Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Ulrich Noller führt ein Interview mit Doug Johnstone

Das Leben feiern, hundertprozentig

Ein Interview von Ulrich Noller, nicht nur zum Roman „Eingeäschert“

Ulrich Noller: Voll ins Schwarze: Eine Verfolgungsjagd endet in einem offenen Grab. Muss man auch erstmal drauf kommen, oder?

Doug Johnstone: Ehrlich gesagt hatte ich dieses Bild einer Verfolgungsjagd durch einen Friedhof schon lange im Kopf. Ich mochte einfach das Nebeneinander dieser scheinbar unvereinbaren Dinge: die Ruhe eines Friedhofs, die Feierlichkeit eines Trauerzugs und dann die verrückte Action eines Autos, das von der Polizei durch die ganze Szene gejagt wird. Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, wusste ich sofort, dass das Auto in ein offenes Grab krachen muss, das Bild war einfach zu gut, um das nicht so zu machen. Das Rätsel bestand darin, wer der Fahrer war und warum er gejagt wurde. Daraus ergab sich der Rest des Buches.

Der Tod spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Roman. Die Hauptrolle?

Ja, ich denke schon. Das ist in der Skelfs-Serie von Anfang an eingebaut, und das war ganz bewusst so. Ich hatte schon eine Weile über den Tod geschrieben, bevor ich mit dieser Serie anfing, aber in diesem Buch hat er sich für mich wirklich herauskristallisiert. Ich habe eine Zeit lang in einem Bestattungsunternehmen als Autor in Residenz gearbeitet und bin aus dieser Erfahrung mit sehr viel Empathie und Respekt für alle in dieser Branche heraus gegangen. Vieles davon ist in das Schreiben über die Skelfs und ihre Einstellung zum Tod eingeflossen.

Wie beschäftigt Sie dieses Thema, ist es auch eine persönliche Angelegenheit?

Ich hatte das Glück, dass keiner aus meiner unmittelbaren Familie gestorben ist, aber natürlich sind auch bei mir Angehörige und Freunde gestorben, so wie bei jedem anderen auch. Ich weiß nicht genau, was es mit meiner Besessenheit vom Tod auf sich hat, aber ich hatte noch nie Angst, mich direkt damit auseinanderzusetzen. Ich finde die Einstellung zum Tod im Westen ehrlich gesagt sehr ungesund. Wir müssen offener mit dem Tod umgehen, und hoffentlich sind die Skelf-Romane eine Möglichkeit, das zu tun. 

Was mögen Sie lieber: wenn Sie beim Schreiben unerwartet lachen müssen – oder wenn einem beim Lesen das Lachen im Hals stecken bleibt?

Ich lache sehr oft über Dinge, die ich schreibe; meist erstmal darüber, wie unerhört sie einem vorkommen. Ich denke darüber nach, wie es für den Leser sein wird, wenn er einige der verrückten Situationen mit erlebt, in die ich meine Figuren versetze. Ich habe mir angewöhnt, Sachen, die mir erstmal zu verrückt oder zu abwegig vorkommen, trotzdem in das Buch zu schreiben!  

Ganz im Ernst: Welche Bedeutung haben Witz und Humor für Ihr Schreiben?

Bei mir ist das nicht wirklich eine bewusste Sache, es kommt eher unbewusst aus dem Schreiben heraus, denke ich. Ich habe mir nicht vorgenommen, in den Büchern witzig zu sein, aber es passiert ganz automatisch. Das kommt unter anderem dadurch, dass ich intelligente Figuren in extreme Situationen bringe und sie über ihre Situation nachdenken lasse. Okay, ich bin wohl auch von Natur aus ein kleiner Scherzkeks, und ich nehme an, dass sich das auch in meinen Figuren widerspiegelt. Außerdem muss man bei den Skelf-Büchern all den Tod und die Dunkelheit mit etwas Unbeschwerterem auflockern, sonst wäre der Stoff zu deprimierend.

