Posted On 5. Dezember 2015 By In Bücher, Litmag With 1331 Views

LitBits: Neue Belletristik mit Silvia Bovenschen, Dariusz Muszer, Chaboutè & Herman Melville, Lena Gorelik, Hassan Blasim und Nora Bossong

Neue Bücher von Silvia Bovenschen („Sarahs Gesetz“), Dariusz Muszer („Schädelfeld“), Chaboutè & Herman Melville („Moby Dick“), Lena Gorelik („Null bis unendlich“), Hassan Blasim („Der Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten über den Irak“) und Nora Bossong („36,9°“) – besprochen von Tina Manske (TM), Michael Zeller (MZ), Alf Mayer (AM), Jörg Borges (JB), Michael Höfler (MH) und Karsten Herrmann (KM). Und mit einer Haiku-Rezension von Friederike Moldenhauer zu Nicolas Mahler („Partyspaß mit Kant“).

mahler_PartyspassHaiku-Rezension

Mit Kant an der Bar
das Buffet ist eröffnet
reine Unvernunft

Nicolas Mahler: Partyspaß mit Kant. Philosofunnies. Kleine Comic-Geschichte der Philosophie. Suhrkamp 2015. 191 Seiten. 14,00 Euro.

bovenschen_sahrahsDas feine Lächeln distinguierter Damen

(TM) In der Mitte der 1970er-Jahre treffen sich in Berlin die Schriftstellerin Silvia Bovenschen und die Malerin Sarah Schumann. Beide stehen am Anfang ihrer Karriere, und es wird eine Freundschaft fürs Leben, ja mehr als das. Das Wort „Lebenspartnerschaft“ hat meist so eine hilfskonstruktionshafte Anmutung, aber auf das, was diese beiden Frauen verbindet, trifft es hundertprozentig zu. Seit vielen Jahren leben die beiden zusammen. Mit ihrem neuen Buch „Sarahs Gesetz“ setzt Silvia Bovenschen nun ihrer Freundin ein wunderbares Denkmal. In kurzen anekdotischen Absätzen erzählt sie von Schumanns Leben, der Flucht aus der Lausitz mit 11 Jahren, dem Fußfassen in einer neuen Umgebung, dem Leben in London und Berlin. Das Buchprojekt beginnt am Tag nach Sarah Schumanns 80. Geburtstag. „Ich habe sie zuvor natürlich gefragt, ob es ihr recht sei, wenn ich ein Buch über sie schriebe. Sie hat gesagt: Ja. Sie schien nicht verwundert.“ Schon dieser Satz sagt sehr viel. Der Buchtitel jedoch führt in die Irre, „Sarahs Gesetz“ gibt es witzigerweise gar nicht. „Meine Freundin Sarah ist keine Despotin. Sie sieht sich nicht als Gesetzgeberin. Sie erlässt keine Gesetze. Sie IST das Gesetz.“

Vorherrschender Eindruck durch alle Episoden hindurch: hier haben sich zwei gesucht und gefunden, die – bei aller preußischen Strenge – mit sehr viel Humor gesegnet sind. Kein Hau-drauf-Humor, sondern dieses feine Lächeln der distinguierten Dame, das man heute nur noch so selten findet und, wenn man es tut, desto mehr genießt. Aus der Zeit gefallen, das sind sie vielleicht, diese beiden so grundsympathischen Frauen. Und merken es selbst – im mit „Schluss“ überschriebenen Absatz schreibt Bovenschen, „dass meine Welt, mein Europa und all das daran, das ich liebte, vergangen ist, unwiederbringlich verloren“ sei. „Das aber, was mich in dieser neuen fremden Welt noch hält, hat einen Namen: Sarah Schumann.“

Das Buch wird komplettiert von einigen von Bovenschens Aufsätzen über die Bilder Sarah Schumanns sowie autobiographischen Notizen. Silvia Bovenschen gelingt mit „Sarahs Gesetz“ das Kunststück, Autobiographie und bewegende Liebeserklärung in ein Buch zu packen. Am Ende Am Ende wünscht man sich sehnlichst, man könne mit diesen beiden Frauen befreundet sein. Unbedingt lesenswert.

