Geschrieben am 1. Juli 2023 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2023

Dietrich Leder seziert Crime im TV (15): Plots wie mit KI gezimmert

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Wie ein faules Ei dem anderen: Plots wie mit KI

Zwischen den beiden Ereignissen besteht ein Zusammenhang. In den USA streiken gerade die Drehbuchautorinnen und -autoren, was bereits die ersten Serienproduktionen zum Erliegen bringt, weil die Vorlagen fehlen. Zugleich greift die Nutzung von dem, was manche „Künstliche Intelligenz“ nennen, im Alltag um sich; die kostenlose herunterzuladende App namens ChatGPT betet auf die ihr gestellten Fragen all das herunter, was sie im Internet bei oberflächlichen Suche unter den jeweiligen Stichworten findet.  

Stellt man einen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen her, folgt automatisch die Frage, ob KI nicht bald auch die Arbeit der Drehbuchautorinnen und -autoren übernehmen könne? ChatGPT antwortet darauf folgendermaßen: 

„Ja, KI kann bei der Erstellung von Drehbüchern für Kriminalserien unterstützen. Es gibt bereits Experimente und Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz, bei denen KI-Modelle verwendet werden, um Drehbücher zu generieren oder Autoren bei der Ideenfindung und Strukturierung von Handlungsabläufen zu unterstützen. KI kann große Mengen an Textdaten analysieren und Trends, Muster und Stilmerkmale identifizieren, die in Kriminalserien üblich sind. Basierend auf diesen Informationen kann sie Ideen und Vorschläge für Handlungsverläufe, Charaktere und Wendungen generieren. Allerdings sollte beachtet werden, dass die Erstellung von Drehbüchern für Kriminalserien eine kreative und komplexe Aufgabe ist, die auch ein tiefes Verständnis für das Genre und das Publikum erfordert. Obwohl KI dabei helfen kann, Ideen zu generieren oder Inspiration zu bieten, ist es immer noch wichtig, dass menschliche Autoren ihre künstlerische Vision einbringen, die Charakterentwicklung gestalten und die Qualität des Drehbuchs sicherstellen. Derzeit sind KI-generierte Drehbücher in der Film- und Fernsehindustrie noch nicht weit verbreitet, aber es gibt fortlaufende Forschungen und Experimente, um die Rolle von KI in der kreativen Prozessunterstützung zu erkunden.“

Man spürt förmlich, dass ChatGPT so programmiert wurde, dass Aussagen über das eigene System und seine Verfahren gleichsam im Ton einer Pressemitteilung gehalten sind, also nur vorsichtig und unter jenen Vorbehalten, die eine Öffentlichkeit gerne hört, um nicht allzu sehr verstört zu werden. Also wird auf jene Kreativität und Komplexität abgehoben, durch die sich „menschliche Autoren“ von KI unterscheidet, die also auch zukünftig „ihre künstlerische Vision“ einbringen können. Sieht man mal von den Begriffen „künstlerisch“ und „kreativ“ ab, sind die Einschränkungen der KI welche der Zeit, denn Komplexität ist das tägliche Wachstumsziel der KI und das Neue, dass diese aus dem Alten, was sie vorfindet, bastelt, kann leicht als Vision bezeichnet werden.

Die Erklärung von ChatGPT weist aber ungewollt noch auf etwas anderes hin. Die meisten derjenigen, die an der Produktion von Fernsehkrimiserien beteiligt sind, verhalten sich längst, ob sie wollen oder nicht, so wie die KI. Das hat etwas mit dem Genre zu tun, dem sie sich verschrieben haben. Das beginnt schon bei dem, was seit vielen Jahren „Dramaturgie“ genannt wird und in zahlreichen Büchern in Schlagworte verwandelt wurden, hinter dem sich aber nichts anderes als ein Normensystem zur Strukturierung von Zeit verbirgt, wann etwa eine Handlung etwa beginnt, wie sie sich entwickelt, wie sie scheinbar zu Ruhe kommt, um kurz vor Ende noch einmal zu eskalieren, ehe sie zu jener Ruhe kommt, die vor ihrem Beginn herrschte. 

