Geschrieben am 5. Juli 2016 von für Bücher, Litmag

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume

Russo_träumeDas flirrende Gesellschaftspanorama eines großartigen Erzählers

– Bereits 2002 erhielt Richard Russo für seinen Roman „Diese gottverdammten Träume“ den Pulitzerpreis und erstaunlicherweise mussten die deutschen Leser bis jetzt auf eine Übersetzung des 750-Seiten-Werkes warten – und können nun endlich diesen großartigen Erzähler auf der Höhe seines Könnens erleben.

Richard Russo erzählt in seinem Roman vom Leben in der Kleinstadt Empire Falls, die ihre glorreichen Zeiten mit florierenden Textilfabriken und Holzmühlen längst hinter sich hat. Doch noch immer gehört der alten Firmenerbin Mrs. Whiting die halbe Stadt, so auch das von Miles Roby betriebene örtliche Diner. Das Diner ist die von Bratfett durchwaberte Bühne für das kleinstädtische Leben, hier zeigt sich das komplizierte Beziehungsgeflecht mit seinen geheimen Liebschaften, Verwerfungen und Fronten, hier wird gefeiert, geprahlt, gelogen und getratscht.

Vor zwanzig Jahren hatte Miles, als seine Mutter im Sterben lag, sein Studium geschmissen und eine hoffnungsvolle Zukunft für diesen Mikrokosmos aufgegeben. Jetzt lebt er in Scheidung von seiner Frau Janine, die gerade ihren Körper entdeckt hat und von dem Fitnessstudiobetreiber und Aufschneider Silver Fox sexuell erweckt wurde.

Miles steht nun, wie so viele andere Figuren in diesem Roman, an einem Scheideweg und sein Sehnsuchtsort heißt Martha’s Vineyard. Dort verbrachte er zum ersten Mal als Kind einen Urlaub mit seiner Mutter und kehrte immer wieder dorthin zurück. Aber Miles ist ein Zögerer und Zauderer, der sich leicht mit seinen Lebensumständen abfindet und keinen Hang dazu hat, nach Neuem und Größerem zu streben. Doch dann knallt ein Ereignis in das behäbige Leben dieser Kleinstadt, dass ihm keine Wahl mehr lässt.

Die Frage nach dem geglückten Leben

Richard Russo entwickelt seinen Roman in aller Ruhe und mit feinen Akzentuierungen. Er zaubert dabei einen ganzen Reigen von faszinierenden Charakteren hervor – von Miles ständig abgebrannten und schnorrenden Vater Max, der „selbst Gott verscheißern“ könnte, über den Lokalreporter Horace oder den dementen und obszönst fluchenden Father Tom bis zum Außenseiter John Voss, der „wie Jesus – unschuldig, aber nichtsdestotrotz im Zentrum des ganzen Schlamassels“ steckt. Und über allen thront die Fäden ziehende Mrs. Whiting, kalt und berechnend und doch mit einem erstaunlichen Faible für Miles Roby, dessen Grund in tiefer Vergangenheit liegt und sich langsam erhellt.

„Diese gottverdammten Träume“ entfaltet anhand der Kleinstadt Empire Falls ein flirrendes Gesellschaftspanorama voller Tragik, Lüge, Sehnsucht, Wärme und kleiner Glücksmomente. Er reißt in einer Zeit von Kapitalismus und Globalisierung die großen gesellschaftlichen Fragen nach Sinn, Glaube und Moral an, stellt aber vor allen Dingen die Frage nach dem geglückten Leben: nach Liebe, Freundschaft und der Gabe sein wahres Ich zu erkennen, sich treu zu bleiben und auch mal gegen den Strom zu schwimmen.

Karsten Herrmann

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume (Empire Falls, 2001). Gebunden. Aus dem Englischen von Monika Köpfer. Dumont, 2016. 752 Seiten. 24,99 Euro. Zur Leseprobe.

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