Posted On 6. März 2017 By In Bücher, Litmag With 372 Views

Roman: Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

HB Yanagihara_25471_MR1.inddÜber Freundschaft und unermessliche Abgründe

Mit gewaltigen Vorschusslorbeeren ist der vielseitige Roman „Ein wenig Leben“ der Amerikanerin Hanya Yanagihara jetzt auch in Deutschland erschienen. Die enthusiastische US-Kritik zu diesem mit Anna Karenina verglichenen „Meisterwerk“, über seine aufwühlende und mitreißende Kraft, erweist sich beim Lesen nicht als falsch, aber als doch nur eine Seite der Medaille. Von Karsten Herrmann.

Die 1974 geborene Yanagihara, die bei der New York Times als Redakteurin für ein Stil-Magazin arbeitet, erzählt in ihrem zweiten Roman von der lebenslangen Freundschaft von vier Männern ganz unterschiedlicher sozio-kultureller Herkunft: dem Juristen Jude, dem Künstler JB, dem Schauspieler Willem und dem Architekten Malcolm. Sie finden nach ihrem gemeinsamen Studium an einer Universität in New York zusammen und tauchen in eine Szene der kosmopolitischen, kreativen und klugen Köpfe ein: „In dem New York, dass Malcom und seine Freunde bewohnten, verliefen die Trennlinien nicht zwischen Schwarz und weiß, sondern zwischen Steuerklassen.“ Auch die Trennlinien zwischen Hetero, Bi, lesbisch oder schwul sind hier aufgehoben und die Geschlechtsidentitäten oszillieren stetig. Und so werden, nachdem alle vier Freunde in ihren Karrieren durchgestartet sind und verschiedene Partnerschaften erprobt haben, schließlich auch Jude und Willem ein Paar.

Jude bildet das tiefe schwarze Loch in diesem Viergestirn und nach und nach erfährt der Leser, welches unfassbare Märtyrium, welchen unfassbaren Leidensweg aus Verachtung, Gewalt und schwersten Missbrauch  er in seiner Kindheit und Jugend durchgemacht hat. Sein Körper und seine Seele sind voller Narben, die ihm eigentlich jegliche Nähe und Körperlichkeit, jegliches Vertrauen und Glücklichsein auf immer verwehren. Er steht in einem ständigen Kampf mit seinen inneren Ungeheuern, die sein Leben zu verschlingen drohen und die er nur durch exzessives Ritzen seiner selbst zum Schweigen bringen kann. Daran werden weder die späte Adoption durch seinen Jura-Professor Harold und dessen Frau Julia noch seine verzweifelte Liebe zu Willem letztlich etwas ändern können.

Hanya Yanagihara erzählt ihren Roman im stetigen Wechsel der Perspektiven und dringt auf packende Weise tief in das Innerste ihrer Protagonisten und ihrer Beziehungen ein – selten konnte man Romanfiguren über ein halbes Jahrhundert hinweg so genau kennen lernen, ihr Leben mit allen Höhen, Tiefen und Mittellagen teilen, sich mit ihnen freuen und ihr Leid bis hin zu echten Tränen teilen. Yanagiharas Prosa strömt in bestechend geschmeidiger Eleganz dahin, durchmisst die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen ebenso präzise wie Szenen in den Straßen und U-Bahnen New Yorks: „Er sah diesem Licht dabei zu, wie es den Bahnwagen wie Sirup füllte, Stirnfalten fortwischte, graue Haare polierte, bis sie golden leuchteten …“.

Doch bei aller erzählerischen Meisterschaft und beeindruckenden Exkursen zu Kunst, Literatur, Mathematik oder Jura offenbart dieser Roman auch Schwachstellen und überzieht deutlich: Zu erfolgreich, um wahr zu sein, erscheinen so die Karrieren der vier Freunde, zu tief und intensiv, erscheint ihre Freundschaft auf Dauer, zu toll und wunderbar das ganze Umfeld aus Freunden, Bekannten und Verwandten. Dieses hochidealisierte soziale Setting vor hippen New Yorker Kulissen bleibt nur durch die krasse Kontrastierung mit der Missbrauchsgeschichte von Jude und seinem alle Fugen des Roman durchdringendem Leiden genießbar. Und dieser unermessliche Abgrund, dieses beschädigte Leben, dieses Ringen um ein wenig Glück, das ist der eigentliche Glanzpunkt dieses in der Tat aufwühlenden Romans.

Karsten Herrmann

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin 2017. 960 Seiten. 28,00 Euro.

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