Geschrieben am 15. April 2017 von für Bücher, Crimemag

Roman: Janis Otsiemi: Libreville

Janis_Otsiemi_Libreville_800Mit heulenden Sirenen

von Frank Rumpel

In Gabun, das lernt man bei Janis Otsiemi, will man auf keinen Fall verhaftet werden, schon gar nicht von seinen zwei Protagonisten Louis Boukinda und Hervé Envame, Polizisten, deren Verhörmethoden eher robust sind. Geständnisse sind da obligatorisch. Und auch die Ermittlungen sind reichlich hemdsärmlig. Kein Wunder. Forensik gibt es nicht. Die digitale Welt ist für die beiden nur ein fernes Rauschen. Der einzige Computer im Präsidium steht bei ihrem Chef. Ihre Berichte tippen sie  auf einer Schreibmaschine, die noch aus den 1950ern stammt, als das zentralafrikanische Gabun noch französische Kolonie war. Ermitteln heißt für sie: auf Informanten setzen, auf Gerüchte achten, lange Wege gehen und die unendlichen Staus der Hauptstadt Libreville aussitzen.

Dort wird ein Journalist ermordet, seine Leiche am Strand in der Nähe des Präsidentenpalastes gefunden. Es ist das Jahr 2009, die Pro-forma-Wahlen stehen an. Der seit 1967 regierende Präsident würde gerne noch eine Amtszeit dranhängen oder aber seinen Sohn als Nachfolger einfädeln. Das wollen einflussreiche Eliten verhindern. Einiges deutet auf einen politischen Mord hin, zumal der Journalist immer wieder über die grassierende Korruption im Land geschrieben hatte.

Libreville

Libreville

Daneben bearbeiten die Polizisten noch eine ganze Reihe weiterer offener Fälle. Ein Franzose hat Nacktbilder minderjähriger Mädchen ins Netz gestellt. Beide Mädchen brachten sich daraufhin um. Der Mann soll noch in der Stadt sein. An einer anderen Ecke der Stadt wurde eine junge Mutter samt ihrem Baby von einem großen Geländewagen überfahren. Beide starben, der Fahrer floh. Einem ehemaligen Minister wurden Schecks gestohlen und große Beträge eingelöst. Dem einflussreichen Ex-Politiker ist daran gelegen, die Aufmerksamkeit möglichst schnell von seinem offensichtlich allzu großen Vermögen abzulenken.

All diese Fälle dienen dem 1976 geborenen Otsiemi vor allem dazu, einen kreuz und quer durch die in äquatorialer Hitze kochenden Straßen von Libreville und dessen weniger pittoresken Ecken zu lotsen. Denn die Stadt, schreibt Otsiemi, sei ein Chamäleon. Die meisten Städte sind das wohl, je nachdem, in welches Viertel man mit welchem Wissen blickt. Otsiemi ist da ein kundiger Führer, der die Örtlichkeiten gut einfängt, mit historischen Entwicklungen verknüpft und stets einen beiläufig kritischen Blick auf die Verhältnisse wirft, auf Pressefreiheit (laut Reporter ohne Grenzen auf Platz 100 von 180), Korruption (Transparancy International ordnet Gabun auf Platz 101 von 176  ein), auf große Armut, obwohl Gabun eines der rohstoffreichsten Länder Afrikas ist, auf die Verflechtungen der Mächtigen mit dem Organisierten Verbrechen in Frankreich, auf chinesische Interessen am gabunischen Holz, aber auch auf konfliktträchtige Themen, die von außen nur schwer auszumachen sind. So leben in Gabun 40 Ethnien, es gibt eben so viel Sprachen. Sehr genau wird da etwa innerhalb der Polizeihierarchie darauf geachtet, welche Ethnie welchen Posten bekommt. Und im Hintergrund spielt sich das politische Drama ab, übernimmt der Sohn des Präsidenten, der da 40 Jahre an der Macht war, dessen Amt. Zeus heißt die ganz reale Bongo-Sippe bei Otsiemi.

Libreville

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Das alles schnürt der Autor in seinem Roman geschickt, auch sehr humorvoll zusammen. Der Ton ist leicht, manches Bild ungewöhnlich. Da ist ein Mann schon mal so lang, wie ein Tag ohne Brot und ein anderer schnellt aus dem Auto wie eine Windbö. Der die Geschichte vorantreibende, zentrale Fall des ermordeten Journalisten, mit dem Otsiemi seinen Protagonisten Gelegenheit gibt,   die politischen und gesellschaftlichen Missstände in Gabun zu benennen, schlägt übrigens noch einen ganz anderen, sehr interessanten Kurs ein. Die Polizeiarbeit selbst allerdings wirkt bisweilen etwas vorabendserienhaft. Haben die Polizisten einen Verdächtigen, fahren sie in der Regel mit heulenden Sirenen los und kassieren ihren Mann kurzerhand ein. Doch da lohnt es sich (ebenso wie beim stark ausbaubaren Frauenbild, das die Protagonisten da durchweg kommunizieren), ein Auge zuzudrücken, gelingt Janis Otsiemi darüber doch ein sehr facettenreicher Blick auf die Kehrseite eines zentralafrikanischen Molochs.

Frank Rumpel

Janis Otsiemi: Libreville. (Original: African Tabloid, Marseille, 2013). Roman. Aus dem Französischen von Caroline Gutberlet. Polar-Verlag, Hamburg. 220 Seiten, 14 Euro. Ein Interview von Alf Mayer mit Janis Otsiemi findet sich hier.

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  • Ina Degenaar

    Ich bin über das Buch im Netz gestolpert und habe unmittelbar bevor ich diesen Text gelesen habe eine Literaturkritik des SWR gehört. Dort waren sich Moderatorin und Kritiker durchweg einig: Das Buch ist total langweilig, die Figuren bleiben flach, man kommt sich vor wie im Proseminar an der Uni. Hier lese ich aber Wohlwollen aus den Zeilen, sogar von Humor ist die Rede. Ich finde es zwar reizvoll, ein Buch aus Gabun zu lesen, aber ich werde mich wohl noch mal umsehen.