Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Bloody Chops – Dezember 2023

Kurzbesprechungen von Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF) und Alf Mayer (AM) zu:

Costanza Casati: Klytämnestra
Candice Fox: Stunde um Stunde
Uta-Maria Heim: Tanz oder stirb
Veronica Lando: Der flüsternde Abgrund
Christian Klinger: Die Geister von Triest
Tuomas Oskari: Im Sturm der Macht
Yishai Sarid: Schwachstellen
Matthias Wittekindt: Fünf Frauen

Mehr als großes Kino

(JF) Lynette Lamb, 21 und Polizistin aus Überzeugung, geht mit dem falschen Mann ins Bett. Der One-Night-Stand kostet sie den Job. Und das an ihrem ersten Tag im Dienst. Charlie Hoskins, Detective beim Los Angeles Police Department, muss den Fehler der Anfängerin fast mit seinem Leben bezahlen, während Ryan und Elsie Delaney, deren Tochter Tilly seit zwei Jahren vermisst wird, von ihm profitieren. Denn sie meinen, nun das ideale Druckmittel in der Hand zu haben, um die Polizei zur Wiederaufnahme der Ermittlungen zu zwingen. Es handelt sich um eine Liste von Beweismitteln für bislang ungeklärte Fälle, die im Hertzberg-Davis Institut für Forensische Medizin aufbewahrt werden. Die verzweifelten Eltern dringen in das Gebäude ein, nehmen drei Geiseln und drohen, die Beweise einen nach dem anderen zu vernichten, falls ihrer Forderung nicht nachgegeben wird.

Wie all das und noch mehr zu einem rasanten Plot zusammengefügt werden kann, zeigt bravourös die australische Autorin Candice Fox, die schon mit ihren früheren Romanen bewiesen hat, dass sie sich auf das Thrillerhandwerk versteht, in ihrem neuen Buch. Stunde um Stunde ist allerdings nicht nur großes Kino. Als Subtext begleitet ein ethisch-moralischer Diskurs über Recht und Gerechtigkeit die furiose Handlung. Denn das Versagen der Strafverfolgungsbehörden ist offensichtlich. Die Ursachen sind so banal wie in ihren Konsequenzen schrecklich. Aber rechtfertigen diese Missstände, dass Betroffene wie die Delaneys alle Grenzen überschreiten? Und damit die Aufklärung anderer Verbrechen verhindern? Die Antwort von Doktor Gary Bendigo, dem Institutsdirektor, der auch als Geisel festgehalten wird, ist ein klares Nein. Er muss mit einem Rückstand von mehr als 500 auszuwertenden Testkits leben, die helfen würden, Vergewaltigungen aufzuklären. Bendigo, der auf diese Situation mit pragmatischer Melancholie reagiert, ist eine der interessantesten Figuren des Romans, vor allem in der Auseinandersetzung mit den gewaltbereiten und kompromisslosen Delaneys.

Candice Fox beendet ihren überraschungsreichen Thriller mit einem letzten Plot-Twist, der die Spannung noch einmal ansteigen lässt. Das ist dann wieder Genre pur. Und große Klasse.

Candice Fox: Stunde um Stunde (Fire with Fire, 2023). Aus dem australischen Englisch von Andrea O’Brien. Suhrkamp Verlag, Berlin 2023. 476 Seiten, 18 Euro.

Getanzt wird nicht

(rum) Eigentlich ist die Stuttgarter Traumatherapeutin Nuria Haas mit Traumata vertraut. Und doch wird sie von ihrem eigenen kalt erwischt, als die sorgsam verkapselte Vergangenheit aufbricht, Episoden an die Oberfläche sprudeln, die plötzlich so gar nicht mehr zusammenpassen wollen. Hat sie bisher jene Erklärungen, die sie als Kind bekommen hat, einfach akzeptiert, rutscht nun einiges durcheinander. Starb ihre Mutter seinerzeit tatsächlich bei einem Unfall, wer war ihr Vater und was hat es mit den Kinderskeletten auf dem Dachboden jenes christlichen Internates auf sich, in dem sie zur Schule ging? Ins Rollen bringt das alles eine junge Balletttänzerin, die panische Angst vorm Fallen wie vor ihrer strengen Tanzlehrerin hat. Und als diese Tanzlehrerin erschlagen im Saal liegt, tun sich für Nuria Haas mit ein paar Nachforschungen jene Spuren und Unsicherheiten auf, die da mitten in ihr eigenes Leben führen.

