Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Litmag, Rätsel

Auflösung Preisrätsel Herbst 2023 – Liebesleidlabyrinth

Im Herbsträtsel war ein Labyrinth zu durchschreiten, in dem sich ein folgender Zweizeiler von Johann Gottfried Herder (1744–1803) verbarg:

Amor, ein Gott bist du, wenn du mit doppeltem Pfeile
zwei verwundest; ein Schalk, wenn du mit einem EPIGRAMM nur triffst.“

Johann Gottfried Herder: „Der doppelte Pfeil“,
in: ders.: Zerstreute Blätter (Zweite Sammlung) [1786], Cal Wilhelm Ettinger Verlag, Gotha 1786, S. 20,
komplett verfügbar unter: https://de.wikisource.org/wiki/Zerstreute_Bl%C3%A4tter_(Zweite_Sammlung)

Überflüssig, aber dennoch charakteristisch, war das Wort „Epigramm“, das in den zweiten Vers hineingeraten war. Dieses Wort störte empfindlich das Versmaß und den Sinn des Gedichts, da Amor bekanntlich Pfeile verschießt und nicht, wie die Dichter der Weimarer Klassik in Nachahmung der Antike, tiefsinnige Versfüße.

Das Lösungswort des Herbsträtsels 2023 lautete demnach: EPIGRAMM.

Gewonnen hat Vanessa Bönninghoff aus Finnentrop. Herzlichen Glückwunsch und viel Freude beim Lesen!

Ein Epigramm (wörtlich: Inschrift), ist ein Sinngedicht, häufig in Distichen (Verspaaren) abgefasst. Herder fügt seiner Sammlung eine ausführliche, hochgelehrte Gattungsdarstellung des des Epigramms, dieses „kleinsten der Gedichte“, bei und verweist sie bescheiden auf ihren Platz am „Fuß der Bildsäule“. Die antiken Vorlagen verwandelt er im Deutschen jedoch in äußerst kunstvolle Verse, in unserem Fall an eine Statue des Amor gerichtet. Das Epigramm behandelt die Asymmetrie von erwiderter und nicht-erwiderter Liebe, zwei Zustände, die extreme Ausschläge auf der Skala unserer Emotionen erzielen, wenn auch in unterschiedlicher Richtung.

Herder wählt für seine Nachdichtung die verbreitetste Metrik des Distichons: Die Kombination von Hexameter und Pentameter vereint zwei Verse, die im Deutschen verwirrenderweise beide sechs betonte Silben aufweisen und sich auch sonst kaum unterscheiden. Der Pentameter wurde im Griechischen anders aufgeteilt, sodass dort fünf Versfüße zu zählen waren (Daktylus, Daktylus, Spondeus, Anapäst, Anapäst).

Der tänzerische Walzerrhythmus ist in beiden Versen unseres Epigramms den Daktylen zu verdanken, mit zwei unbetonten Silben nach der betonten („Amor, ein“; „wenn du mit“ usw.). Allerdings werden manche der Daktylen durch Spondeen ersetzt, die aus zwei betonten Silben bestehen („Gott bist“; „-dest ein“).

Herders Hexameter endet hier auf einer weiblichen Kadenz (d. h. mit unbetonter Endsilbe: „Pfeile“), der Pentameter auf einer männlichen („triffst“), beide gelten als katalektische (unvollständige) Versfüße, da sie keinen vollständigen Daktylus bilden.

Die in „Der doppelte Pfeil“ vorliegende Metrik sieht also folgendermaßen aus:

Hexameter: Amor, ein Gott bist du, wenn du mit doppeltem Pfeile
o∙∙ (Daktylus: Amor ein) oo (Spondäus: Gott bist) o (katalektischer Versfuß, männlich: du) (Zäsur) o∙∙ (Daktylus: wenn du mit) o∙∙ (Daktylus: doppeltem) o (katalektischer Versfuß, weiblich: Pfeile)
Pentameter: zwei verwundest; ein Schalk, wenn du mit einem nur triffst.
o∙∙ (Daktylus: zwei verwun-) oo (Spondäus: -dest ein) o (katalektischer Versfuß: Schalk) (Zäsur) o∙∙ (Daktylus: wenn du mit) o∙∙ (Daktylus: einem nur) o (katalektischer Versfuß, männlich: triffst)

Nach dem dritten Versfuß in der Mitte der Zeilen, der jeweils aus einem katalektisch auf die betonte Silbe verkürzten Versfuß besteht („du“; „Schalk“), folgt fugenlos die nächste Hebung, was beim Sprechen eine Zäsur (Sprechpause) erzeugt („du, wenn“; „Schalk, wenn“). Durch diesen Hochtonhiatus (Hebungsprall) entsteht die rhythmische Binnenstruktur in den Zeilen, die den Parallelismus der beiden Aussagen („Gott wenn x“, „Schalk wenn y“) rhythmisch unterstützt. Diese häufig verwendete Metrik wird Penthemimeres genannt, wobei sich die Zahl fünf hier der Zählung der Halbfüße verdankt. Solch einen Halbfuß bilden im Daktylus jeweils die betonte oder die zwei unbetonten Silben, im Spondeus jeweils eine der beiden betonten Silben. Im Pentameter bezieht sich die Zahl fünf also auf die (im Griechischen anders aufgeteilten) fünf Versfüße, in der Penthemimeres bezieht sie sich auf fünf Halbfüße, nach denen der Hebungsprall erfolgt.

Ist es nicht erstaunlich, wie viel Antikenstudien und sprachliche Meisterschaft in Herders kleinem Zweizeiler stecken? Heute liest man überall, der Chatbot ChatGPT könne „dichten“. Ein „Gedicht“ ist nach diesem Verständnis eine Ansammlung unvollständig ausgefüllter Zeilen mit wirrem Inhalt, gegebenenfalls ergänzt um haarsträubend holprige Paarreime. Dass es die Kunst der Metrik überhaupt gab und wie komplex und grazil das Zusammenspiel von Aussage und Gestaltung sein konnte, scheint weitgehend vergessen. Vor diesem Hintergrund ist das CulturMag-Rätsel gleichsam eine Miniaturbastion im Mahlstrom des gesamteuropäischen Kulturverlusts!

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