Relevant und/ oder innovativ?
Eine Glosse von TW
Manchmal reibt man sich doch verwundert die Augen. Da ist zum Beispiel zu lesen, dass Rachel Kushner mit „See der Schöpfung“ (Rowohlt, Ü: Bettina Abarbananell) den „Spionageroman neu erfindet“, bzw. „den Polit-Thriller neu erfindet“ (SWR); Oder Uketsus „Hen Na E – Seltsame Bilder“ (Lübbe, Ü: Heike Patzschke) wird auf allen Kanälen als „innovativ“ gefeiert.
Nun ist Kushners „See der Schöpfung“ ein sehr guter Roman, ohne Zweifel. Er ist ebenso zweifelsohne weder Spionageroman noch Politthriller, naja, letzteres vielleicht ein klein wenig, aber nicht genug, um ein ganzes, gewaltiges, voluminöses, hundert Jahre altes Genre neu zu erfinden. Nur weil eine Ex-CIA-Agentin eine Umweltaktivistengruppe infiltrieren soll, entsteht kein neuer Typus von Subgenre. Dass die Agentin eine Frau ist, nun ja, davon wimmelt es multimedial und auch, dass große Teile des Buches auf abgehörter E-Kommunikation beruhen, trägt nicht unbedingt zur Neuerfindung bei. Ähnlich liegt der Fall bei Uketsu. „Seltsame Bilder“ ist ein arg konventioneller Whodunit, und noch nicht mal ein besonders guter. Bieder geschrieben, mit allen Untugenden des Subgenres (wer-war-wann-wo und warum?) und mit den handelsüblichen groben Unplausibilitäten – Zwangsfütterung eines Mordopfers, um die Todeszeit zu verschleiern, Skizzen, die schon halb erschlagene Menschen mit einer Hand auf dem Rücken zeichnen und anderer Unfug mehr. Die Innovation, so heißt es, komme daher, dass im Buch Bilder eingefügt, die die geneigte Leserschaft zum Miträtseln – interaktiv also – auffordern sollen. Nun kann man erstens nichts enträtseln, wenn der Autor die dazu nötigen Informationen zurückhält und zweitens sind die Romane aus dem Golden Age Legion, in denen Lageskizzen und ähnliche graphische Gimmicks beigebunden sind. Jetzt kann man sich natürlich über das Marketing mokieren, das dreist auf den Wissensverlust eines vermutet jüngeren Publikums setzt, aber das darf man dem Marketing nicht vorwerfen, das ist sein Beruf. Und dem Publikum darf man nicht vorwerfen, dass es darauf hereinfällt (Profi-Rezensenten allerdings schon ein klein wenig). Jede Generation muss schließlich ihre Leseerfahrungen selbst machen, das ist schon okay so.
Der Hype um „Innovation“ aber sagt mir was anderes: In einer Zeit, in der das Althergebrachte wieder Konjunktur hat – siehe Realpolitik – versucht man zumindest auf ästhetischem Terrain dagegenzuhalten. Ob das lediglich „fresh washing“ ist, könnte man zumindest überlegen. Wenn die Suche nach Neuem sich abbildet als die Feier von Irrelevantem, lediglich Reproduzierten oder höchstens neu Verpacktem, dann kann man schon nachdenklich werden. Man kann aber auch im oberflächlich Alten Qualitäten entdecken, die lediglich das kommunikative Potential des Vertrauten ausnutzen. Sara Paretskys neuer Roman „Wunder Punkt“ (Ariadne, Ü: Else Laudan) ist zwar der mittlerweile 24ste (!) aus der Serie mit V.I Warshawski und keinen Deut anders gestrickt wie „Indemnity Only“ von 1982 (damals Piper, 1986; Ü: Uta Münch), aber der gesellschaftskritisch-feministische Biss von Paretsky hat sich über die Jahre nur verschärft, weswegen „Wunder Punkt“ auch heute funktioniert. Und weil dem PI-Roman der Hammett-Tradition schon immer ein gesellschaftskritischer Impuls eingeschrieben war.
Ähnliches gilt für Stephen King. Sein neuer Roman „Kein Zurück“ (Heyne, Ü: Bernhard Kleinschmidt) ist eine meisterhaft geölte, super routinierte Erzählmaschine, die nirgends auch nur ein Gran Innovation erkennen lässt. Aber der Roman opponiert lautstark gegen bedenkliche Tendenzen in der amerikanischen Politik. Er lässt alle Demontage-Versuche an der weiblichen Selbstbestimmung über den eigenen Körper abprallen und weist Rassismus in die Schranken. Das tun natürlich andere Autorinnen und Autoren auch, sie tun das möglicherweise virtuoser, origineller, besser – aber Stimmen wie die von Stephen King werden gehört. Der Verzicht auf formale Innovation innerhalb von Kings Gesamtwerk bedeutet in diesem Fall ein erhebliches Plus an Kommunikation.

Und jetzt fällt garantiert das böse Wort von der „gesellschaftlichen Relevanz“, die Literatur nun mal zu haben habe. Schon stecken wir im dialektischen Schlamassel. Denn die berühmte gesellschaftliche Relevanz garantiert noch lange keine literarische Qualität. Formale Exaltation per se aber auch nicht, sei sie noch so gesellschaftspolitisch „progressiv“. Das ist für Fans beider Positionen extrem ärgerlich. Und zwischen den Positionen steht wie immer der Markt, ein Faktor, der sich nicht weg beten lässt, und der auch immer eine eigene politische Dimension hat. Und dem man in keinem Fall alles überlassen darf. Sowas endet meistens schlimm.
Also nehmen wir den Ruf nach Neuem und Frischen gerne ernst – und versuchen, diese Dialektik dialektisch zu umgehen. Das bedeutet auch, skeptisch gegen olle Kamellen im neuen Gewand zu sein. Und gegen die im alten Gewand auch.
© 09/2025 Thomas Wörtche
© 09/2025 Thomas Wörtche