Silvia Bovenschen: Sarahs Gesetz. Erzählung/en. S. Fischer 2015. 256 Seiten. 19,99 Euro.

muszer_schaedelfeldBöses Märchen

(MZ) „Schädelfeld“: Bereits der Titel des neuen Romans von Dariuz Muszer weckt beklemmende Assoziationen, und die erfüllen sich bei der Lektüre voll und ganz. „Schädelfeld“ ist ein böses Märchen über die Zerstörung des Planeten Erde, die von seinen Bewohnern, den Menschen, selbst ins Werk gesetzt wurde und wird. Ein Leser sollte gute Nerven haben, denn es bleibt ihm nichts (oder wenig) erspart. „Leiterung war eine der aufwendigsten und zeitraubendsten Methoden, jemanden zu Tode zu quälen. Man musste dem Delinquenten gekonnt viele Knochen und Gelenke brechen, bevor man ihn erfolgreich durch die Sprossen einer Leiter ziehen konnte. Dann lehnte man die Leiter gegen einen Baum oder eine Mauer und wartete geduldig. Auf solche Weise wurde vor vielen Jahrhunderten auch Dritte Schwester, die wichtigste Prophetin des Sprossenstieger-Kults umgebracht, die sich für eine Gesalbte des Multiversums hielt.“ Nicht gerade eine Geschichte für zarte Seelen. Wer allerdings Dariusz Muszers letzten Roman kennt, „Gottes Homepage“, von 2007, weiß solche Passagen auch mit einem Augenzwinkern zu lesen. Ich jedenfalls tu’s.

Die Phantasiewelt des polnischen Autors, der seit vielen Jahren in Hannover lebt, hat den Kosmos Erde schon eine Weile hinter sich gelassen. Seine Geschichten schweben durch verschiedene Parallel-Welten des Universums, von denen die Erde nur ein Sternchen unter unendlich vielen ist. Doch Muszers intergalaktischen Abenteuer bleiben stets – im wahrsten Sinn des Wortes – geerdet. So krude (und manchmal abstoßend) auch manche seiner überbordenden Einfälle wirken – bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass der Autor immer klar das Treiben der Menschen auf ihrem Planeten im Auge behält. Noch in den absurdesten Wendungen des erzählten Fantasy-Geschehens bleibt einem Leser der menschliche – besser unmenschliche – Untergrund durchsichtig.

Auf dem Planeten Erde hat ein großer Krieg stattgefunden. Vielleicht der letzte. Alles ist zerstört. Die Städte, die Natur mit ihren Pflanzen, den Tieren. Übrig geblieben ist ein riesiges „Schädelfeld“. Eine Handvoll Menschen hat überlebt und gräbt aus der verseuchten Erde die Knochen der Verstorbenen, um sich zu ernähren. Es geht nur noch um das schiere Überleben, ein freudloses, gehetztes Vegetieren. Denn zwei Völker haben sich der nahezu menschenleeren Erde bemächtigt: die Askaris und die Lunaki. Die Askaris sind ein Kriegerorden. Die Soldaten, die sich mit hydraulischem Schuhwerk hüpfend fortbewegen, ernähren sich ebenfalls von den Knochen aus der Erde oder vom Fleisch der Restmenschheit. Ihre Gegner, die Lunakis, „Kinder des Mondes“, mit drei Augen im Kopf, stammen aus dem Inneren des Mondes. Mit Raumschiffen sind sie auf die Erde gekommen, um von den Menschen, die sich und ihren Lebensraum zerstört haben, als „Leitzivilisation“ die Herrschaft des Planeten zu übernehmen. Hin- und hergetrieben von diesen zwei feindlichen Mächten schlagen sich vier Menschen durch, der Mann Kalong, seine Frau Liv und die beiden Kinder Kara und Justus. Ihr Überlebenskampf auf der nahezu leeren Erde steht im Zentrum der Romanhandlung.

