Geschrieben am 5. Dezember 2015 von für Bücher, Litmag

Roman: Eimear McBride: Das Mädchen ein halbfertiges Ding

McBride-Eimear-Das-Maedchen-ein-halbfertiges-DingZerrissen und zerhackt

So kurz. Die Sätze. Was soll. Das wird doch kaum die nächsten 250 Seiten so. So weitergehen? Von Frank Schorneck

Eimar McBride macht es ihren Lesern keineswegs leicht mit ihrem Romandebüt „Das Mädchen ein halbfertiges Ding“. Ihre Prosa zieht den Leser nicht in die Geschichte hinein, sie sperrt ihn aus. Die einzelnen Wörter scheinen sich ineinander zu verhaken, sich über Punkte und andere Satzzeichen hinweg zu verzahnen. Wer sich von diesem Bollwerk voller versteckter Widerhaken abschrecken lässt, wird das Buch nach kurzer Zeit verwirrt und möglicherweise verstört zur Seite legen. Wer aber die ersten Seiten zaghaft abtastet und mit offenen Augen nach sicheren Trittstellen sucht, der findet sich von Satz zu Satz besser zurecht in diesem Prosageröll. Die Stimme, die erzählt, gehört einem Mädchen, einem Mädchen, das zu Beginn des Romans noch gar nicht geboren ist, sondern aus dem Mutterleib heraus beobachtet. Beobachtet, wie der etwa zwei, drei Jahre ältere Bruder wegen eines Gehirntumors operiert und einer Chemotherapie unterzogen wird. Beobachtet, wie sich die Mutter in Gebete und der Vater aus der Familie flüchtet. Fühlt, wie der große Bruder mit seinen kleinen Händen den Mutterbauch streichelt. Im Mutterleib beginnt eine intensive und aufreibende Geschwisterbeziehung: „Du und ich wir waren schon lange zugange bevor ich kam.“

Die Erzählstimme wendet sich mit diesem „Du“ direkt an den Bruder. Sie beschwört die Zeit des Heranwachsens herauf, eines Heranwachsens ohne Vater, aber unter einer ebenso gottesfürchtigen wie gewalttätigen Mutter, die nicht wahrhaben will, dass das Gehirn des Sohnes bleibende Schäden davongetragen hat und er den Herausforderungen einer Regelschule nicht gewachsen ist. Als die Kinder im Teenageralter sind, ziehen die drei vom Land in eine Kleinstadt, und der Junge kann sich nicht lange der Hänseleien der Klassenkameraden erwehren. Ebenso wenig hat das Mädchen – ohnehin von einer Mischung aus Neugierde, erwachender Lust sowie Angst vor der Sünde zerrissen – dem Drängen eines Onkels entgegenzusetzen, der sie missbraucht, während Mutter und Tante im Haus schlafen. Ihre Sexualität entdeckt sie schmerzhaft und ohne großes Selbstwertgefühl. Und sie setzt diese ein, um ihren Bruder aus der Schusslinie der anderen Schüler zu ziehen: Hinter der Turnhalle, in Gebüschen bietet sie sich an, nimmt sich die aufgeregten, nervösen Jungs, um sie hinterher fallen zu lassen. Schnell und dreckig muss der Sex sein, kein Wort zuviel und erst recht kein Gefühl ist erlaubt. Doch als der Bruder davon erfährt, kommt es zum Bruch. Er mag nicht der Hellste sein, aber dass seine Schwester als Dorfschlampe behandelt wird, kann er nicht akzeptieren.

McBride greift in ihrem Debüt klassische Elemente irischer Literatur auf: Eine harte Kindheit und Jugend; strenger Katholizismus gepaart mit Aggression, unterdrückter Sexualität und Schuldgefühlen, sowie ein Vater, der sich der Verantwortung entzieht. Da wird das Mädchen verprügelt, weil man beim Radschlagen ihren Schlüpfer sehen kann, und der Junge, weil er den Rosenkranz nicht auswendig zu beten vermag. Diese Erlebnisse schweißen die Geschwister zusammen. Im Mittelpunkt des Romans stehen das Martyrium der Krebserkrankung, die den Jungen in seinen Mittzwanzigern wieder einholen wird – und die Hin- und Hergerissenheit seiner Schwester, die – zunächst mit Schimpfkanonaden, später mit sexuellen und alkoholischen Eskapaden – aus der familiären Hölle auszubrechen versucht, die aber andererseits stets zurückkehrt, um dem geliebten Bruder beizustehen. Die Mutter hingegen leugnet medizinische Tatsachen und steigert sich in immer verbissenere Gebete – unterstützt von einer Gruppe Frauen aus der Gemeinde: „Ihre schrillende wogende Betmeute ist da“, merkt das Mädchen an, „ringsum Gepsalme“. Sie weiß, dass im Gebet keine Rettung für den Bruder liegt: „Etwas schreckliches passiert hier. Das kannst Du nicht wegglauben.“ Doch tief in sich verspürt sie zugleich Schuldgefühle – kann ihr sündhaftes Verhalten der Grund für eine göttliche Bestrafung sein?

Diese tiefe seelische Zerrissenheit der jungen Frau spiegelt McBride in ihrem Erzählton mit den zerhackten Sätzen und durcheinander wirbelnden Bezügen. Die Sprache ist geprägt von atemlosem Drängen, von Wut und Verzweiflung. Gerade in den Szenen, in denen die Kinder Opfer von Schlägen werden oder in denen sich die junge Frau in irgendeinem dreckigen Hinterhof von wildfremden Männern vögeln lässt, erscheint die Sprache selbst grausam, unmittelbar und gewalttätig. Sie schmerzt wie ein Film von Lars von Trier. Im Kontrast dazu stehen ruhigere Passagen, aus denen die Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung, vor allem nach der Liebe des Bruders spricht.

Die mehrfach preisgekrönte Übersetzerin Miriam Mandelkow dürfte hier kein leichtes Spiel gehabt haben. Eine solche Prosa sperrt sich der bloßen Übersetzung, verlangt nach einer Neudichtung. Dass allerdings bei ihr aus dem Originaltitel „A Girl is a Half-formed Thing” ein bestimmtes „das Mädchen” wird, erschließt sich nicht unbedingt, schließlich deutet der unbestimmte Artikel auf die von der Protagonistin gefühlte Allgemeingültigkeit des Leidens hin.

Frank Schorneck

Eimear McBride: Das Mädchen ein halbfertiges Ding (A Girl is a Half-formed Thing, 2014). Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Verlag Schöffling & Co 2015. 256 Seiten. 21,95 Euro.

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