Geschrieben am 1. März 2023 von für Crimemag, CrimeMag März 2023, News

Arbeitswelt – Ausbeutung einkalkuliert

Claudia Gehrke, Regina Nössler (Hg.): Konkursbuch 58. Arbeit. Mitarbeit Sigrun Casper. konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2023. Klappenbroschur, 428 Seiten, 16,80 Euro. 

Essays, Sachtexte, Geschichten, Berichte aus dem Leben, Gedichte, Interviews und viele Bilder – das enthält die von konkursbuch-Verlegerin Claudia Gehrke und der Krimiautorin Regina Nössler herausgegebene Anthologie „Arbeit“, gerade als Konkursbuch 58 erschienen. Eine Besprechung von mir hier nebenan in dieser Ausgabe in „nonfiction, kurz“. Und hier als Textauszug die Summe meiner gewerkschaftlichen Begegnungen mit dem Prekären. (Natürlich nur die Scholle eines Eisbergs, aber immerhin.)

Und siehe auch, immer noch nicht veraltet: Fleisch, ein Stück Sklavenkraft. Alf Mayers Reportage über die Fleischmafia, CulturMag Dezember 2014.

Aus meinen Recherchen im Reich des Prekären

Der fassungslose Blick des jungen polnischen Poliers, als wäre sein aus Ersparnissen mühsam aufgebautes Haus gerade direkt neben ihm eingestürzt.
Die beiden vor meinen Augen mit der Kneipentapete verschmelzenden Akademikerinnen, zweifache Doktorin der Literaturwissenschaft die eine, die andere einfache Doktorin, als ich sie frage, ob ich ihre Namen nennen kann.

Die Putzfrau bei der Deutschen Bank, der bei ihrer Entlassung keine Torte hilft, die sie je für einen der Direktoren im 19. Stock gebacken hat.
Der berufsunfähige Lackierergeselle in seinem von der Tante geschenkten kleinen Haus, die Hälfte der Räume zugemauert, weil er sonst für die Erwerbsminderungsrente (eh eingeschränkt) über der Bemessungsgrenze wäre und es verkaufen müsste.

Der trotz Schwerbehinderung zur Arbeit gezwungene Lagerarbeiter, der ein liebevoll ausgestattetes Zimmer für seine Tochter bereithält – wenn sie ihn denn einmal im Jahr besucht.
Der Paketbote, der mit seinen 53 noch ganze zwei Kollegen seines Alter im Verteilzentrum hat. Die andern beiden humpeln nur noch, haben geschwollene Gelenke.

Der schallend lachende Taxifahrer in Dresden, der mich anschaut wie vom Mond bei der Frage, wie viele Prozent der Beschäftigten in Dresden wohl Tariflohn erhalten. „Null“, sagt er. „Hier kann man froh sein, wenn man Mindestlohn hat.“

Prekäre Arbeit habe ich in meinen gut 20 Jahren eigener prekärer Arbeit für „die Gewerkschaften“, über 120 Titelgeschichten dabei, viel gesehen und erlebt. Auch ich selbst war dabei (nur) ein Subunternehmer, nicht direkt beim Auftraggeber beschäftigt, wohl aber dessen Weisung, Gnade und Willkür unterworfen. Meinen im Lauf der Jahre stets schrumpfenden Pauschalpreis pro Seite stellte ich einer Full-Service-Agentur in Rechnung, die – in meinem Fall für die IG BAU (Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt) – bis heute jeden Monat ein druckfertiges Mitgliedermagazin erstellt. „Der Grundstein/ Der Säemann“ heißt das traditionsreiche Blatt, aus den Zeitschriften der Baugewerkschaft IG Bau-Steine-Erden (IG BSE) und der 1996 fusionierten Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft entstanden (GGLF). 1888 erschien „Der Grundstein. Wochenblatt für die deutschen Maurer und diesen verwandten Berufsgenossen“ zum ersten Mal. Aufmacher der Nummer 1 des 1. Jahrgangs war der Leitartikel „Richtige Würdigung der menschlichen Arbeit“. Textauszug:

