Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

… und Frank Göhre porträtiert für uns Eugene Izzi

Eigentlich ist es umgekehrt. Und Sonja Hartl gratuliert Frank Göhre in dieser Ausgabe ja auch in unser aller Namen zum 80. Geburtstag, den er am 16. Dezember feiern kann. Der hingegen, anstatt sich auszuruhen – sein jüngster Roman „Harter Fall“ findet sich gerade im dritten Monat auf der Krimibestenliste (Alf Mayers Besprechung hier) –, schenkt uns und Ihnen das Porträt eines Autors, der für ihn wichtig gewesen ist: Eugene Izzi aus Chicago.
In lockerer Folge will Frank Göhre in nächster Zeit kreuz und quer durch die Welt reisen und Autoren und Orte aufsuchen, die ihn mitgeprägt oder beeinflusst haben. Auch eine Art, sich etwas zum Geburtstag zu schenken. Hier seine Hommage an Eugene Izzi.

Chicago.
Chicago in den 1920ern.
Jazzmetropole.
Benny Goodman swingt erstmals im Ben Pollack Orchestra.
Gene Krupa gibt den Rhythmus der Zukunft vor.
Music Hall und Tanzsäle.
Come on, Baby, wir starten in die Nacht. Wo der Gin kalt ist und das Piano heiß!
Come on, come on!
Chicago, Chicago! 

Schüsse aus dem Geigenkasten. Schüsse im Frisiersalon. Al Capone lässt sich feuchte Tücher aufs Gesicht legen. Blut auf den Gamaschen. Syndikate werden zerschlagen. Die Geschäfte gehen weiter. Das Geschäft mit Mord und Totschlag. 

„Kein Angehöriger des Mobs glaubt im Grunde seines Herzens daran, dass man ihn umlegen wird, wenn er das Haus verlässt. Auch der Chinesen-Eto glaubte das nicht, als er mit zwei Berufskillern in den Wagen gestiegen war und geglaubt hatte, sie würden ihn zu einem Treffen mitnehmen, auf dem man alle Probleme erledigen würde. Das einzige Problem, das erledigt wurde, war der Chinese selbst gewesen. Er hatte sich ein paar Kugeln in den Kopf eingefangen, war aber wie durch ein Wunder davongekommen und am Leben geblieben, so daß er den Justizbehörden lange und ausführliche Geschichten hatte erzählen können, gedeckt durch das wunderbare Zeugenschutzprogramm, das erfolgreiche Berufsverbrecher dafür belohnt, dass sie auspacken und genau die Leute verpfeifen, die sie reich gemacht und ihnen ein angenehmes Leben ermöglicht haben. Und die beiden Typen, die das Ding versiebt hatten, waren selbst in einem Kofferraum gelandet, als sie an diesem Tag von zu Hause aufgebrochen waren und geglaubt hatten, auch sie könnten die Angelegenheit bereinigen. Nein, keiner der oberschlauen Mobtypen glaubte jemals, es könnte ihn erwischen, obwohl der Parkplatz am O ́Hare-Flughafen, der sich jedes Jahr mit stinkenden Cadillacs und Lincolns füllte, zu einem neuen Elefantenfriedhof geworden war.“ (Eugene Izzi, 1990; dt. Ausgespielt, Bergisch-Gladbach, 1991) 

Chikago. 
100 Stadtteile mit über 2,5 Millionen Einwohnern, viele irisch- und polnisch stämmige Familien, ansteigend die Anzahl der koreanische Mitbürger. Etwa 600 öffentliche Parks, zwei Baseball-Stadien, eine Galopprennbahn und an die 7.300 Restaurants und Bars. 
Hohe Kriminalitätsrate. 

„Er wollte seine Stadt an diesem kalten, winterlichen Nachmittag noch einmal sehen, nur für alle Fälle, wollte seine Freiheit genießen und auskosten, sich die Weinbrüder ansehen, die Lumpenladies, die Banden von Jugendlichen, die den Unterricht schwänzten, die reichen Frauen mit ihren Pelzmänteln, die übermäßig geschminkten Nutten, die in ihren Kaninchenfelljacken und Lederminiröcken im eisigen Wind heiß auszusehen versuchten. Er wollte noch einmal die Flotten von Cadillac- und Mercedes- Benz-Limousinen beobachten, die sich langsam über die Clarke schoben und sich im zähen Verkehr hinter Ramblers, fünfzehn Jahre alten Chevrolets und Fords stauten, hinter altertümlichen Cadillacs voller junger, hoffnungsvoller schwarzer Gesichter, arrogant auf reiche Männer gerichtet, die betont in eine andere Richtung sahen.“ (Eugene Izzi, 1987; dt. Das Ende der Straße, Bergisch-Gladbach, 1993) 

Es ist der 6. Dezember 1996. Der Tag vor der Tat. 

