Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Reading ahead (25): Jochen Brunow und „Die Chinesin“

Beckmann trägt – Eine neue Figur etabliert sich

Alf Mayer über den zweiten Roman von Jochen Brunow

„Einmal in ihrem Flussbett eingeschlossen, läuft die Geschichte Gefahr, darin zu versickern, wenn man nicht zulässt, dass sich ihre Zeit nach außen hin verlängert, dorthin, wo wir, die Protagonisten aller Geschichten, leben. Wo nichts abgeschlossen ist.“ (Michelangelo Antonioni; als Motto in „Die Chinesin“)

Das hatte ich in meinen 45 Kritikerjahren so auch noch nicht: schon gleich wieder so viel Magnetismus, dass ich das neue, noch gar nicht erschienene Buch eines Autors unbedingt schnellstmöglich besprechen will. Letzten Monat porträtierte ich hier Jochen Brunow und sein Debüt „Verdeckte Spuren“: Der Raum stets mehr als nur der Ort der Handlung. Jetzt also Band 2 seiner Trilogie; er heißt „Die Chinesin“. Ich konnte ihn vorab lesen.

An den frühpensionierten Polizisten Gerhard Beckmann kann man sich gewöhnen, das zeigt das zweite Buch mit ihm. Oft ist das ja der schwierigste Roman. Jochen Brunow erweist sich erneut als Erzähler mit poetischem Mehrwert, dem man gerne folgt. Sardinien, sonnenflimmernd im Herbst entsteht vor uns so plastisch dass man es zu riechen meint. Aber auch in Berlin führt das Buch an unbekannte Ecken. Der Raum ist bei Jochen Brunow wirklich stets mehr als nur der Ort der Handlung. Raum haben auch seine Figuren: Beckmann, wie er allmählich in die Balance kommt. Oder die Chinesin Xia, mit der scharfkantiges Licht auf die allgegenwärtige Präsenz der Weltmacht fällt. Das ist Kriminalliteratur, poetisch und politisch, geerdet und beflügelt. Diese Lektüre lässt den eigenen Atem spüren.

Kein „second book syndrom“. In „Die Chinesin“ sind wir sogleich umstandslos mit Gerhard Beckmann in seinem klapprigen Range Rover auf Sardinien, seiner zweiten Heimat, unterwegs. Der Schirokko rüttelt übellaunig an der Karosserie, die feuchte Glut des Fahrtwinds ist schweißtreibend, die Mineralwasserflasche auf dem Beifahrersitz schon lange leer.

„Die Hitze in den Bergen von Sardinien kann Bilder erzeugen. Sie lässt die Luft flirren, sodass sie einem Wanderer wie eine Substanz erscheint, ein Äther, in dem sich wie auf einer Leinwand Trugbilder manifestieren. Von diesen Phantasien erzählen die janas der Sarden, Geschichten und Märchen von zierlichen Feen, bösen Hexen und den Geistern Verstorbener, die in Höhlen hausen. Auf seinen Touren durch das Inselinnere hatte Beckmann schon einige mysteriöse Erdlöcher entdeckt, die in unterirdische Welten führten mit Wänden voller magischer roter Symbole. Domus de janas nannten die Sarden diese Höhlen, die Archäologen als unterirdische Grabstätten einer vornuraghischen Zivilisation aus der Zeit von 3000 Jahren vor Christus identifiziert hatten.“

Außer einigen Lastwagen gibt es kaum Verkehr auf der SS 131. Beckmann ist unterwegs zu einem bronzezeitlichen Brunnenheiligtum, dazu war er bisher noch nie gekommen. In der spätsommerlichen Sonnenglut wandert er durchs Gebüsch. Zu den Spannungsbögen bei Jochen Brunow gehört, dass eine alltägliche Situation/ eine ganz normale Handlung/ eine kleine geschilderte Episode plötzlich Aufladung und Tiefe erhält und damit den Roman-Innenraum erhellt, die Welt, in der wir uns mit den Protagonisten bewegen. „Sans Soleil“ hieß 1982 der Film von Chris Marker, voller Alltagsbilder aus Japan, der seine Zuschauer durch den Kommentar in eine neue Wahrnehmungs-Dimension katapultierte. Jochen Brunow, der diese Methode „kristallisierter Einzelmomente“ (Fritz Göttler über „Sans Soleil“) für sich als Romanerzähler verfeinert hat, schrieb damals dazu:

