehren genannt: „Christians dolle Unterbrechung der Naturgesetze / Christians singuläre Unsichtbarkeit.“ (Bekannter ist dieses schwarze Loch unter der Abkürzung CDU/CSU.)

1974 verwandelte CHRISTIAN WULFF als Paul Breitner verkleidet den ausgleichenden Elfmeter im Finale gegen die Niederländer, im selben (!) Spiel – überirdisch schnell konnte er mittlerweile seine Erscheinung wechseln – erzielte er als Gerd Müller dann noch den Siegtreffer.
Der deutsche Herbst, die bleierne Zeit: Wie viel Leid hätte vermieden werden können, hätte der Sozialist S., der sich mithilfe des Ostens die westdeutsche Macht erraucht hatte, auf CHRISTIAN WULFF gehört. Immerhin überließ er ihm unter einem Tarnnamen die Befreiung der Landshut in Mogadischu. Ein Sieg, den WULFF viele Jahre später selbstlos Nelson Mandela widmete.

Nelson Mandela, ja genau der, ein afrikanischer Rebell, der trotz mancher juveniler Missetat nun doch schon etwas lange von den tief verletzten Buren eingesperrt war.
((Wir überspringen die Abwendung des Weltkriegs 1978, die Beseitigung des Sozialisten S. 1982 sowie die (geschickte) Einfädelung der Peristroika im selben Jahrzehnt.))

Kurz bevor WULFF aufbrach, um den nur allzu leicht kränkbaren Buren mithilfe einer Negerpuppe Gnade und Erbarmen ins Herz zu pflanzen, fragte ihn Schabowski, der ostdeutsche Politiker, der CHRISTIAN WULLF schon lange als sachlichen, wenn auch überlegenen Diskussionspartner schätzte: „Was soll ich denn um Himmels Willen auf dieser Pressekonferenz sagen?“
Lächelnd reichte ihm CHRISTIAN WULFF ein Blatt: „Lies einfach das vor Günther! Es ist zum Besten aller Deutschen.“
Schabowski runzelte die Stirn: „Das ist ja Transparentpapier!“
WULLF lächelte und nickte, nickte und lächelte, lächelte und nickte, dann flog er AUF EIGENE KOSTEN nach Südafrika. Auch die Negerpuppe HATTE ER SELBST BEZAHLT!

Heimgekehrt erfuhr er von einem jungen Stalinisten namens Kai Dödelmann, der infolge eines selbstverschuldeten Nierenversagens mit dem Tode rang. Ungeachtet der beträchtlichen weltanschaulichen Differenz und Transparenz spendete CHRISTIAN WULFF dem jungen Wirrkopf eine Niere – ambulant, um nur gleich wieder in einem Hospitz Sterbende zu massieren.
Dödelmann freilich, verderbt, dolchstoßig bis ins faule Mark, war zu einer auch nur ansatzweisen Dankbarkeit sittlich nicht in der Lage – ja, unfassbarer Weise fühlte sich der Gerettete von den weltweiten Erfolgen seines Spenders gedemütigt. Neid fraß am Seelenersatzort des Agitators …

In den folgenden Jahren widmete sich – hiervon nichtsahnend – CHRISTIAN WULFF privaten Studien, schrieb unter anderem unter wechselnden Pseudonymen drei kanonische Werke der Kriminalliteratur: „Der Hund von Brazaville“, „Der Spion, der aus Elbe kam“, „Im fahlen Licht“.
Außerdem erfand er den transparenten Konfirmandenanzug, den er seitdem trägt.

Dann aber: Niedersachsen Anfang des 21. Jahrhunderts. Ein Land ausgeblutet, vom Sozialismus, der hier im Bunde mit der inzwischen erstarkten Dödelmann-Propagandatruppe nur allzu lange wüten durfte: kahle Felder, totes Vieh, Dammbrüche die gesamte Küste entlang.

Eines Tages hörte CHRISTIAN WULFF, der nicht gezögert hatte, als man ihm die Rettung der Heimat antrug, hierfür sogar die Jagd auf Osama Bin Laden unterbrach, den er aber später noch über Kimme und Korn erlegte, eines Tages also hörte er, nachdem er sechzehn Stunden gearbeitet habend zwei Rollstuhlfahrer ein wenig durch den Park kutschierte, wie eine Frau zu ihrem Mann sagte: „Ich habe so Angst vor Haien, Hauke!“ Schmunzelnd und bescheiden wusste CHRISTIAN WULFF nun, unter welchem Tarnnamen er sein revolutionäres Deichsystem, dass die Japaner mal besser übernommen hätten, patentieren lassen würde. (Alle Einnahmen aus seinem Patent gingen und gehen an den deutschen Taubblindenverband.)

Und als er nach der Rettung des Landesteiles logischerweise vom Volke einstimmig als Präsident des ganzen Landes gewählt wurde, erkrankte Dödelmann erneut schwer. WULFF, seiner selbst entachtend, spendete ihm auch seine zweite Niere. Diese ist ein Wunder. „So transparent, da kann man Zeitung durch lesen!“, wird der ergriffene Nephrologe Dr. Tolm zitiert.
Die „Demütigung“ war freilich zu viel für den elenden Dödelmann. Der Rest ist bekannt.
Aber ER wird nicht fallen, nein, niemals!
Vielmehr wird ER auffahren gen Himmel. Von dort wird ER kommen, zu richten die Lebenden und die Toten und die Sozialisten!
Er aussitzt zur rechten Gottes!
Denn das kann er fast noch eine Spur besser, als alles andere.

Carlo Schäfer

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