Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Weltempfänger 61

Geschichte ist ein großes Thema auf dem 61. Weltempfänger. In Lim Chul Woos „Ein Flüstern aus der Mauer“ geht es um das Massaker auf der südkoreanischen Insel Jeju. Saleit Shahaf Poleg bindet Familiengeschichte an die Geschichte eines Kibbuz. Mia Coutos „Der Kartograf des Vergessens“ erzählt von dem Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft in Mosambik – und in Melba Escobars „Die Mutter“ fragt sich die Erzählerin, welche Rolle die gewaltvolle Geschichte Kolumbiens für ihre Biographie und Entscheidungen gespielt hat.

Eine interessante Verbindung aus psychologischer Spannung und Geschichte geht auch Novuyo Rosa Tshumas Debütroman „Haus aus Stein“ ein. Beim Lesen musste ich sehr oft an Patricia Highsmith denken – und das liegt an ihrem Ich-Erzähler Zamani. Im ersten Satz bekennt er: „Ich bin ein Mann mit einer Mission“. Er will seine eigene Vergangenheit vergessen und stattdessen Teil der Familiengeschichte seiner Vermieter in Bulawayo in Simbabwe werden. Einen Teil seiner Mission hat er bereits erfüllt: der 17-jährige Sohn seiner Vermieter ist verschwunden. Zamani weiß, was mit ihm passiert ist. Aber er sagt es den besorgten Eltern nicht. Stattdessen beschwatzt und manipuliert er seine avisierten „Ersatzeltern“ Abednego und Agnes Mlambo, nutzt deren Sorgen und Verletzlichkeit aus, um mehr über ihre Vergangenheit zu erfahren. Denn er braucht ihre „Ge-schichte“ – so schreibt Zamani das Wort, stets mit Bindestrich, der bereits zeigt, wie fragmentiert sie ist -, um sich in sie einzuschreiben.

Der Titel „Haus aus Stein“ ist eine Übersetzung des Shona-Wortes Simbabwe und die 1988 in Bulawayo geborene Tshuma verhandelt mit den persönlichen Geschichten der Mlambos und Zamanis die Geschichte des Landes bis in die Erzählgegenwart 2007. Das düstere Zentrum sind die Gukurahundi-Massaker an den Nbelede – nach den Shona die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe Simbabwes. Von 1983 bis 1987 hat die Fünfte Brigade – eine Spezialeinheit der simbabwischen Armee, die direkt Robert Mugabe unterstand – geschätzt über 20.000 Nbedele ermordet und in Massengräbern verscharrt, viele andere wurden in Lagern festgehalten, misshandelt und gefoltert. Bis heute sind diese Verbrechen nicht aufgeklärt und wird über den Gukurahundi in Simbabwe nicht offen geredet. Vielmehr hat das Mugabe-Regime ein Narrativ etabliert, nach dem „Staatsfeinde“ ausgemerzt wurden. Das angsterfüllte Schweigen der Gewaltüberlebenden und ihren Nachfahren ist in „Haus aus Stein“ allgegenwärtig – und wird zugleich mit diesem Roman durchbrochen.

Damit reiht sich Tshuma in eine Reihe simbabwischer Autorinnen wie NoViolet Bulawayo, die gegen die offiziellen Narrative anschreiben. Bemerkenswert ist, wie sie es tut: Trotz des ernsten Themas, trotz großer verhandelter Fragen nach der Rolle, die Geschichte für die Identität spielt und was Gewalt mit Menschen macht, ist ihr Debüt oftmals hochkomisch, leicht und sehr spannend. Es gibt absurde Wendungen, manches ist übertrieben, aber Zamani ist ein verführerisch-manipulativer Ich-Erzähler. Aber wie Highsmiths Tom Ripley folgt man ihm bereitwillig durch seine Erzählung und fragt sich beständig, wie weit er bereit zu gehen ist. Sogar seine sexuellen Fantasien sind in ihrer peinlichen Klischeehaftigkeit stimmig, weil er schlichtweg noch nie Sex hatte.

Zamani ist anfangs der Hausgast, aufgenommen, weil die Familie Geld braucht. Indem er ihre persönlichen Geschichten nacherzählt, verbiegt und manipuliert er sie, verschlingt sie regelrecht und nimmt nicht nur von dem Haus der Familie Besitz. Sie müssen mit ihm leben wie sie mit ihrer Geschichte leben müssen. Und Zamani? Er will – wie ein machtbesessener Despot – die Vergangenheit umschreiben, Personen auslöschen, Schweigen durch Angst sicherstellen. Aber „Haus aus Stein“ ist der literarische Beweis, dass das nicht möglich ist.

Mehr zu dem Weltempfänger finden Sie auf der Seite von Litprom.

Tags : ,