„Nicht nur unterdrückt, sondern auch grundsätzlich verachtet zu sein, war Jahrtausende hindurch das traurige, aller Gerechtigkeit, Vernunft und Moral Hohn sprechende Loos der Arbeit. Das lehrt die Geschichte. Menschenwürde, Liebe zum Menschen und Achtung der lebendigen, ihn im wirksamen Kraft – die Achtung der Arbeit – haben da keine Geltung, wo das Menschenrecht nichts gilt. Der Sklave des Alterthums, der Leibeigene des Mittelalters war nur eine Sache, ein Vermögensobjekt, das man gebrauchte und mißbrauchte nach Gefallen und Laune…

Daß die Arbeiter selbst ihr eigenes Element, die menschliche Arbeit, sehr wohl zu würdigen wissen, das beweisen sie deutlich genug durch ihr Bemühen, ihr Arbeitseinkommen zu erhöhen, ihre Lebenserhaltung zu verbessern, sich der Unsicherheit der Existenz, der Noth und dem Elend zu entwinden. Wenn sie höheren Lohn, Verkürzung der Arbeitszeit, anständige Behandlung, Schutz und Förderung berechtigter Interessen von Seiten der Gesetzgeber etc. etc. fordern, so fordern sie damit nichts Anderes, als „richtige Würdigung der menschlichen Arbeit“, nämlich die richtige Erkenntnis des Satzes, daß die Arbeit adelt’.“

So viel 1888. Im Jahr 2022 sind wir damit noch kaum einen Deut weiter. 

Nur fünf andere europäische Länder haben einen noch größeren Niedriglohnsektor als Deutschland. Wir liegen damit zwischen Rumänien und Bulgarien. Besser sind Kroatien, Slowenien, Tschechien oder Malta, von den Niederlanden, Spanien, Frankreich, Ungarn, Belgien, Dänemark, Italien oder Portugal zu schweigen. Gut jede und jeder fünfte abhängig Beschäftigte (21 %) in Deutschland arbeitet im Niedriglohnsektor. Der EU-Durchschnitt liegt bei 15,5 Prozent. (Stand der Statistik, die immer ihre Zeit braucht: April 2021.) Damit werden bei uns rund 7,8 Millionen Jobs unterhalb der Niedriglohnschwelle von 12,27 Euro brutto je Stunde entlohnt. Ein Mindestlohn von 12 Euro würde bei über 80 Prozent von ihnen den Verdienst verbessern, das heißt sie verdienen weniger als 12 Euro.

Jeder fünfte Job in Deutschland liegt im Niedriglohnsektor, in den neuen Bundesländern ist es fast jeder dritte. Junge Erwerbstätige kommen über­durch­schnitt­lich häu­fig nur auf Niedriglohn (48,3 % aller abhängig Erwerbstätigen unter 25 Jahren). Besonders viele Niedriglöhner gibt es im Einzelhandel und in der Gastronomie: an Verkaufsständen und auf Märkten (80,5 %), bei Taxi­fah­rer/-in­nen (77,5 %), beim Ausschank von Getränken (76,5 %). Aber auch an Tankstellen (75,6 %), im Obstbau (78,5 %) und der Landwirtschaft gibt es besonders viele Be­schäf­tig­te mit Niedriglohn.

Einer, der dabei besonderen Stolz verspürt (und dessen Arbeitsminister Clemens mit einer Zeitarbeitsfirma reich wurde), ist Gerhard Schröder, der sich 2005 beim World Economic Forum in Davos rühmte: „Wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt. Ich rate allen, die sich damit beschäftigen, sich mit den Gegebenheiten auseinander zu setzen, und nicht nur mit den Berichten über die Gegebenheiten. Deutschland neigt dazu, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, obwohl es das Falscheste ist, was man eigentlich tun kann. Wir haben einen funktionierenden Niedriglohnsektor aufgebaut, und wir haben bei der Unterstützungszahlung Anreize dafür, Arbeit aufzunehmen, sehr stark in den Vordergrund gestellt.“

1995 Jahre erhielten 70 Prozent der Beschäftigen im Westen Tariflohn. Heute sind es unter 50 Prozent. Im Osten hat sich die Tarifbindung fast halbiert. Die Löhne in Ost und West sind mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch nicht angeglichen.

