Geschrieben am 31. Dezember 2024 von für Litmag, Rätsel

Auflösung Preisrätsel Herbst 2023 – ein Irrwicht im Poesiealbum

Wie würde man im Rückblick auf das eigenen Leben wünschen, gelebt zu haben? Worauf kommt es an? Die Antwort, die der sächsische Dichter Christian Fürchtegott Gellert (1715‒1769) in seiner Ode „Vom Tode” gibt, besteht darin, ein reines Herz zu erwerben, um damit am Jüngsten Tag zu punkten. Welche Antwort würden Sie geben?

Wer in der richtigen Reihenfolge das Labyrinth der Buchstaben durchschritt, erhielt folgende Verse:

„Lebe (Trochäus), wie du, wenn du stirbst,
wünschen wirst, gelebt zu haben.”

Der Trochäus hatte sich in diesen vierhebigen Zweizeiler hineingeschlichen und war damit das Lösungswort. Gewonnen hat Marion Terenko aus Strassburg am Mieresch. Herzlichen Glückwunsch und viel Freude beim Lesen!

Ein Trochäus ist ein Versfuß, bestehend aus einer betonten und einer unbetonten Silbe, z. B. „Lebe/wie du/wenn du” usw. Vier Trochäen, gereimt oder ungereimt, zu einer Zeile zusammenzustellen, ergab ein Versmaß, das bei den Autoren der Klassik und Romantik sehr beliebt war. Man sprach von Spanischen Trochäen. Dabei war es erlaubt, wie in unserem Zweizeiler die Endsilbe zu kürzen (Katalexe): „stirbst”.

Die gesamte gottesfürchtige Ode des Pastorensohns Christian Fürchtegott Gellert aus seinen „Geistlichen Oden und Liedern“ (1757) liest sich wie folgt:

Vom Tode

Meine Lebenszeit verstreicht,
Stündlich eil ich zu dem Grabe;
Und was ist’s, das ich vielleicht,
Das ich noch zu leben habe?
Denk, o Mensch! an deinen Tod.
Säume nicht; denn eins ist Not.

Lebe, wie du, wenn du stirbst,
Wünschen wirst, gelebt zu haben.
Güter, die du hier erwirbst,
Würden, die dir Menschen gaben;
Nichts wird dich im Tod erfreun;
Diese Güter sind nicht dein.

Nur ein Herz, das Gutes liebt,
Nur ein ruhiges Gewissen,
Das vor Gott dir Zeugnis gibt,
Wird dir deinen Tod versüßen;
Dieses Herz, von Gott erneut,
Ist des Todes Freudigkeit.

Wenn in deiner letzten Not
Freunde hülflos um dich beben:
Dann wird über Welt und Tod
Dich dies reine Herz erheben;
Dann erschreckt dich kein Gericht;
Gott ist deine Zuversicht.

Daß du dieses Herz erwirbst,
Fürchte Gott, und bet und wache.
Sorge nicht, wie früh du stirbst;
Deine Zeit ist Gottes Sache.
Lern nicht nur den Tod nicht scheun,
Lern auch seiner dich erfreun.

Überwind ihn durch Vertraun,
Sprich: Ich weiß, an wen ich gläube,
Und ich weiß, ich werd ihn schaun
Einst in diesem meinem Leibe.
Er, der rief: Es ist vollbracht!
Nahm dem Tode seine Macht.

Tritt im Geist zum Grab oft hin,
Siehe dein Gebein versenken;
Sprich: Herr, dass ich Erde bin,
Lehre du mich selbst bedenken;
Lehre du mich’s jeden Tag,
Dass ich weiser werden mag!

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