Posted On 3. Mai 2016 By In Bücher, Litmag, News With 2250 Views

Roman: Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan

Berges DylanVom Abhandenkommen der Heimat

– Gleich zwei Zielgruppen lockt der Erdmöbel-Sänger Berges mit dem Titel seines zweiten Romans: Fans kulinarischer Literatur und auch Fans von Bob Dylan werden hier sicherlich hellhörig. Von Etikettenschwindel zu schreiben, wäre übertrieben, schließlich wird in diesem Buch durchaus für Dylan gekocht, doch eigentlich sind sowohl der Weltstar als auch seine neue Tourköchin Nebenfiguren in der Schilderung eines von Brüchen geprägten Schicksals. Von Frank Schorneck.

Der Prolog führt tief in die Vergangenheit mit der archaischen „Gute-Nacht-Geschichte“ von einer Schlittenfahrt, auf der das Lieblingstier eines Kindes geopfert wird, um einem Wolfsrudel zu entkommen. Unter den zuhörenden Kindern ist der kleine Florentinius, dessen Lebensgeschichte den Kern des Romans ausmacht. In Helenenfeld, einer deutschen Ansiedlung bei Odessa, erlebt der junge Florentinius um 1930 herum die Enteignung der Bauern. Seine bis dahin wohlhabende Familie steht plötzlich vor dem Nichts, doch die Verwandten nehmen die zusätzlichen Esser nur ungern auf. Aber Florentinius geht seinen Weg, wird wegen seiner Russisch-Kenntnisse trotz seiner Herkunft im Komsomol aufgenommen. Später dann, als der Zweite Weltkrieg ausbricht und „Heil Hitler“ zur Grußformel am Schwarzen Meer wird, arrangiert er sich als Volksdeutscher mit der Wehrmacht – doch die Frontverläufe verschieben sich erneut.

Den Bogen zu Bob Dylan schlägt Berges in einem zweiten Handlungsstrang: Hier begleitet er die Köchin Jasmin, die als Schwangerschaftsvertretung für eine Freundin an den Job als Tourköchin für den Musiker gerät. Sie ist kein Fan, das war Bedingung für den Job. Nichtsdestrotz betritt sie mit staunenden Augen die fremde Welt mit Tourmanager, Bodyguards und Crew. Dass die erste Tour zudem in die Ukraine führt – mit exzentrischen Oligarchen und chaotischem Straßenverkehr – verstärkt noch das Unwirkliche der Szenerie. Eigentlich hat sie ihren Job noch gar nicht so richtig angetreten, als sie ein Anruf erreicht, in dem ein junger Mann aus Odessa behauptet, sein Großvater spreche nach einem Schlaganfall plötzlich Deutsch und behaupte, Florentinius Malsam zu heißen. Somit könnte er Jasmins 1944 verschollener Großvater sein.

Berges schneidet diese beiden Handlungsstränge jeweils kapitelweise gegeneinander. Nachdem sein Prolog auf sprachlicher Ebene zunächst zu gewollt antiquiert wirkt, ist es im weiteren Verlauf des Buches jedoch vor allem die Geschichte Florentinius Malsams, die Eindruck hinterlässt. Sein Schicksal zeigt, wie Überlebenswille zur Verleugnung von Idealen und sogar einer ganzen Identität führen kann, wie schmal der Grat zwischen Mitläufertum und Menschlichkeit manchmal sein kann. Florentinius ist kein Profiteur der wechselnden Systeme, er steigt nicht auf in den Hierarchien und er trägt seinen Anzug nicht mehr, als er erfährt, dass die großzügig verteilten Kleiderspenden, die in Lastwagen angekarrt werden, von ermordeten Juden stammen – doch er ist auch keine Heldenfigur, die sich gegen die Unmenschlichkeit auflehnte.

Der Dylan-Handlungsstrang gerät hingegen zuweilen arg anekdotisch. Natürlich kommen bekannte Schrullen des Musikers zur Sprache, Berges wagt jedoch auch, Dylan aus seiner Unnahbarkeit herauszuholen und ihn gemeinsam mit seiner Köchin auf einen nahezu intimen Rundgang durch das Tschechow-Museum in Jalta zu schicken. Während die Bodyguards im Eingangsbereich pausieren und das Museumspersonal keine Ahnung hat, wen sie da händewedelnd auf den vorgesehenen Rundgang scheuchen, plaudern Jasmin und Bobby über Literatur, Träume und Familie. Die zwei so unterschiedlichen Menschen haben beide ihre familiären Wurzeln in Odessa, wodurch sich die zunächst sehr vage erscheinende Klammer um beide Handlungsstränge tatsächlich zuzieht. Und wenn zum Schluss „How does it feel / to be on your own / with no direction home / like a complete unknown / like a rolling stone“ erklingt, erscheint es gar nicht so abwegig, beim Hören des Songs Florentinius Malzam vor Augen zu haben, dem die Heimat mehrfach abhanden kommt.

Frank Schorneck

Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan. Rowohlt, 2016. 288 Seiten. 19,95 Euro.

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