Die Realeinkommen sinken und die Arbeit wird unsicherer. Niedriglöhne beuten die Arbeitskraft aus – und zugleich das Sozialsystem. Leiharbeiter gehen mit deutlich weniger Geld nach Hause als ihre Stammkollegen, „atypische Beschäftigung“ macht 22 Prozent aller Arbeit in Deutschland aus. Das sind 7,7 Millionen Menschen, um die Dimension klar zu machen. Immer mehr Befristungen, Zeitarbeit, geringfügige Beschäftigung, Dumpinglöhne – und am Horizont die zunehmende Altersarmut.

Arbeitsmärkte und Arbeitsverhältnisse wurden in den letzten 20 Jahren immer mehr flexibilisiert. Eine Belohnung für Mobilität und Unsicherheit aber gibt es nicht, statt dessen nur die Angst um den Arbeitsplatz als Zulage. Beschäftigte werden eingeschüchtert, zum Kuschen gebracht. Der Schriftsteller Günter Wallraff spricht von „psychologischer Kriegsführung“ und zählt auf: „Urlaubsgeld, Krankengeld, Rentenzahlungen: alles überflüssige Kosten, der reinste ‚Sozialklimbim’. Nicht einmal Heuern und Feuern ist mehr nötig. Nein, das Menschenmaterial wird einfach zeitnah und konfliktfrei angemietet, wie ein Presslufthammer, eine Hebebühne oder ein Kleinlaster.“ Diese Sätze stehen in Wallraffs Vorwort zu dem erschütternden Buch „Arm durch Arbeit. Ein Undercover-Bericht“ (von 2008), für das sich Autor Markus Breitscheidel eineinhalb Jahre am Existenzlimit durchschlug.

Langjährige Mitarbeiter werden wegen Bagatellen wie Brötchen, Flaschenpfand, Maultaschen oder Essensmarken gefeuert, während Milliarden-Pfuscher hohe Abfindungen erhalten. Die Politik schaut zu, wie Firmen die Minijob-Gesetze ausnutzen, um reguläre Stellen in schlechter bezahlte Job aufzusplitten. Ein Arbeitsleben mit Niedriglohn reicht nicht für die Rente, das wissen alle. Dennoch wird dieser Sektor weiter ausgebaut und der Präsident des Bundesverbands Zeitarbeit darf sich über „neue Rekordzahlen in greifbarer Nähe“ freuen.

Die Mottenkiste des Kapitalismus aus dem 19. Jahrhundert ist wieder geöffnet. Neu sind nur die Namen. Rechtlose Lohnsklaverei heißt heute Flexibilisierung, Scheinselbständigkeit, Leiharbeit oder befristete Beschäftigung. Hungerlöhne liegen neutral im Niedriglohnbereich und die sozial ungeschützten geringfügig Beschäftigten sind Minijobber. Die fast kostenlose Zwangsarbeit von Erwerbslosen klingt harmlos als 1-Euro-Job. Qualifizierte junge Menschen schuften in überlangen, oft unbezahlten sogenannten Praktika. Fast ein Viertel der jungen Erwachsenen lebt mittlerweile unterhalb der Armutsgrenze. Sie können keine Familien gründen, keine Häuser bauen, keine Zukunft planen, für kein Lebensrisiko vorsorgen. Nur noch jede dritte offene Stelle ist heutzutage eine unbefristete Vollzeitstelle (ganze 36 Prozent). Die neuen tollen Namen ändern nichts an der alten Tatsache: Hier wird die Arbeitskraft von Menschen ausgebeutet. Hier werden reguläre, sozial abgesicherte Arbeitsverhältnisse vernichtet – und die Sozialsysteme ausgehöhlt.

In 53 Handwerksberufen wurde 2004 die Meisterpflicht abgeschafft. Seither kann jeder einen Betrieb eröffnen, sogar ohne Ausbildung. Bei den Fliesenlegern zum Beispiel führte das zu einer enormen Wettbewerbsverzerrung. Im Bereich der Handwerkskammer Saarland etwa gibt es jetzt die fünffache Zahl von Fliesenleger-Betrieben. Scheinselbständige als Ein-Mann-Betriebe bilden nicht aus. Ein Handwerk verkommt.

Sich in die Hängematte legen, das kommt für viele Menschen nicht in Frage. Sie kellnern am Abend, tragen frühmorgens Zeitungen aus, fahren als Kurier, jobben als Autowäscher, räumen Supermarktregale ein, haben zwei oder gar drei Putzstellen. Sie schuften und schuften, haben Zweit- und Drittjobs, und trotzdem reicht es vorne und hinten nicht. „Arme Arbeitende“ nennt man sie, in USA „working poor“. Der Verrat an der Arbeit („The Betrayal of Work“) heißt ein 2005 erschienenes Buch von Beth Shulman über den amerikanischen Niedriglohnsektor. Deutschland hat inzwischen mit solchen Verhältnissen gleichgezogen.