Weniger als zwei Straßenblocks entfernt lag das Lawson YMCA in einer Gegend, wo Apartments von hundert Riesen an aufwärts zu haben waren. Juweliergeschäfte mit landesweit bekannten Namen standen neben Gebrauchtwarenläden und einem Kriegsveteranenheim der Armee. Straßenverkäufer, Künstler, Zuhälter, Yuppies, Nutten und Diebe teilten sich friedlich die Gegend. Als er eine Boutique mit einem getürkten modischen Namen passiert hatte, kam er zu einer Absteige für vier Dollar die Nacht, wo die wenigen Obdachlosen, die es sich leisten konnten, auf alten Armeefeldbetten schliefen und sich Läuse einfingen, falls sie nicht sowieso schon welche hatten, und die ganze Nacht lang das asthmatische Husten, Schniefen und die Fürze der Verdammten hörten.“ (Eugene Izzi, 1987; dt. Das Ende der Straße, Bergisch-Gladbach, 1993) 

Am nächsten Vormittag, dem 7. Dezember, schaut auf der Michigan Avenue eine Menschenmenge entsetzt und fassungslos zum vierzehnten Stock eines Bürogebäudes hoch. Aus einem Fenster hängt an einem Seil der leblose Körper eines Mannes. Es stellt sich schnell heraus, dass es der 43jährigen Schriftsteller Eugene Izzi ist. 

Eugene Izzi wird am 23. März 1953 geboren und wächst im Süden der Stadt in unmittelbarer Nähe der Stahlwerke auf. Er hat keine unbeschwerte Jugend. Sein Vater ist ein Säufer und Kleinkrimineller, sitzt mehrereMale im Knast. Izzi, von seinen Freunden auf der Straße „Guy“ genannt, bricht die Highschool mit Sechzehn ab und meldet sich mit Siebzehn freiwillig zur Armee. Er holt seinen Abschluss nach und kehrt dann in sein altes Viertel zurück. Eine zeitlang schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs bei U.S. Steel durch. Er heiratet. Zwei Kinder werden geboren. Wie sein Vater beginnt er, stark zu trinken. Randaliert, prügelt sich. 

Er stöhnte leise, als der Wecker klingelte. Er betastete mit der Rechten seine Nase, spürte, wie wund sie war, und stöhnte wieder. Ohne die Augen zu öffnen, streckte er die Hand aus und schaltete den Wecker ab. Mit der selben Hand betastete er sich das Gesicht, prüfte die Augen – sie fühlten sich ebenfalls höllisch kaputt an – und suchte im Mund nach losen Zähnen. Als er beim Hals angekommen war, hörte er auf, sich nach Verletzungen abzutasten. Himmel, er war schließlich ein Hustler, ein freelance-Gangster, ein Typ, der aufs Ganze ging, und kein Jammerlappen … Scheiße, er hasste Vormittage, aber an diesem besonderen Morgen musste er aufstehen, weil sei PO, sein Probation Officer, der Bewährungshelfer, ein letztes Mal vorbeikommen würde. Er duschte und rasierte sich und putzte sich die Zähne in der Parterrewohnung dieses Hauses, das ihm gehörte, tief in der South Side, die als Hegewisch-Gegend bekannt war.“ (Eugene Izzi, 1989; dt. Unerbittlich, Bergisch-Gladbach, 1990) 

Ende der Siebziger kommt es in den USA und Europa als Folge ruinösen Wettbewerbs und Überkapazitäten zu einer weltweiten Stahlkrise. Arbeitsplätze werden gestrichen. Die Zeiten, in denen jungen Männer den Job so leicht wechseln konnten, wie die Straßenseite, waren vorbei. Bestenfalls „fanden sie noch Jobs zu fünf Dollar die Stunde im Dienstleistungsgewerbe, irgendwo an der Theke für einen winzigen Lohn plus all das, was sie trinken konnten. Das Leben in Hegewisch war wirklich und höllisch grausam. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit arbeiteten sich Alkohol und Drogen natürlich da unten vor, aber wenigsten wurden sie von den desillusionierten Jugendlichen benutzt, um den Schmerz zu vertreiben, und nicht als etwas, was man halt probieren musste.“ 

