Posted On 11. April 2015 By In Bücher, Crimemag With 552 Views

Wu Ming: 54

_Titel_End.inddRebellen mit weichem Herzen …

… in einem Jahr, „das das Aussehen der Welt verändert hat“ – „54“ von Wu Ming.

Wu Ming heißt, je nach Aussprache, „ohne Namen“ oder „fünf Namen“, ist ein italienisches Kollektiv aus der Abteilung „Kommunikationsguerilla“, bei uns sträflich unbekannt, was sich aber dank dem verlegerischen Mut der Assoziation A ändern wird. Kriminalliteratur comme il faut, nur eben anders als die stocklangweiligen, glattpolierten Retortentexte „für den Markt“. Eine Rezension von Elfriede Müller.

Das italienische Autorenkollektiv hat sich mit dem Mittelalterroman „Q“, der von den Bauernrevolten erzählt, ins Herz der Leser geschrieben. Mit „54“ begeben sich die Autoren in die Zeitgeschichte zurück und beschreiben gut gelaunt eine Epoche im Kalten Krieg, die auch anders hätte verlaufen können. Der Roman spielt vor allem in Italien: in Bologna, Triest und Neapel, aber eigentlich spielt sich das Wesentliche in Jugoslawien und einiges Unwesentliche auch in den USA ab.

Die zentralen Schauplätze sind die Bar Aurora in Bologna und die jugoslawische Front im Zweiten Weltkrieg, an der viele italienische Soldaten zu den jugoslawischen Partisanen desertiert sind. So auch Capponi, Kriegsheld und Vater von Nicola und Robespierre, den beiden Barinhabern, die verschiedener nicht sein könnten. Nicola ist verschlossen und muffig, sauer auf seinen Vater, der die beiden Jungs allein bei der Tante zurückgelassen hatte. Robespierre, der jugendliche Held des Romans, ist ein begnadeter Tänzer, der Welt gegenüber aufgeschlossen – er lernt Englisch – und hat ein Liebesverhältnis mit Angela, der Gattin eines hohen Tiers der Kommunistischen Partei, der er natürlich auch angehört. Wie sein Bruder Nicola wurde Robespierre vor allem durch einen Satz seines Vaters geprägt: „Man darf nicht immer nur zuschauen!“ Aber Nicola und Robespierre gehören nicht mehr zu der Generation, die Kriegshelden hervorbringt und vor grundsätzlichen Entscheidungen steht: „… aber uns Jüngeren haben sie nur Geschichten über Partisanen hinterlassen; und Waffen, die im Keller verrosten, für Träume von einer Revolution, die nie kommen wird “ (S. 155).

Lucky Luciano, Foto aus den 1930er Jahren (Wikimedia Commons)

Lucky Luciano, NYPD-Foto aus den 1930er Jahren (Wikimedia Commons)

Lucky in Italien

Wu Mings Aufmerksamkeit gilt den linken Häretikern, die die mehr wollten, als diverse Parteilinien erlaubten, denen, die die Niederlagen mit sich herumtragen. In Italien war, wie in Frankreich, der antifaschistische Widerstand nicht an die Macht gekommen, (fast) alle Waffen wurden wieder eingesammelt und in Italien machten die Alliierten ihre antikommunistische Politik. Dazu gehört auch Lucky Luciano, der sich unfreiwillig nach Neapel zurückzog. Seine rechte Hand, Steve Cemento, hat keine Lust mehr und will sich mit einem letzten großen Coup durch Heroinverkauf aus dem Geschäft zurückziehen. Dann kommt noch Cary Grant ins Spiel, der sich gerade in einer Schaffenskrise befindet und vom britischen Geheimdienst mobilisiert wird, um den Genossen Tito davon abzuhalten, sich wieder mit der Sowjetunion zu versöhnen.

Alle Ereignisse der Weltgeschichte werden in der Bar Aurora – wenn auch nicht unbedingt entschieden – so doch ausführlich diskutiert. Wie z. B. der Rausschmiss Titos aus der Komintern. Ein Thema, das den Gästen umso mehr unter den Nägeln brennt, weil Capponi, der Vater der beiden Barbesitzer, nach dem Krieg in Jugoslawien geblieben war, um den dortigen Sozialismus mit aufzubauen und eine jugoslawische Partisanin geheiratet hat. Selten genug, dass die Guten mal gewinnen! Aber auch in Jugoslawien wird gesäubert, Milovan Diljas wurde gerade der Prozess gemacht und der alte Capponi war einer seiner Anhänger. Weshalb er in Ungnade gefallen ist und sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat. Die Autoren stellen Zeitungsmeldungen der Zeit zwischen die Kapitel, um die Leser den Diskurs des damaligen Zeitgeistes näher zu bringen und vielleicht auch, um deutlich zu machen, wie eng Siege und Niederlagen manchmal beieinanderliegen können.

Cary und Tito

Robespierre will wissen, was aus seinem Vater geworden ist, da dieser nichts mehr von sich hören lässt, seine regelmäßigen Briefe ausbleiben. Er beschließt – zum Teil auch aus Liebeskummer – ihn in Jugoslawien aufzusuchen. Um das Geld zusammenzukriegen, lässt er sich mit Schwarzhändlern ein und begibt sich in die Illegalität, um sich aufzumachen, seinen Vater im Exil zu besuchen. Vittorio und andere italienische Kommunisten standen in Jugoslawien unter dem Verdacht, Spione der Kominform zu sein.

Joseph McCarthy, 1954 (wikimedia commons)

Joseph McCarthy, 1954 (Wikimedia Commons)

Während Robespierre seinen Vater wieder trifft, trifft Cary Grant Tito, mit dem er übereinkommt, dass „wir Kinder von Proletariern uns die Eleganz erobern müssen“ (S. 251). So kommt es zu einem Zusammentreffen an einem jugoslawischen Strand, an dem Vittorio Cary Grant vor dem Zugriff des sowjetischen Geheimdienstes rettet und Robespierre eine erste englische Konversation außerhalb seines Sprachunterrichts führt.

Nach der Rückkehr Robespierres nach Bologna kommt es bis zum Show-down, der alle Handlungsstränge zusammenführt und aus dem ausnahmsweise die Guten fast ungeschoren davonkommen, zu vielen amüsanten Turbulenzen zwischen Schmugglern, Dissidenten, Drogenhändlern und Sturköpfen. Denn dieses ereignisreiche Jahr 1954, als der KGB entstand, Westdeutschland der NATO beitrat, Frankreich eine definitive Niederlage in Indochina erhielt, McCarthy entmachtet und Tito umschmeichelt wurde, bietet Stoff für einen Roman. Ein Roman, der großes Lesevergnügen bereitet!

Elfriede Müller

Wu Ming: 54 (54, 2002/2014). Roman. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold. Hamburg: Assoziation A. 2015. 528 Seiten. 24,80 Euro. Verlagsinformationen zu Buch und Autoren. Elfriede Müller ist Redakteurin der europäischen Krimiwebsite Europolar.eu.

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