Geschrieben am 6. April 2011 von für Bücher, Litmag

Yanick Lahens: Und plötzlich tut sich der Boden auf. Haiti, 12.Januar 2010

Chaos vs. Kultur

– Yanick Lahens hat eine kluge, authentische Reflexion über das Erdbeben von Haiti geschrieben. Von Ulrich Noller

Haiti, 12. Januar 2010, 16.53 Uhr. Nur für 30 Sekunden bebt die Erde, ein Wimpernschlag und doch eine gefühlte Ewigkeit. Danach ist nichts mehr wie zuvor: Kaum ein Gebäude steht noch, die Infrastruktur des sowieso schon desolaten Landes ist völlig zerstört, bis zu 500 000 Menschen sterben, genau kann es niemand sagen.

Yanick Lahens, Publizistin, Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin, geboren 1953 in Port-au-Prince, befindet sich mit ihrem Enkel Noah im Wohnzimmer: Vorlesezeit. Irgendwie können sie sich unter den Türrahmen retten, überleben. Die beiden sind vom Glück im Unglück begünstigt, Lahens Haus übersteht das Beben, beschädigt, aber immerhin. Zusammen mit den Nachbarn sitzt sie dann draußen auf der Straße, erlebt die Nachbeben, schläft im Auto. Und begreift erst sehr, sehr langsam, wie schlimm, wie fatal, wie alldurchdringend die Katastrophe wirklich war.

Um sie herum sieht es weniger gut aus: Eine Frau hat über Handy Kontakt mit ihrem verschütteten Mann, sie verfolgt sein Sterben, kann nichts tun. Im Stadtzentrum, in der Nachbarschaft: überall schwer Verletzte, Sterbende, Tote. Die Bürgersteige liegen voll mit Leichen. Traumatisierte Menschen irren durch die Trümmer. Einer hält seinen kleinen, toten, verrenkten Sohn in Armen; eine andere deutet fassungslos auf die Ruinen, in denen ihre Familie eben noch lebte. Momente, in denen der Mensch nichts ist außer: Entsetzen.

Der Mehrwert der Literatur: Ein Blick hinter die Kulissen

In den Nachrichten sieht man Bilder: zunächst die der Zerstörung, dann die von Rettungsversuchen und Aufräumarbeiten. So, wie jetzt wieder in Japan, wo, youtube sei dank, die Katastrophe richtiggehend professionell illustriert wurde. Die Literatur, die zwangsläufig verzögert bilanziert, verfügt über einen Mehrwert: Sie kann hinter die Kulissen der Zerstörungsszenarien blicken, kann beschreiben und ermessen, mit welcher Ur-Kraft so ein Erdbeben in der Seele der Menschen wütet, die sie erleben müssen. Und da passiert eine Katastrophe nach der Katastrophe, die man kaum ertragen kann: das Bewusstwerden der Nichtigkeit der eigenen, kleinen Existenz angesichts der Verschiebung einer Erdplatte um ein paar Millimeter.

Gesellschaftsphilosophische Vision

Yanick Lahens

Auch Yanick Lahens ist geschockt, wie paralysiert. Sie versucht, zu begreifen und zu verarbeiten, mit Worten, indem sie dem Unfassbaren, das sie mit allen anderen Haitianern erleben musste, einen Namen gibt: Verwerfung. Die Haitianerin sucht und findet Worte und Sätze, um diese Verwerfung zu ertragen: Für die Momente des Bebens, für die innere Erschütterung danach, für die Endlosigkeit des Wartens, für die Trauer, das Ausgeliefertsein, die Verzweiflung – aber auch für Momente der Schönheit und der Lebenslust dazwischen.

Eine so umfassende wie detailreiche Fiktion kann auf diese Weise entstehen, die letztlich sogar eine gesellschaftsphilosophische Vision für dieses arme, geschundene Land Haiti birgt. Dem Grauen der übermächtigen Laune der Natur setzt Yanick Lahens so alles entgegen, was der Mensch zu bieten hat: Die Kultur, die Kunst, die Lebenslust. Je nach Stimmung und Perspektive hält das dann auch katastrophalen Erdplattenverschiebungen die Waage.

Ulrich Noller

Yanick Lahens: Und plötzlich tut sich der Boden auf. Haiti, 12.Januar 2011 (Failles, 2010). Aus dem Französischen von Jutta Himmelreich. Zürich: Rotpunktverlag 2011. 160 Seiten. 18,50 Euro. Yanick Lahens spricht über ihr Buch bei Youtube.