Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Regina Nössler, Frank Nowatzki, Ivy Pochoda

Regina Nössler: Mein Krimi- und Romanjahr 2023

Melissa Ginsburg, „Sunset City“ (Polar, aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt, mit einem Nachwort von Sonja Hartl). Ein Detective steht vor Charlottes Tür und teilt ihr mit, dass ihre beste Freundin Danielle tot ist. Ermordet. Nachdem sie Drogen und Knast überstanden hat und, wie Charlotte bald erfährt, Pornodarstellerin für Internetfilmchen war. Charlotte und Danielle hatten sich voneinander entfernt, trotzdem betrachtet sie sie immer noch als ihre beste Freundin, eine Freundin allerdings, die immer die Schillernde war, die alles überstrahlte und in deren Schatten sie stand. „Danielle konnte unmöglich tot sein. Sie war der lebendigste Mensch, den ich kannte.“ Nach und nach wird Charlotte in die Welt der toten Danielle hineingezogen – und schließlich auch in die Auflösung des Falls. Sunset City ist Houston. Heiß. Voller übler Gerüche, voller Drogen und Alkohol, sehr noir, aber Charlotte gewährt uns auch immer einen flüchtigen Blick auf die anderen, auf die bürgerliche Seite und die normalen Dinge, die normale Menschen (die Mittelschicht) tun – für sie wie ein fremder Planet.

Elizabeth Wetmore, „Wir sind dieser Staub“ (Eichborn, Original: „Valentine“, aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné). Odessa (!), Texas, 1976. Es gibt nur Ölförderung und Rinder. Waffen, Gestank, vergiftetes Wasser, Wüste, Hitze, Staub, Gewalt, begrabene Träume. Ein vierzehnjähriges mexikanisches Mädchen wird brutal vergewaltigt und fast umgebracht. Dass ein Großteil der weißen Bevölkerung Odessas auf der Seite des Täters steht, versteht sich von selbst. „Wir sind dieser Staub“ ist sicher mein Lieblingsroman des Jahres 2023. Er ist absolut großartig, sehr literarisch und unheimlich gut geschrieben – wobei ich „nur“ die Übersetzung kenne. Ich hatte aber noch nie einen Zweifel daran, wie viel Mühe sich Übersetzer und Übersetzerinnen geben. Warum erwähne ich bei einem Krimi extra, dass er „literarisch“ ist? Dazu weiter unten eine Bemerkung.

Abigail Dean, „Girl A“ (HarperCollins, aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann). Alexandra, aus deren Perspektive alles geschildert wird, ist „Girl A“. Sie ist fünfzehn, als ihr die Flucht aus ihrem Horror-Elternhaus gelingt. Sie und ihre Geschwister, insgesamt sieben an der Zahl, haben ein unvorstellbares Martyrium hinter sich – und die komplette Verwahrlosung und der Schmutz stellen hierbei noch das Harmloseste dar. Ihr Vater, der sich als eine Art Erleuchteter betrachtet, hat sie im Haus eingesperrt. Keine Schule, am Ende auch kein Tageslicht mehr und kaum Nahrung. Erst kamen die „Fesseltage“, dann schließlich die „Kettenzeit“. Fast alle Kinder – Boy A bis D und Girl A bis C, wie sie in den Medien fortan genannt werden – sind unterernährt und in kritischem Zustand, als sie befreit werden. Girl A beschreibt als erwachsene Frau die Gegenwart (die Mutter, die alles geduldet hat, ist im Gefängnis gestorben) und in Rückblenden die Familiengeschichte, die Steigerung der Qualen und die Dynamik zwischen den Geschwistern. Manche waren fügsam, andere rebellisch und einige opportunistisch und sich selbst der Nächste.

Gudrun Lerchbaum, „Zwischen euch verschwinden“ (Haymon). Sehr gut geschrieben, oft sehr komisch, sehr österreichisch-böse. Und die Grundidee, mit der alles seinen Anfang nimmt, finde ich ziemlich genial: Tochter pflegt kranke Mutter. Mutter stirbt. Tochter lässt tote Mutter liegen und verpisst sich erst mal in ein Hotel, wo sie Prosecco, viel Prosecco, trinkt und mit jemandem im Bett landet. Als sie am nächsten Tag zurückkommt, steht die Polizei vor dem Haus. Tochter denkt, sie bringt sie mit dem Tod der Mutter in Verbindung, und flieht.