Wie sehr hat es Sie selbst überrascht, ein Bestattungsunternehmen und eine Privatdetektei zusammenzubringen, um eine Familiengeschichte als Kriminalroman zu erzählen?

Wie ich bereits erwähnt habe, habe ich eine Zeit lang in einem Bestattungsunternehmen als „Writer in Residence“ gearbeitet. Meine Aufgabe war es, über die Erfahrungen des Personals im täglichen Umgang mit dem Tod zu schreiben. Und darüber, wie das ihre Einstellung zum Leben verändert hat. Diese Erfahrung hat mir gefallen, aber sie hat sich nicht für einen Kriminalroman geeignet. Bestattungsunternehmer entschärfen Konflikte und Spannungen in einer stressigen Zeit im Leben eines Menschen. Da gibt es nicht allzu viel Drama. Und da kam die Seite des Privatdetektivs ins Spiel. Ich wollte schon lange über einen Privatdetektiv schreiben, der nicht weiß, wie er den Job machen soll, aber den Job übernehmen muss, als sein Vater stirbt. Die Skelfs-Reihe entstand also aus der Verbindung dieser beiden unterschiedlichen Dinge.

Wie hat das geklappt, die komplexe Geschichte des ersten Romans in den zweiten zu integrieren?

Das war sicher nicht einfach, weil das ja meine erste Serie ist. Vor dem ersten Skelfs-Buch habe ich zehn Stand Alones geschrieben, und das war ein ganz anderes Buch, was Stil, Struktur, Handlung und so weiter angeht. Es war viel ehrgeiziger. Dann musste ich darüber nachdenken, wie ich die Dinge vom ersten zum zweiten Buch weiterführen konnte, wie viel Hintergrundgeschichte ich einbeziehen konnte, wie ich die noch offenen Handlungsstränge auf sinnvolle und faszinierende Weise weiterführen konnte. Und auch neue Geschichten einbringen. Das war echt nicht einfach! Aber ich hoffe, ich hab´s gut hinbekommen.

Die Männer sehen ja alles in allem nicht so gut aus in der Geschichte …

Einige Männer kommen in diesem Buch nicht so gut rüber, aber andere schon. Es ist ein Buch, in dem die Erfahrungen der Frauen im Mittelpunkt stehen, und das war ganz bewusst so gewollt. Ich wollte mich speziell mit den Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern befassen. Aber es gibt zumindest ein paar „gute“ Männer – Archie und Thomas -, die den Skelf-Frauen bei ihrer Arbeit zur Seite stehen. 

Drei Generationen, drei Frauen. Welche steht Ihnen am nächsten und wie?

Ha, das ist eine schwierige Frage! Jenny ist mir vom Alter her am nächsten, und wahrscheinlich auch von der Einstellung her. Sie ist mittleren Alters und ein wenig verstört, und das liebe ich an ihr – sie hat Wutprobleme und ist nach einer gescheiterten Ehe zynisch. Ich verstehe das, aber ich versuche, ihr nicht zu sehr zu ähneln! Dorothy hat eine weise und gelassene Ausstrahlung, voller Einfühlungsvermögen und Liebe. Ich möchte mehr wie sie sein. Und Hannah ist sehr energiegeladen und neugierig auf die Welt, und das mag ich auch! Wirklich, ich möchte ein bisschen wie alle drei sein.

Wie geht das, sich nicht bloß in eine, sondern in drei Frauenfiguren einzufühlen und zu denken?

Das ist nicht leicht, aber die drei Frauen sind sehr unterschiedlich, und das hilft mir als Autor und hoffentlich auch den Lesern. Sie haben ziemlich unterschiedliche Lebenserfahrungen und Persönlichkeiten, so dass es mir nicht schwer fällt, im Laufe des Buches zwischen ihnen zu wechseln. Ich habe jetzt eine ziemlich klare Vorstellung von diesen Charakteren in meinem Kopf.

Ein Roman also über eine – nicht ganz normale – Familie. Welche Rolle spielt das, also die berühmten family values?