Sans soleil setzt auf die analytische Kraft der Bilder, auf die Errettung der äußeren Wirklichkeit. Der Film schafft dies, indem er die große Bilderflut, die numerische Vervielfachung der existierenden Bilder und die Zersetzung ihrer Abbildfunktion durch die elektronische Bearbeitung im Computer, in den Körper des Films selbst hineinholt.“

Doch zurück zu Beckmann in der sardischen Macchia:

Wieso hatte er sich so erschrocken? Er glaubte, die schwarze gespaltene Zunge der Schlange gesehen zu haben, den Glanz in ihren kleinen schwarzen, lidlosen Augen. Wie konnte er sich so täuschen? In einem Beitrag über die menschliche Wahrnehmung hatte er gelesen, dass das Auge die Realität nicht einfach spiegle, sondern das Sehen ein geistiger Akt sei. Weshalb es auch zwei Arten von Blindheit gäbe, retinale Blindheit, bei der das Auge erkrankt ist, und kortikale Blindheit, die auf einer Schädigung des Gehirns beruht. Beckmann beruhigte sich mit dem Gedanken, zumindest seine Reflexe seien immerhin noch ganz in Ordnung.

Der frühere Filmkritiker Jochen Brunow, Mitherausgeber der Zeitschrift „Filme – Neues und Altes vom Kino“ (13 Ausgaben zwischen 1980 und 1982), Drehbuchautor dann von Rudolf Thome und Dozent fürs Drehbuchschreiben, weiß um das Erzählen, weiß ums Sehen, weiß um die Richtung des Blicks. Und dass das Auge nur sieht, was es weiß (Max Slevogt).

Eine, nein: die eine Wahrnehmungserweiterung des Romans ist die Präsenz und Allgegenwärtigkeit von China in unserer europäischen Welt. Unter jedem Stein, wenn man ihn umdreht, dekliniert das Buch durch, schaut ein Stück China heraus. Am Beispiel der Insel Sardinien wird das besonders sinnfällig. Zuerst ist es eine Migrantin am Strand, „die Chinesin“, die Beckmann unter all den Handtaschen- und Fake-Produkt-Verkäufern auffällt. Dann ein „Schilfjunge“, Gruppen von Landsleuten, Lagerhallen, Industriebrachen, Glückspiel, illegale Turniere, Organisierte Kriminalität, chinesische Chemikalien, mit denen sich ,Badesalze‘ und andere synthetische Drogen herstellen lassen, eine Handelsdelegation, Touristen und Investoren, Pläne für eine Smart City auf Sardinien, zur Übernahme ganzer Häfen oder zur Transformation ehemaliger Militärstützpunkte als eigene Brückenköpfe. Immer mehr Romanpersonal, die Leiche einer verstümmelten chinesischen Frau, Ermittlungen, Einblicke in die Welt der Triaden und ihre Verknüpfungen mit der wirtschaftlichen Expansion der chinesischen Großmacht, die europäische Angst, es sich mit China nicht zu verderben, und auch die generelle Indifferenz diesem Thema gegenüber…

Xia, die Chinesin, „war eines Tages unter den vielen Migranten, die ihre Dienste am Strand von Porto Taverna anboten, aufgetaucht wie eine Er­scheinung, wie ein schönes Phantom. Sie war nicht groß, ihre zierliche Gestalt wirkte fest, stabil, auf seltsame Weise unzer­störbar.“ Ihre große Sonnenbrille wirkt wie aus der Zeit gefallen.Einmal blickt sich Beckmann über die eigene Schulter, sucht im Spiegel die Stelle, auf die ihn die Chinesin  bei ihrer Strandmassage hingewiesen hat. Unter ihren Händen kam es ihm vor, als würde sie seinen Körper lesen. Da sei eine Stelle …