Uta-Maria Heim ist in Tanz oder stirb in Hochform, puzzelt diese Geschichte aus einem desolaten Tanzmilieu und gesellschaftlich blinden Flecken so zusammen, dass darin auch noch die genau richtig dosierte Menge sattsam bekannten Alltags der ausklingenden Pandemiezeit Platz findet, am Rande zudem etwas Geheimdienst und politische Verwicklung, samt RAF und Nationalsozialismus. Dazu gibt’s wieder reichlich philosophisches Rankwerk und spröde Komik. Die Protagonistin geht da etwa mit Hannah Arendt und Patti Smith diskutierend im Schwarzwald wandern. In Oberschwaben trifft sie den heiligen Heimerand, den sie dann im Urlaub wieder verliert. Nurias Tochter hat eine Form von Autismus, erfrischend ist deren Blick auf die Welt und Nurias wertschätzender, aber unbeschwerter Umgang damit. 

Wild und beharrlich widmet sich Heim ihren Themen, ist ideenreich, assoziativ, sprunghaft, streng und komisch. Was sich dann am Ende zu einem lebhaften Bild mit Leerstellen und Verweisen fügt, wirkt in der umständlichen Perfektion, in der da alles zueinander findet, bisweilen etwas mühsam zusammengeschoben. Dafür gewährt Heim einen Blick in diese wohlbekannten und doch immer neuen, fein verästelten, spielerisch entworfenen Universen, die sie mal wieder zu einem wunderbar schillernden Amalgam verschmolzen hat. 

Uta-Maria Heim: Tanz oder stirb. Gmeiner-Verlag, Messkirch 2023. 283 Seiten, 14 Euro. 

Große realistische Literatur

(JF) Pfarrer Busse war ein guter Mensch. Ein Wohltäter, der Sterbende auf ihrem letzten Weg begleitete. Aktiv in der Unterstützung von AIDS-Kranken. Und die Seele eines Mehrfamilienhauses in Neukölln, dessen Bewohnerinnen sich gerne in seiner 270 m²-Wohnung zu geselligen Abenden versammelten. Aber warum ist dieser gute Mensch nun tot, auf brutale Weise umgebracht? Und was hat die Hausgemeinschaft davon abgehalten, sofort die Polizei zu benachrichtigen? Kriminalkommissar Manz steht vor einem Rätsel, zumal ihn die Ahnung nicht loslässt, dass ihm hier niemand die Wahrheit sagt.

Fünf Frauen ist der vierte alte Fall, an den sich Manz, inzwischen Kriminaldirektor außer Dienst, erinnert. Angeregt durch ein Zitat aus einem Gedicht Dietrich Bonhöffers, das sein Enkel anlässlich seiner Konfirmation vorträgt. „Wer bin ich“, lautet dessen Titel, eine Frage, die Manz zurück in den Frühsommer 1983 und zum ermordeten Pfarrer Busse führt. Damals ist er 38 Jahre alt, Vater von drei Kindern und Strohwitwer, denn Ehefrau Christine befindet sich auf einer Dienstreise. Was Manz nicht wirklich behagt. Auch er fragt sich nicht nur einmal, wer er denn sei, während er herauszufinden versucht, was ihm die Frauen um den 76-jährigen Pfarrer verheimlichen. Und das ist nicht wenig.

Was zum Beispiel hat es mit den Nachlässen der Hospizbewohner auf sich, die Busse zu Geld gemacht hat, angeblich für eine AIDS-Stiftung? Die es gar nicht zu geben scheint. Und wer sind die jungen Männer, die er in seiner Wohnung empfängt? Durch beharrliches Nachfragen gelingt es den Ermittlern, neben Manz auch sein Kollege Borowski, die Mordumstände soweit aufzuklären, dass es zu einer Anklage kommt. Dann wartet bereits der nächste Fall. Doch die Frage nach Identität und Selbstbild beschäftigt Manz weiter, auch fast vier Jahrzehnte später.

Die Romane von Matthias Wittekindt um den pensionierten Kriminalisten Manz darf man auch als Meditationen über die menschliche Existenz lesen, so feinfühlig erfassen sie den Konflikt zwischen Alltagszwang und träumerischer Selbstverwirklichung. Die zwei Handlungsebenen ermöglichen ein hohes Maß an erzählerischer Reflexion, von Nähe und Distanz, eingebettet in ein fast naturalistisch gestaltetes Setting, das durch Wittekindts Dialogkunst noch stärker wirkt. „Fünf Frauen“ ist, unabhängig vom Genreformat, große realistische Literatur. Und unbedingt lesenswert. 

Matthias Wittekindt: Fünf Frauen. Ein Fall von Kriminaldirektor Manz a. D. Roman. Kampa Verlag, Zürich 2023. 344 Seiten, 19,90 Euro.

