Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Klytemnästra – Urtyp der mordenden Frau

Costanza Casati: Klytämnestra (Clytemnestra, 2023). Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt. Goldmann Verlag. München 2023. Hardcover, 554 Seiten, 25 Euro. 

(AM) Noch 2012 fragte eine wissenschaftliche Arbeit: „Die übelste aller Frauen?“ Verena Vogel-Ehrensperger untersuchte darin in der Zeitschrift „Klio. Beiträge zur Alten Geschichte“ (Band 100, Heft 2) „Klytaimestra in Texten von Homer bis Aischylos und Pindar“. Die Tochter des Spartanerkönigs Tyndareos und der Leda ist bis heute eine der am übelsten beleumdeten mythologischen Figuren der Antike. Sie ist das Urbild der mordenden Frau – siehe hier nebenan in dieser Ausgabe auch Sonja Hartl über Victoria Kielland und ihr Buch „Meine Männer“.

Klytämnestra, der seit ihrer Diabolisierung in den attischen Tragödien ein männlich-planendes Herz zugeschrieben wird, wurde von ihrem Vater gegen ihren Willen zur Ehe mit dem Heerführer Agamemnon gezwungen – einem grausamen, machthungrigen Tyrannen, der nicht nur Klytämnestra selbst übel mitspielt, sondern sie auch zwingt, ein unmenschliches Opfer zu erbringen. Er nämlich ist bereit, ihre gemeinsame Tochter Iphigenie zu opfern, um günstigen Wind für den Kriegszug nach Troja zu bekommen. Dort ist ihre Halb-Schwester Helena der Kriegsgrund. Lange missachtet und missbraucht, fängt Klytämnestra schließlich an sich zu wehren und nutzt Agamemnons Feldzug gegen Troja, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Nach seiner Rückkehr ermordet sie gemeinsam mit ihrem Liebhaber Aigisthos ihren Mann und seine trojanische Geisel Kassandra, der sie vorwirft, ein Verhältnis mit ihrem Gemahl zu haben. Klytämnestras Tochter Elektra verlangt von ihrem Bruder Orestes, die Tötung des Vaters zu rächen. Der befragt das Orakel von Delphi, das ihm zur Rache rät. Orestes tut es. Da aber Muttermord als schlimmstes aller Verbrechen gilt, verfolgen ihn von nun an die Erinyen, di egriechischen Rachegöttinnen.

Klytämnestra ist Mutter. Monarchin. Mörderin. Und vor allem Überlebende patriarchaler Gewalt. Sie ist nicht makellos, gewiss nicht. Da ist viel Wut. Und dann Tat. Die junge Texanerin Costanza Casati (Jahrgang 1995), in Norditalien aufgewachsen und altgriechische Literatur studiert, hat diese mythologische und bisher vornehmlich von Männern definierte Frauenfigur neu betrachtet und in eine Nacherzählung der alten Quellen gefasst. In England schoss das Buch auf die Bestsellerliste.

Man beachte das blutige Beil… Gemälde von John Collier, 1882 © wiki-commons

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages präsentieren wir Ihnen einen Textauszug:

Als Klytämnestra den Speisesaal betritt, ballt sie die Fäuste, drückt die Nägel fest in ihre Handflächen. Iphigenie ist an ihrer Seite, hinter ihnen geht Aylin, die Chrysothemis an der Hand hält. Flüstern die Dienerinnen, fragt sich Klytämnestra, oder bildet sie sich das ein? 

Agamemnon hat bereits seinen Platz eingenommen, trinkt Wein aus einem Bronzebecher. Zu seiner Rechten sitzt, verwittert und knorrig wie ein alter Baum, der Seher Kalchas, auf der anderen Seite Orestes und Elektra. Klytämnestra sucht sich einen Platz, der möglichst weit von Kalchas entfernt ist, Iphigenie lässt sich neben ihr nieder. Alle wirken so steif, als hätten sie schweigend gewartet. 

»Es tut mir leid, dass Kastor tot ist, Mutter«, sagt Orestes und wirft Klytämnestra einen vorsichtigen Blick zu, den sie mit einem matten Lächeln erwidert. 

Sie blickt auf ihren Teller, auf dem bereits Fisch und Brot angerichtet sind, greift jedoch nur zu ihrem Weinbecher. Die anderen fahren fort zu essen, nur das Scharren von Besteck auf Tellern ist zu hören. 

»Die Nachricht von Kastors Tod war nicht die einzige, die aus Sparta hier eintraf«, sagt Agamemnon. 

