Geschrieben am 1. Oktober 2023 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2023, News

Alf Mayer: Interview Andreas Pflüger zu »Wie Sterben geht«

Artisten auf dem Hochseil

Ein Interview mit Andreas Pflüger zu seinem neuen Thriller »Wie Sterben geht«

Bei »KrimisMachen 3« in Hamburg saßen sie zum Thema Gewalt zusammen auf dem Podium, so erklärt sich das »Du« in diesem Interview. Ab dem 9. Oktober ’23 ist sein neuer Thriller im Buchhandel. Dieser Begriff steht auch auf dem Cover; vor Jahren (und bevor Pflüger zum Verlag kam) wäre das für einen Suhrkamp-Roman im literarischen Hauptprogramm undenkbar gewesen.

Andreas Pflüger: Wie Sterben geht. Thriller. Suhrkamp Verlag, Berlin 2023. Hardcover, 448 Seiten, 25 Euro. Sonderseite des Verlags zum Buch, mit Stadtplan Moskau, Tagebucheinträgen aus der Zeit des Schreibens, historischen Bildern des BND-Geländes in Pullach und einem Beitrag von Bodo V. Hechelhammer, dem langjährigen Chefhistoriker des BND.

Alf Mayer: Moskau, mitten im Kalten Krieg: Was hat dich für deinen neuen Thriller dorthin verschlagen?

Andreas Pflüger: Mir war schon lange klar, dass ich irgendwann einen Roman schreiben würde, der auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs spielen würde. 1980-1983 – das war: Afghanistan-Überfall der Sowjetunion, Boykott der Olympischen Spiele in Moskau, Solidarnosc, NATO-Doppelbeschluss, das Scheitern von SALT II. Die ultimative Konfrontation des Westens mit dem Warschauer Pakt. Die Welt war seit der Kubakrise nie näher an einem Atomkrieg gewesen. Damals spielten die Geheimdienste beider Blöcke Agentenschach auf höchstem Niveau. Literarisch tief in diese Apparate einzudringen, sie zu sezieren, war ein Bedürfnis, eine Herausforderung und eine Lust.

Was hast du dabei gelernt?

Der Roman war für mich eine Zeitmaschine, eine Reise auch ins West-Berlin der frühen Achtzigerjahre. Ich bin 1979 nach Berlin gezogen, WG im Wedding. Das war eine völlig andere Stadt, mit einem Lebensgefühl, das zwischen Frontmentalität und Punk oszillierte. Ich habe die Musik der Zeit wiederentdeckt, die Orte von damals, die Literatur; Wondratschek zum Beispiel. Und die ein oder andere Modesünde. (lacht)

Was noch?

Wie irrsinnig naiv wir waren. Wie naiv ich war. Das hat mich regelrecht erschüttert. Ich habe 1981 in Bonn an der großen Hofgarten-Demo gegen den NATO-Doppelbeschluss teilgenommen, nicht wissend – oder nicht wissen wollend – dass der KGB die Friedensbewegung in Westeuropa und den USA massiv unterwandert und gesteuert hat. Der Weltfriedensrat in Genf war praktisch eine Trollfabrik der Ersten Hauptverwaltung des KGB. Den Begriff gab es damals noch nicht, die Russen nannten es »Maskirowka«. Ich liebe das Wort, es kommt in meinem Roman zu seinem Recht. Um aus »Wie Sterben geht« zu zitieren: »Vierhundert SS-20-Rakten und zweiundvierzigtausend Sowjetpanzer standen hinter der Elbe. Aber dem KGB war es gelungen, die Sowjetunion zum Opfer und die NATO zum Aggressor zu machen.« Wie wir sehen, ist der KGB in Russland jetzt wieder an der Macht.

Was muss man über den Kalten Krieg wissen?

Alles Nötige erfahren wir doch heute. Es gab auch damals einen Angriffskrieg: Russland überfiel Afghanistan. Es gab Sanktionen des Westens, alle Brücken nach Moskau wurden abgebrochen, und es wurde aufgerüstet. Der Kalte war immer auch ein Heißer Krieg. Beispielsweise standen sich im Jom-Kippur-Krieg 1973 die Machtblöcke gegenüber, das sind gute Zeiten, um Waffen zu testen. Kalter Krieg – das ist nicht zuletzt eine Materialschlacht. By the way ist meine Romanheldin Nina Winter als Analystin des BND mit dem sogenannten »Erdgas-Röhrengeschäft« befasst, das die Sowjetunion 1982 mit der BRD abschloss. Mit dieser Unterschrift wurde unsere Energieabhängigkeit von Russland besiegelt, die uns jetzt auf die Füße fällt. Die westlichen Partner Deutschlands warnten übrigens damals davor, Reagan verhängte Sanktionen.