In der digitalen Welt bleibt nichts privat

(hpe) Was wir auf dem Smartphone kommunizieren, sei es mündlich oder schriftlich, können nicht nur die eigentlichen Empfänger hören oder lesen. Alles, was wir über digitale Kanäle tun und verbreiten, kann von Unbefugten mitverfolgt werden. Das ist nicht Science-ficition, das ist längst Realität. 

In seinem neuen Roman Schwachstellen zeigt der israelische Autor und Rechtsanwalt Yishai Sarid wie man auf Computernetzwerke und Mobiltelefone zugreifen und alles darauf nicht nur überwachen, sondern auch manipulieren kann. Er benutzt dazu die Geschichte eines jungen Hackers in Tel Aviv. Sivi ist ein Nerd, der sich in der digitalen Welt mit Leichtigkeit bewegt, bei der Kommunikation mit echten Menschen in der echten Welt aber Mühe hat. Ausgebildet wurde er in der israelischen Armee.

Wegen seinen außerordentlichen Fähigkeiten im Aufspüren von Schwachstellen in digitalen Systemen bekommt Sivi einen gut bezahlten Job bei einer Firma, die sich als Technologieunternehmen bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine Art privaten Geheimdienst, der auch autoritären Regimes hilft, ihre Gegner zu kontrollieren. Sivi ist zwar zuweilen kurz irritiert über die Ziele, aber was soll ihn das kümmern, für ihn ist das nur ein spannender Job. „Ich sah, wie das System Tausende von Telefonen zur Überwachung ortete und infiltrierte. Alles lief einwandfrei. Ich kann von hier aus alle Telefone der Welt kontrollieren, und keiner kann mich aufhalten, sagte ich mir.“

Immer mehr nutzt Sivi die Überwachungssysteme auch neben der Arbeit. Er überwacht etwa seine Schwester, schaut, ob seine Mutter wirklich einen anderen hat, wie der Vater behauptet, spioniert einer Mitarbeiterin der Firma nach, in die er sich verliebt hat. Er geht ins System, „um zu sehen, was sich bei Menschen, die ich kannte, tat“. Mit der Zeit verfolgt er wie im Rausch auch beliebige Personen.

Er hat schon manche Grenze überschritten, doch dramatisch für Sivi wird es erst, als er Hinweise auf ein von ihm installiertes System in den Drohungen gegen einen liebenswürdigen alten Nachbarn findet. Der Nachbar kämpft für den Erhalt von Bäumen und behindert dabei Immobilienhaie. Sivi spricht mit seinem Chef darüber. Und fällt sogleich in Ungnade.

Eindrücklich und realistisch zeigt Sarid in dem über weite Strecken fesselnden, teils etwas langatmigen Psychothriller, dass alles, was wir auf irgendwelchen digitalen Kanälen kommunizieren, verbreiten, teilen und konsumieren, nicht privat bleibt. Neue Verschlüsselungen halten nur so lange, bis einer wie Sivi ihre Schwachstelle gefunden hat. Und das geht schneller, als man denkt.

Yishai Sarid: Schwachstellen (Megale HaChulschot, 2023). Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber, Zürich 2023. 286 Seiten, 24 Euro. – Siehe auch Hanspeter Eggenbergers Website krimikritik.com, auf der er regelmäßig einen „Krimi der Woche“ bespricht.

Die Heimkehr als tragendes Motiv

(JF) Nach dreißig Jahren ist Callum Haffenden, der einst als Investigativjournalist für Schlagzeilen sorgte, zurück in seinem Heimatort Granite Creek an der Grenze zum australischen Regenwald. Ein Mann namens Lachlan Wyatt ist verschwunden, und Haffenden hat ganz persönliche Motive, der Sache nachzugehen. Ein glücklicher Zufall will es, dass der mit dem Fall betraute Polizist ein alter Freund ist, ansonsten begegnet man dem Heimkehrer vor allem misstrauisch. Als die Leiche des Vermissten gefunden wird, verschärft sich die Situation. Haffenden, seit einem Unfall als Jugendlicher durch eine Unterschenkelamputation gehandicapt, agiert als Ermittler in eigener Sache recht unglücklich, zumal sein Blick dadurch getrübt wird, dass er von Anfang an seinen alten Widersacher Brett Ryan verdächtigt.