Das geht weiter mit (Spiel-)Regeln, wie sie schon früh für Whodunit-Romane – etwa von S.S. Van Dine aka Willard Huntington Wright – verfasst wurden; hier handelt sich um Gestaltungsnormen, nach denen die unendliche Zahl der Erzählmöglichkeiten auf ein überschaubares Maß reduziert wird. Das setzt sich fort mit den Typologien von zentralen Handlungsfiguren, die gerne in einer Art von Stammbäumen zusammengefasst werden, um ihre Gemeinsames und ihre Differenzen vor einem Zeithintergrund darzulegen. Und das endet bei den Charakteristika von regelmäßig auftauchenden Serien-Figuren und ihre Verbindungen, wie sie in dem, was die Produktion „Bibel“ nennt, niedergelegt sind. 

All diese Regeln, Typologien und Normierungen sind im Grunde Vorläufer dessen, was man als KI-Programm definiert. (Der Begriff Programm meint ja nichts anderes als Vorschrift.) Benennt man weitere Determinanten der Serienproduktion wie Ort und Zeit der Handlung und bestimmt ihre Variabilität, was die Nähe zu anderen Genres (mit vergleichbaren Regeln) angeht wie Comedy, Horror, Sex etc. pp., dann sollte es einer gut programmierten Software, die zudem Zugang zu Drehbuchbeständen existierender Serien und Kinofilmen besitzt, schon heute leicht fallen, Handlungen festzulegen, Szenen zu entwickeln, Dialoge zu verfassen und so Spannung, Witz, Schrecken, Lust und Zufriedenheit über den normativ als „gut“ festgelegten Ausgang bei den Leserinnen und Lesern und später dann bei den Zuschauerinnen und Zuschauern zu erzeugen.

Sagen wir es anders oder drastischer: Weil sie sich viele der Drehbuchautorinnen und -autoren längst so verhalten, weil sie die Genreregeln internalisiert haben, weil sie sich unter Druck der Produktionsfirmen sklavisch an die Produktions-„Bibel“ halten, weil sie nur einen kleinen Bestandteil der Krimiliteratur kennen, und ihnen ihre Kreativität im Lauf des Produktionsprozesses meist abtrainiert wurde, ähneln sich heute viele der Serienkrimis so wie ein faules Ei dem anderen. Wer kennt nicht das Gefühl, bestimmte Drehbuchsätze schon unendlich oft gehört zu haben? Wer sieht in einem neuen Serienprotagonisten nicht all die Vorläufer durschimmern, von denen jener all das hat, was nun als seine Individualität ausgegeben wird? Wer wird noch von retardierenden oder beschleunigenden Momenten überrascht, ob sie nun von der Buffo-Figur, dem Vorgesetzten, dem Pathologen oder dem Computer-Nerd stammen? (Gerade bei diesen strukturell notwendigen Nebenfiguren wird noch häufiger untereinander kopiert als bereits bei den Protagonisten.) Wer kann nicht nach der Peripetie die Uhr stellen, die sich bei einem 89minütigem Fernsehkrimi pünktlich nach 74 Minuten lauthals zu Wort meldet, auf dass sie niemand übersähe?

Im Klartext: Für die serielle Produktion bedeutet der Einsatz von KI im Drehbuchbereich nichts anderes, als dass nun auch die Textproduktion maschinisiert wird wie zuvor bereits die Produktionsplanung oder das Abfassen der Ablehnungsbescheide für Drehbücher, die gegen all diese Regeln, Normen und Typologien verstoßen. Gegen die von KI verfassten Drehbücher dürfte sich die Kritik aus den Redaktionen erübrigen, da diese ja all die Vorgaben, nach denen die Texte entstanden, geprüft haben, sie sich also selbst kritisierten, wenn sie etwas monierten. Für die, die vom Drehbuchschreiben leben, bedeutet es einen dramatischen Verlust an Arbeitsmöglichkeiten. Kein Wunder, dass sich der Streik in Hollywood auch gegen den Einsatz von KI im Drehbuchbereich wendet. 

Bleibt die Frage, wann dieser Text von ChatGPT verwurstet wird? Oder liest dieses Programm etwa Crimemag nicht? 

Dietrich Leders Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
Crime im TV (7): „We Own This City“
Crime im TV (8): „Schimanski“ machen
Crime im TV (9): Zur Serie „Berlin Babylon“ und zu den Romanen von Volker Kutscher
Crime im TV (10): Retro im „Tatort“
Crime im TV (11): Friedrich Dürrenmatt
Crime im TV (12): Influencer als Thema im Fernsehkrimi
Crime im TV (13): Der Tatort als Polithriller?
Crime im TV (14): Kommissar Van der Valk 

Über abgründiges Erzählen: George Perec und das Gift das Originals, und in dieser und der vorletzten Ausgabe sein großer Essay „Proust übersetzen“ (Teil I und Teil II).

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