Geschrieben am 1. Juli 2023 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2023

Wolfgang Brylla: Gesucht – der deutsche Genrefilm

Flucht in den Klamauk ist auch noch keine Lösung

Ach du grüne Neune, der letzte Vor-der-Sommerpause-Tatort war einfach nur unterirdisch schlecht. An das Prädikat „schlecht” bezüglich des ARD-Sonntagsschlagschiffs haben wir uns zwar schon längst gewöhnt, aber das Schlechtschein-Level wurde von dem Stuttgart-Ableger noch getoppt. Wie? Nicht wegen Klamauk, sondern wegen der Klamauk-Inszenierung.

Ein schwurbeliger auf Drogen gesetzter Kommissar (Richy Müller), der auf dem Dach einer Bushaltestelle hockend Liebesbekundungen in alle Himmelsrichtungen hinausposaunt und gelegentlich  einen flotten Spruch zum Besten gibt – diese Ingredienzen reichen nicht aus, um aus einem durchschnittlichen Drehbuch einen lustig angehauchten Krimi mit überraschendem Aha-Ausgang zu schnitzen. Klamauk will gut durchdacht, konzipiert und noch besser umgesetzt sein. Was auf dem Bildschirm als seltsame Zufallsverknotung aussehen mag, wurde in Wirklichkeit vorher pingelig ausgearbeitet und die Einzelszenen nach einem gewissen Aufbaucredo miteinander verflochten. Sprachwitz, Selbstironie und Situationskomik gehören ebenfalls zum Repertoire der Produktionsmittel eines Klamauk-Filmprojekts.

Klamauk und Slapstick liegen nah beieinander. Beide weisen ein gemeinsames Element vor: scheinbare Anarchie. Allerdings ist auch dieses Anarcho-Ding an Gestaltungsregeln gebunden. Eine unkontrollierte Anarcho-Bewegung würde am Filmset ein überdimensional großes Chaos auslösen, was einerseits zur Kreativitätssteigerung, andererseits bei den Producers zum Haareraufen führen kann. Mit anderen Worten: Klamauk geht nicht locker flockig von der Hand, sondern ist das Endergebnis einer mühsamen Auseinandersetzung mit verschiedenen Erwartungshaltungen und den Möglichkeiten des Konventionsbruches sowie der Grenzüberschreitung (auch des sog. guten Geschmacks). Ein Lied davon können die Großmeister der Klamauk-Manege Mel Brooks, The Pythons oder das Abraham/Zucker x 2-Combo singen.

Auf den ersten Blick scheint es, dass eine Krimi-Filmparodie prinzipiell einfach zu meistern sei. Man nehme all die bekannten Konstruktionsmuster und stelle sie auf den Kopf, würze mit einigen Witzorgien, und jut ist. Der früher so für seine Andersheit gefeierte Münster-Tatort befindet sich jedoch nach über vierzig Fällen auf einem absteigenden Ast. Denn die Patentlösungen von gestern, müssen nicht unbedingt auch heute noch greifen und sie können keinen Publikumserfolg mehr versprechen.

Die Frage, die sich immer wieder in diesem Zusammenhang stellt, lautet, ob die deutsche Fernseh- und Filmbranche nicht mehr imstande ist, den Zuschauer:innen einen halbwegs in sich stimmigen Slapstick-Krimi anzubieten, der sich erstens vom American-Pie-Blödelei-Niveau abheben, zweitens Lachkrampfattacken als Effekt eines gelungenen Zusammenspieles zwischen Script und schauspielerischer Leistung verursachen, und drittens den Pfad der gezielten (und somit auch gekünstelten) Pointierung  verlassen würde. Daran schließt sich darüber hinaus eine andere generelle Frage, ob man überhaupt noch in der Lage ist, einen schlüssigen, thematisch anspruchsvollen Leinwand- oder TV-Krimi/Thriller/what ever aus der Taufe zu heben. Eindruck heute: leider nicht. Es ist schon bemerkenswert, dass Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ immer noch als der Kriminalfilm schlechthin gilt – nur zu Protokoll: seine Premiere hatte er 1931. Trotz der rasanten technischen Entwicklung im Bereich movie making, trotz der Blockbuster-Stilistik aus dem DC/Marvel-Universum, mit der man in den Lichtspielhäusern der Bundesrepublik reichlich Zaster macht, trotz tausender SFX ist in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren – Achtung: Überspitzung! – im Grunde kein erwähnenswerter Genrefilm entstanden – im Unterscheid zu den vielen Analog-M­­öchtegern-Genrefilmen. In Österreich aber ist es anders.