Der flüsternde Abgrund, das beeindruckende literarische Debüt der Australierin Veronica Lando, überzeugt durch souveräne Handlungsführung und eindringliche Naturbeschreibungen. Die Autorin versteht es, das populäre Motiv der Heimkehr nach langer Zeit in einen aufregenden Roman zu verwandeln. Nichts ist, wie es scheint. Und der traurige Held braucht ziemlich lange, bis er alle Zusammenhänge durchblickt. Womit sich eine alte Noir-Weisheit wieder einmal als zeitlos erweist: Die Wahrheit macht nicht glücklich.

Veronica Lando: Der flüsternde Abgrund (The Whispering, 2020). Aus dem australischen Englisch von Karen Witthuhn. Suhrkamp Verlag, Berlin 2023. 371 Seiten, 18 Euro.

Viel erzählerisches Geschick

(JF) Franz Lamprecht ist unzufrieden. Freiwillig wollte er sich zum Dienst an der Waffe melden, doch dem Rekrutierungsbüro ist der Veteran zu alt. Trotz der Generalmobilmachung, die seit einigen Wochen gilt. Österreich-Ungarn hat dem  Königreich Serbien den Krieg erklärt, doch jetzt, im August 1914, scheint sich die Hoffnung auf einen schnellen Sieg zu verflüchtigen. Das merkt man auch in Triest, wo Lamprecht mit seiner italienischen Ehefrau und den gemeinsamen Kindern lebt. Tochter Adina geht noch zur Schule, und ihr älterer Bruder Gaetano ist, zum Missmut des Vaters, der ihn lieber als Juristen gesehen hätte, Polizist. Immerhin in Zivil. 

 Man sieht, der österreichische Autor Christian Klinger, der Ispettore Gaetano Lamprecht in Die Geister von Triest schon zum zweiten Mal ermitteln lässt, stattet seine historischen Kriminalromane mit viel Liebe zum Detail aus, amouröse Verwirrungen und Radsportleidenschaft seines Helden inklusive. Dass dabei die Polizeiarbeit nicht in den Hintergrund gerät, beweist das erzählerische Geschick des Verfassers.

Es gilt, den bizarren Mord an einer alten Frau, um die sich merkwürdige Gerüchte ranken, aufzuklären. Und weil Klinger gelegentlich die Perspektive wechselt, sind wir dem Ispettore oft einen Schritt voraus, natürlich ohne des Rätsels Lösung habhaft zu werden, denn die liegt im späten 18. Jahrhundert verborgen. In der Kunstgeschichte Bewanderte  könnten allerdings schon bei der Lektüre des Prologs einen leisen Verdacht hegen, wer hier auf dem Totenbett jenen Fluch ausstößt, der offenbar noch mehr als ein Jahrhundert später seine Opfer fordert. Ihr Rezensent, das sei zugegeben, blieb bis Kapitel 33 (von 49) ahnungslos. Das darf man getrost als Kompliment für den Autor lesen, dem mit „Die Geister von Triest“ ein sehr unterhaltender und manchmal sogar bewegender Roman gelungen ist. 

Christian Klinger: Die Geister von Triest. Picus Verlag, Wien 2023. 320 Seiten, 20 Euro.

Der Ur-Typ der mordenden Frau

(AM) Noch 2012 fragte eine wissenschaftliche Arbeit: „Die übelste aller Frauen?“ Verena Vogel-Ehrensperger untersuchte darin in der Zeitschrift „Klio. Beiträge zur Alten Geschichte“ (Band 100, Heft 2) „Klytaimestra in Texten von Homer bis Aischylos und Pindar“. Die Tochter des Spartanerkönigs Tyndareos und der Leda ist bis heute eine der am übelsten beleumdeten mythologischen Figuren der Antike. Sie ist das Urbild der mordenden Frau – siehe hier nebenan in dieser Ausgabe auch Sonja Hartl über Victoria Kielland und ihr Buch „Meine Männer“.

Klytämnestra, der seit ihrer Diabolisierung in den attischen Tragödien ein männlich-planendes Herz zugeschrieben wird, wurde von ihrem Vater gegen ihren Willen in eine Ehe mit dem Heerführer Agamemnon gezwungen – einem grausamen, machthungrigen Tyrannen, der nicht nur Klytämnestra selbst übel mitspielt, sondern sie auch zwingt, ein unmenschliches Opfer zu erbringen. Er nämlich ist bereit, ihre gemeinsame Tochter Iphigenie zu opfern, um günstigen Wind für den Kriegszug nach Troja zu bekommen. Dort ist ihre Halb-Schwester Helena der Kriegsgrund. Lange missachtet und missbraucht, fängt Klytämnestra schließlich an sich zu wehren und nutzt Agamemnons Feldzug gegen Troja, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Nach seiner Rückkehr ermordet sie gemeinsam mit ihrem Liebhaber Aigisthos ihren Mann und seine trojanische Geisel Kassandra, der sie vorwirft, ein Verhältnis mit ihrem Gemahl zu haben. Klytämnestras Tochter Elektra verlangt von ihrem Bruder Orestes, die Tötung des Vaters zu rächen. Der befragt das Orakel von Delphi, das ihm zur Rache rät. Orestes tut es. Da aber Muttermord als schlimmstes aller Verbrechen gilt, verfolgen ihn von nun an die Erinyen, die Rachegöttinnen.

