Posted On 16. Februar 2011 By In Bücher, Litmag With 987 Views

Sophie Andresky: Fuck your Friends

Never Fuck Your Friends

– Sophie Andresky schreibt erotische Literatur für Frauen (und Männer), die mehr ist als eine bloße Aneinanderreihung von „Szenen“: Sie verbindet Sex, Gefühl und einen tragfähigen Plot sehr gekonnt zu „Romantic Porn“, findet Petra Vesper.

Zugegeben:  Die Feststellung, ein Porno habe eine gute Handlung, erinnert ein wenig an das früher gern genutzte Alibi, man(n) kaufte den „Playboy“ allein wegen der Interviews. Doch die Zeiten, in denen jenes Magazin tatsächlich einen lesenswerten Textteil hatte, der mehr sein wollte als Beiwerk zu den Fotos, sind lange vorbei. Noch nicht so lange her ist es jedoch, dass pornografische Literatur begonnen hat, mehr zu bieten als möglichst viele Nummern möglichst vieler Menschen in möglichst vielen verschiedenen Stellungen auf möglichst wenigen Seiten. Und es ist bestimmt kein Zufall, dass – zumindest im deutschsprachigen Raum – ausgerechnet eine Frau einen nicht unerheblichen Beitrag dazu beigetragen hat, den Porno aus der Schmuddelecke herauszuführen und salonfähig zu machen: Sophie Andresky, die  gerne als „Deutschlands erfolgreichste Porno-Autorin“  bezeichnet wird – ein Etikett von etwas zweifelhaftem Charme, schließlich gibt es in Deutschland ungefähr so viele erfolgreiche Porno-Autorinnen wie einarmige Langstreckenschwimmer in der Altersklasse Ü85.

Von ihrem ersten Roman „Vögelfrei“ verkauften sich inzwischen mehr als 100.000 Exemplare, und man darf getrost annehmen, dass dieser vermeintliche „Frauenporno“ seine Wirkung auch auf eine männliche Leserschaft nicht verfehlt hat. Der Erfolg gibt der Berlinerin Selbstvertrauen genug, mit ihrem neuen Roman „Fuck Your Friends“ auf ihrem Weg konsequent ein Stück weiterzugehen: „Fuck Your Friends“ bietet mehr als „nur“ Sex – er bietet Sex UND Gefühl. Wobei mit dem Gefühl nicht zwangsläufig nur Liebe gemeint ist.

Prickelnder Dreier

Was als prickelnder One-Night-Stand in Gemmas Swingerclub (ja, genau!) beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Freundschaft zwischen zwei Paaren, die bald nicht nur ihre Körper, sondern auch ihre Leben miteinander teilen: Ellen, Betreiberin eines Geschäfts mit dem vielsagenden Titel „Frollein-Wunder“, erfüllt ihrem Mann Hyper – einem eigentlich erfolgreichen, aber zuletzt ein wenig glücklosen Pyrotechniker – zu seinem 40. Geburtstag einen lang gehegten Wunsch: ein Abend im Club. Dort treffen sie auf die verführerische junge Burleske-Tänzerin Irina, und nach einem prickelnden Dreier beschließt man, dass man sich auch bei Tageslicht treffen will.

Komplettiert wird diese Dreierkonstellation von Irinas Mann Oskar, einem kernigen Naturburschen und Bio-Bauern. Man ist sich sympathisch und lernt sich lieben – in allen erdenklichen Formen, Konstellationen und Stellungen. Denn dieses erotische Kleeblatt eröffnet der Autorin mannigfaltige Möglichkeiten fernab vom Blümchensex, die sie in ihrer gewohnt unverblümten Sprache schildert: mit viel Freude am – körperlichen – Detail und einem ausgeprägten Sinn für Humor, der vor keinem Orgasmus haltmacht.

Das Besondere zwischen diesen so unterschiedlichen vier Menschen ist aber, dass sich nicht nur ihre Körper gerne und regelmäßig verknoten, sondern dass sich auch ihr Leben miteinander verschränkt. Plötzlich scheinen alle vier auf einer Erfolgswelle zu schwimmen …

www.sophie-andresky.de

… mit Folgen

Alles könnte so schön sein – doch „Fuck Your Friends“ ist kein Märchen und endet nicht mit dem Satz „Und sie bumsten fröhlich bis an ihr Lebensende“. Nein, der Roman, für den die Autorin die Bezeichnung „Romantic Porn“ kreiert hat, entwickelt sich peu à peu zu einem Erotik-Thriller. Ein mysteriöses Foto bringt alles ins Rollen: Es macht Ellen – der zentralen Figur in diesem Quartett, aus deren Perspektive erzählt wird – deutlich, dass die folgenreiche Begegnung im Swingerclub kein Zufall war, sondern dass Hyper und Irina sich schon zuvor kannten, und es zwingt sie daher, nicht nur ihre aktuelle Beziehung, sondern auch ihre gemeinsame Vergangenheit in Frage zu stellen. Es geht um Vertrauen und Verrat, um Wahrheit und Lüge, Liebe und Hass – existenzielle Fragen also, die dem gemeinsamen Sex jede Spur von Unverbindlichkeit nehmen. Längst geht es nicht mehr nur um zwei „tolerante“ Paare und ihre „Spielchen“; es geht darum, dass mit „Treulosigkeit“ viel mehr gemeint ist als das Aufgehen von zwei Paaren in einem „flotten Vierer“. Sex plus Liebe zu viert, so scheint uns Andresky zu sagen, mag zwar eine schöne Fantasie sein – den Praxistest aber besteht sie nicht: Never Fuck Your Friends.

Keine Sorge – bei allem Bemühen um einen tragfähigen Plot, der Psychologie, Spannung und Dramatik verknüpft, vergisst Sophie Andresky nicht, was ihre Leserinnen (und Leser!) wollen. Und deshalb gibt es natürlich jede Menge „Stellen“, die ihre Wirkung nicht verfehlen – von explosiven Sprengstoffbunker-Erlebnissen bis zum dampfenden Gruppensex in einem arabischen Bad in Barcelona – und selbst der Showdown ist erotisch aufgeladen. Keine Frage: Die Frau kommt zur Sache.

Für alle Verbalerotiker gibt es „Fuck Your Friends“ übrigens auch als Hörbuch, gelesen von Irina von Bentheim, bekannt als Synchronsprecherin der Carrie aus „Sex and the City“, jedoch ausschließlich als Download im Portal von audible.de.

Petra Vesper

Sophie Andresky: Fuck your Friends. München: Heyne Verlag 2010. 253 Seiten.  14,99 Euro. Eine Hörprobe des Buches finden Sie hier, ein Interview mit der SZ hier. Zur Webseite von Sophie Andresky geht es hier.