Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

non fiction, kurz – Sachbücher, Dezember 2023

Sachbücher, besprochen von Gerhard Beckmann (geb), Joachim Feldmann (JF) und Alf Mayer:

Daron Aceemoglu, Simon Johnson: Macht und Fortschritt
Wolfgang Behringer: Der Große Aufbruch. Globalgeschichte der frühen Neuzeit
TEXT+KRITIK: Gerhard Henschel
Peter Turchin: Endtimes. Elites, Counter-Elites and the Path of Political Disintegration

Stets einen komischen Mehrwert erzeugen

(JF) Gerhard Henschel nimmt es genau. Nachlässigkeiten werden nicht geduldet. Vor allem, wenn es um Quellentreue geht. Leider könne man dem Verfasser nicht trauen, heißt es beispielsweise in seiner Besprechung von Tilman Spreckelsens Biografie des Autors Otfried Preußler (in „konkret“ 11/2023). Denn in dieser würden Zitate aus Briefen und Sekundärliteratur fälschlich in neuer Rechtschreibung wiedergegeben. Ein Ärgernis, fürwahr, und wem außer Gerhard Henschel wäre es aufgefallen?

Deshalb verlassen wir uns gerne auf ihn, wenn er als Chronist nicht nur in eigener Sache auftritt. Denn seine inzwischen neun dickleibige Bände umfassende „Martin-Schlosser-Chronik“ erzählt von den Jahren, die wir zu kennen meinen. Schließlich waren wir auch dabei, haben aber leider so manches vergessen. Henschel erinnert sich für uns, unterstützt von seinem gigantischen Archiv. Mit dem gerade modernen Begriff Autofiktion ist diesem großartigen Werk kaum beizukommen. Denn fiktiv ist hier wahrscheinlich wenig. Die ästhetische Leistung besteht in der Organisation des Materials. Und wir dürfen sicher sein, dass Henschel hier äußerst penibel vorgeht. 

Dass dieser vielseitige Autor nun vermehrt die Aufmerksamkeit der Literaturwissenschaft auf sich zieht, ist ebenso verständlich wie erfreulich. In Heft 240 der Zeitschrift TEXT+KRITIK finden sich Untersuchungen zu Henschels Schreibprinzip, seinen parodistischen Fähigkeiten und literarischen Vorbildern und Verwandten. Auf die meisten Fußnoten (78!) bringt es ein amüsanter Aufsatz des Filmemachers Wenzel Storch, ohne dem Geheimnis von Henschels immenser literarischer Produktivität auf die Spur zu kommen. Aber das ist auch in Ordnung so.

Das Heft schließt mit einer Auswahlbibliografie, in der sich eine gute Nachricht für die Martin-Schlosser-Gemeinde verbirgt. Im kommenden Jahr erscheint mit dem „Schelmenroman“ Band 10.

TEXT+KRITIK, Nr. 240: Gerhard Henschel. edition text + kritik, München 2023. 100 Seiten, kartoniert, 28 Euro.

Geschichte – ein einziger Appell zur Entmachtung der Technologie-Oligarchen

(geb) Gott sei Dank, dass es die Short Cuts bei CulturMag gibt. Denn vor knapp zwei Wochen kam es in Silicon Valley zu dem Jahrtausender von Sensation, von dem die Buchbranche träumt. Doch die BüchermacherInnen, die jammern, die große weite Welt galoppiere acht- und lieblos an ihnen vorbei, hat nicht mal dieser Mega-Gong aus dem Dornnröschenschlaf wachküssen und für ein einschlägiges Jahrhundertbuch an die Werbetrommeln treiben können. 

Es ist eine geradezu urkomisch typische Geschichte unserer Zeit. In der Sache geht es um eine neue Art von Hochtechnologie, die Medien, Politik und Wirtschaft seit Beginn des Jahres schier verrückt macht: um Künstliche Intelligenz. Sie stellt das Thema in den Raum, das all jene mit neuer Hoffnung erfüllt, die angesichts der Problem-Akkumulation, welche die natürliche Intelligenz überfordert, endzeitlich gestimmt sind. Hoffnungsträger sind geniale Programmierer. Sie gründen 2015 ein „non profit“-Unternehmen – „ein wissenschaftliches Forschungslabor zur Entwicklung von artificial general intelligence (AGI), die sämtliche Formen und Funktionen menschlichen Denkens übernehmen bzw. übertreffen kann“. Und es sind Gutmenschen, wie sie im Buche stehen: Sie handeln moralisch. Ihr Labor bekommt eine Organisationsform, die über alle menschliche Vernunft geht. Es wird nicht Aktionärsinteressen dienen, sondern ganz in den Dienst „der Menschheit“ gestellt werden, wie der Economist vom 25. November schreibt. (In diesem englischen Wochenmagazin ist die klarste Berichterstattung über den Fall und seine Hintergründe zu finden.) Darum wird sein Management der Allmacht und Hoheit eines Aufsichts- bzw. Verwaltungs- rats unterstellt. Und es kommt genau so, wie  Max Weber und seine Kalvinisten-Kapitalisten-Freunde erwartet hätten: Das gute OpenA1 wird himmlisch belohnt. Es wird Wachstumswunderkind mit Kurs – nur sieben Jahre nach Gründung – auf 90 Milliarden US-DollarBörsenwert.

