Geschrieben am 29. Oktober 2014 von für Bücher, Litmag

Willi Winkler: Deutschland, eine Winterreise

U1_978-3-87134-796-2.inddAltbekanntes, wohlformuliert

–Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machte sich der Verlagsangestellte Johann Gottfried Seume vom sächsischen Grimma auf in die Welt. Zweimal musste er während dieser Wanderung, die ihn bis nach Sizilien führen sollte, seine Stiefel neu besohlen lassen. Bereits 1803 erschien sein Reisebericht „Spaziergang nach Syrakus“ und wurde ein beachtlicher Erfolg, der ein neues Genre begründen sollte. Schon bald waren allerorten Schriftsteller zu Fuß unterwegs, um anschließend ihre Erfahrungen zu Papier zu bringen. Auch im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert war der literarische Reiz der Wanderung ungebrochen: Der Reporter Michael Holzach durchstreifte im Jahre 1980 ohne einen Pfennig Geld in der Tasche die alte Bundesrepublik von Norden nach Süden und zurück, „Deutschland umsonst“ hieß der noch immer lesenswerte Bestseller, dessen Autor 1983 unter tragischen Umständen in der Emscher ertrank. Ungefähr zwei Jahrzehnte nach Holzachs Wanderung machten sich gleich zwei zukünftige Erfolgsautoren auf die Beine. Der Journalist Wolfgang Büscher lief von Berlin nach Moskau und der Komiker Hape Kerkeling wallfahrtete nach Santiago de Compostella. Büscher war der schnellere Schreiber – sein Buch erschien bereits zwei Jahre später –, aber Kerkeling der erfolgreichere. Sein Reisebericht „Ich bin dann mal weg“ hat sich, seitdem er 2006 auf den Markt kam, millionenfach verkauft.

Und nun Willi Winkler, das 1957 geborene und mit einem wunderbar alliterierenden Namen gesegnete Multitalent. Als tüchtiger Übersetzer (unter anderem der Kriminalromane von Julian Barnes), ausgezeichneter Kenner populärer Kultur und Schöpfer ansprechender Formulierungen hat sich der heute vor allem für die Süddeutsche Zeitung tätige Autor und Journalist einen guten Ruf erschrieben. Als Fußgänger allerdings, dieses Fazit lässt sich nach der Lektüre seines Bändchens „Deutschland, eine Winterreise“ ziehen, macht er eine weniger eindrucksvolle Figur.

Ein Gelübde sei es gewesen, gibt der Autor zu Protokoll, das ihn im Winter 2013/2014 von Hamburg nach Altötting laufen ließ. Vor langer Zeit nämlich hatte er leichtfertig gelobt, im Falle, dass die FDP nicht mehr im Bundestag vertreten sein würde, zur Gnadenkapelle in dem Wallfahrtsort nahe der österreichischen Grenze zu pilgern. Als dieser Wunsch im September des vergangenen Jahres wider Erwarten in Erfüllung ging, war es soweit. Winkler musste wandern, da gab er sich selbst kein Pardon. Und so geschieht es, dass sich der Mittfünfziger im Frühwinter 2013 auf den Weg macht. Seine erste Station ist das 25 Kilometer entfernte Lüneburg, wo er im strömenden Regen eintrifft, um direkt mit einem der Höhepunkte deutschen Brauchtums, dem Weihnachtsmarkt, konfrontiert zu werden. Es soll nicht der letzte auf dieser Reise sein, auch nass wird der Pilger noch einige Male werden. Zwar soll die durchschnittliche Niederschlagsmenge im Dezember geringer sein als zur Sommerzeit, doch was nützt dieses Wissen dem ungeschützten Fußgänger auf der Suche nach einer Herberge? Denn ein Nachquartier zu finden, ist nicht überall so leicht wie in der immerhin mehr als 70.000 Einwohner zählenden Hansestadt.

Auf dem langen Weg von Niedersachsen über Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen nach Bayern ist der gelegentlich ziemlich missmutige Wandersmann nicht nur einmal auf die tatkräftige Unterstützung wohlmeinender Einheimischer angewiesen. Mal kommt er auf einem Reiterhof unter, mal in einer Kurklinik. Gerne hält er sich abends in Gaststuben auf, lauscht den Gesprächen vielfältig interessierter Stammtischbrüder und erzählt davon im Stil des reifen Eckhard Henscheids. Ist die Gegend gar zu trostlos, greift er auf sein reiches literaturhistorisches Wissen zurück. Zitate von Karl Philipp Moritz, Jean Paul oder Arno Schmidt helfen wie eine Art Abwehrzauber gegen die Schrecklichkeiten der deutschen Provinz, deren kulturelle Bedeutung ihren Bewohnern gewöhnlich verschlossen bleibt. So gerät die Pilgerreise mehr und mehr zur Zumutung, nicht nur für die gequälten Füße des Wanderers, dessen mentale Lage immer prekärer wird. „Der Horror, der Horror“, entfährt es ihm, Joseph Conrad zitierend, als ob der Weg nach Altötting direkt durch das Herz der Finsternis führte. Dass er sich unter diesen Umständen das eigentlich vorgeschriebene dreimalige Umkreisen der Gnadenkapelle erspart, ist verständlich.

Mit diesem Geständnis endet Willi Winklers Bericht von seiner Winterreise, die sich eben nicht als Expedition in ein „unbekanntes Deutschland“, wie es auf dem Schutzumschlag heißt, erwiesen hat. Im Gegenteil. Vieles kommt einem nur allzu bekannt vor. Dass das Büchlein dennoch eine unterhaltende Lektüre abgibt, verdankt sich der Formulierungskunst seines Autors. Manchmal fragt man sich allerdings schon, ob es nicht auch die Seite drei der Süddeutschen getan hätte.

Joachim Feldmann

Willi Winkler: Deutschland, eine Winterreise. Rowohlt 2014. 176 Seiten. 18,95 Euro.

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