Soziales Gewissen bei Regierenden und Wirtschaft, das ist, man muss es sagen, mancherorts schon bis ins Mark angefault. Im Bundestag und im Abgeordnetenhaus zu Berlin wurde (gerichtsnotorisch) zu Skandallöhnen geputzt. Wegen der Beschäftigung von scheinselbständigen Mitarbeitern im Besucherdienst des Bundestages, der Gästen „die Demokratie“ vorführt, musste der Bundesrat im Sommer 2009 an die gesetzliche Sozialversicherung nachzahlen – auf einen Gerichtsbeschluss hin. Die Länderkammer hatte erfolglos gegen eine solche Nachzahlung geklagt.

Prekäre Arbeit, so genau will man das auch bei der Gewerkschaft nicht wissen. Lieber in homöopathischen Dosen. 2005 drehte ich für eine der IG BAU affiliierte Stiftung den Film „Ausbeutung einkalkuliert. Arbeitsmigranten auf dem Bau“. Weltweit gibt es mehr als 200 Millionen Arbeitsmigranten. Um Arbeit zu haben, müssen sie ihr Land und ihre Familie verlassen. Diese Not wird oft skrupellos ausgenutzt. Auch in Europa sind sie ein wichtiger Teil der Wirtschaft. Ihre buchstäblich grenzenlose Ausbeutung hat System. Sie wird auch in Deutschland „billigend in Kauf“ genommen – im wahrsten Sinne. Zum Beispiel in der Bauwirtschaft.

Ich fand, keine 250 Meter Luftlinie vom Bundesvorstand der IG BAU entfernt, Zugang zu einer Containersiedlung mit osteuropäischen Wanderarbeitern, sie waren beim Bau des Riedberg Campus eingesetzt, des neuen naturwissenschaftlichen Bereichs der Goethe Universität Frankfurt. Eine Baustelle des Landes Hessen also. Europaweite Ausschreibung, das günstigste Gebot, das übliche. – Und dann schaute niemand mehr so genau hin.
Ich hatte Verbindungen zur Gewerkschafts-Basis, dahin, wo die Notrufe ankommen. So wusste ich von dem polnischen Polier (siehe ganz oben), der bei Glatteis seinen Mannschaftsbus an eine Mauer gesetzt hatte und jetzt angebliche 5000 Euro Reparatur von seinen 1200 Euro Lohn abgezogen bekommen sollte. So wusste ich von bulgarischen Arbeitern, deren Chef sie (bei der Arbeit kaputt gegangene) Werkzeug ersetzen ließ. Ein Schraubenzieher 100 Euro, ein Hammer 150 und so fort. Sie alle wohnten in jenen Containern, ganz nah bei der gewerkschaftlich so schützenden Hand. Aber sie bekamen keine Hilfe. Ich drehte dort drei Abende lang, sammelte viele Interviews. Erschütternde, illustrative Sachen. Ich versuchte, hochrangige Mitarbeiter des Bundesvorstands in die Container zu bringen, einfach auch, damit man solche Wohnverhältnisse auch einmal aus der Nähe sähe, sich ein paar Geschichten anhören könne. Ich stieß auf eine Wand aus erbarmungslosem Granit. Das sei Basisarbeit und Sache des Kreisverbandes Frankfurt, der sei zuständig. Nicht die Bundesebene.

Als ich meinen fertigen Film vorführte, dem IG BAU Bundesvorsitzenden Klaus Wiesehügel und seinem engsten Beraterstab höchst selbst, herrschte eisiges Schweigen. „Das geht nicht… Das können wir nicht zeigen … Das ist zu depressiv.“ Und, noch falscher: „Da kommt zu wenig Gewerkschaft vor.“ Nun, dort vor Ort, in den Containern, oder im Internet-Café auf dem Wohnheimgelände in Frankfurt-Griesheim – früher zum Baukonzern Philip-Holzmann gehörend, einstmals für 250 Betten ausgelegt, zur Zeit meines Drehs zu horrenden Mieten mit über 700 Wanderarbeitern belegt – war weit und breit nie Gewerkschaft in Sicht. Wie hätte sie also in den Film kommen sollen?