„Schlecht. Doktor gehen.“
Ihr Finger kreiste einen Punkt auf seinem Rücken ein. Er verstand nicht, was sie meinte, aber sie beharrte darauf, da sei etwas „krank“ an seinem Rücken, genau zwischen den Schulterblättern.
„Sonne zu viel.“

Beckmann muss an Peter Lorre denken, wie er in Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ im Schaufenster „versucht, das Kreidemal auf seinem Rücken zu erkennen, als er sich krümmt und windet wie ein Wurm“. Das Melanom bringt Beckmann mit der Ärztin Leonie zusammen, mit der sich eine Affäre und damit auch ein neuer Blick auf Sardinien und auf seinen eigenen Gefühlshaushalt als Witwer entwickelt. Die Liebesgeschichte ist intensiv, aber auch melancholisch. Die Warnung „hic sunt leones“ hat ihre Berechtigung. Der Filmautor Brunow lässt seinen Protagonisten Beckmann an die Antonioni-Schauspielerin Monika Vitti denken – „die traurige Nomadin der verlorenen Liebe“.

Immer wieder, aber nicht zu viel, flackern solche filmischen Reminiszenzen auf. Szenen, Räume, Gefühle, Bilder, die wir aus dem Kino kennen und ihm für immer zuschreiben. Industriebrachen etwa dem „Stalker“ von Tarkowski, die Einsicht „Ein Fisch sollte besser im Meer, ein Mann in der Sonne bleiben“ natürlich Alexis Sorbas. Aber auch Kafkas Strafkolonie findet ihren Platz, oder eine sagenhafte Pho-Suppe in Berlin. Überhaupt Berlin. Die Kellerbar im Hotel Ellington in der Nürnberger Straße, die chinesische Botschaft im einstigen Domizil des FDGB, illegale chinesische Polizeistationen. Beckmann, den wir mit diesem zweiten Roman mehr als lieb gewinnen, eignet sich in diesem Buch die Welt neu an. Kommt etwas mehr ins Lot. Und auch der Land Rover klappert am Ende nicht mehr.

Alf Mayer

Besprechung bei uns im November 2023

Jochen Brunow: Die Chinesin. Manuskript, November 2023. 238 Seiten.

Reading ahead mit CrimeMag:
(24): „Orphan Road“ von Andrew Nette
(23) John Byron: The Tribute
(22) Andrew Nette & Iain McIntyre: Dangerous Visions and New WorldsRadical Science Fiction 1950 to 1985
(21) Adam Morris: Bird
(20) David Whish-Wilson: True West
(19) Andrew Nette and Iain McIntyre (ed): Sticking it to The Man: Revolution and Counterculture in Pulp and Popular Fiction, 1950 to 1980
(18) David Whish-Wilson: The Coves
(17) Rachel Kushner: The Mars Room
(16) Stephen Greenblatt: Tyrant
(15) John Harvey: Body & Soul
(14) Iain McIntyre and Andrew Nette: Girl Gangs, Biker Boys and Real Cool Cats: Pulp Fiction and Youth Culture, 1950-1980
(13) The Illustrated Ross Macdonald Archives
(12) Peter Blauner: Proving Ground
(11) Mike Ripley: Kiss Kiss Bang Bang
(10) Stephen Hunter: G-Man
(9) James Ellroys Fotoband: LAPD ’53
(8) Richard Price: The Whites
(7) Dominique Manotti: Noir
(6) Chuck Logan: Falling Angel
(5) Tod Goldberg: Gangsterland
(4) Gerald Seymour – ein Porträt
(3) Donald E. Westlake: The Getaway-Car
(2) Garry Disher: Bitter Wash Road
(1) Lee Child: Personal

Sowie:
Liebe und Terror im Goldenen Zeitalter der Flugzeugentführungen: Brendan I. Koerner: The Skies belong to Us (2013)
Kem Nunn: Chance (2013)
R. J. Ellory: A Quiet Belief in Angels (2012)
Lee Child: Jack Reacher’s Rules (2012)
Charles Bowden: 
Murder City: Ciudad Juárez and the Global Economy’s New Killing Ground (2010)

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