Hast du schon vor dem russischen Überfall auf die Ukraine mit dem Roman angefangen?

Als Putin am 22. Februar letzten Jahres diesen Wahnsinn lostrat, war ich bereits zwei Monate in der Recherche – und noch fünf Monate vom ersten Satz entfernt. Ich habe einige Tage lang überlegt, ob ich abbreche, habe mich dann aber entschlossen, den Roman jetzt erst recht zu schreiben. Die Kontinuitäten zu unserer Gegenwart aufzuzeigen, habe ich zunehmend als wichtig empfunden. Putin sieht sich ja in der Nachfolge der sowjetischen Herrscher. Und das ist er tatsächlich: genauso verblendet, grausam, gottlos und lächerlich.

Du zeigst auch ein anderes Russland. Ich denke daran, dass Anna Achmatowa und Michail Bulgakow bei dir vorkommen.

Es war mir wichtig, das Bewusstsein dafür zu stärken, dass Russland ein solch großes, vielleicht einzigartiges kulturelles Vermächtnis hat. Angesichts der heutigen Zustände ist das ein fast unauflösbarer Widerspruch. Ich habe versucht, das auch sprachlich zu fassen.

Kann ich das näher wissen?

Erst wenn ich etwas in Sprache gießen kann, vermag ich es zu begreifen. Anfangs dachte ich: Dass Russland als Kulturnation so groß ist, mache den Abgrund seiner Verbrechen in der Ukraine noch gewaltiger; ich sah Parallelen zu Nazi-Deutschland. Aber damit stellt man das Leid der Opfer und das der Überlebenden in einen intellektuellen Kontext, rahmt es ein, hängt es sich als Bild an die Wand und macht die Tür zu, um das Zimmer nie wieder zu betreten. Das wäre ganz falsch, auch bei der Beurteilung der Verbrechen von Stalin, Berija, Chruschtschow, Andropow. Am Ende ist es doch nur die Banalität des Bösen. Meine zweite große Hauptfigur Rem Kukura sagt: »An dem Tag, an dem wir unter der Last unserer Schuld und Lächerlichkeit und Nichtigkeit zusammenbrechen, wird dieses Imperium zu Staub zerfallen wie alle Weltreiche vor ihm.«

Seit der Lektüre denke ich oft an die Patriarchenteiche …

Die waren in diesem Roman fast schon ein morphogenetisches Phänomen. Beim Schreiben und in der Liebe glaube ich nicht an Zufälle. Ich hatte für Nina eine Wohnung gesucht und mich für die Patriarchenteiche entschieden, ein Viertel in der Nähe der Gorkistraße, vielleicht auch wegen des poetischen Namens. Die Wohnung liegt dicht am Gartenring, ist vom Kreml nur knapp zwei Kilometer entfernt und damit für Nina eine ideale Operationsbasis. Außerdem bot der Patriarchenteich, der dem Viertel den Namen gibt, eine Laufstrecke für sie. Nina ist ja Leistungssportlerin, zunächst 10.000 Meter, später Marathon. Eine Fähigkeit, die sie brauchen wird, um zu überleben.

Und dann kam Bulgakow?

Lange vor meinem ersten Satz war beschlossen, dass sein Roman »Der Meister und Margarita« in »Wie Sterben geht« vorkommen würde, ein Buch, in dem der Teufel nach Moskau reist, um die Menschen für ihre größte Sünde zu bestrafen, die Feigheit. Es ist eins von Ninas Lieblingsbüchern. Ich las Bulgakow mit neunzehn. Als ich ihn bei der Vorbereitung zu meinem Roman wieder in die Hand nahm, stellte ich fest, dass seine Geschichte an den Patriarchenteichen beginnt, das hatte ich längst vergessen.

Irre, nicht?

Das sind die Momente, die einem als Autor das Herz bis zum Hals schlagen lassen. An solchen vermeintlichen »Zufällen« erkenne ich während der Arbeit, ob der Roman gelingen kann. Ein bisschen Metaphysik liegt immer auf meinem Schreibtisch rum. Joseph Joubert hat ja gesagt, dass sie eine Art von Poesie ist.

