Geschrieben am 13. Oktober 2008 von für Bücher, Litmag

The Best of Thomas Wörtche

Kleine Texte mit großer Wirkung

Im ganz Kleinen steckt manchmal das besonders Große. Mitunter kann das Große sogar nur deshalb sichtbar werden, weil es zwar hier und da und dort im Kleinen eine vorläufige Form fand, aber erst im Nachhinein und in der Summe seine tatsächliche Gestalt annahm. Solch einen Fall stellt das Buch Das Mörderische neben dem Leben von Thomas Wörtche dar: Es wagt en passent, auf der Basis kurzer Texte aus 15 Jahren das Paradoxon einer Literaturtheorie, die eigentlich gar nicht möglich ist – und gewinnt, weil das große Ganze eben nur beiläufig und fragil, in der Multiplikation der Kleinigkeiten aufscheint. Von Ulrich Noller

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? TW hinterfragt und sprengt gängige Kategorien der Rezeption von Kriminalliteratur, um statt unzutreffender Formalismen dynamische Näherungen zu wagen, und all das auf engstem, auf knappstem Raum: Reduced to the Max.

So könnte ein Hommage an den Literaturwissenschaftler Thomas Wörtche (in der Krimiszene: TW) enden, der in seinem Buch Das Mörderische neben dem Leben ein gutes Dutzend seiner allerorten verstreuten, zum Teil bislang kaum zugänglichen Texte, Vorträge, Manuskripte zwischen zwei Buchdeckel hat pressen lassen.

Zentrale Thesen und Momente im Schaffen dieses wichtigsten deutschen Krimi-Theoretikers werden so in einem Kontext (noch einmal) sichtbar, und das Ergebnis ist in der Quersumme nicht weniger als ein Baukasten einer Theorie der Kriminalliteratur in ihren Facetten. (Was auch deshalb so erstaunlich ist, weil es DIE Theorie DER Kriminalliteratur, wie TW treffend analysiert, bislang nicht gibt, vielleicht sogar gar nicht geben kann.)

Ein Hauch von Tiefe

Möchte man sich dem – nicht exakt bestimmbaren – Wesen der Kriminalliteratur annähern, führen starre Schritte nicht weit, muss man sich dem Mäandernden, dem Oszillierenden, dem Amphibischen anvertrauen, wozu es ein Höchstmaß an geistiger Frische und Flexibilität braucht, auch davon zeugt Das Mörderische neben dem Leben: Inhaltlich wie formal ist eine Theorie der Kriminalliteratur eine, weil sie eben gerade noch keine, dabei aber in der Summe ihrer Ansätze eben doch schon fast eine ist. Mit einem Wort: eine fundierte Improvisation, ein Hauch von Tiefe.

Darüber hinaus bietet das Buch aber auch Substantielles wie Erhellendes zum Nachlesen und Kennenlernen: Über Simenon, Chester Himes, Ambler, Gobal Crime, metro, Gewalt in der Musik, das Lachen der Krimileser, den Zufall und die Ermittlungen und, und, und.

Fehlt noch was? Ach ja, der Anfang dieser Verbeugung. Zum Beispiel so: Das Mörderische neben dem Leben ist da. Endlich mal wieder ein Buch, das man lesen MUSS…

Ulrich Noller

Thomas Wörtche: Das Mörderische neben dem Leben. Ein Wegbegleiter durch die aktuelle Krimiwelt. Libelle Verlag 2008. Kartoniert. 203 Seiten. 19,90 Euro.