Klytämnestra schaut ruckartig auf. Die Fackel hinter Agamemnon ist erloschen, sein Gesicht liegt im Dunkeln. »Was noch?« 

»Du willst so tun, als wüsstest du von nichts?« 

Sie spürt seine Wut, seine Stimme ist leise und scharf, jedes Wort artikuliert. Klytämnestra rückt das Messer neben ihrem Teller gerade und wundert sich, wie ruhig ihre Hand ist. 

»Ich habe gerade vom Tod meines Bruders erfahren«, sagt sie. »Wovon soll ich nichts wissen?« 

Agamemnon beugt sich vor und schlägt mit der Hand auf den Tisch. Jetzt kann sie sein Gesicht erkennen, es ist rot und erhitzt. 

»Ich habe dir gesagt, du sollst deine Familie zur Vernunft bringen!«, schreit er. »Und was hast du getan? Du hast zugelassen, dass deine Schwester es mit dem Feind treibt!« 

Klytämnestra zuckt zusammen. Woher weiß er das? Mit ausdrucksloser Miene wirft sie dem Seher einen Blick zu. Kalchas starrt sie an, und sie hat das Gefühl, von diesen tiefliegenden Augen eingesaugt zu werden. 

»Ihr fragt Euch, woher der König vom Fehltritt Eurer Schwester weiß«, sagt er. 

Agamemnon umklammert seinen Becher so fest, dass seine Knöchel weiß werden. »Sagt es ihr. Sagt meiner Gattin, wie eine weitere ihrer Schwestern zur Hure wurde.« 

Klytämnestra hört, wie Iphigenie scharf die Luft einzieht. Auf der anderen Seite des Tischs umklammert Chrysothemis bleich und verängstigt ihre Puppe. Klytämnestra will Aylin und ihr sagen, dass sie im Gynäkeion essen sollen, ist aber wie gebannt vom Blick des Sehers. Seine kalten Augen sind glänzend und schwarz wie Onyx. »Helena hat Sparta mit Prinz Paris verlassen«, sagt er. »Die beiden sind unterwegs nach Troja.« 

Seine Stimme erscheint Klytämnestra zu laut. Alle Blicke sind auf sie gerichtet, und beinahe steigen ihr Tränen in die Augen, aber nicht aus Trauer. Genugtuung und Stolz ist es, was sie empfindet. Bald bin ich dran. Sie sieht die Szene vor sich, als sie mit Helena lachte, während sich Kastor und Paris unterhielten. Dann werden wir alle drei »unseren rechtmäßigen Gatten verlassen haben«. 

»Ist das wahr?«, fragt sie. 

»Troja hat uns getäuscht«, sagt Agamemnon, »und deine dumme Schwester ist darauf hereingefallen.« 

»Aber ich dachte, Sparta habe mit Troja einen Handelsfrieden geschlossen, Vater«, wirft Iphigenie ein. 

Das war kein günstiger Moment für diese Bemerkung. Agamemnon wirft seinen Weinbecher nach Iphigenie. Sie duckt sich rechtzeitig, der Becher prallt an die Steinwand, und Wein breitet sich zu ihren Füßen aus. 

»Bring meine Töchter weg, Aylin«, sagt Klytämnestra ruhig, »bevor der König sich noch weiter blamiert.« 

Aylin springt auf, aber Agamemnon spuckt auf den Boden. »Die Kinder bleiben hier. Sie sollen wissen, dass deine Schwester eine Hure ist. Wir befinden uns jetzt in einem Krieg, wegen einer Hure, die nicht im Bett ihres Gatten bleiben konnte.« 

»Dein Bruder kann sich eine neue Frau suchen«, sagt Klytämnestra. »Ich habe ihn einmal sagen hören, Frauen seien besser, wenn sie wie frische Früchte seien.« 

»Wir hatten Frieden geschlossen mit Troja«, knurrt Agamemnon. 

»Der Frieden kann weiterhin Bestand haben.« 

»Ein Prinz hat meinem Bruder die Frau weggenommen, in seinem eigenen Palast!« 

»Hoheit«, bemerkt Kalchas, »dieser Krieg war vorherbestimmt.« 

»Gut«, sagt Klytämnestra und blickt ihrem Gatten direkt in die Augen. »Seit fünf Jahren suchst du nach einem Grund, um einen Krieg zu beginnen. Und jetzt, wo es so weit ist, willst du die Schuld daran jemand anderem zuschieben.« 

Agamemnon springt auf und geht zu ihr, hebt blitzschnell die Hand, um sie zu schlagen. Doch Klytämnestra weicht aus und ergreift das Fleischmesser. Agamemnons Hand trifft nur Luft, und er starrt fassungslos auf das Messer. 

