Geschrieben am 1. September 2023 von für Crimemag, CrimeMag März 2023, CrimeMag September 2023

Alf Mayer reist zur „Stadt der Lebenden“

Der dunkle Schatten in uns allen

Zum großen Tatsachenroman „Die Stadt der Lebenden“ von Nicola Lagioia

In manchen Geschichten träumt die Hauptfigur, jemand umzubringen, und dann liegt am Morgen die Tatwaffe auf dem Nachttisch, als verstörender Beweis, dass woanders etwas geschehen ist. In diesem Fall hatten Marco und Manuel die Glaswand zertrümmert, die die Wirklichkeit von der Vorstellung trennt, und das Verhältnis von Licht und Schatten ins Gegenteil verkehrt: Von nun an und für immer würden sie jeden Morgen in einem Albtraum erwachen.(Seite 386)

„Was haben wir getan?“, fragt sich einer der Täter in den Tagen nach der Tat. „Wir haben Gott gespielt.“ Die in diesem Buch erzählte Geschichte ist wirklich passiert. Ihre Rekonstruktion ist das Ergebnis einer langen Dokumentationsarbeit, sie umfasst Gerichtsakten und Gutachten, Abhörprotokolle, inzwischen rechtskräftige Urteile, Audio- und Videobeiträge, offizielle Erklärungen und Interviews, schreibt der römische Autor Nicola Lagioia im kurzen Nachwort seines Tatsachen-Romans „Die Stadt der Lebenden“. 

Gemeint ist Rom. Das 510 Seiten starke Buch – in einer nicht hoch genug zu rühmenden, eleganten Übersetzung von Verena von Koskull, die noch die dunkelsten Stellen zum Funkeln bringt – ist ebenso das Porträt dieser Stadt wie der Versuch, ein ungeheuerliches Verbrechen fassbar zu machen. Den Autor kostete das Unterfangen mehrere Jahre seines Lebens und beinahe seinen Verstand – so tief wurde noch selten literarisch nach den Motiven einer Mordtat geschürft. Auch die Leser entlässt dieses Buch nicht unberührt. Es ist harter Stoff. Dunkelschwarz. Noir, real.

Der Erzähler – Nicola Lagioia in der Ich-Form, sein Buch erzählerisch ein Hybrid aus True Crime, Recherche, Autobiographie und literarischer Verdichtung – kam vor 20 Jahren nach Rom. „Schon im Lauf weniger Wochen hatte mich die Stadt mit ihrer planlosen Großzügigkeit mitgerissen – sie war chaotisch, lebendig, unfassbar zynisch und deshalb unfähig, ihre eigene Bosheit ernst zu nehmen.“ (S. 193)
Und ebendort: „Was glaubst du, wo du bist? Rom existierte seit 2700 Jahren, die Stadt hatte alles gesehen, sie enthielt das einmalige Konzentrat aus Lähmung und rhetorischer Taschenspielerei der italienischen Politik, und obendrein lag in ihr das Epizentrum der weltweiten theokratischen Enttäuschung. Hier waren die Leute nicht so naiv zu glauben, dass Selbstbestätigung oder, schlimmer noch, Ruhm einen Wert an sich darstellten. In Rom kannte man Menschen aller Couleur, man mischte sich mit anderen Körpern, wenn es gut lief, machte man ein bisschen Geld, man starb, und der Meereswind blies auch die Asche deiner Erinnerung fort.“ 

In Rom, formuliert Lagioia in einem Kapitel, das einem holländischen Touristen folgt, der sich planmäßig am Teenager-Strich am Bahnhof Termini delektiert, „betrachten sich die Mächtigen im Spiegel und sehen einen Totenschädel, die Gewissheit, dass wir alle zur Finsternis verdammt sind… Dass jeder Mensch seinen Preis hat. Dass das Fleisch schwach ist.“ Die Kunden rund um den Bahnhof Termini kommen aus der ganzen Welt, eine eigene Art Tourismus. „Das Zimmerangebot dafür hatte sich vervielfacht.“ Auch der Holländer kommt für billigen Sex nach Rom, vor allem wegen der Unsichtbaren: „Das Angebot an Minderjährigen ist überwältigend… Maghrebiner, Ägypter , Tunesier, Libyer.“ Sie schlafen in Grünanlagen, Unterführungen, Gräben, Abflussrohren. Junge Männer. Undokumentiert. Billige Ware. Leicht wegzuwerfen. 

