Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023, News

Über Serienmorde schreiben – Victoria Kielland

Auf die Faszination für Serienmörder*innen scheint Verlass zu sein. Die Norwegerin Victoria Kielland hat aber in ihrem Roman „Meine Männer“ einen hochinteressanten sehr poetischen Ansatz gefunden. – Von Sonja Hartl.

Die Schwarze Witwe des Mittleren Westen, „Hell’s Belle“ oder auch Lady Blaubart sind die Beinahmen von Belle Gunness, die zwischen 1884 und 1908 mehr als 40 Menschen in den USA ermordet hat, bevor sie unter mysteriösen Umständen verschwunden ist. Nun begibt sich die norwegische Autorin Victoria Kielland in „Meine Männer“ auf eine poetische Verständnissuche.

Bevor man sich auf die undurchsichtige, verblüffende und intensive Lektüre von Vicotoria Kiellands „Meine Männer“ einlässt, hilft es, einige Eckdaten des Lebens von Belle Gunness zu kennen: Geboren als Brynhild Størset am 11. November 1859 in Norwegen, wandert sie 1881 zu ihrer älteren Schwester nach Chicago aus und ändert ihren Namen in Bella. Ihr erster Ehemann stirbt unter verdächtigen Umständen. Mit dem Geld seiner Lebensversicherung kauft sich Belle – wie sie sich nun nennt – eine Farm in der Nähe in Indiana und heiratet im April 1902 den Norweger Peder Gunness, der acht Monate stirbt. Fortan nutzt sie Kontaktanzeigen, um weitere norwegische Männer kennenzulernen, lockt sie mit dem Versprechen von Liebe auf ihre Farm, ermordet sie, nimmt ihr Geld an sich, zerstückelt die Leichen und vergräbt die Teile im Garten. Im Jahr 1908 brennt das Farmhaus ab. Vier Leichen werden gefunden, darunter die kopflose Leiche einer Frau, die möglicherweise Belle Gunness ist. Auf dem Grundstück werden die sterblichen Überreste von mindestens weiteren 40 Menschen gefunden.

Die Geschichte von Belle Gunness hat ausreichend Grausamkeiten und Geheimnisse, um True-Crime-Fans zu faszinieren. Die 1985 in Norwegen geborene Victoria Kielland interessiert sich aber vielmehr für das emotionale Leben der Serienmörderin, in das sie mit poetischer, drängender Sprache tief eintaucht. Man stürzt regelrecht kopfüber in dieses Leben voller Wut, Scham, Leidenschaft, Einsamkeit und ekstatischem Glauben, den Willen Gottes zu erfüllen, für das Kielland historische Quellen, Gerüchte und vor allem ihre eigene Imagination nutzt. Schon am Anfang begegnet man der 17-jährigen Magd Brynhild im Jahr 1876 beim Sex, „Gesicht voran ins Kissen gedrückt“. Sie atmet schwer, spürt ihr hämmerndes Herz „ein pulsierendes Muskelbündel im Sonnenuntergang, klopfend rot und glühend heiß“. Sie glaubt, es sei Liebe – aber als der Hoferbe erfährt, dass er sie geschwängert hat, tritt er sie in den Bauch.

Dieser Angriff und die daraus resultierende Fehlgeburt hinterlassen psychologische Wunden, von denen sich Brynhild niemals erholt, daran lässt Kielland lässt keinen Zweifel. Dennoch ist „Meine Männer“ keine forensische psychopathologische Erforschung einer Serienmörderin. Die historische Figur Belle Guness braucht dieses Buch nur als Aufhänger: Kielland versucht Belles geistigen Verfall nicht zu erklären, sondern nachzuempfinden.

Literarisch gelingt ihr das eindrucksvoll: Belles zunehmender Wahnsinn spiegelt sich sprachlich in wiederkehrenden Motiven und Metaphern. Durch die variierende Repetition des Glühens, Bebens, Japsens liest sich dieser Roman wie ein verzweifelter, atemloser Monolog, obwohl er in der dritten Person geschrieben ist. Diese Perspektive wiederum drückt eine innere Distanzierung aus. Sie erlaubt Ellipsen und Undurchsichtigkeiten, verhindert Sensationalismus. Dadurch erzählt „Meine Männer“ davon, wie es, extremen Gefühlen ausgeliefert zu sein – und keinen anderen Ausweg zu finden als Mord.

Victoria Kielland: Meine Männer. Aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger. Tropen Verlag, Stuttgart 2023. 192 Seiten. 22 Euro.

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