Eugen Izzi gerät vollends aus der Bahn. Seine Frau trennt sich von ihm. Er streift durch das Viertel, schläft mal hier mal dort. Aber er beginnt zu schreiben, tippt auf einer alten Reiseschreibmaschine Geschichten über sein unmittelbares Umfeld. Stories und längere Erzählungen über Arbeits- und Obdachlose, Verlorene und Verlassene. Das Schreiben wird zu seiner persönlichen Therapie. Es stärkt ihn. Er nimmt Kontakt zu Verlagen auf und legt auch mehrere fertige Romanmanuskripte vor. Kein Verlag greift zu. Erst 1987 hat Izzi einen Treffer. 

Der Roman „The Take“ (dt. „Das Ende der Straße“) erzählt vom letzten Bruch des „besten Safeknackers Chicagos“ Fabrizzio „Fabe“ Falletti und seines Knastkumpels Doral Washington. 

Er hasste die Höhe. Er hasste sie wirklich, aber gerade das war in erster Linie der Grund dafür gewesen, warum er sich für dieses und nicht für ein anderes Appartement auf einer der ruhigeren Seiten des Gebäudes entschieden hatte. Er wollte jeden Morgen aufstehen, barfuß und nur mit seinem Bademantel bekleidet auf seinen Balkon treten und zum höchsten Gebäude der Welt empor starren können. So einfach war das. Unter sich sah er Leute vorbeifahren und zu ihm emporblicken. Sie deuteten mit den Fingern auf ihn. Er war ein Meter neunzig groß und wog knapp hundertdreizehn Kilo. Er hatte einen Brustumfang von ein Meter zwanzig und einen Taillenumfang von einundachtzig Zentimeter, schwarzes Haar, eine römische Nase, hohe Stirn, hohe Wangenknochen. Er war hier geboren und mit einem dämlichen Spaghetti-Namen geschlagen – FabrizzioFalletti.“ (Eugene Izzi, 1987; dt. Das Ende der Straße, Bergisch-Gladbach, 1993) 

Eugene Izzi kassiert einen ordentlichen Vorschuss. Der Roman verkauft sich gut, liegt voll im Trend jener Jahre, in denen sich der Augenklappe tragende New Yorker Anwalt Andrew Vachss mit seinen Bücher über Kindsmissbrauch profiliert („Kata“, 1985; „Strega“, 1987) und James Ellroy mit „Blut auf dem Mond“, „In der Tiefe der Nacht“ und „Hügel der Selbstmörder“, 1984 – 1986) seine Serie mit dem Cop und „harten Hecht“ Lloyd Hopkins abschließt. 

Izzi unterzeichnet Verträge für weitere Romane über Chicagos kriminelles Milieu. Er liefert termingerecht, wird positiv rezensiert und kann sich als Autor etablieren. Er hört auf, zu trinken. Frau und Kinder kehren zu ihm zurück. Er mietet ein Schreibbüro im 14. Stock eines alten Ziegel– und Terrakotta-Gebäudes an der Michigan Avenue. Es ist die Nummer 1418 am Ende eines mit Teppichboden ausgelegten Korridors in der Nähe der Feuertreppe. An der Tür ist kein Namensschild angebracht. Der weiß gekalkte Raum ist sparsam möbliert. Ein Schreibtisch, ein weiterer Tisch mit zwei Computern, Bestuhlung, ein Altenschrank. 

Hier schreibt der Autor Eugene Izzi. 

Er schreibt die Geschichte des kleinen Ganoven Tone Nello und die des psychopathischen Gangsterboss Edgew Plumber. Der eine wird von einem korrupten Bewährungshelfer genervt, der andere hat einen rachsüchtigen Cop an den Hacken. („King of the Hustlers“, 1989; dt. „Unerbittlich“). 

Der Protagonist eines weiteren Romans ist der Spieler Lano Branka, dessen Glückssträhne die Mafia auf den Plan ruft („The Prime Roll“, 1990; dt. „Ausgespielt“). Und auch in Izzis nächstem Buch geht es um die Mafia und um die von ihr geschmierten Cops. („Invasions“, 1990; dt. „Eingekreist“). 

