Geschrieben am 29. November 2014 von für Crimemag, DVD, Film/Fernsehen

Binge watching: Die US-Serie Justified

Justified„Aber er hat zuerst gezogen.“

Die millionenfach gesehene, vielfach preisgekrönte Serie „Justified“ ist von literarischer Abstammung. Die Hauptfigur ist eine Erfindung des 2013 verstorbenen Elmore Leonard. Von Christopher Werth.

Elmore Leonard ist ein Writers’ Writer. Quentin Tarantino ist einer seiner Fans und verdankt ihm weit mehr, als nur die Romanvorlage zu „Jacky Brown“. Er hat seine Art, Dialoge zu schreiben und Figuren zu erfinden, inhaliert wie Marihuana. In der Serie „Justified“ dreht sich alles um eine andere unvergessliche Leonard-Figur: Raylan Givens. Ein U.S. Marshal, der sich bereits erfolgreich durch die Romane „Pronto“, „Volles Risiko“ und „Raylan“ sowie die Kurzgeschichte „Fire in the Hole“ geballert hat.

Justified_Season_1_R1-[cdcovers_cc]-cd2Mit der Figur Raylan verbindet Leonard lässig seine zwei leidenschaftlichen Kernkompetenzfelder Western und Krimi. Er ist ein moderner Rächer, der wie Lucky Luke schneller zieht als sein Schatten: Ein aus einer anderen Zeit stammender Cowboy sorgt im 21. Jahrhundert auf seine Weise für Recht und Ordnung. Äußerlich übercool – innerlich eine tickende Zeitbombe, die öfter jemanden umlegt als mancher Auftragskiller. Immer  im Grenzbereich zwischen bigger than life-Superheld und kaputter than life-Charakterstudie. Natürlich ist der Cowboy eine aufwendig konstruierte Fassade. Raylan hat sie erträumt und geschaffen, um vor seiner eigenen Herkunft zu fliehen, um sich selbst im Spiegel ertragen zu können. Wer könnte das dem Sohn eines gern und oft betrunkenen, ständig prügelnden, drittklassigen Kleinstadtganoven verdenken. Bis ins gleißende, helle Miami ist er gekommen, weit weg von der prekären, staubigen Bergbauregion in Kentucky. Weg von seinem Elternhaus, wo schon vorsorglich ein Grabstein mit seinem Namen aufgestellt ist, neben dem seiner zu früh verstorbenen Mutter und dem seines Krawallvaters Arlo. Vom dreckigen Bergarbeiter hat er sich also nach oben gearbeitet – bis hin zum unwiderstehlichen Marshal mit dem weißen Stetson, dem glänzendem Stern und dem schwarzem Lincoln Towncar.

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Die Serie wäre natürlich langweilig, wenn dieser Cowboy nicht wieder zurück müsste in den Dreck. Zurück zum Abschaum, von dem er sich befreit geglaubt hatte. Das kommt so: In Miami provoziert er eine Schießerei mit einem Drogenboss – natürlich nur, um diesen auf eigene Faust umlegen zu können. Das hat ein juristisches Nachspiel, aber er kommt davon – der andere hatte schließlich zuerst gezogen. Die Hinrichtung ist justified – also gerechtfertigt. Trotzdem gibt es noch genug Ärger und er wird ausgerechnet ins hinterste Kentucky nach Harlan County strafversetzt. Immerhin kommt er in die Abteilung seines einstigen Mentors, dem auf die Rente zugehenden, mittlerweile schwerhörigen Art Mullen. Hier wird er gezwungen  sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Mit seiner Exfrau, die ihn für einen jämmerlichen Immobilienmakler verlassen hat. Mit seinem immer noch krumme Dinger drehenden Vater. Und natürlich mit seinem alten Bergbaukumpel, dem gefährlich intelligenten Sprengstoffexperten Boyd Crowder, gespielt vom großartigen Walton Goggins. Der gründet in der ersten Staffel erst eine harte Nazi-Gang, lässt Drogen kochen und jagt Kirchen in die Luft – nur um sich dann um 180° zu drehen und selbst seine eigene Kirche des Wahnsinns zu gründen …

Timothy Olyphant (2011), Anders Krusberg/Peabody Awards, wikimedia commons

Timothy Olyphant (2011), Anders Krusberg/Peabody Awards, wikimedia commons

Timothy Olyphant ist eine perfekte Besetzung für Raylan. Cool, männlich, mit unwiderstehlichem Charme und Selbstironie. Nicht nur die Frauen lieben ihn, auch Ex-Kumpel Boyd Crowder hat neben ätzendem Hass noch jede Menge für ihn übrig. Die explosive Chemie zwischen den beiden Antipoden trägt die Story und verspricht über sechs Staffeln „Long hard Times to come“  – so der Titelsong von Gangstagrass, der ebenso scheinbar unversöhnliche Gegensätze wie Bluegrass und Hip Hop zusammenbringt.

Es ist keinesfalls leicht, aus einer starken Vorlage eine gute Serie zu machen. Je besser das Original, umso härter die Arbeit. Aber den Machern um Graham Yost ist es gelungen, nicht nur in Dialogen, Konflikten und Figurenzeichnungen Leonard gerecht zu werden, sondern auch Unterhaltung zu liefern, die jede Menge Kentucky Bourbon und vielschichtig durchgeknallte Charaktere mit Spannung und Intelligenz verbindet.

Christopher Werth

Justified, USA 2010 bis 2015
Schauspieler u.a.: Timothy Olyphant, Walton Goggins, Nick Searcy, Erica Tazel, Natalie Zea, Joelle Carter, Jacob Pitts
Executive producers: Elmore Leonard, Graham Yost, Fred Golan, Michael Dinner, Sarah Timberman, Carl Beverly, Dave Andron, Don Kurt
Regisseure u.a.: Adam Arkin, Jon Avnet, Peter Werner, John Dahl, Michael Watkins
Kamera: Francis Kenny. Den Blog von Christopher Werth finden Sie hier. Aufmacherfoto: Intertitle from the television program Justified, Season 4, Episode 1: „Hole in the Wall“/ wikimedia commons

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