Familiendynamik ist unendlich interessant, und sie ist eine gute Quelle für Konflikte in jeder Geschichte. Damit versuche ich in den Büchern zu spielen, ganz klar. Der Konflikt zwischen Müttern und Töchtern reicht Tausende von Jahren zurück. Aber ich möchte auch klarmachen, dass sich diese Frauen in Krisenzeiten gegenseitig den Rücken freihalten. Sie können sich aufeinander verlassen, wenn es wirklich darauf ankommt. 

Welche Dynamik hat sich durch die unterschiedlichen Perspektiven beim Schreiben ergeben?

Dorothy ist spirituell und aufgeschlossen, und obwohl sie den Zynismus ihrer Tochter Jenny verstehen kann, wünscht sie sich, dass Jenny mit ihrem Leben glücklicher wäre. Jenny fühlt sich ausgeschlossen, weil ihre Mutter Dorothy und ihre Tochter Hannah eine starke Bindung haben. Sie fühlt sich wegen ihrer Scheidung wie eine gescheiterte Mutter. Und Hannah ist ein Optimist, ein viel offenerer und ehrlicherer Charakter als die anderen, auch wegen ihres jungen Alters. Es gibt noch eine Million anderer Unterschiede und Ähnlichkeiten – hoffentlich genug, um die Leser zu fesseln.

Ich frage mich, wie viel von der Handlung geplant war – und wie viel sich aus dem Schreiben ergab … haben die Protagonisten irgendwann das Kommando übernommen?

Das meiste war geplant, um ehrlich zu sein. Diese Bücher sind kompliziert, weil die verschiedenen persönlichen und beruflichen Handlungsstränge miteinander verwoben sind. Und weil die drei Frauen unterschiedliche Sichtweisen haben. Daher neige ich dazu, das meiste im Voraus zu planen, aber nicht alles. Ich lasse den Figuren ein wenig Spielraum, damit sie atmen können. Und während des Schreibens kommen einem immer wieder neue Ideen, und die Handlung entwickelt sich in verschiedene Richtungen – das ist alles Teil des Prozesses.

Welche Rolle spielt der Schauplatz, die Stadt, in Ihrem Werk?

Edinburgh spielt in den Skelfs-Büchern eine große Rolle. Ich habe hier fünfunddreißig Jahre lang gelebt, kenne die Stadt also sehr gut, und sie ist für mich unendlich faszinierend. Ich habe bereits in einigen meiner Stand Alones über die Stadt geschrieben, aber es war beabsichtigt, dass die Skelfs-Bücher tief in die Psyche der Stadt eindringen würden. Schließlich bekommen Bestattungsunternehmer alle Teile einer Stadt zu sehen, oder? Jeder stirbt, ob reich oder arm. Ich habe mich nie für das touristische Zentrum der Stadt interessiert, sondern mehr für den Geist des Ortes, von der Küste von Portobello bis zu den Hügeln, die die Stadt umgeben. 

Ich frage mich, ob dieser Roman ein Akt der Trauerarbeit ist, über die Tatsache, dass das Leben vergänglich ist …

Es ist sicher richtig, dass dieses Buch – und die Serie im Allgemeinen – wegen der Nähe zum Tod eine Feier des Lebens ist. Das war von Anfang an meine Absicht: Wwenn man dem Tod jeden Tag so nahe ist, denkt man ganz sicher anders über das Leben. In den Büchern geht es um Verbindung – wie wir im Leben miteinander verbunden sind, wie wir mit den Toten verbunden bleiben, wie wir im Angesicht unserer eigenen Sterblichkeit besser leben können.

Also, das Leben feiern? In all seinem Irrwitz und Wahnsinn?

Ja, hundertprozentig! Man fühlt sich nie so lebendig, wie wenn man dem Tod ganz nahe ist. Ich hoffe, dass dieses Buch und die anderen in der Reihe etwas von dieser Lebenskraft, dieser Vitalität, dieser menschlichen Lebendigkeit in all ihrem Wahnsinn und Irrwitz, wie Sie sagten, wiedergeben.

Mit freundlicher Genehmigung des Polar Verlags, Stuttgart d. Red.

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