Geschrieben am 2. Februar 2009 von für Bücher, Litmag

Selim Özdogan: Zwischen zwei Träumen

Wiederbelebung des Traumhaften

Über den Rhythmus seiner Sprache, über die Dynamik seiner Worte, über mal poetische, mal hart-realistische Momente bringt Selim Özdogan seine Geschichte so zum Pulsieren, dass man sich in ihren besten Momenten fast im Reich eines der Träume wähnt, um die es in der Story geht. Von Ulrich Noller

Kulturkonsumenten erleben derzeit eine Phase des Recyclings: Von der Fernsehserie Lost bis hin zu Thomas Glavinic Roman Die Arbeit der Nacht werden vergangen geglaubte Geschichten, Topoi und Motive der Kulturgeschichte, insbesondere der unterhaltenden Erzählung, aufgegriffen, aufbereitet – und einem Publikum präsentiert, das sie (insbesondere auf Kritikerseite) rezipiert, als hätten die Macher das Rad neu erfunden.

Dabei handelt es sich doch in der Regel eher um eine Aufhübschung und Neuverwertung von Altbekanntem auf zeitgemäße Weise, was in der Regel bedeutet, dass mit Hilfe professioneller Erzähltechniken nichts wirklich Neues so versiert dargeboten, in Teile zerpflückt und handwerklich solide mit kleineren Spannungsbögen auf Hochglanz gepimpt wird, dass man es plötzlich als ganz und gar innovativ wahrnimmt.

Das Ergebnis? Etikettenschwindel auf hohem Niveau, verschwendete Lebenszeit, die Blutleere einer Kurzgeschichte, die auf sechs Staffeln á 13 Folgen á 45 Minuten ausgewalzt wird. Oder, noch schlimmer, Vertreter des Ernsthaften, die sich die Schätze der Unterhaltung aneignen wollen, ohne ihre Klaviatur zu beherrschen.

Selim Özdogan und die Wiedergeburt der Träume

Ausnahmen bestätigen die Regel, und eine der Ausnahmen stellt in diesem Fall Zwischen zwei Träumen, das neue Buch von Selim Özdogan dar. Özdogans Idee: Eine Wiederbelebung des Traumhaften, unter Zuhilfenahme des Rausches, versehen mit Ingredienzien des Utopischen, verankert in einer global-urbanen Popkultur.

Will heißen: Man nimmt ein kleines Fläschchen, träufelt mit Hilfe einer Pipette ein paar Tröpfchen des Inhalts in seine Augen – und beginnt zu fliegen, ins Reich der Träume. Und zwar, um genau zu sein, nicht ins Reich des eigenen Zwischenbewusstseins, sondern in die Gefilde der Abenteuer, die andere, nämlich professionelle Träumer vorgeträumt haben. In eine Gegend also, die ganz besonders intensiv, bunt, abenteuerlich, erotisch ausgestattet ist – und die man auch noch mit anderen Konsumenten der Traumtropfen teilen kann, denn alle, die die Tröpfchen des einen Fläschchens tropfen, träumen gleich…

Solcherart changiert die Realität zwischen Sein und Schein in Özdogans neuem Roman, der eine (allzu nahe) Zukunft erzählt, in der die gängigen Medien, in der Kino, Fernsehen und Computerspiele längst ausgesorgt haben, weil kollektives Träumen viel näher, viel unmittelbarer, viel packender ist … aber auch viel gefährlicher…

Nesta, der Träumer des postelektronischen Zeitalters

Özdogan, deutscher Schriftsteller türkischer Herkunft, erzählt seine Geschichte aus der Sicht von Nesta, der in einer nicht näher bezeichneten Stadt in und bei den drei (Hoch-) Häusern lebt, in denen die Verlierer, die Kriminellen, die Ausgestoßenen Unterschlupf gefunden haben. Nesta und Sal, sein Kumpel, wollen raus, wollen ihren Weg machen: Sal als DJ, Nesta als Träumer, also als jemand, der für die anderen per Tröpfchen konsumierbare Traumwelten erstellt. Sal geht seinen Weg, er wird immer erfolgreicher, ist bald weg, er hat keine Zeit mehr. Nesta dagegen strauchelt: Klar, ihm haftet etwas Besonderes an. Aber irgendwie bekommt er es nicht auf die Reihe, sein Zwischenbewusstsein des Träumens so zu steuern, dass er tatsächlich zum Profiträumer werden könnte. Und irgendwie wird er, immer deutlicher, ein Protagonist des Scheiterns. Aber natürlich wartet da noch eine Storyline auf Nesta; eine, die ihn zum Helden machen kann; einem Helden der Zukunft, wie sie in den Clubs, den Medien, den Sounds unserer Zeit schon längst angelegt ist…

Das Beiläufige wird zum Eigentlichen

Zwischen zwei Träumen ist in einer Kunstwelt angesiedelt, weder Ort noch Zeit werden explizit genannt. Mit Hilfe einiger weniger Orte, die er umschreibt, entwirft Selim Özdogan eine ganze Welt, die von satten, treibenden Beats in Bewegung gehalten wird – und in der das Nebensächliche, das Untergründige zur Hauptsache, zum Eigentlichen geworden ist: Eine Welt, in der nicht mehr die Arbeit, das Gespräch, die Liebe zählen, sondern einzig der Traum-Schein dieser eigentlichen Aktivitäten; musikalisch zerlegt und neu strukturiert von endlosen Loops und Breaks und Beats. So lange zumindest, bis einer, ganz klassisch, gewahr wird, dass auch in Traum-Welten nicht alles Gold ist, was glänzt…
Zwischen zwei Träumen ist glänzend geschrieben, über weite Teile jedenfalls: Über den Rhythmus seiner Sprache, über die Dynamik seiner Worte, über mal poetische, mal hart-realistische Momente bringt Selim Özdogan seine Geschichte so zum Pulsieren, dass man sich in ihren besten Momenten fast im Reich eines der Träume wähnt, um die es in der Story geht.

Aber diese Nähe kommt ja auch nicht von ungefähr: Letztlich ist diese Geschichte keine Zukunftsvision, sondern eine Allegorie auf unsere von allzeit vorhandenen Bildern, von immerzu klingenden Melodien, von endlos repetierten Geschichten, mit einem Wort: von der Abwesenheit des Eigentlichen geprägten, globalisierten Welt. Eine Welt, in der der Rausch, der Traum zur Normalität geworden ist – und die den Weg zurück zu vergessen droht, in die Gefilde der Wachheit.

Ulrich Noller

Selim Özdogan: Zwischen zwei Träumen. Edition Lübbe, 2009. 447 Seiten. Euro 18,95. ISBN 978-3785716243