»Willst du mich vor den Augen unserer Kinder umbringen?«, sagt er. »Du willst einen König ermorden?« Mit einer Armbewegung fegt er Teller vom Tisch. »Geh auf dein Zimmer, bevor ich dich von den Wachen dorthin schleifen lasse! Und denk über den Verrat deiner Schwester nach!« 

Klytämnestra steht auf, zieht Iphigenie und Elektra von der Bank hoch. Aylin nimmt Chrysothemis an der Hand, die leise weint, und folgt ihnen. 

Draußen ringt Klytämnestra nach Luft, die Flammen der Fackeln verschwimmen vor ihren Augen. Der Essensgeruch verursacht ihr Übelkeit. In den dunklen Korridoren des Gynäkeion, als ihre Töchter in Sicherheit sind, wendet sie sich ab und läuft los, hinaus aus dem Palast. 

Die Wintersonne ist schon lange hinter den Bergen versunken, der Himmel tiefblau wie das Meer bei Nacht. Die Dunkelheit beruhigt Klytämnestra, während sie durch die Gassen der Zitadelle streift. Hunde blicken zu ihr auf, im Künstlerviertel sieht sie ein paar Männer, die an einem kleinen Feuer Wein trinken. Gäbe es einen Ozean in der Nähe, dann würde Klytämnestra jetzt schwimmen gehen, ihre Haut im salzigen Wasser schrubben, bis sie wund ist. Doch hier, in den schmalen Straßen von Mykene, würde sie am liebsten etwas in Brand stecken. Einen Baum an einer der breiteren Straßen vielleicht oder einen Getreidespeicher, nur um himmelhoch lodernde Flammen zu sehen. Die Vorstellung verschafft ihr ein berauschendes Machtgefühl. 

»Du hast so viel Wut in dir«, hatte Helena vor vielen Jahren einmal gesagt. »Wie ein Scheiterhaufen für die Toten, der so wild brennt, als würde er niemals erlöschen.« 

»Du nicht?«, hatte Klytämnestra erwidert. »Bist du niemals wütend?« 

Helena zuckte mit den Schultern. Sie waren damals zehn Jahre alt, und eine Helotin verarztete Wunden auf ihrem Rücken, nachdem die Priesterin die Mädchen wieder einmal hatte auspeitschen lassen. Helena verzog das Gesicht, während die Wunden gesäubert wurden, blieb aber stumm. Sie sprach nie über ihren Zorn, aber Klytämnestra wusste, dass er da war, verborgen unter der Sanftheit ihrer Schwester. Manchmal bei den Mahlzeiten, wenn Männer Dienerinnen unter die Tunika griffen, sah Klytämnestra die Wut in Helenas Augen aufblitzen. Sie war immer erzürnt über die kleinen Missetaten: Gehässigkeiten, Gemeinheiten, Geheimnisse. Klytämnestra dagegen war wütend über Auspeitschungen und unnötige Kämpfe, über Misshandlungen und Hinrichtungen. Ihre Wut war wie ein tobendes Feuer, Helenas Zorn eher wie eine glimmende Lampe, die aber gefährlich werden konnte, wenn man ihr zu nahe kam. 

Und nun hat Menelaos Helena so zornig gemacht, dass sie ihre Heimat verlassen hat. Ist sie vor Kastors Tod aufgebrochen? Wie konnte sie nur Polydeukes und die kleine Hermione zurücklassen? Klytämnestra versucht sich Helena mit Paris auf einem Schiff vorzustellen, aber es will ihr nicht gelingen. 

Ein paar betrunkene Männer taumeln die Gasse entlang, auf dem Weg nach Hause. 

»Schlafen Göttinnen eigentlich?«, hatte Kastor in ihrer Jugend einmal gefragt. 

Klytämnestra hatte gekichert. »Ich glaube nicht. Warum?« 

»Ich möchte mal eine fangen. Ich will wissen, wie sie aussehen.« 

»Und was willst du dann mit ihr machen?« 

»Sie verführen natürlich«, hatte Kastor geantwortet, und sie hatten beide gelacht. An jenem Abend hatten sie sich aus dem Palast geschlichen, als alle schliefen, und am Flussufer auf Artemis gewartet, bis Klytämnestra an Kastors Schulter eingeschlafen war. Artemis hatte sich nicht blicken lassen, und noch Jahre später hatte Kastor darüber gewitzelt, wie sie beide fröstelnd nachts unbedingt eine Göttin sehen wollten, der sie vollkommen gleichgültig waren. 

Klytämnestras Herz zieht sich schmerzlich zusammen. 