Klytämnestra ist Mutter. Monarchin. Mörderin. Und vor allem Überlebende patriarchaler Gewalt. Sie ist nicht makellos, gewiss nicht, und da ist auch viel Wut. Dann Tat. Die junge Texanerin Costanza Casati (Jahrgang 1995), in Norditalien aufgewachsen und altgriechische Literatur studiert, hat diese mythologische und bisher vorwiegend von Männern definierte Frauenfigur neu betrachtet und in eine Nacherzählung der alten Quellen gefasst. In England schoss das Buch auf die Bestsellerliste. Ein Textauszug hier in dieser Ausgabe.

Costanza Casati: Klytämnestra (Clytemnestra, 2023). Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt. Goldmann Verlag. München 2023. Hardcover, 554 Seiten, 25 Euro. 

Gegenwart, vorgespult

(JF) Um zu sehen, wes Ungeistes Kind die „linke“ Juristenvereinigung IADL (International Association of Democratic Lawyers) ist, reicht ein Blick in die aktuelle Stellungnahme der Organisation zum Gaza-Krieg, in der das Wort „Hamas“ nicht einmal vorkommt. Dass aber auf einer Tagung der IADL im Oktober 2000 in Havanna eine besonders radikale Untergruppierung beschlossen habe, mit gezielten Attentaten den globalen antikapitalistischen Kampf voranzutreiben, und eine ganze Reihe an bislang ungeklärten Morden auf ihr Konto gehe, ist eine Erfindung des finnischen Journalisten Tuomas Niskakangas, der unter dem Pseudonym Tuomas Oskari gerade seinen zweiten Polit-Thriller veröffentlicht hat.

Im Sturm der Macht spielt im Jahre 2028 und beschreibt ein Europa in der Krise. Die Flüchtlingszahlen steigen, und rechte Parteien gewinnen an Macht. (Also fast wie heute.) In Finnland regiert eine Koalition aus Konservativen und Rechtspopulisten. Asylsuchende werden auf einem ausrangierten Kreuzfahrtschiff untergebracht. Doch das ist natürlich keine Lösung des Problems. Die Krise spitzt sich zu, als die Ministerpräsidentin einem Attentat zum Opfer fällt. Steht ein Staatsstreich rechtsradikaler Verschwörer bevor? Die junge Historikerin Sara Hegering ist davon überzeugt. Und sie hat Beweise. Währenddessen steht Emma Erola, einst Hoffnungsträgerin der politischen Linken und später in einen gewaltsamen Putsch gegen die gewählte Regierung verstrickt, vor Gericht. Auch ihr Geliebter, der frühere Ministerpräsident Leo Koski, aus dem Exil unter einem Vorwand zurück nach Finnland gelockt, wird sie nur schwerlich vor einer langjährigen Haftstrafe bewahren können. Zumal sie beide offenbar nur Spielfiguren in einem perfiden Plan sind, der erheblich komplexer ist, als es zunächst den Anschein hat. Womit wir wieder bei den angeblich politisch motivierten Attentaten der frühen 2000er Jahre wären, von denen am Anfang die Rede war.

Tuomas Oskari versteht sich auf intrikate Plots. Seine Figuren hingegen geraten ihm gelegentlich recht holzschnittartig, eine verzeihliche Schwäche. Dass man „Im Sturm der Macht“ dennoch nur mit halbem Vergnügen liest, ist weniger der dystopischen Tendenz des Romans geschuldet als dem Hang des Autors zu ausführlichen Erklärungen politisch-historischer Zusammenhänge. Mal doziert der Erzähler, mal überlässt er der Historikerin Sara Hegering das Wort, bevor es am Ende doch noch knallt und rumst. Wer seine Thriller didaktisch mag, ist bei Oskari gut bedient.

Tuomas Oskari: Im Sturm der Macht (Miekka, 2022). Aus dem Finnischen von Anke Michler-Johanen. Lübbe Verlag, Köln 2023. 365 Seiten, 24 Euro.

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