Gab es weitere solche Schreib-Erlebnisse?

Ich hatte bereits dreihundert Seiten, aber es existierte noch eine Leerstelle: die damalige westdeutsche Botschaft in Moskau, ein wichtiger Spielort bei mir. Nach dem Fall der Sowjetunion zog die Bundesrepublik in einen anderes, größeres Gebäude, und das alte Palais in der Bolschaja Grusinskaja wurde nicht mehr genutzt. Ich grub ein paar Bilder der Außenfassade aus, ahnte, dass es dahinter einen kleinen Park gab, aber fand nirgends etwas Näheres, nichts zu den baulichen Gegebenheiten und schon gar nicht zu den dienstlichen Abläufen. Also beschloss ich notgedrungen, mit der Lokalität und dem Arbeitsalltag frei umzugehen, meine Botschaft daraus zu machen. Dann war ich auf einer Beerdigung in Bad Godesberg. Beim Leichenschmaus sprach mich ein alter Herr mit rheinischem Akzent an, sehr vornehm, Menjoubärtchen: »Sie sind doch Andreas Pflüger. Ich lese gerade ›Ritchie Girl‹« Er hatte viele Fragen dazu. Als ich an der Reihe war, erkundigte ich mich nach seinem früheren Berufsleben. »Ach«, meinte er, »ich war Legationsrat im Diplomatischen Dienst, unter anderem acht Jahre an der Botschaft in Moskau stationiert.« Mein Atem hat kurz gestolpert. Ich habe ihn mit Fragen gelöchert, seine Antworten waren ein Geschenk. Tage später mailte er mir ein Manuskript. Er habe ein Buch über seine Zeit in Moskau 1980-1988 geschrieben, es sei unveröffentlicht geblieben, doch für mich vielleicht interessant. Wow. Ein Fundus an Details, auch über das Leben in Moskau. Manchmal ist etwas so verrückt, dass mir die rationalen Erklärungen ausgehen.

Die westdeutsche Botschaft ist ja der Moskauer Arbeitsplatz von Nina…

Sagen wir: die Scheinarbeitsstelle. Im Geheimdienstjargon ist das ein »Legales Büro«.

Ist der Geheimdienstsprech in deinem Buch echt?

Da bin ich penibel. Nur eine Begrifflichkeit habe ich erfunden: »Pink Star« für eine überragende Quelle. In das Wort habe ich mich verknallt.

Wenn man deinen Roman liest, hat man den Eindruck, dass du in Moskau gelebt hast. Wie gut kennst du die Stadt?

(lacht) 1993 war ich für zwei Tage dort, aber habe leider meine Autorenaugen nicht benutzt, lag vielleicht am Wodka. Für den März 2022 hatte ich eine Recherchereise nach Moskau fest eingeplant, aber das ging wegen des Kriegs nicht mehr.

Hättest du nicht über Dubai fliegen können, oder Istanbul?

Ja, achtzehn Stunden mit zwei Zwischenaufenthalten. Doch in Moskau zu recherchieren, während in der Ukraine Menschen sterben, war für mich undenkbar. Also habe ich mich in Videos, Bücher, Zeitzeugenberichte eingebuddelt. Walter Benjamins »Moskauer Tagebuch« von 1926/27 war beispielsweise hilfreich, weil es eine gewisse Atmo einfängt, die zeitlos ist. Schlögls »Moskau lesen« hat mir ebenfalls gute Dienste geleistet. Man darf von einem Autor erwarten, eine fremde Stadt – auch historisch – so zum Leben zu erwecken, als wäre er dort zuhause; das gehört zur Arbeitsplatzbeschreibung. Allerdings zeigte sich bald ein großes Problem: Nach dem Fall der Sowjetunion wurden achtzig Prozent der Moskauer Straßennamen geändert, von Behörden und Institutionen ganz zu schweigen. Da kommt man mit Google Maps nicht weit. Aber in großer Not naht bisweilen auch Rettung: in meinem Fall ein Moskauer Stadtplan aus dem Jahr 1977.

Der Falk-Plan von 1977: Ninas Orte in Moskau ©media.suhrkamp.de

Ein Stadtplan von Moskau aus der Sowjetzeit? Wie kommt man an so etwas?

(lacht) Ebay. War von Falk, sogar noch originalverschweißt.

Was hat er gekostet? Und kannst du Russisch?

