Sybille Bedford: Jagd auf einen Lebemann


Der arme Dr. Ward

– Wie ruiniert man einen Menschen? Indem man ihn vor Gericht stellt, zum Beispiel. Über einen solchen Fall hat Sybille Bedford 1963 eine grandiose Gerichtsreportage geschrieben. Thomas Wörtche hat sie gelesen …

Im Zuge der Werkausgabe von Sybille Bedford (1911-2006) ist jetzt eine ungedruckte Gerichtsreportage aus dem Nachlass der großen Schriftstellerin erstmals veröffentlicht worden. Sie stammt aus dem Jahr 1963. Ungedruckt deswegen, weil Dr. Stephen Ward, der Angeklagte eines bösen politischen Prozesses am Vorabend der Urteilsverkündung Selbstmord beging (und Sybille Bedford vermutlich der letzte Mensch war, der mit ihm gesprochen hat).

Der Ward-Prozess war natürlich nicht irgendein Prozess. Er stand im Zusammenhang mit der Keeler/Profumo-Affäre, die für das UK der 1960er Jahre prägend war. Das Callgirl Christine Keeler hatte den britischen Verteidigungsminister John Profumo als Kunden; gleichzeitig jedoch auch den KGB-Residenten Jewjenij (Eugene) Iwanow, was in den Zeiten des Kalten Krieges ein Geheimdienstskandal erster Güte war, dessen Echos durch die gesamte einschlägige Spionageliteratur der Zeit hallten (und auch heute manchmal noch hallen). Natürlich sabberte die Öffentlichkeit – Sexspiele im prüden Großbritannien, Oberschicht und Halbwelt im Laster vereint, Promiskuität und Politik, Erpressbarkeit und Kommunismus. Und London auf der Schwelle zum swinging

Keeler & Profumo, Peel & Steed

Christine Keeler und ihr Establishment-Lover, by the way, wurden flugs zum role model für einen Klassiker der Popular culture, in ihren ironischen und parodistischen Stilisierungen als Emma Peel und John Steed („The Avengers“, bei uns „Mit Schirm, Charme und Melone“), wobei man Emma Peel (vor allem in ihrer Personifizierung durch Diana Rigg) gleich in Latex-Catsuits steckte, um ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen  … aber das nur nebenbei.

Am Pool: Stephen Ward, Christine Keeler, Penny Marshall und Mandy Rice-Davies

Profumo musste zurücktreten, ein Sündenbock gefunden werden. Und der hieß Dr. Stephen Ward. Ein „Modearzt“ würde man heute sagen, der sich geschmeidig zwischen den verschiedenen Klassen der englischen Gesellschaft hin- und herbewegte und in wenig bürgerlichen Verhältnissen lebte. Was einerseits très schick war, andererseits zutiefst suspekt. Außerdem war sonst niemand zur Hand, dem man die Verantwortung für das ganze unsittliche Schlamassel hätte ankreiden können.  Ihm also sollte exemplarisch vom „Establishment“ der Prozess gemacht werden. Anklage: Zuhälterei. Beweise: Bis auf ein paar offenkundig manipulierte Polizeiaussagen und mehr als obskure Zeugen: keine. Chancen des Angeklagten auf einen fairen Prozess:  null. Begründung des arg parteiischen Richters für so ziemlich alle Rechtsbeugungen: nationales Interesse.

Christine Keeler und Mandy Rice Davies nach dem ersten Verhandlungstag, 22. Juli 1963.

Sybille Bedford hat die Tage im Gericht beobachtet. Sie ist empört, dennoch versucht sie, klar und transparent zu protokollieren, was da geschieht. Wie ein angeblicher Rechtsstaat das Recht beugt, bis es mehr als nur quietscht. Wie sehenden Auges eine Existenz vernichtet wird, aus nichtigstem Anlass. Wie Staatsraison (oder was man dafür hält) eisig exekutiert wird. Wie Menschen lügen und wie andere Menschen Lügen allzu gerne glauben. Wie elementares Gerechtigkeitsempfinden mit Füßen getreten wird. Bedford schreibt es auf, kühl, protokollierend, objektiv – und dennoch mit einer Haltung, die keinen Zweifel daran lässt, dass die Farce für jeden denkenden Menschen durchschaubar ist. Obwohl Sybille Bedford sogar notfalls eine eher establishmentnahe Position hat, zumindest, wenn es um Frauen wie Christine Keeler geht. Da rutschen ihr dann seltsame, aber durchaus beredte Wendungen heraus, wenn sie etwa ein Callgirl beschreibt als „eine Frau mit dem zeitlosen Ausdruck eines wahren Straßenmädchens“.

Aber Bedfords intellektuelles Format zeigt sich unter anderem eben auch darin, die Ungerechtigkeit und Widerwärtigkeit des Spektakels auch an der Ungerechtigkeit gegen solche Menschen zu benennen, die außerhalb des moralischen oder habituellen Horizonts der Autorin lebten.

Christine Keeler vor dem Old Bailey

Den jetzt obligatorischen Schlenker zu Gerichtsreportagen etwa von feministischen Agitatorinnen und Wetterfröschen lassen wir aus, wir stellen nur fest, dass das Genre „Gerichtsreportage“ zu ästhetischen und intellektuellen Highlights fähig ist.

Der Text von Sybille Bedford ist ein Highlight.

Thomas Wörtche

Fotos: Schirmer/Mosel-Verlag

Sybille Bedford: Jagd auf einen Lebemann. Der Prozess Dr. Ward. Eine Gerichtsreportage (The Worst We Can Do – A Concise Account of the Trial of Dr. Stephen Ward. Typoscript, 1963). Deutsch von Matthias Fienbork, mit einem Nachwort von Gina Thomas. München: SchirmerMosel Literatur 2011. 102 Seiten. 12,80 Euro.
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