Muszer weiß diesen trostlosen Kampf ums Dasein mit einer Spannung zu erzählen, die den Leser bei der Stange hält. Ein bisschen erinnert die letzten Menschen an Robinson Crusoe auf seiner isolierten Insel inmitten des weiten Meeres. Während die Eltern Liv und Kalong die Erde am Ende mit einem Raumschiff via Mond verlassen, bleiben ihre beiden Kinder zurück auf der Erde. Ob mit ihnen die „Runderneuerung“ des Planeten gelingt, ein „Heilungsprozeß“, der die Erde „in ihren Ursprungszustand zurückversetzt“? Damit könnte dann alles noch einmal von Neuem beginnen, allerdings jetzt unter der Aufsicht von Mondmenschen, nach allem, was die Menschheit angerichtet hat. Vielleicht nicht mal die schlechteste Lösung?

Dariusz Muszer: Schädelfeld. Roman. A 1 Verlag München, 2105. Gebunden. 376 Seiten. 22,00 Euro.

chaboute_mobyBegeisternd adaptiert

(AM) Das Titelblatt zeigt eine Meeresidylle. Drei Fregattvögel in der Luft, eine Walflosse schlägt links unten träge ins Wasser. „Lasst den zerstreutesten Menschen in tiefste Träumereien verfallen – stellt diesen Menschen auf seine Füße, setzt ihn in Gang und er wird euch unfehlbar ans Wasser führen“, steht auf der nächsten Seite über einem Strandgrashügel. Weitere Querformate führen einen rucksackbepackten Wanderer ans Wasser und dann ins „Gasthaus zum Walfisch“. Dort wird er nach einem turbulenten Abend bei dem tätowierten Harpunier Queegqueg einquartiert. Die Geschichte – die wir ja kennen – nimmt ihren Lauf.

Nur dass hier der 1967 im Elsass geborene Christophe Chabouté, ein Meister der Graphic Novel („Ganz allein“, „Fegefeuer“, „Landru“), dieses Werk der Weltliteratur mit Vertikalen beschleunigt, in kleinen Feldern vorantreibt, uns auf schmalen Querformaten in der Windflaute treiben lässt, uns wie in einem Breitwandfilm die Beziehungen und ihre Dynamiken auf der „Pequod“ aufzeigt, uns hineinzieht in die Geschichte von Käptn Ahab und seinem Maat Starbuck und der Jagd auf den weißen Wal.

Man könnte mit diesem Zeichner gerne zweimal die Welt umsegeln, so wohl aufgenommen fühlt man sich auf seinen Brettern, äh Bildern. Auch wer seinen „Moby Dick“ kennt, wird das Buch von 1850 noch einmal intensiv und (fast) neu erleben. Der eine berühmte Satz, den wir kennen und erwarten, er steht auf der letzten Seite. Auch das macht Sinn. Eine gelungene Adaption.

Chaboutè: Herman Melville Moby Dick. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Graphic Novel. Egmont, Köln 2015. 256 Seiten. 29,99 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

Gorelik_null„Schwimmen bis Ende von Wasser“

(JB) Gegen die Leere und über die Möglichkeit der Liebe – Lena Gorelik erstellt in ihrem Flüchtlingsroman das Psychogramm eines Kriegsopfers.

Die russischstämmige Autorin Lena Gorelik liebt die Provokation und hasst das Klischee. Das hat sie nicht zuletzt durch ihre Satire „Lieber Mischa“(2011)deutlich gemacht, in der sie sich mit dem verkrampften Verhältnis vieler Deutscher zum Judentum auseinandersetzt. Ihr neuer Roman „Null bis unendlich“ ist vordergründig ein Flüchtlingsroman. Tatsächlich geht es aber auch um den Kampf gegen eine innere Leere und die Möglichkeit der Liebe.

Sanelas ständiger Begleiter ist der Tod. Als Kind sieht sie zunächst ihre Mutter elendig zugrunde gehen, bevor ihr Vater als Soldat im Jugoslawienkrieg in einer riesigen Blutlache sein Ende findet. Ihre Tante, bei der sie in Deutschland aufgenommen wird, kann diese Leere nicht füllen. Und auch die deutsche Sprache, die sie sich mit Hilfe ihres Klassenkameraden, des hochbegabten Nils aneignet, ist alles andere als logisch. Trotzdem wird diese in ihrem Mund noch brüchige Sprache das Medium, über das eine Annäherung zwischen den beiden Personen stattfindet. Dies geschieht nicht ohne die Brechungen, die durch das reduzierte Sprachrepertoire der gerade aus dem verwüsteten Bosnien eingetroffenen Briefschreiberin entstehen.