(lacht wieder) Fünf Euro Neunzig. Auf Russisch kann ich gerade mal Konversation im Lokal machen, mir eine Suppe bestellen und mich erkundigen, wie das Geschäft läuft. Zu mehr reicht es nicht – was ich sehr bedauere. Ich finde die Sprache wunderschön, sie kommt bei mir noch vor Französisch und Italienisch. Der Falk war Gott sei Dank in transkribierter Schrift. Ich habe zu meiner Frau gesagt: »Sollte es brennen und ich nicht zuhause sein, rette zuerst den Stadtplan.« Die Suhrkamp-Webredaktion hat ihn fotografiert, er wird dort auf einer Sonderseite zum Roman zu sehen sein.

Zu Begin des Romans ist Nina noch Analystin in Pullach. Du bist dort sogar in ihrem Büro gewesen, hast du mir erzählt …

Im September 2022 bekam ich die Erlaubnis – meines Wissens als erster Schriftsteller – das BND-Gelände in München-Pullach zu besuchen. Ich bilde mir was drauf ein. Autoren sollen gerüchteweise ja nicht ganz uneitel sein. (lacht)

Und schreibst trotzdem: »Pullach war so tot wie ein überfahrenes Eichhörnchen.«

Die Gemeinde. Auch wenn das Camp ebenfalls wie ausgestorben wirkt. Dennoch ist es ein spektakulärer Ort. Man hat das Gefühl, dass dort Gespenster leben.

Kannst du uns das näher beschreiben? 

Es war zuerst eine NS-Liegenschaft, die Martin Bormann zwischen 1936 und 1938 als »Reichssiedlung Rudolf Heß« für die Parteielite erbauen ließ. Hitler hat sich dort auf das Münchner Abkommen vorbereitet, und zur Entspannung ein Spaziergang mit Blondie. Nach dem Krieg quartierte Reinhard Gehlen, vormals Chef von »Fremde Heere Ost«, sich mit seiner braunen Truppe ein. Bodo V. Hechelhammer hat als BND-Chefhistoriker dem »Geheimobjekt Pullach« ein ganzes Buch gewidmet; sehr empfehlenswert übrigens. (CM-Besprechung hier.) Heute befindet sich auf dem Camp noch die »Technische Aufklärung« des BND, einer der zentralen Bereiche des Dienstes. Theoretisch müssten dort an die tausend Leute arbeiten, plus minus ein paar hundert, die rund um München in anderen Objekten tätig sind. Aber während meines Besuchs habe ich keine Menschenseele gesehen. Aus dem Schießbunker, nicht groß, hallte es mal. Manchmal schlug ein Wachhund an. Unter Klaus Kinkel als BND-Präsident haben die Zwinger übrigens Fußbodenheizung bekommen, und am Starnberger See unterhält man eine eigene Tierklinik für die Haustiere der Agenten im Auslandseinsatz.

1946 wurde die Asche der hingerichteten Hauptkriegsverbrecher, wie du in deinem Roman »Ritchie Girl« lakonisch vermerkst, in den Wenzbach gestreut …

… der in Pullach entspringt. Wenn das nicht Kontinuität ist. Und es war spooky, im dortigen Amtszimmer der BND-Präsidenten zu stehen. Man muss dazu wissen, dass es früher das Schlafzimmer von Martin Bormann war. Nina sagt im Roman: »Ich hatte es mir brauner vorgestellt.«

Und der Atombunker?

Man hat ihn mir gezeigt. Er wurde in den Sechzigern angelegt, weil man annahm, dass Pullach bei einem nuklearen Enthauptungsschlag der Sowjets ein Primärziel sein würde. Von der Decke tropft es, aber die roten Schalensitze, auf denen man sich anschnallen musste, sehen noch tiptop aus. Draußen sprießen überall Betonpilze aus dem Boden. Sogenannte »Einmannbunker« für diejenigen, die es bei einem Atomalarm nicht rechtzeitig unter die Erde geschafft hätten. Ich bin in einen reingestiegen. »Wie Sterben geht« bekommt da eine völlig neue Bedeutung. Wir waren auch im »Pentagon«, einem riesigen Plattenbaublock im Zentrum der Anlage, wo meine Romanheldin arbeitet, ehe man sie auf die Mission nach Moskau schickt. Als ich in Ninas Büro stand, wurden der Roman und die Wirklichkeit eins. Ich wollte, ich hätte Fotos machen können, aber das wurde mir nicht erlaubt.