Rom ist eine Hure. Rom ist ein schwarzes Loch. Rom spricht eine völlig andere Sprache. Unter dem Regen, mit dem das Buch sich öffnet, ist es die eines Wahnsinnigen, die, wie so oft, Splitter von Wahrheit enthält. Zitat:

„Sollte es weiterregnen, könnte man wetten, die alten Götter würden sich wieder des Orts bemächtigen. Doch die eigentliche Botschaft ist eine andere. Früher oder später wird der Regen sämtliche Städte zerstören. London und Paris sollten sich nichts vormachen. Nennt es Regen. Nennt es Krieg oder Hungersnot. Nennt es einfach Zeit. Alle wissen, dass das Ende der Welt kommen wird. Doch menschliches Wissen ist ein zerbrechliches Gut. Die Bewohner Roms haben das Wissen um Endlichkeit im Blut und sie so verinnerlicht, dass sie nicht mehr darüber nachdenken. Wer hier lebt, hat das Ende der Welt bereits hinter sich, der Regen hat nur den lästigen Effekt, einen Wein aus dem Glas zu spülen, den man in der Stadt dauernd trinkt.“ (S. 36)

Die beiden Täter des Romans – immer wieder muss man sich sagen, dass, was der Autor über sie versammelt, einer schmerzhaft skrupulösen Wahrheitssuche UND ebendeshalb auch unser aller Realität mit aufgelösten Familien und atomisierten Werten entspricht – suchen für ihre Tat den Straßenstrich ab. Zuerst da, „wo Pasolini seinen Mörder aufgegabelt hat“. (Siehe auch Frank Göhre bei uns auf CrimeMag, April 2017: Fünf Variationen über den Mord an Pier Paolo Pasolini.)

Lagioia, der bereits in seinem mit dem Premio Strega ausgezeichneten Roman „Eiskalter Süden“ (La ferocia, 2014) ein unerschrocken gnadenloses Sittenbild vom Zerfall der Beziehungen und vom italienischen Süden, speziell Bari, gezeichnet hatte, wagt sich vor in die Dunkelzonen unserer Gesellschaft, unserer ach so modernen Zivilisation. Von der hat der große Robert Musil bereits vor fast hundert Jahren gesagt: „Ich glaube, dass alle Vorschriften unserer Moral Zugeständnisse an eine Gesellschaft von Wilden sind … Unsere Kultur ist ein Tempel dessen, was unverwahrt Wahn genannt würde, aber gleich auch seine Verwahrungsanstalt, und wir wissen nicht: leiden wir an einem Zuviel oder einem Zuwenig.“ Musils Romanfigur Ulrich folgt in „Der Mann ohne Eigenschaften“ einem Lustmord-Prozess, der sich als realer Fall im Sommer 1910 in Wien ereignete und in den Zeitungen ausführlich berichtet wurde. Im Roman ist es der Fall Moosbrugger. In dieser Figur, in diesem Mörder kulminiert für Musil die Essenz der damaligen Zeit: „Wenn die Menschheit als Ganzes träumen könnte, müsste Moosbrugger entstehen.“ 

Bei Nicola Lagioia ist es eine Zeitungsnotiz, die ihn – ähnlich wie Truman Capote damals 1959 mit einer Meldung über eine ermordete Farmersfamilie in Kansas – auf die Spur setzt: „Grauen am Stadtrand von Rom. In einer Wohnung in Collatino wurde ein dreiundzwanzigjähriger Junge nach stundenlanger Folter umgebracht. Für das Verbrechen gibt es augenscheinlich kein Motiv.“ (La Repubblica, 6. März 2016)

Zwei junge Männer aus sogenanntem guten Hause, Manuel Foffo (29) und Marco Prato (30), haben den 23jährigen Luca Varani in eine Wohnung gelockt, ihn unter Drogen gesetzt und ihn zu Tode gefoltert. Scheinbar ohne Motiv. In seiner Vernehmung meint Manuel Foffo, er und sein Komplize und Freund hätten einfach einmal jemand töten wollen „per vedere l’effetto che fa” – um zu sehen, wie es ist.