Film/TV: „Killing Eve“ (ZDF neo). Herrlich! Göttlich! Unmoralisch! So schön böse! Außer Konkurrenz. Total gut fotografiert, man könnte ein Seminar der Filmwissenschaft damit bestreiten. Unglaublich originell, flacht auch in der vierten Staffel nicht ab. Ich verbrachte vergnügliche Binge-Watching-Stunden mit „Killing Eve“ (was z.T. der Fertigstellung meines letzten Buches ein wenig in die Quere kam), in denen mir die sehr fleißige Auftragskillerin Villanelle schnell ans Herz wuchs.

Zurück zu Büchern. Was ich nach Möglichkeit nie wieder lesen möchte, aber viel zu oft lese:

„Wir sind hier nicht in einem Fernsehkrimi.“ (Serie frei wählbar.)

„Er lächelte, aber das Lächeln erreichte seine Augen nicht.“ (Das ist dann, ganz überraschend, oft auch der Böse.)

„Ihre Finger schlossen sich so fest um das Lenkrad“ (oder um sonst was, Hauptsache, fest), „dass die Knöchel weiß hervortraten.“

Und dann fällt mir auch immer wieder auf – sowohl bei Lesern und Leserinnen als auch bei Verlagen, die „beides“ anbieten –, dass offenbar ein Unterschied zwischen „Roman“ und „Krimi“ besteht. Sprich: ein Roman ist Literatur. Ein Krimi anscheinend nicht. Schubladen, verkaufen, schon klar, aber trotzdem – ein Krimi ist doch in erster Linie ein Roman, oder nicht? Beim Schreiben braucht man im Übrigen viel Hirnschmalz, um die ganzen Fäden zusammenzuhalten. Vor einer Weile fragte mich eine Bekannte, wir hatten länger nichts voneinander gehört, woran ich denn gerade schreibe: „Ein Roman oder ein Krimi?“ (Beides gleichzeitig!)

Regina Nössler, Schriftstellerin und Lektorin, lebt in Berlin. Zuletzt erschienen: „Die Putzhilfe“ (2019), „Katzbach“ (2021) und „Kellerassel“ (2023). Für „Die Putzhilfe“ 2. Platz Deutscher Krimi Preis und 1. Platz Stuttgarter Krimipreis.

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Frank Nowatzki

Wer 2007 das skurrile Wiener Magazin Rokko’s Adventures verpasst hat, kann jetzt bei einem Best-of-Hardcover, der ersten zehn, längt vergriffenen Heftausgaben im Jahr 2023 zugreifen. 20 Heftausgaben gabs wohl insgesamt, dann schien das Format für die Macher nach eigenen Angaben ausgereizt zu sein. Erschienen ist das Ganze nun bei Glitzer & Grind, und Rokko’s Adventures sieht sich immer noch als internationale Institution, „für die Instandhaltung einer Welt, die es so noch nie gegeben haben wird. Oder auch Abrissfirma, Pflegedienst, aktiver Ruhestand, Schweigen als Kontaktform.“

Es geht um Trepanation, also ums Schädelbohren auf der Suche nach einem perfekten Gemütszustand. „Glück ist lediglich eine Frage des Hirnblutdrucks, und ein Loch im Schädel das dauerhafte Pendant zum LSD -Rausch.“ Sehr aufschlussreich ist auch das Essay zur Literatin, Filmemacherin, Perfomerin Ruth Weiß, die die Beat Generation überlebt und die Verbindung von Jazz & Poetry begründet hat, obwohl in Verbindung mit der Beat Generation immer die Namen Kerouac, Ginsberg und Burroughs auftauchen. Man bekommt einen Überblick über den Untergang der Wiener Unterwelt und den Background zu den Überraschungs-Performances eines Joe Coleman, der sich selbst für die Kunst in die Luft jagte. Dazu ein Wrestling-Portrait des Austrian Steamrollers und einen Blick hinter die Kulissen eines russischen Eventmanagers für Superreiche. Vieles mehr. Menschen, Tiere, Sensationen eben. Alles authentisch, merkwürdig, aber eben so passiert. 