Zu Nina kommen wir gleich. Grundsätzlich: Wie steht es in deinen Spionageromanen um das Verhältnis von Realität und Fiktion?

Andreas Pflüger bekommt sogar Weihnachtskarten vom BND … © privat

Bei den Lesungen aus meinem Debüt »Operation Rubikon« gab es einen sicheren Lacher. In der Passage war davon die Rede, dass die Karlsruher Bundesanwaltschaft in den Achtzigern vom BND gewarnt wurde, dass sowjetische Spionagesatelliten gezielt Gesichter fotografieren würden. Monatelang liefen die Bundesanwälte mit gesenkten Köpfen über das Areal, bis sich herausstellte, dass es sich um den Aprilscherz eines BND-Mannes gehandelt hatte. Das Schöne an dieser Anekdote war: Ich hatte sie nicht erfunden.

Woher weißt du so etwas?

Für »Rubikon« hatte ich fünf Jahre lang recherchiert und dabei Personen aus dem Sicherheitsapparat der Bundesrepublik kennengelernt, die mir treugeblieben sind und ans Telefon gehen, wenn ich anrufe. Mit der Zeit kamen noch andere hinzu. Beim BND und auch beim BKA habe ich eine stabile Fan-Basis.

Wie reagiert man beim BND auf Öffentlichkeit?

Sagen wir: reserviert. Am Tag vor meinem Pullach-Besuch habe ich mich am Starnberger See mit Hans-Ludwig Zachert getroffen, früher BKA-Präsident, seit vielen Jahren ein enger Freund. Wir saßen auf einer Restaurant-Terrasse mit weitem Blick, und er sagte zwischendurch: »Ach, das da hinten ist übrigens der Jägerwinkel, ein Schulungszentrum des BND.« Ich gab zurück: »Ist das nicht geheim?« Hans meinte: »Bei denen ist alles geheim, sogar die Speisekarte in der Kantine.« Ich machte die Probe aufs Exempel und fragte den Ober, was die Gebäude dort seien. Er sagte, das sei der Jägerwinkel, BND, wisse hier jeder. In Berlin erwähnte ich bei einem BND-Mann das Objekt, und ihm fiel die Kinnlade runter. »Sie kennen den Jägerwinkel?« Realitätsflucht ist bei Geheimdiensten eine Standarddiagnose.

Winter 2019: Bodo V. Hechelhammer (Mitte) legte Wert darauf, dass die künstliche Palme im Hof des BND-Neubaus in Berlin keine Antenne oder Kamera sei. Thomas Wörtche (links) und Andreas Pflüger blieben skeptisch © Archiv privat

Warst du nicht auch mal im BND-Neubau in Berlin? 

Ich bin zusammen mit Thomas Wörtche vor Jahren dorthin eingeladen worden und habe vor Mitarbeitern des Dienstes über meine Recherchen gesprochen. Aus dem Publikum rief eine Frau: »Sie können doch schreiben, was Sie wollen, wir werden das nie dementieren oder bestätigen.« Um auf deine Frage von vorhin zurückzukommen: Ich lege trotzdem großen Wert darauf, in Bezug auf Methodik, Mechanik, Psychologie und innere Abläufe nichts zu erfinden. Ich krieche durch den Kaninchenbau der Wirklichkeit. Was nicht ausschließt, dass ich gelegentlich auf einen Tunnel stoße, der in eine alternative Welt führt.

Briefmarke von 1998 © wiki

In der Wirklichkeit existiert die womöglich größte Ikone des Kalten Kriegs, die Glienicker Brücke. Dort lässt du es in »Wie Sterben geht« schon früh spektakulär krachen …

Ja, ich jage sie in die Luft. (lacht) Einer musste es ja mal machen. Das Todesballett auf der Brücke beginnt nach sechzehn Seiten.

Mich erinnert das an Billy Wilder: »Man fange immer mit einer Explosion an, und dann ganz langsam steigern.«

Zum einen ist das in meinem Roman einfach erzählerisch richtig. Danach gehe ich vier Jahre in der Zeit zurück, zum Ausgangspunkt von Ninas Heldinnenreise. Darüber hinaus war das Inferno auf der Brücke eine Möglichkeit, meine Hauptfigur schnell einem massiven Belastungstest zu unterziehen. Und noch was zur Glienicker Brücke: Ich hatte das Glück, einen Mann treffen zu dürfen, der 1985 als US-Agent dort ausgetauscht wurde, Eberhard Fätkenheuer. Ohne diese Begegnung wäre der Roman nicht schlechter geworden. Und doch hat sie ihn besser gemacht. Das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch.