Professionelle Schränker und ausgefuchste Gambler, käufliche Vollzugsbeamter und Streifenbullen und eine gnadenlose Mafia sind und bleiben die Themen des inzwischen als der „neue Großmeister unter den Kriminalautoren“ gefeierten Eugene Izzi. Immer aber ist der Dreh– und Angelpunkt des „kraftvollen und kompromisslosen“ Autors das Geld, das große Geld, auf einen Schlag. 

„Fabrizio ‚Fabe‘ Falletti war achtunddreißig Jahre alt und fast schon Millionär. Heute Nacht würde das letzte Mal sein. Eine Million Dollar, Bargeld, griffbereit, nur sein Anteil an der Beute und kein bißchen weniger Er würde mit allem Schluss machen und einen anderen Weg einschlagen. Er würde sich von niemandem mehr etwas gefallen lassen, das stand außer Frage, aber mit einer Million sauberem, flüssigem Bargeld in der Hinterhand konnte er wirklich loslegen. Es verzehnfachen, bevor er fünfundvierzig Jahre alt war.“ (Eugene Izzi, 1987; dt. Das Ende der Straße, Bergisch-Gladbach, 1993) 

Seinen Hit will Izzi mit einem Roman über den Sohn eines Mafiosi landen, der mit der Familie bricht und beim Fernsehen Karriere machen will: „Tribal Secrets“, 1992. Das Buch floppt und landet schon nach kurzer Zeit im Ramsch. Izzi wütet gegen den Verlag. Er sei nicht angemessen unterstützt und vermarktet worden. Streit und kurzfristiger Bruch, dann eine überraschende und ungewöhnliche Einigung. Izzi darf seine bereits gezahlten Vorschüsse für neue Projekte behalten, darf aber in den nächsten drei Jahren nicht unter seinem Namen veröffentlichen. Aus Eugene Izzi wird Nick Gaitano, und Nick Gaitano veröffentlich 1994, 1995 und 1996 je einen Roman mit Jake Phillips von der Chicagoer Special Victims Unit. 

Der Streit mit dem Verlag und die Folgen hinterlassen Verletzungen, eine offene Wunde. Er wird mißtrauisch gegenüber allem und jedem. Er wechselt ständig seine Telefonnummer. Seine offizielle Wohnadresse ist gefakt. Er vermittelt den Eindruck, paranoid zu sein. Er nimmt Antidepressiva. Er soll auch wieder angefangen haben, zu trinken, ist aus seinem familiären Umfeld zu hören. Er hänge in den übelsten Kneipen der Stadt ab. Er gehe zu Prostituierten. 

Im Juni 1996 schreibt er in der „Chicago Sun-Times“, dass er über eine weiße, rassistisch paramilitärische Gruppe in Indiana recherchiere, die nun drohe, ihn umbringen. Der Beitrag löst keine Reaktion bei der Polizei aus. Izzi bewaffnet sich mit einem Revolver Kaliber 38, einem Schlagring und Pfefferspray. 

Tagelang verlässt er sein Büro nicht. Seine Nachbarn im 14. Stock treffen ihn nur selten. Sie hören allerdings gelegentlich laute Stimmen hinter seiner Tür. 

Nach Aussage des Wachmanns kommt Eugene Izzi meist gegen Mitternacht in das Bürogebäude an der Madison Avenue zurück. Manchmal verschwitzt vom Joggen, um den Kopf ein dunkles Tusch gewickelt. Immer aber wechselt er ein paar Worte mit dem Wachmann. Über aktuelle Meldungen, über Filme und über Schauspieler. 

Eugene Izzi ist ein großer Fan von Jimmy Cagney. 

Der Schauspieler James Cagney hat als Darsteller des Gangsterfilms „The Public Enemy“ („Der öffentliche Feind“) seinen Durchbruch. Als der Film 1931 in die Kinos kommt, haben Al Capone und andere Mobster noch bis vor Kurzem in Chicago gewütet, haben als heimliche „Könige der Prohibitionszeit“ die Bevölkerung mit einem skrupellosen Gewaltregime tyrannisiert und die Gesetzlosigkeit in die Stadt am Lake getragen. Filme wie „The Public Enemy“ sind ein Appell an die Regierung, an die Staatsautorität, diesem Treiben Einhalt zu gebieten: Nie wieder Maschinenpistolengewalt à la Capone & Co in Chicago. 