Lena Gorelik gelingt es hier sehr einfühlsam ihre Protagonistin darzustellen, die zwischen innerer Leere und grenzenlosem Freiheitsdrang schwankt. Die jugendliche Liebesgeschichte, die sich in dieser Begegnung zweier Sonderlinge entwickelt, erzählt Gorelik in der lakonischen Sprache der Satirikerin. Dem introvertierten Rationalisten Nils stellt sie die impulsive Sanela gegenüber. Und auch wenn sein Nachname „Liebe“ und die Nähe ihres Namens zur Margarinesorte ein wenig konstruiert wirken, so thematisiert sie so immer wieder pointiert die Außenseiterrolle der beiden.

Lena Gorelik versteht es in diesem Kontext geschickt die Handlung voranzutreiben. Nils folgt Sanela in das Kriegsgebiet zum Sterbeort ihres Vaters und wieder zurück nach Deutschland. Sanelas Leere bleibt. Ihr Selbstmordversuch trennt sie von Nils. Ihr Aufenthalt in der Psychiatrie bringt sie zur Lyrik und entlässt sie mit einer Lebensgier, die sie zu ihrem Kind Niels-Tito und zum Theater führt.

Immer dann, wenn sie sich in ihrem Leben Stabilität nähert, macht der Tod ihr einen Strich durch die Rechnung. Als der Krebs sich in ihrem Hirn einzunisten beginnt, erinnert sie sich wieder an ihre Jugendliebe. Sie reißt Nils aus der Sattheit seines wohl geordneten Intellektuellen-Lebens und der Beliebigkeit seiner ständig wechselnden Beziehungen. Sie zwingt ihn zur Verantwortungsübernahme für ihren Sohn und provoziert gleichzeitig durch ihre Eskapaden immer wieder die Trennung von ihm, bevor sie bei der gemeinsamen letzten Reise in ihre frühere Heimat endgültig verschwindet, wie sie es bereits als Jugendliche angekündigt hat: „Und ich versuche schwimmen bis Ende von Wasser, aber nie ist Ende. Nie Ende, nur Wasser, und dann schwimme ich bis Freiheit, und Freiheit hat kein Name.“

Roman: Lena Gorelik: Null bis unendlich. Rowohlt Berlin 2015. Gebunden. 304 Seiten. 19,95 Euro.

blasim_freiheitsplatzDas Intensiverleben des Augenblicks

(MH) Der Klappentext fragt gleich fünfmal, wie man über all den Schrecken und die Gewalt im Irak erzähle, wo seit 35 Jahren Krieg herrscht. Die Antwort ist zunächst recht einfach, Hassim Blasin (Jahrgang 1973) schreibt in bester Geschichtenerzähl-Tradition des Orients: bildhaft, eindrücklich, mit das Umblättern fördernder Leichtigkeit und großer Hingabe. Dabei sticht, bombt, meuchelt sich der Schrecken als surreales Element in eine ansonsten intakte Gesellschaft der zwar nicht reinen, aber eng verbundenen Herzen.

Bereits in der ersten von 24 Kurzgeschichten und Erzählungen, „Das Land der Ziegen“, findet das Grauen kuriose Wege: Der Protagonist hat als kleiner Junge das Ertrinken seines Bruders in einer Güllegrube verschuldet, und Hinrichtungspfahle ergeben das Torgestänge der kickenden Jugend.

Bei der Verarbeitung der Gräuel verstört allerdings auch die Distanz, mit der meist der Ich-Erzähler den Verlust und die selbst erlebte resp. erlittene Gewalt schildert. „Im After der Leiche steckte eine Schnapsflasche, von der rechten Hand waren drei Finger abgeschnitten, und es gab weitere, bestialische Verunstaltungen, als ob Wölfe, nicht Menschen am Werk gewesen wären.“ So beginnt „Die Jungfrau und der Soldat“ ¾ und endet mit lakonischen Verhörantworten zu dem Kannibalismus, der mit dem Mordfall zu tun hat.