Deine Heldin wirfst du dort buchstäblich ins eiskalte Wasser.

Ich muss als Autor doch sehen, was sie kann, will wissen, was sie in sich hat. Wie sie mit Angst klarkommt. Wo ihr Limit ist – damit ich sie darüber hinaus bringen kann. Bei Nina war ich nach der Exposition beruhigt. Wie Sterben geht, dekliniere ich auf den nächsten 429 Seiten mit ihr durch. »Ihr Leben war vom Tod nur neun Millimeter entfernt«, heißt es einmal.

Nina ist deutlich anders als Jenny Aaron …

Aaron ist eine Killerin im Auftrag des Staates. Ich habe mal überschlagen, dass siebzig bis achtzig Leichen ihren Weg pflastern. Sie ist ein Leben lang auf ihre Arbeit vorbereitet worden, ihr Vater hat sie zu einer Maschine gedrillt. Und sie ist eingebettet in eine stabile Gruppe, die »Abteilung«, wo man sich bedingungslos hilft und füreinander einsteht. Nina ist zwar körperlich fit, sie kann besonders schnell rennen, aber sie bleibt weitgehend eine Einzelkämpferin. Sie lernt boxen und leidlich schießen, kann sich wehren – immer besser im Verlauf des Buches, aber sie macht Fehler. Nein, sie bringt es bei Weitem nicht zu Aarons Fähigkeiten. Und mit dem Töten hadert sie.

Jenny Aaron hätte Ninas Todfeind Motte ohne Zögern ausgeknipst, oder?

Ja. Nina hingegen wird in diese brutale Welt hineingeworfen, hineingezwungen. Anfangs wehrt sie sich mit Händen und Füßen, nach Moskau zu gehen. Auch wenn sie es nicht gewusst hat, wird Nina am Ende erkennen, wer sie ist – und schon immer war. Eine Frau, vor der man Angst haben kann, nein muss. Irgendwann sagt sie: »Wer mit dem Tod tanzt, sollte wissen, wie man führt.« Mit dem Tod meint sie sich selbst.

Und du gönnst ihr Sex …

Vor diesen Szenen habe ich immer Angst, das geht allen Autoren so, Männern wie Frauen. Man muss den Akt entkernen, ihn auf das Wesentliche reduzieren, und das ist pures Gefühl, Nähe, manchmal die Gleichzeitigkeit von Glück und  Schmerz. Im Nachhinein würde ich sagen, dass es die beste Sexszene war, die ich je geschrieben habe. (lacht) Obwohl Aaron mit Flemming auch ihren Spaß hatte.

Schild in Pullach © Hechelhammer__
GeheimobjektPullach 

Ich muss es fragen: Werden wir Nina wieder begegnen?

Ich schließe es nicht aus – weil sie so viel Potential hat. Aber eine solche Aussage muss man immer mit Vorsicht genießen. Nach jedem Buch gibt es eine Phase, in der ich als Autor Abschied nehmen muss. Da wache ich jeden Morgen vor Sonnenaufgang auf, weil meine Hauptfigur mich weckt. »Bitte, bitte, schreib noch ein Buch mit mir«, quengelt sie dann. Später schleicht sich das raus. Mal sehen.

Gibt es eigentlich Filme, die dich im weitesten Sinne für diesen Roman inspiriert haben?

(überlegt länger) Nein. Ich wollte von Anfang an einen klassisch anmutenden Spionagethriller schreiben, der aber trotzdem in Sprache, Struktur und Action modern ist. Atmosphärisch würde vielleicht am ehesten der »Ipcress«-Film mit Michael Caine meiner Vorstellung entsprechen.

Aha, Len Deighton. Einer deiner Lieblingsautoren?