Schuldig fühlen sich die Beiden nicht. Es sei eben passiert. Keiner habe es wirklich gewollt, wirklich geplant. Und es sei auch nichts Persönliches gewesen. „Unser Leben war gerade so absurd, dass es gar keine Rolle spielte, wer der Typ war“, erinnert sich Manuel. Jeden Tag nach der Tat erzählen sie eine andere Geschichte, entschuldigen und beschuldigen sich gegenseitig – und vor allem die Welt. Es bleibt eine Tat, für die niemand die Verantwortung übernimmt. Den Autor Nicola Lagioia macht das verrückt. Wühlt ihn auf. Stürzt ihn in Abgründe. Auch in eigene.

Zitat: „Die Anerkennung der eigenen Verantwortung bei einer schändlichen Tat wurde auf emotionaler Ebene zu einer unerträglichen Prüfung. Niemand brachte es mehr fertig, sich eine Schuld zuzuschreiben, niemand gestand sie selbst die Möglichkeit des Bösen ein. War das der Narzissmus der Massen? War es die Angst vor der sozialen Ächtung, die den Pranger zu ihrem liebsten Schauspiel erkoren hatte? So rückten an die Stelle der schuldbewussten Straftäter die ahnungslosen Mörder, die ehrlichen Lügner, die treuen Verräter, die barmherzigen Diebe, die verantwortungslosen Gauner. Es war nicht mehr der Mensch, der das Messer hineinrammt und weiß, was er tut, sondern der Kriminelle, der sich wundert, als solcher wahrgenommen zu werden…“ Und weiter: „Seit dunkler Vorzeit kauert in uns ein Schatten. Den Schwächsten zerstören. Oder den Stärksten schwächen, um ihn dann zu zerstören. Gewalt als Überlebensgarantie. Zuschlagen, um der Angst zu entkommen, selbst getroffen zu werden. Sich ohnmächtig fühlen und den anderen in Ohnmacht zu stürzen. Sich in Gefahr wähnen und den anderen in Gefahr bringen. Sich wie ein Nichts fühlen und den anderen vernichten. Dieser Schwäche, dieser atavistischen Angst nachzugeben, bedeutete, eine Wahl zu treffen. Genau hier musste man die individuelle Verantwortung wieder wachrufen…“

Nicola Lagioia weiß: Wir leben in einer von tausend Umfragen und Statistiken unablässig analysierten, ausgeloteten, durchsiebten Welt, in der es immer schwerer wird zu begreifen, wer wirklich für etwas verantwortlich ist. Die Wirtschaft bricht zusammen. Wer ist schuld? Die Erde wird vom Klimawandel bedroht. Gibt es dafür eindeutige Verantwortlichkeiten? Es ist paradox, notiert er, dass es in einer Zeit, in der sich die wesentlichen Veränderungen auf diesem Planeten unserem Verhalten zuschreiben lassen, zur schwierigsten Aufgabe überhaupt geworden ist, die Wirkung auf ihren Ursprung zurückzuführen, und das vor allem auf menschlicher, individueller Ebene.

Ein Junge wird von zwei anderen in eine Wohnung gelockt und tot wieder herausgetragen. Ist es möglich, fragt sich Lagioia, dieses Verbrechen ganz klassisch den beiden jungen Männern anzulasten – mitsamt dem ganzen Komplex von Schuld und Strafe –, oder muss man sich mit dem Gedanken abfinden, in eine vollständig neue Zeit und Welt eingetreten zu sein, in der diese Prinzipien nichts mehr gelten? Auf Seite 498, kurz vor Ende, thematisiert der Autor sein Trauma. Er fühlt sich schuldig. „Schuldig, weil ich 45 Jahre alt bin und er nicht einmal 30. Eine generationelle, eine objektive Schuld. Die Erwachsenen sind immer Schuld, wenn junge Leute in einer Welt leben, die widerlich ist. Wessen Verantwortung sollte es sonst sein?“

Das Unbegreifliche begreifbar machen. So oder ähnlich könnte man Nicola Lagioias literarisches Verfahren beschreiben, es benennt den Härtekern der Kriminalliteratur, nämlich wie kein anderes Genre realitätstüchtig zu sein, und eben nicht, wie von Verächtern und Ignoranten gerne unterstellt, nur „unterhaltsam“. Mit seiner Seelensuche steht Lagioia in einer großen literarischen Tradition. „Auf dem Grund des Brunnens“ heißt der vierte Teil seines Romans. „Leicht ist der Abstieg zur Unterwelt“ (Vergil) und „Ich glaube mich in der Hölle, also bin ich in ihr“ (Arthur Rimbaud) lauten seine Motti dazu. Schon Seneca meinte einst: „Wie also? Sind wir nicht törichter als jedes Kind, die wir bei hellichtem Tage in Furcht sind? … Wir haben uns alles zur Finsternis gemacht. Wir sehen nichts, weder das, was schadet, noch das, was nützt. Das ganze Leben stolpern wir dahin, halten aber deswegen nicht inne …“ (Siehe dazu auch den Lukrez-Essay von Markus Pohlmeyer in dieser Ausgabe.