Im März wurde die ORF/Arte-Produktion „Das Schweigen der Esel“ aus der LandKrimi-Reihe mit dem Hauptpreis des Deutschen FernsehKrimi-Festivals ausgezeichnet. Schon die erste Folge mit dem fake-Kommissar Jonas Horak (Karl Markovics) „Das letzte Problem“ (2019) stieß überwiegend auf gute Kritiken. Es handelte sich dabei um die Variation eines klassischen Kammerspiel-Krimis in Christie-Manier: ein locked room, der sich nicht so ganz als locked erweist, eine von der Außenwelt abgeschottete Gesellschaft auf Reisen, ein naserümpfender Nicht-Detektiv-Wichtigtuer, der bei Markovics mit massiven psychischen Problemen zu kämpfen hat (Drehbuch: Daniel Kehlmann, der Daniel Kehlmann) und immer wieder mit seinem imaginären Dr. Watson, seinem Alter Ego, aber in Jung und mit modischem Schnauzer, ins Gespräch kommt, den er – Daniel Defoe likes it – Freitag nennt. Horak, der die Hinweise und Spuren falsch deutet, wird zu guter Letzt der Morde (oder ist es Freitag?) überführt und mit der vorarlbergischen Grünen Minna abtransportiert, wobei Horak daran glaubt, wieder in den aktiven Polizeidienst zurückkehren zu können. Ein bisschen Wolf Haas, ein bisschen Josef Hader, ein bisschen „Murder by Death“, „Knives Out“, Kottan und Stockinger (BTW, auch Markovics). Es funktioniert.

Die Horak-Filme punkten nicht durch ein besonderes Ambiente oder ein ausgetüfteltes Narrativ, sondern durch die präzise filmische Realisierung eines komödienhaften Krimistoffes mit lakonischen, aber durchaus wertvollen Erzähltools; die Komik speist sich nicht aus den draufgesetzten Dialogpassagen, stattdessen aus der Ausganslage selbst. Weniger ist halt mehr.

Es geht ja nicht um Kaboom-Dramaturgie, vielmehr geht es um gekonnte dramaturgische Handlungsführung. Schon in den 1980er Jahren haben Dominik Graf mit „Die Katze“ und Carl Schenkel mit „Abwärts“ es unter Beweis gestellt, das Genrekino Verzicht bedeutet, egal ob mit Gattungskino ein spannungsreicher Action-, ein Klamauk-Film oder ein (Psycho-)Thriller gemeint ist. Und noch in den 1990ern bzw. Anfang der 2000er war dieses Verzichtskriterium in Form der Reduzierung der Bilder und Sprache auf Klarheit und Direktheit ein g­ängiges Darstellungsmittel wie in Christian Petzolds „Toter Mann“, Adolf Winkelmanns „Der letzte Kurier“ oder erneut Grafs „Der Skorpion“.

Christoph Hochhäuslers aktueller Transgender-Noir „Bis ans Ende der Nacht“ orientiert sich zwar an der Mangelmaxime, aber sein Versuch droht fast zu scheitern, weil er Nebenräume mit Nebenhandlungen eröffnet, die die Erzähldynamik ins Stocken bringen. Hochhäusler ist es aber hoch anzurechnen, dass er dem Genrekino die Stange hält und sich überhaupt auf das Genrematerial einlässt. Denn bevor man mit dem Klamauk-Sujet herumzuexperimentieren anfängt, muss man die Basics des Erzählens beherrschen und Verständnis für den Genrefilm aufbringen. Solche Krimi-Abwandlungen wie der Stuttgarter Tatort tun niemandem gut. Weder den TV-Konsument:innen noch dem Krimi als Filmmedium. 

Wolfgang Brylla

Wolfgang Bryllas Texte bei uns hier.

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