Da muss ich passen, ich habe Deighton nie gelesen. Ich kenne wirklich nur einen Bruchteil der Genreromane, die ihr Journalisten so mühelos hoch- und runterbeten könnt. Auch Elmore Leonard oder James Elroy stehen nicht in meinem Bücherregal. Das hat nichts mit Hochmut zu tun, sondern ist allein der Tatsache geschuldet, dass ich eigentlich ständig in der Recherche bin und fast ausschließlich Sachbücher oder Biografien lese. Wenn ich zu schöner Literatur greife, dann eher zu den Klassikern, Melville, Tschechow, Kafka, Musil, Hemingway, Frisch, IMMER WIEDER LYRIK, da wird mir nie langweilig. Und zum Chillen vielleicht Herodot im Original. (lacht) Kleiner Scherz. Es gibt auch ein paar deutsche Kriminalschriftsteller, deren Arbeit ich schätze. Johannes Groschupf zum Beispiel, Oliver Bottini, Max Annas, Norbert Horst, Merle Kröger. Zuletzt habe ich den ersten Roman von Susanne Tägder gelesen, der im nächsten Frühjahr bei Tropen erscheinen wird. Sie ist noch ganz unbekannt, aber das wird sich ändern. Ich habe danach gesagt: »Die ist gekommen, um zu bleiben.«

Und Adam Hall? Ich finde ja – und habe das auch einmal begründet (siehe mein Porträt bei CrimeMag) –, dass du sein legitimer Erbe bist …

Von ihm habe ich einen Quiller-Roman gelesen. Ja, hat mir gefallen. Aber solche Vergleiche finde ich eher schwierig, so schmeichelhaft sie sein mögen. Ich versuche, das von mir fernzuhalten.

Das Gedicht in deinen Romanen schreibst du immer zuallererst? Oder später?

Für mich ist im Gedicht der Kern des Romans enthalten. Das Gedicht hilft mir zu begreifen, was ich eigentlich erzählen will. Warum ich dieses Buch schreibe und kein anderes. Darum beginnt mein Roman für mich mit der ersten Zeile des Gedichts.

Also das, was Alexander Kluge den »Kammerton A« nennen würde?

Das trifft es. Ich brauche lange, es sind Wochen, bis sich eine Tür in diese neue Welt öffnet. Das Gedicht am Anfang von »Wie Sterben geht« wirkt für mich, als hätte Rem Kukura es in einer Zelle der Lubjanka als Kassiber auf Klopapier geschrieben. Es ist perfekt, wenn es dann im Roman sogar eine Funktion bekommt.

Bitte für uns: zehn Glücksmomente beim Schreiben von »Wie Sterben geht«.

Als ich das Gedicht beendet hatte
Als ich den Stadtplan von Moskau in Händen hielt
Als ich den Legationsrat kennenlernte, der dort stationiert war
Als ich merkte, dass ich mich in Moskau blind bewegen kann
Als Nina zum ersten Mal ihren eigenen Kopf bewies und sich gegen mich durchsetzte
Das Lächeln meiner Frau, als sie das erste Kapitel gelesen hatte
Als die Russisch-Lektorin, eine Moskau-Kennerin, mir Authentizität bescheinigt hat
Als ich merkte, dass Humor sich gut mit dieser Geschichte verträgt
Als ich den Besuchstermin für Pullach bekam
Als ich fertig war

Du hast wieder ausgiebig recherchiert. Kannst du überschlägig sagen, wie viel Sekundärliteratur es war?

Um die fünfzigtausend Seiten, also weniger als bei »Ritchie Girl«, weil ich in der eigentlichen Geheimdienstarbeit schon zuhause war. Aber bei Recherchen ist es schlussendlich wie im Zen: Lerne alles, und dann vergiss alles. 

Wie immer sind deine Nebenfiguren etwas Besonders. Nehmen wir Grunja.

Sie steht für einen Menschentypus, den es – ohne die Diktaturen gleichzusetzen – auch unter den Nazis, in der DDR und eben auch in der Sowjetunion gegeben hat. Menschen, die sich arrangiert haben, die in Deckung bleiben, die ihre Tage in Angst verbringen und sich einreden, sie hätten ein gutes Leben. Grunja lernt durch Nina, wie mutig sie eigentlich ist. Das ist Grunjas Heldinnenreise.

Rem Kukura in »Wie Sterben geht« und Johann Kupfer in »Ritchie Girl«, wie ähnlich sind sich die beiden?

Sie sind sehr unterschiedlich. Kupfer ist ein phantastischer Realist, er erfindet die Wirklichkeit, um zu überleben. Kukura dokumentiert sie. Zeugnis zu geben, und sei es als Verräter, als BND-Quelle, empfindet er als Verpflichtung, auch aufgrund seiner eigenen Lebensgeschichte. Kupfer ist ein Meister der Lüge, Kukura ein Meister der Wahrheit.

Nina lernt viel von ihm, oder?