Auf Robert Musils Beschäftigung mit dem Fall Moosbrugger in seinem Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ habe ich bereits hingewiesen. (Dazu auch Juli 2014 Peter Münders zweiteiliger Essay bei uns im Juli/ August 2014 sowie die gleichnamige Studie bei Steidl Nocturnes, hier von mir besprochen.) Auch Dostojewski, Feuerbach, ja Shakespeare und Hegel schweben über Lagioias Buch, Truman Capote sowieso. Dessen mehrjährige Beschäftigung mit dem Vierfach-Mord in Kansas erschien 1965 als vierteilige Artikelserie im Magazin „The New Yorker“, ließ ihn aber auch nach Veröffentlichung nicht los. Das ein Jahr später erschienene Buch „Kaltblütig. Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen“ (In Cold Blood) weist beinahe 5.000 Änderungen auf, wurde noch stärker als die Zeitschriften-Version zur Examination amerikanischer Werte. Die Bluttat wird von Capote als ein „psychologischer Unfall“ geschildert. Zumindest der Täter Smith scheint einfach in eine Situation hineingeraten zu sein, aus der er – fasziniert wie von einem spannenden Film – schon deswegen nicht mehr ausbricht, weil er „wissen will, wie es weitergeht“.

Ebenfalls zuerst als Zeitschriften-Serie erschien 1946 und dann 1957 in erweiterter Form als Buch „Die grässliche Bescherung in der Via Merulana“ von Carlo Emilio Gadda (1893–1973). Die chronologisch aufgebaute Handlung von „Quer pasticciaccio brutto de Via Merulana“ kann historisch und geographisch, sogar mit Orts- und Straßenangaben, genau bestimmt werden: Sie spielt vom 13. bis 24. März 1927 in der Zeit des Mussolini-Faschismus in Rom und Umgebung, behandelt umfassend ein scheußliches, alle Klassengrenzen sprengendes Verbrechen.
Die dem Neorealismo zuzurechnende Verfilmung „Un maledetto imbroglio“ (1959) von Pietro Germi hieß bei uns „Unter glatter Haut“, auf dem englischsprachigen Markt „The Facts of Murder“. 1961 erschien die bis heute bahnbrechende und begeisternde deutsche Übersetzung von Toni Kienlechner, im Verlag Wagenbach dieses Jahr erneut zugänglich gemacht und hiermit sehr empfohlen. (Siehe auch unsere „Bloody Chops“.)

Nehmen wir das Medium Film hinzu, ist Italien vermutlich das Land mit der höchsten Reflektionsdichte, was die Bearbeitung verkrusteter Strukturen, blutiger Männlichkeit und patriarchaler bzw. organisierter Gewalt und Kriminalität angeht. Denken wir an „1900“ von Bertolucci, an seinen „Il Conformista“, an die nach einem Roman von Leonardo Sciascia entstandenen „Cadaveri Eccellenti“ (Die Macht und ihr Preis) und andere Filme von Francesco Rosi, überhaupt an Sciascia (siehe dazu bei uns hier, hier, hier und hier), an Lina Wertmüllers „Camorra“, an Damiano Damiani oder Marco Bellocchio (zuletzt „Il Traditore“) , an Serien wie „Suburra“ und „Gomorrha“. Und natürlich an Pier Paolo Pasolini.

Er ist ein wichtiger kultureller Referenzpunkt für Andrea Lagioia, namentlich die Romane „Ragazzi di vita“ (1955) und „Una vita violenta“ (1959) und die Filme „Accattone“ (1961, deutsch: „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“) und „Mamma Roma“ (1962). Pasolinis Außenseiter, Diebe und Prostituierte haben fast etwas spät-biblisch Überhöhtes. „Mo’ sto bene” (Jetzt geht es mir gut) sagt der Hauptprotagonist von „Accattone“ , wenn er, von der Polizei gejagt, christusgleich auf dem Asphalt stirbt, die Musik von Johann Sebastian Bach im Hintergrund.