Bis zu der eingangs erwähnten Schocksensation vom 19. bis 22. November: Als der Aufsichtsrat der OpenA1-gegen die Interessen der Aktionäre für das Wohl der Menschheit einschritt und das Team der Programmierer kapitalistische Interessen gegen die Menschheit durchsetzten. Genau davor aber hatten zwei Monate zuvor die berühmten Ökonomie-und Management-Professoren Daron Acemoglu und Simon Johnson vom M.I.T. in dem atemberaubend spannenden Macht und Fortschritt Buch gewarnt. Es offenbart erstmals, über tausend Jahre, die ganze  Wahrheit der Geschichte. Es kommt einem Appell zur Entmachtung der Technologie-Oligarchen gleich.

So erweist sich die Propaganda der Technologen als hemmungsloses Eigenlob und nahezu regulär als Lüge. Und „der Enthusiasmus von Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaftlern für technischen Fortschritt, ihre Vernachlässigung des Menschen ins Unglück stürzenden Potentials von Macht entpuppt sich als hirnlos“ – so Sir Arthur Deaton, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2015. Der Harvard-Gelehrte Michael J. Sandel resümiert: „Technologie  stellt unsere Welt ins Aus, indem sie Arbeit automatisiert, soziale Ungleichheit fördert, Werkzeuge zur Überwachung und Fehlinformation liefert und so die Demokratie gefährdet. Acemoglu und Johnson aber belegen, dass all das nicht unabänderlich ist.“ Und der November-Skandal um OpenAI dokumentiert, wie The Economist zu Recht folgert, dass es einem Technologie-Konzern selbst bei bestem Willen nicht möglich wäre,  sich als Sachwalter in kapitalen Fragen der Menschheit und Menschlichkeit zu bewähren, wenn es Kapitalfragen betrifft. 

Daron Aceemoglu, Simon Johnson: Macht und Fortschritt: Unser tausendjähriges Ringen um Technologie und Wohlstand (Power and Progress: Our Thousand-Year Struggle Over Technology and Prosperity, 2023). Aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Thorsten Schmidt. Campus, Frankfurt 2023. 560 Seiten, 34 Euro. 

Warum und wie es zu einer  Renaissance der Geschichtsschreibung kommen müsste – und könnte 

(geb) Es sollte uns als Sonderironie der Weltgeschichte präsent sein, dass das Studium der Geschichte an den Universitäten ab 1945 zu einer Massendisziplin geworden ist, nachdem das Bewusstsein der Kontiniuität des Lebens im eigenen Land, Kulturraum, Volk, Staat und  Kontinent in Folge der beiden Weltkriege verschütt gegangen war. Man hat offenbar wirklich geglaubt, durch akademische Bildung und Unterweisung den Boden ersetzen zu können, der uns durch den „Verlust der Geschichte“ entzogen worden war – um diese kulturelle Katastrophe des 20. Jahrhunderts mit dem Titel des berühmten Essays (1959) meines konvervativen Göttinger Lehrers, des Althistorikers Alfred Heuss auf einen prägnanten Nenner zu bringen. 

Mittlerweile wird eine zweite, weniger feine Ironie greifbar. Die wundersame Mehrung der fachhistorischen Betriebsamkeit hat nicht nur nicht zur Rückkehr des verlorenen Geschichtsbewusstseins geführt. Sie hat zudem einen beinahe totalen Ausfall historischen Wissens mit sich gebracht. Unsere Spezies, die sich vor hundert Jahren noch als historisches Wesen und zumindest geistige Krönung von Schöpfung oder Evolution verstand, scheint heute überzeugt, ihre Vergangenheit nicht kennen zu müssen, weil es aus der Geschichte nichts zu lernen gibt. 

Der Anruf eines Freundes, der zu den erfahrensten und erfolgreichsten medialen Geschichtsvermittlern des Landes zählt, hat nun ein peinliches Moment dieser Entwicklung ins Licht gerückt. Die moderne Historiographie ist offenbar eine Art Industrie mit zu vielen Managern, Ingenieuren und  Facharbeitern und viel zu wenigen Karrierechancen geworden. Drum werden – mit dem bangen Tunnelblick unsicherer Kantonisten  – Unmengen von Büchern und Papers im Stil von Bewerbungsunterlagen produziert, die ansonsten nutz-, reiz–und wirkungslos bleiben. Ich gebe hier freilich bloß ein privates Gespräch wieder. 

