Geschrieben am 1. Oktober 2023 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2023

Sasha Filipenko – „Kremulator“

Buch mit seltener Wucht

Pilot, Weißgardist, Taxi-Fahrer im Pariser Exil. Pjotr Nesterenko hat viel erlebt, doch dem Tod war er immer nah. Als er im Sommer 1941 verhaftet wird, ahnt er nicht nur, was ihm blüht. Er weiß genau, was mit Volksfeinden der Sowjetunion geschieht, hat er doch selbst als Leiter der Moskauer Friedhöfe und des ersten Krematoriums ihre sterblichen Überreste in Asche verwandelt und beseitigt. In seinem neuen Roman erzählt der belarussische Autor Sasha Filipenko vom wechselvollen Leben einer besonderen historischen Figur und zugleich von den perfiden politischen Mechanismen des Riesenreiches, die heute wohl nicht anders sind.   

„Kremulator“ – Filipenkos neuester Streich trägt diesen eigentümlichen Namen – heißt eine Mühle, die Überreste in feine Asche zermahlt. Unweigerlich denkt man im übertragenen Sinn an den Spruch: Ein Staat frisst seine Kinder. Eine Wendung, die zweifellos auch die Zeit des Stalinismus treffend beschreibt. Denn rund 20 Millionen Menschen fielen der Jahrzehnte währenden Herrschaft von Josef Stalin (1887-1953) zum Opfer, darunter auch treue Anhänger, die, aus allen Schichten stammend, diskreditiert und denunziert worden sind, in die gefürchteten Gulags kamen oder hingerichtet wurden.

Filipenkos Held ist ebenfalls Teil diesen menschenverschlingenden Systems. Als Chef der Friedhöfe und Gründer des ersten Krematoriums äschert er nicht nur prominente Schriftsteller wie Wladimir Majakowski und Maxim Gorki ein. Er vernichtet letztlich die Beweise des politischen Terrors. Die Leichen der Hingerichteten sowie deren Hab und Gut werden ihm in der Nacht in unauffälligen Lkw mit Aufschriften wie „Champagner“ angeliefert. Nie hegt er Zweifel an seinem Tun. Er glaubt, ein aufrichtiger sowjetischer Bürger zu sein und seinem Land zu dienen.

Doch der Geheimdienst kennt keine Gnade. Nach der Verhaftung wird er nach Saratow gebracht, wo er sich mehreren Verhören unterziehen muss. Sein unberechenbarer Vernehmer: der junge Perepeliza, der allein in der Biografie seines Gegenübers genug Beweise dafür findet, dass er ein Volksfeind ist. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, das nur einer gewinnen kann. Die Dialoge sind packend und filmreif, die Reflexionen Nesterenkos bewegend.

Filipenko orientiert sich in seinem Roman an der historischen Figur des Pjotr Nesterenko (1886–1942), dessen Lebensbericht einen großen wie spannenden Teil des Romans ausmacht und von dem im Buch auch eine Fotografie zu finden ist. In Rückblenden – in den Gedanken des Protagonisten sowie in den Vernehmungen vermittelt – wird das Leben Nesterenkos Stück für Stück aufgerollt. Er besucht eine Infanterie-Schule für Fahnenjunker in Odessa, wird zum Piloten ausgebildet, steht während der Revolution auf der Seite der Weißen Armee. Er flieht ins Ausland, lebt in der Türkei, in Bulgarien, Serbien und Polen sowie zuletzt in Paris, wo er als Taxi-Fahrer jobbt und auf eine interessante wie ebenfalls historische Figur trifft: den Schriftsteller Gaito Gasdonow (1903-1971), der ein ähnliches Leben auf der Flucht erfuhr und seine Erfahrungen als Taxifahrer in seinem Roman „Nächtliche Wege“ verarbeitet hat. (Meine Besprechung siehe hier.) Seine Werke sind in den vergangenen Jahren erneut veröffentlicht und als Wiederentdeckung gefeiert worden. Mitte der 20er-Jahre kehrt Nesterenko schließlich wieder in sein Heimatland zurück. 

Mit seinem Roman gelingt dem belarussischen Autor in zweifacher Hinsicht ein besonderes Wagnis: Nicht nur führt er Fiktion und reale Vergangenheit auf einzigartige Weise zusammen; Filipenko verwendet unter anderem originale Verhörprotokolle. Zahlreiche Szenen werden von einem schwarzen Humor begleitet, der das Grauen, das den Leser erfasst, verschärft anstatt es abzumildern. Gruselig, wenn in einer Szene beschrieben wird, wie ein menschlicher Körper im Feuer zerfällt, berührend hingegen, als der Held seine große ehemalige Liebe Vera, Schauspielerin und ebenfalls Staatsdienerin, die er nach der Trennung sucht und immer wieder auch in seinen Gedanken anspricht, in einem Leichenberg entdeckt.

Doch die Mechanismen der stalinistischen Diktatur und des Hitler-Regimes, das letztlich genau in jenem Sommer 1941 das Riesenreich im Osten überfallen wird, ähneln sich sehr: Sogenannte Volksfeinde werden schnell erkannt und eliminiert. Scheingerichte sprechen ohne Beweise Todesurteile aus. Dass allerdings in der Sowjetunion Gaswagen zum Einsatz kamen, noch bevor die SS diese im Zuge des Holocaust verwendet, werden wohl wenige wissen. Einmal mehr zeigt sich hier die historische Sachkenntnis des Autors, der, 1984 in Minsk geboren, 2020 Russland verlassen hat, um mit seiner Familie ins Exil in die Schweiz zu gehen.

„Kremulator“ entfesselt trotz seines schmalen Umfangs eine emotionale Wucht, die man selten findet. Eiskalt und wiederum allzu menschlich ist dieser Roman, dessen Lektüre unweigerlich an die Gegenwart denken lässt. Allzu zweideutig erscheint manche Passage. Die historischen Dokumente für sein Buch erhielt Filipenko von der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die Ende 2021 von einem russischen Gericht aufgelöst wurde.

Constanze Matthes – ihre Texte bei uns hier. Ihr Blog trägt den Titel Zeichen und Zeiten

Sasha Filipenko: Kremulator. Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer. Diogenes Verlag, Zürich 2023. Gebunden, 256 Seiten, 25 Euro.

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