Rom ist bei Lagioia auch das „Epizentrum der weltweiten theokratischen Enttäuschung.“ (S. 193), der ernüchternden, heftig von Nietzsche beschworenen Erfahrung, dass Gott doch tot ist – und niemandem mehr helfen wird. Und das gilt auch für all seine Stellvertreter auf Erden. „Gewalt gehört zur bürgerlichen Mentalität“ war im Mai 2019 ein Interview in der FAZ mit dem Autor Edoardo Albinati zu seinem monumentalen Roman „Die katholische Schule“ La scuola cattolica, 2016 überschrieben. Ein Jahr nach Lagioia für „La ferocita“ (Eiskalter Süden) erhielt Albinati den Premio Strega für sein (bei uns leider ziemlich untergangenes, beim Berlin Verlag in der Übersetzung von Verena von Koskull erschienenes) Monumentalwerk, in dem er auf 1.298 Seiten den wahren und schrecklichen Mord an drei Mädchen  im Quartiere Trieste, einem ruhigen Wohnviertel von Rom, hinterherspürt. 1975 entführten, folterten und vergewaltigten drei Mitschüler diese Mädchen und ließen sie im Kofferraum ihres Autos liegen. Dieses Verbrechen, in Italien unter dem Namen „Verbrechen von Circeo“ berühmt, wird bei Albinati zu einem Panorama der italienischen Gesellschaft der siebziger Jahre und fragt besonders nach der Rolle des Mannes. Einer dieser Täter von damals nahm zu einem der Mörder in Lagioias Fall tatsächlich Kontakt auf, suchte einen Verbündeten, das sei am Rande vermerkt.

Mann zu sein in Italien, so Albinati, bedeute von Geburt an einen Konflikt: „Männlichkeit ist etwas, das du ständig unter Beweis stellen musst, auf allen Spielfeldern des Lebens: dem erotischen, dem familiären. Dabei kannst du jederzeit verlieren, deshalb muss dieser Konflikt gekittet werden. Ein Weg, dies zu tun, ist durch Gewalt. Morde an Frauen und Schwachen haben etwas mit Verlust zu tun. Dieses Gefühl, etwas zu verlieren, was einmal dir gehört hat, ist typisch männlich.“ ­ – Eine der Erklärungen, die eine Psychologin bei Lagioia anbietet, lautet: „In diesem armen, in einen Zustand absoluter Erniedrigung versetzten Jungen haben sie sich selbst erkannt und Grauen empfunden. Ein Körper anstelle eines anderen. Der Mord an Luca Varani ist ein Ritualmord.“ 

Was „Die Stadt der Lebenden“ auszeichnet, ist, dass es kein Buch der einfachen Antworten ist. Auch Erzählperspektive und Erzählhaltung werden immer wieder thematisiert: Lagioia: „Ein Mord wirft sein Licht auf das Opfer und den Täter, und es ist immer ein eingeschränktes, perverses Licht, der Mord ist das Böse, und das Böse ist der Erzähler der Geschichte. Der Mord zieht das Licht auf sich selbst, um den Rest im Dunkeln zu lassen und Opfer und Täter in der Einzigartigkeit des Geschehens miteinander verschmelzen zu lassen. Indem es uns die Täter als Monster zeigt, hindert es uns daran, ihnen emotional näherzukommen; indem es das Opfer auf die Außerordentlichkeit seines Schicksals reduziert, enthält es ihm unsere Empathie vor.“ (S. 286) Und was bedeutet es denn überhaupt, die Perspektive eines Täters einzunehmen?

Über Jahre zieht sich der Kampf des Autors mit seinem Stoff, zwischenzeitlich zieht er sogar ins (verglichen mit Rom) saubere und ruhige Turin, ist dort heute noch Direktor der Buchmesse. Wie auf Entzug aber kehrt er wieder nach Rom zurück, recherchiert weiter in dem Fall, kommt sich dabei oft vor, „wie einer, der aus einem brennenden Haus flieht und dann auf dem Absatz kehrtmacht, um sich mit einem Glas Wasser bewaffnet erneut in die Flammen zu stürzen“. (S. 403) „Man kann die menschlichen Wesen, die uns interessieren, nie wirklich ganz kennenlernen“, sagt ihm ein verständiger, lebenserfahrener Senator. „Man kennt ja nicht einmal sich selbst wirklich“, antwortet Lagioia, „sonst würde kein Mensch mehr irgendetwas schreiben.“ 