Wahnsinnig viel. Bei ihrem ersten Treffen in der Tretjakow-Galerie weiß sie noch so gut wie nichts von »Spy craft«, vom Handwerkszeug der Spione, und die Abgründe, die auf sie warten werden, ahnt sie nur. Kukura sagt: »Sie kriegen von mir zwei Monate für Ihre Ausbildung in Deutschland. Den Rest bringe ich Ihnen hier bei.« Er wird zu ihrem Lehrer, ohne dass er sie vordergründig unterrichtet, einfach durch die Ruhe, mit der er alles angeht. Er ist ein Artist auf dem Hochseil, ohne Netz oder Sicherungsleine, aber bei ihm wirkt es mühelos.

Ich muss Thräne noch erwähnen …

Der ist meine Lieblingsfigur, nach Nina und Rem natürlich.

Warum?

Weil er aus dem Nichts kam. Solche Figuren liebe ich am meisten. Irgendwann brauchte Nina eine Schulung, und ich dachte, dann gebe ich ihr halt jemanden, der sie trainiert. Dann merkte ich, wie vielschichtig Thräne war. »Ich hab’ ganz viele Geheimnisse«, hat er mir immer wieder zugeflüstert. Die zu entdecken, war wie einen fetten Blockbuster im Kino gucken, da konnte ich mich zurücklehnen, staunen und genießen. Es kommt eben darauf an, ob eine Nebenfigur nur gut dafür ist, Stichworte zu liefern, oder ob sie in der Lage wäre, einen ganzen Roman zu tragen. Das ist für mich eine entscheidende Frage, jedes Mal. Thräne ist eindeutig so einer. Das gilt auch für den Imker. Selbst Schopen, bei mir der BRD-Botschafter in Moskau, kleiner Auftritt, würde dafür taugen.

Deine sechsundvierzig Kapitel haben Überschriften. Was hat es damit auf sich?

Sechsundvierzig? Wusste ich gar nicht, ich hab sie nicht gezählt. Eine Überschrift transportiert bei mir immer den Geist des Kapitels. Ich mache sie, wenn ich eins abgeschlossen habe.

Und du hast das Buch auch wieder selbst gesetzt? Schriftprobe hier:

Klar.

Ohne Worttrennungen, was im Grund völlig verrückt ist, oder?

Ich setze den Text schon beim Schreiben, obwohl mir bewusst ist, dass ich ihn noch endlos oft korrigieren und ändern werde. Einen Text ohne Trennungen zu setzen, bedeutet, sich auf jede einzelne Zeile voll zu konzentrieren, immer die beste sprachliche Lösung finden zu müssen. So durchdringe ich den Text immer tiefer und mache ihn besser. Das ist ein dialektischer Vorgang.

Und die Titelschrift?

Als der Coverentwurf kam, gefiel sie mir sofort. Die Designerin hatte sich dafür die ST-Agitaciya ausgesucht, eine sowjetische Propagandaschrift. Grundsätzlich übernehme ich die Cover-Typografie gerne für die Kapitelüberschriften und die Pagina. Diesmal hat mir das besonderen Spaß gemacht. Brotschrift ist übrigens die Guyot Press. Meine Leidenschaft für Buchgestaltung kann ich nur mit Typomanen teilen, Erik Spiekermann etwa. Aber auch Alexandra Stender und Kristina Kienast von der Suhrkamp-Herstellung verstehen und bestärken mich. Mit denen kann ich endlos fachsimpeln, das mache ich fast so gern wie schreiben. Da fällt mir ein: Könntest du in CulturMag für das Interview französische An- und Ausführungszeichen verwenden? Die deutschen sind einfach nicht sexy.

Kriegen wir hin.

Haben wir noch ein bisschen Platz?

Aber ja.

Ich habe während der Arbeit an dem Roman meine langjährige Literaturagentin Katrin Kroll »verloren«, weil sie als Lektorin zu Rowohlt ging. Für mich ist meine Agentin die wichtigste Vertrauensperson, neben meinem Lektor. Ich empfinde es als großes Glück, dass ich mich für Petra Eggers entschieden habe, die mich jetzt vertritt. Sie hat nicht nur das Können sondern auch das Temperament, das ich bei einer solchen Partnerin brauche. Ab und an mache ich etwas richtig.

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Beiträge über Andreas Pflüger bei uns über unsere Lupe (=Suche) in der Titelleiste. Ein großes Interview von 2017, „Ich bin ja nur das Gefäß meiner Figuren“ hier. Einige CulturMag-Texte von ihm.

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