Für mich eine kleine Sensation: Die internationale Bestsellerautorin Mona Award (13 WAYS OF LOOKING AT A FAT GIRL) wurde mit ihrem neuen Roman BUNNY beim Festa Verlag publiziert, der mittlerweile auch ein echtes Markenzeichen in Sachen Horror und Phantastik ist. Diese Elemente gibt es denn auch in diesem Roman, sonst hätte er es vermutlich nicht auf die Verlagsliste geschafft, aber darüber hinaus ist Bunny ein wilder, kühner und auch unvergesslicher Roman, den man wie von einem Sog erfasst, unbedingt zu Ende lesen muss. Es geht um Samantha, die an der Warren University studiert, sich dort aber eher als eine Außenseiterin fühlt. Vor allem in ihrer Schreibgruppe unter reichen Mädchen, die eine merkwürdige Art Bunny-Sekte gegründet haben. Ihre Freundin Ava verkörpert eine Art subversiven Antikörper zu dem elitären Warren-University-Dasein, aber als Samantha in die Bunny -Sekte aufgenommen wird, kommt es zur Überwerfung, in der die Grenzen zur Realität verschwimmen. Im Sommer übrigens reichte Mona Awad mit Kolleginnen und Kollegen eine angestrengte Sammelklage gegen OpenAI ein. Darin machte sie unter anderem Urheberrechtsverletzung, Verstöße gegen den Digital Millennium Copyright Act und ungerechtfertigte Bereicherung geltend. Als Beweis für einen solchen Verstoß gegen das Urheberrecht führten die Autoren an, dass ChatGPT auf Aufforderung hin „sehr genaue“ Zusammenfassungen ihrer Romane erstellt hätte. Sie argumentieren, dass dies „nur möglich ist, wenn ChatGPT in Bezug auf die urheberrechtlich geschützten Werke der Kläger geschult wurde“.

Mein Sci-Fi-Serien-Highlight des Jahres ist wieder, wenn wundert es: „Foundation.“ Diesmal die zweite Staffel. Wieder hat sich Apple, wie schon bei Season one  die Verfilmung einiges kosten lassen und für zwei Episoden dasselbe Budget verballert wie normalerweise für einen Film. Die Vorlage stammt aus der Feder von Isaac Asimov, einem richtigen Sci-Fi-Giganten. Ein galaktisches Imperium droht zu zerfallen und die gesamte Menschheit droht in ein 30.000 Jahre andauerndes dunkles Zeitalter zu stürzen. Das zumindest ist die Prognose des brillanten Mathematikers Hari Seldon (Jared Harris), der davon überzeugt ist, mithilfe seiner selbstkreierten Disziplin der Psychohistorik das Schicksal großer Populationen vorhersagen zu können – und in diesem Fall eben deren Untergang. Dieses Mal steht der Ur-Vater der seit Generationen geklonten Imperatoren mit seinem Geheimnis im Rampenlicht, aber auch die von Hari Seldon, (inzwischen physisch tot)  eingeleitete Veränderung, entpuppt sich wie ein über tausend Jahre verzerrtes Schachspiel, das jederzeit einen falschen Ausgang nehmen kann. Auf dem Planten Terminus am Rande der Galaxis hatte Seldon mit anderen WissenschaftlerInnen eine neue Zivilisation aufgebaut – die titelgebende Foundation -, die der Diktator – nun einfach annektieren möchte und so seine Macht sichern könnte. Und die Frage, ob unser Planet und unsere Lebensform eigentlich noch zu retten sind, deutet sich hier bereits an:  ohne grundlegende Veränderungen wird es nicht gehen.

Abgefahren. 

Frank Nowatzki ist der Verleger von PulpMaster. Texte von ihm bei CrimeMag.

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Ivy Pochoda: Well worth it

Brooklyn Crime Novel by Jonathan Lethem is one of the most original works I’ve read in years. Is it a crime novel? Maybe. Is it even a traditional story? Perhaps not. But still, Lethem’s latest is a revolutionary reexamination of the same territory as Fortress of Solitude. Lethem takes us back to his native Brooklyn, looking at the organic crimes of race, class, childhood, and gentrification. The novel is fragmented, but so is memory. It requires patience but it’s well worth it. As you twist through decades and characters, a stunning portrait of a neighborhood and its denizens emerges—ending in subtle crescendo that floored me with its quiet revelation.

Gangsters Don’t Die by Tod Goldberg is f**king sensational. What an end to one of the most—no scratch that—the MOST original series in crime fiction ever written. For those who don’t know, the Gangsterland series follows a hitman, Sal Cupertine, who goes undercover as Rabbi David Cohen in Las Vegas. But the series’s end, Goldberg has mastered talumdic wisdom which he meets out through Cohen. This final novel is hard-hitting, hilarious, and heartbreaking. Honestly, this whole series is a goddamn triumph.

Ivy Pochodas neues Buch, SING HER DOWN erscheint nächstes Jahr in der TW-Edition. These Women was named by the New York Times as one of the best mystery books of 2020. It was published to great acclaim by  ars vivendi in Germany, as Wonder Valley was before, and it just made our own TOP 15 2021. Andrea O’Brien has interviewed her for her website Krimiscout (the Interview is in German). Ivy’s website, her appearance in our magazine.

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