Ich hatte vor Ort gedreht und das für meinen Auftrag gehalten. Etwa die Atmosphäre im Internet-Kiosk in Frankfurt-Griesheim zu dokumentieren, wo in 15 provisorischen Kabinen tränenerstickte Bauarbeiter mit Frau und Kindern videotelefonierten. Wo der Kioskbetreiber, ein bulliger, abgebrühter alter Türke, mir in die Kamera sagte: „Sie müssen das filmen, wie es den Leuten hier geht. Das ist Sklaverei, mitten bei uns in Europa.“

Ich konnte auch beim Zoll drehen – für die Bekämpfung von Schwarzarbeit zuständig, der korrekte Name: Hauptzollamt Darmstadt/ Finanzkontrolle Schwarzarbeit, Standort Wiesbaden. Zolloberamtsrat Claus-Peter Möller hatte dort für mich in einem großen Konferenzraum die Akten eines seit Jahren verfolgten Falls aufgebaut, 260 Ordner an der Zahl: Sub-Sub-Sub-Firmen, Geflechte, deutsche Gesetze zu umgehen, Sozialabgaben zu vermeiden, Beschäftigte auszubeuten. Die „Papierlage“ oft bestens, akkurate Stundenzettel, nie Überstunden, Lohnquittungen, blanko unterschrieben, Anwaltskanzleien darauf spezialisiert, für eine saubere Fassade zu sorgen. „Wir haben es klar mit organisierter Kriminalität zu tun“, sagte mir Herr Möller ins Mikrofon. (Der für mich dokumentierte Fall betraf ebenfalls eine Landes-Baustelle.)

Menschenverachtung lässt sich steigern, lernte ich bei Wolfgang Leihner-Weygandt vom Staatlichen Arbeits- und Gesundheitsschutz im Regierungspräsidium Darmstadt. Er erzählte mir, wie Arbeitsunfälle verschleiert und vertuscht werden, wie Verletzte schnell außer Landes, zurück nach Polen oder Rumänien gebracht werden, oder man sie im Wald verbluten lässt – nur auf jeden Fall schnell weg von der Baustelle, die sonst tagelang stillgelegt würde. Der besonnene Arbeitsschützer, schon viel gesehen, sagt in die Kamera: „Für die Ausbeutung gehen die auch über Leichen.“

Am vierten Abend, als ich mit Kameramann Bahman Kormi, Tonfrau Britta Kasten und Übersetzer Mihai Balan wieder in den Container am Riedberg kam, war der polnische Polier weg. Er hätte am nächsten Morgen von einem Team für „frontal“ (ZDF) interviewt werden sollen. „Besser, du raus… weg du“, sagte mir einer der Arbeiter. Andere, die uns noch am Abend zuvor ihre Geschichten erzählt hatten, sahen durch uns durch oder zu Boden. Niemand wollte mehr mit uns reden. Schotten dicht. Es war nicht zum ersten Mal während meiner Recherchen, dass irgendein Spitzel gesungen, irgendein Informant sich einen Zwanziger verdient hatte, indem er Kollegen verpfiff, die mit Journalisten oder Gewerkschaftern geredet hatten. Das mit Piotr ist jetzt 17 Jahre her, ich denke immer mal wieder an ihn. Es belastet mich.

P.S. Mein Film bekam drei zusätzliche Auftritte („Statements“) verpasst: einen IG BAU-Regionalleiter, den Leiter der Abteilung Internationales, einen Gewerkschaftssekretär. Natürlich fielen dafür O-Töne und Bilder heraus. Gemessen an den Reaktionen beim Gewerkschaftstag war der Film immer noch zu depressiv. So genau will man es auch dort nicht wissen. 