Chicago, Chicago!
Wir griffen zur Waffe! Wir griffen beide zur Waffe!
Zur Waffe, zur Waffe, zur Waffe! 

Aus dem zurückgesetzten Fenster seines Büros kann Eugene Izzi das rote Neon des Navy Pier sehen, das hauchdünne Blau des Michigan Lake, das Silber und Grau der Wolkenkratzer. 

Am Samstag, dem 7. Dezember 1996, einem kalten, sonnigen Morgen entdeckt ein Nachbar den an der geschwärzten gelben Ziegelsteinwand des Gebäudes hängenden leblosen Körper. 

Das Chicago Police Department (CPD) ermittelt. 

Die Beamten protokollieren die Personalien des Toten: Eugene Izzi, geboren am 23. März 1953 in Chicago, Beruf: Schriftsteller. 

Sie sichern an der Leiche eine kugelsichere Weste, in den Taschen den Schlagring und die Dose mit Pfefferspray. Außerdem 481 Dollar und drei Disketten mit einem offenbar nicht abgeschlossenen Manuskript. Auf dem Fußboden des Büros liegt der 38er Revolver. An das Schreibtischbein ist das Seil geknotet. Es spannt sich über den Sims des offen stehenden Fensters. Das Ende ist um den Hals des 1.80 m großen und 85 kg schweren Schriftstellers geschlungen. Spuren eines Kampfes finden sich nicht. 

Protokolliert wird auch, dass die Bürotür beim Eintreffen der Feuerwehr und des Rettungsdienstes verschlossen war. 

Soweit die Fakten. 

Izzis Sohn sagt aus, dass sein Vater ihn am Abend zuvor angerufen habe, weil er die Ersatzschlüssel zu seinem Büro zuhause vergessen habe. Er habe sie ihm gebracht und im Foyer des Bürohauses übergeben Sein Vater habe ihn umarmt und gesagt: „Egal, was passiert. Ich liebe dich.“ 

Fortan wird gemutmaßt.
Mord oder Selbstmord?
Oder ein makabrer Unfall? 

Mord: Die rechtsradikale, paramilitärisch Organisation fürchtet Enthüllungen über ihre Struktur und geplante Attentate. Zwei oder drei Spezialisten dringen unbemerkt in das Gebäude ein, überwältigen Izzi in seinem Büro, legen ihm den Strick um den Hals und werfen ihn aus dem Fenster. Aus dem Büroschrank nehmen sie die brisanten Aufzeichnungen an sich und verschwinden damit ebenso unbemerkt wie sie gekommen sind. 

Selbstmord: Die Popularität des Autors schwindet, die Verkaufszahlen seiner Bücher gehen stark zurück. Der Autor wird depressiv. Nimmt Tabletten, konsumiert Alkohol in großen Mengen. Er sieht für sich keine Zukunft mehr. Er plant einen spektakulären, mysteriösen Abgang. Damit will er der Nachwelt in Erinnerung bleiben. Er legt sich den Strick um den Hals und lässt sich aus dem Fenster fallen. 

Makabrer Unfall: Bei Durchsicht der Disketten mit dem unvollendeten Manuskript stoßen die Ermittler auf eine Szene, in der ein Krimiautor aus Chikago, ausgestattet mit Tränengas und Schlagring, von Milizionären mit einer Schlinge um den Hals aus einem Fenster im 14. Stock geworfen wird. Der Schriftsteller ist jedoch in der Lage, sich selbst durch das Fenster zurück zu hieven und seine Angreifer zu töten. 

Wollte Eugene Izzi das ausprobieren? 

Der Fall „Eugene Izzi“ wird trotz anfänglicher Vorbehalte letztlich als Selbstmord gewertet: „Er lächelte, immer mehr, schließlich lachte er laut auf, während er hinausblickte auf die Unendlichkeit, den Rücken dieser schäbigen, lächerlichen Stadt zugekehrt.“ (Eugene Izzi, 1990; dt. Ausgespielt, Bergisch-Gladbach, 1991) 

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Frank Göhre bei uns im CrimeMag hier.
Sein letzter Roman „Harter Fall“ bei uns besprochen. Textauszug hier.
Seine Internetseite hier.

Am 16. Dezember 2023 wird Frank Göhre 80. Siehe dazu auch den Tusch von Sonja Hartl in dieser Ausgabe.

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