Zum Handwerk des Historikers gehört seit jeher die Kunst des Erzählens. „Geschichte lebt davon, dass sie auch Literatur ist und weitererzählt werden kann“, sagte mein Freund am Telefon. „Die nächste Generation wird sich fassungslos fragen, was so viele von uns getrieben hat, in einer total luftleeren Blase mit dem endlosen Schreiben von verschrobener Prosa weiterzumachen“, monierte der Anthropologe René Girard bereits 1993. Aktuell warnt Peter Turchin mit Endtimes gleichfalls vor dem Buch- und Medienzirkus mit Thesen-, Theorien- und Debatten-Titeln: „Die Arbeit  und Methodik solcher Autoren ist generell  nutz- und wertlos.“ Warum wir unbedingt eine neue Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung sowie ein scharfes Bewusstsein unserer Geschichte brauchen, das legt Peter Turchin in seinem jüngsten Buch konkret und anschaulich überzeugend dar. Ebenso konstruktiv stellt er das einladende Programm vor, das er seit Jahren systematisch vorantreibt – mitsamt so überraschenden belastbaren Erkenntnissen, dass die Lektüre Freude und Hoffnung auf eine endlich politisch und sozial pro-aktive fröhliche Wissenschaft macht. Im übrigen arbeitet der renommierte emeritierte US-Professor inzwischen in unserer Nähe. Er leitet den Complexity Science Hub in Wien.

Peter Turchin: Endtimes. Elites, Counter-Elites and the Path of Political Disintegration. Allen Lane, London, 2023. 352 Seiten, GBP 25.

Eine Frage des Blicks

(AM) Als Wolfgang Behringer, Jahrgang 1956, Geschichte studierte, gab es Globalgeschichte noch an keiner Universität. Die Geschichtswissenschaft hatte den Fokus auf Nationalgeschichte. 20 Jahre später wurde Behringer an die britische University of York berufen, recherchierte zum Thema Hexenverfolgung, konnte Suchmaschinen nutzen, die es an deutschen Hochschulen noch nicht gab und weltweit auf digitalisierte Fachzeitschriften zugreifen. Bei seinen Suchanfragen erhielt er ständig Treffer aus Afrika, Nord- und Südamerika, Südostasien und Ozeanien. Anfangs las er aus Neugier, dann begann er Ähnlichkeiten zu seinem europäischen Forschungsfeld zu erkennen. So wurde aus einer geplanten europäischen Geschichte „A Global History“. Wie kein anderer Historiker prägte er so das Bild der frühneuzeitlichen Hexenforschung.

Aus einer Auftragsforschung – einer Festschrift zum 500. Jahrestag der Gründung des ersten Postunternehmens im Heiligen Römischen Reich für das Familienunternehmen Thurn und Taxis – erwuchs Behringers Habilitation über die frühneuzeitliche Reichspost und der ihr ermöglichten Kommunikationsbeschleunigung. Spätere Medien (Eisenbahn, Autobahnsystem, Flugverkehrsnetz, Telefon, Kabelnetz und Internet), so fand er heraus, bauten strukturell und bis ins organisatorische Detail hinein auf eben jenen Mustern auf, die in der Frühen Neuzeit durch das Netzwerk des Postwesens generiert wurden. Dieses frühe Kommunikationswesen prägte die westliche Zeit- und Raumauffassung maßgeblich mit und war ein solcher Modernisierungsschub, dass seine Innovationen im Zuge der Globalisierung von allen Staaten übernommen werden mussten. Für seine „Kulturgeschichte des Klimas“ (2010) war sein globaler Blick also bereits bestens geübt.

Und nun – länger angekündigt, mehrfach verschoben – sein Opus Magnum: Der Große Aufbruch. Globalgeschichte der frühen Neuzeit. Tausend Seiten stark plus 300 Seiten Apparat. Behringer entfaltet ein weltumspannendes Panorama der Frühen Neuzeit, das die Entwicklungen aus der Perspektive aller beteiligten Kulturen schildert und dadurch ein ganz neues Bild dieser Zeit präsentiert. Er beschreibt globale Ereignisse, die den Gang der Weltgeschichte veränderten, globale Orte, die Knotenpunkte des Austauschs bildeten, globale Themen und Strukturen wie Kolonialismus und Rassismus, dies immer nah an einzelnen Menschen und der von ihnen erlebten oder gestalteten Geschichte. Das ist anschauliche, sinnliche Wissenschaft. „History has all the best stories, which fiction can never excell“, dieses Zitat seines Kollegen Fernández-Armesto stellt er dem Buch als Motto voran. Und im Nachwort betont er: „Ich kann versichern, dass man den Auftritt des letzten May-Königs Kan Ek anders schätzt, wenn man den Petén-Itzá-See selbst befahren hat.“

Wolfgang Behringer: Der Große Aufbruch. Globalgeschichte der frühen Neuzeit. Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung. C.H. Beck, München 2023. Mit 119 Abbildungen, davon 36 in Farbe, sowie 35 Karten und Graphiken. 1320 Seiten, 48 Euro.

Tags : , , , , ,