Viele Aspekte dieses gewichtigen, wichtigen Buches bleiben trotz der Länge dieser Besprechung nicht behandelt, viele schöne Details, Beobachtungen und Passagen unerwähnt. Etwa der Ermittlungsskandal „Mondo di Mezzo“  und was sich daraus ableitet, die Geschichte des von Luigi Tenco geschriebenen Songs „Ciao amore, ciao“ (1967), der erst nach seinem Selbstmord in der Version von Dalida zum Hit wurde und nach dem Marco Prato, einer der Täter, verrückt war. Oder all die zerstörten Fahrräder in der Ewigen Stadt und was hinter der Wut steckt, die sich an ihnen austobt. All die Stellen über doppelte Verriegelung von Familiengeheimnissen – die Kinder stellen sich mit ihren schamlosen Lügen bloß, die Eltern blenden die so schlecht verhohlenen Lügen aus –, und wie schwierig es ist, Eltern vom einmal gefassten Bild über ihre Kinder abzubringen. Was immer an Aufruhr, Destruktion in den Tätern war, „sie hatten den Vater nicht besiegt, sie hatten die Mutter nicht eines Besseren belehrt. Sie hatten sich selbst zerstört.“ (S. 405)

In Lagioias „Eiskalter Süden“ wird gegen Ende von einem alten vorsitzenden Richter erzählt. Einmal sollte er im Fall eines jungen Mannes, der vor einer Weinschänke totgeschlagen worden war, Recht sprechen. Mit zwei gegen einen war es losgegangen. Ein banaler Streit. Aber kaum war der Angegriffene am Boden, hatte er den Fehler begangen, sich mit schützend über den Nacken gehaltenen Händen zusammenzukauern. Bevor einer ihn dort überhaupt berührt hatte. Das war der Auslöser der Gewalt. Die beiden haben sich auf ihn geschmissen, Hatten angefangen, ihn zu schlagen, wieder und wieder. Dann hatte sich ein Dritter eingemischt, der überhaupt nichts mit ihnen zu tun hatte. Dann ein Vierter, ein Fünfter. Ohne Motiv, angefeuert vom Alkohol und von einem namenlosen Hass, hatten sie ihn mit Tritten in den Mund getötet. „Eine brutale Energie, die dann im Nichts verpufft war, ein kollektives Fieber. Vielleicht ein Residuum aus einer Zeit vor den ersten in Basalt geschlagenen Gesetzen, einer fernen und grausamen Ära, die sich unter unseren Füßen jederzeit wieder auftun kann.“ (S.  474)

Kein Mensch ist den Tragödien gewachsen, die ihn erwarten, heißt es bei Lagioia. „Weißt du, mit welcher Disziplin sich das neue Jahrhundert am besten erklären lässt?“, wird in „Eiskalter Süden“ gefragt. Die Antwort: „Mit der Verhaltensforschung.“

Momente bevor er erfährt, dass sein Sohn des Mordes beschuldigt wird, notiert der Kulturmanager Ledo Prato (68) ein Zitat von John Augustus Shedd in seinen Blog: „Ein Schiff ist im Hafen sicher, doch dafür werden Schiffe nicht gebaut.“ Das Schiff hat da den Hafen schon verlassen, „der Sturm hatte gerade erst begonnen.“ Dieses Buch führt mitten hinein.

Alf Mayer

Nicola Lagioia: Die Stadt der Lebenden (La cittá die vivi, 2020). Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Verlag btb, München 2023. 510 Seiten, Hardcover, 25 Euro.

P.S.: Das Buch bietet eine Schatzgrube genauer Beobachtungen, nur ein Beispiel: „Menschliche Wesen sind ungenau. Tragödien hingegen, einzigartig und makellos, erscheinen jedes Mal wie von göttlicher Hand gemeißelt. Die Empfindung von Komik entspringt diesem Ungleichgewicht.“ (S. 46)

PPS: Rom ist nicht so fern. Jetzt im August 2023 begann in Mönchengladbach ein Prozess, in dem drei Männern erpresserischer Menschenraub und Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen wird. Vor vier Jahren wurden dort in einem Park die in einen Koffer gepackten Leichenteile eines 48-jährigen Obdachlosen entdeckt. Um an sein Arbeitslosengeld zu kommen und damit Schulden von 200 Euro begleichen zu können, wurde der Mann über Wochen gefangen gehalten und gefoltert worden, bis er vor lauter Erschöpfung zusammenbrach, starb, zerstückelt und entsorgt wurde …