P.P.S. Zwölf Jahre später, 2017, stieg ich für den DGB noch einmal tief ins Prekäre. Für ein „Schwarzbuch Rente mit 70“ hatte ich vorgeschlagen, Beschäftigte zwischen 40 und 50 zu interviewen, des Alters also, in dem die Knochen anfangen, den Verschleiß zu spüren und es noch ewig weit zur Rente ist. Erst Recht zu einer mit 70. So entstanden insgesamt 50 „Porträts aus der Arbeitswelt“, quer durch die Republik und quer durch die Arbeitswelt. Hier traf ich die Putzfrau Maria Watt, den Paketboten Harry Schäfer, den Staplerfahrer Ralf Klose, den Malergesellen und Frührentner Waldemar Emmerich in seinem zugemauerten Haus (siehe oben) und die Sprachlehrerin Dr. Antonia S. von der VHS Stuttgart. Mein Anspruch war es, alle meine Interviewpartner mit Namen und Bild ins Buch zu bringen. Die zwei VHS-Mitarbeiterinnen (eine wurde von mir ganz und gar unsichtbar gemacht) waren die einzigen, die es nicht wagten, mit Namen für die Schilderung ihrer Arbeitsverhältnisse einzustehen. Zu groß erschien ihnen das Risiko, keinen neuen befristeten Vertrag zu erhalten. 

Weil ich im Bereich aller DGB-Gewerkschaften recherchiert hatte, war meine Erwartung eigentlich, dass einige Porträts nachgedruckt würden. Reaktion der Chefredakteure der Gewerkschaftsmagazine auf das Buch aber: Null. Bei ver.di und der IG Metall gab es eine Besprechung unter ferner liefen. Auf dem Buchtitel „Rente mit 70. Ein Schwarzbuch“ (Ch. Links Verlag, 2017) stehen drei Namen. Die der Herausgeberin/ Herausgeber, alle im DGB-Bundesvorstand. Ihr gemeinsames Vorwort umfasst sieben Seiten. Meine insgesamt 50 Arbeitswelt-Porträts machen 166 Seiten aus. Aber, so ist das als prekär beschäftigter Freier, für den Namen auf dem Buchtitel reicht das nicht.

P.P.P.S. Keine Satire, sondern Realität. Eine Pressemitteilung der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) vom Februar 2023:

33 Jahre nach Wiedervereinigung: Löhne und Gehälter in der Landwirtschaft in Ost und West gleich

Teilweise über 25 Prozent Entgelterhöhungen in den östlichen Bundesländern / 350 Euro Inflationsprämie

Frankfurt am Main – Der Durchbruch ist da, im Osten der Republik werden in der Landwirtschaft künftig die gleichen Löhne und Gehälter bezahlt wie im Westen. Und dies sogar rückwirkend ab 1. Oktober 2022. Ein Facharbeiter, eine Facharbeiterin erhält danach 14,50 Euro die Stunde, der Meister, die Meisterin 16,50 Euro. Darauf haben sich die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) und die Landesverbände-Ost des Gesamtverbandes der deutschen Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA) in Teltow verständigt. „Das wurde jetzt aber auch langsam Zeit, 33 Jahre nach der Wiedervereinigung haben wir endlich gleiches Einkommen in Ost und West für die Beschäftigten in der Landwirtschaft. Was zuvor schon immer gleich war, ist die Arbeit, hüben wie drüben. Deshalb ist der Abschluss überfällig“, sagt Harald Schaum, stellvertretender Bundesvorsitzender der IG BAU und zuständig für die „grünen Berufe“.

Für die einzelnen Ost-Bundesländer bedeutet der Abschluss großenteils heftige Lohn-Sprünge nach oben. So wurde das Einkommen in Sachsen-Anhalt um 27,7 Prozent erhöht, in Thüringen um 22,7, in Brandenburg und Berlin um 21,4, in Sachsen um 21,2 und in Mecklenburg-Vorpommern um 9 Prozent. Zusätzlich wird den Beschäftigten eine Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 350 Euro auf ihr Konto überwiesen. Auszubildende bekommen im dritten Lehrjahr jetzt 1.000 Euro, damit wurden die Ausbildungsvergütungen im Osten im Schnitt um 25 Prozent angehoben. „Auch diese enormen Einkommenssteigerungen können sich sehen lassen, belasten doch die hohe Inflation und die stark gestiegenen Energiekosten die Haushalte der Familien über Gebühr. Damit können wir sie nicht alleine lassen“, sagt Schaum. 

Im Osten Deutschlands sind rund 74.500 Frauen und Männer in der Landwirtschaft beschäftigt, in Gesamtdeutschland etwa eine Viertelmillion. Der neue Tarifvertrag läuft am 31. Dezember dieses Jahres aus. 

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