Spätere der durchweg ausgefeilten und fein formulierten Geschichten (in der formidablen Übersetzung von Hartmut Fähndrich, so die dem arabischen Original entspricht) setzen sich zunehmend poetisch-sinnbildhaft mit den all den Konflikten zwischen Schmerz, Hilflosigkeit, Rache und Sühne auseinander. Die Antworten, die Hassan Blasin dazu doch noch gibt, lauten: Der Schrecken ist Normalität geworden, Leben und Tod sind eins, es helfen die Flucht ins Schöne und das Intensiverleben des Augenblicks. Das ist zutiefst human und optimistisch, der Weg zu dieser Haltung wäre aber auch von Interesse gewesen.

Hassan Blasim: Der Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten über den Irak. Übersetzt von Hartmut Fähndrich. Antje-Kunstmann-Verlag 2015. 256 Seiten. 19,95 Euro

Bossong_24898_MR1.inddVersuch über Liebe und Utopie

(KH) Die Liebe und die Utopie, die Verstrickung von persönlichem Lebensglück und Weltgeschichte versucht Nora Bossong in ihrem aus zwei parallel montierten Geschichten bestehenden Roman „36,9°“ zusammen zu führen – und scheitert daran.

Im ersten Erzählstrang rekonstruiert die gebürtige Bremerin die letzten Jahre von Antonio Gramsci, dem großen, aber kleinwüchsigen italienischen Kommunisten und Schriftsteller. Er, der bisher rein dem Geiste und der Utopie diente, lernt im Sommer 1922 in einem Sanatorium nahe Moskaus Julia Schucht kennen, verliebt sich in sie und heiratet alsbald. Kurz darauf kehrt er ohne seine schwangere Frau in das vom Faschismus bedrohte Italien zurück und wird 1926 trotz Immunität als Abgeordneter des italienischen Parlaments verhaftet. In seiner langen Haftzeit, die ihm schließlich das Leben kosten wird, verfasst Gramsci die sogenannten „Gefängnishefte“ mit philosophischen, soziologischen und politischen Überlegungen. Über die Liebe schreibt er hier mit Lust zum Paradox: „Der gesellschaftlichen Liebe geht stets die bedingungslose Liebe zu einem einzigen Menschen voraus.“ Doch was ist die Liebe? „Ein Irrtum, bedroht durch Verlust.“

Im zweiten Erzählstrang ist der Ich-Erzähler Anton Stöver mit einer überzeugten Kommunistin als Mutter unter dem Schatten Gramscis aufgewachsen und widmet sich ihm nun in einer Art Hassliebe als im akademischen Mittelbau gescheiterter Wissenschaftler an der Universität Göttingen. Eine letzte Chance bekommt er in Form einer Einladung der Gramsci-Koryphäe Brevi nach Rom: Hier soll er nach einem verschollenen Gefängnisheft von Gramsci fahnden. Er folgt der Einladung, „wenn ich auch nicht wusste, was ich mit dieser Forschungsarbeit eigentlich retten wollte, meine Karriere, meine Ehe, Gramsci oder mich.“

Nora Bossong hat mit dieser Roman-Konstellation eine reizvolle Ausgangslage geschaffen, kann diese aber nicht überzeugend nutzen. An keiner Stelle vermag sie den Leser in die existenziellen Tiefen der Fragen rund um Liebe und Glück einerseits und um politische Utopie und Weltgeschichte andererseits hineinzuziehen. Völlig misslungen ist ihr die Figur des Anton Stöver, der als ein selbstverliebter eitler Geck ohne geistige oder emotionale Originalität daher kommt und sich in Rom romantisch-abstrus in die abweisende und an der russischen Botschaft arbeitende Tatjana verliebt. Letztlich versickert der in elegant-wohltemperierter, aber auch immer leicht pittoresker Prosa geschrieben Roman in einem offenen Ende, welches den Leser mit einem großen Fragezeichen sitzen lässt.

Nora Bossong: 36,9°. Roman. Hanser Verlag 2015. 318 Seiten. 19,90 Euro.

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