Er ist nicht mehr da. Er ist tot. Damit muss ich nun leben. 

Vor der Tür zum Gynäkeion wartet Kalchas auf Klytämnestra. Sein Gesicht sieht im Fackellicht wie ein fahles verwelktes Blatt aus. Am liebsten würde sie an dem Seher vorbeigehen, fragt jedoch stattdessen: »Seid Ihr hier, um mir weitere Todesnachrichten zu überbringen?« 

»Nein«, antwortet er. »Euer verbliebener Bruder und Eure Schwestern werden ein langes Leben haben.« 

»Das höre ich gerne.« 

Kalchas legt den Kopf schräg und beäugt sie aufmerksam. »Mache ich Euch Angst?« 

»Ich lasse mir nicht so leicht Angst machen.« 

»Das dachte ich mir. Dennoch zeigt Ihr mir gegenüber keine Achtung. Ihr solltet vorsichtig sein. Missachtet Ihr mich, dann missachtet Ihr die Götter.« 

Noch nie hat Klytämnestra jemanden mit so schmeichelnder Stimme so drohende Worte sprechen hören. Es ist, als tränke man genüsslich gewürzten Wein, nur um dann zu spüren, dass er vergiftet ist. 

»Jeder dient den Göttern auf seine eigene Weise«, erwidert sie. »Ihr tötet ein Schaf und schneidet es auf, um seine Leber zu betrachten. Ich herrsche über eine Stadt und ihre Bewohner.« 

»Euer Gemahl ist der Herrscher.« 

»Wir regieren Mykene gemeinsam. Agamemnon würde mir sicher beipflichten.« 

Als Kalchas seufzt, klingt es wie das Zischen einer Schlange. »Macht ist etwas Seltsames. Alle Männer begehren Macht, aber nur wenige erlangen sie.« 

»Nun wollt Ihr mir gewiss noch etwas über die Götter erzählen.« 

»Darauf haben die Götter keinen Einfluss«, erwidert der Seher. 

»Aber was dann?«, fragt Klytämnestra. »Wer bekommt Macht, wer nicht?« 

Das flackernde Licht auf seinem vernarbten Gesicht lässt Kalchas im einen Moment wie einen gewöhnlichen Menschen, im anderen wie ein Ungeheuer erscheinen. 

»Wenn man die Bewohner von Mykene fragt, wer über ihre Stadt herrscht, was antworten sie dann?«, fragt er. 

»König Agamemnon.« 

»Und dennoch behauptet Ihr, Mykene gemeinsam mit Eurem Gemahl zu regieren.« 

»Es gibt die Wahrheit, und es gibt die Lüge, die das Königreich zusammenhält.« 

Kalchas verzieht den Mund zu einem dünnen Lächeln. »Richtig. Und genauso ist es mit der Macht. Manche Männer zeigen sie offen wie ein Schwert, andere verbergen sie wie einen kleinen Dolch. Doch vor allem muss das Volk wissen, dass jemand die Macht besitzt und sie zu nutzen weiß.« 

Klytämnestra blickt auf die Schatten am Boden. Zwei schmale schwarze Streifen vereinen sich, als sie auf die Wand stoßen. 

»Ihr habt noch nicht erwähnt, wie man Macht erlangen kann«, sagt sie. 

»Ah, das ist unterschiedlich. Manche Männer werden in der richtigen Familie geboren. Andere haben verstanden, dass Angst ein Schlüssel sein kann, der viele Türen öffnet.« 

»Und dann gibt es Männer wie Euch«, sagt Klytämnestra. »Ihr habt den Durst der Menschen nach Wissen und ihre Furcht vor den Göttern erkannt und nutzt das aus.« 

»Manchmal fällt es schwer, die Wahrheit der Götter hinzunehmen«, erwidert Kalchas. »Aber ihr Wille siegt immer. Das anzuerkennen, kann einem Macht verleihen.« 

Draußen zeigen sich die ersten Lichtstrahlen am Himmel, und Klytämnestra fröstelt. Nie ist es kälter als an einem frühen Wintermorgen. 

»Ich werde jetzt zu Bett gehen, Seher.« 

Als sie an ihm vorbeigehen will, packt er sie am Arm. Die Hand fühlt sich kalt und feucht an auf ihrer Haut. 

»Ihr habt eine Rolle zu übernehmen in dem bevorstehenden Krieg«, sagt er. 

Klytämnestra schüttelt ihn ab und widersteht dem Drang, sich den Arm abzuwischen. Als der Seher sich abwendet und weggeht, folgt ihm sein Schatten wie ein unterwürfiger Hund. 

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