Richard Price: Clockers


Unwiderstehlicher Sog

– Nach dem hochgelobten New York-Roman „Cash“ von Richard Price hat der S. Fischer Verlag nun auch dessen schon 1992 erstmalig auf Deutsch erschienenen und lange vergriffenen Roman „Clockers“ wieder aufgelegt – eine grandiose (Wieder-) Entdeckung! Es schwärmt Karsten Herrmann.

Richard Price, der sich insbesondere auch als Drehbuchautor von Filmen wie „Die Farbe des Geldes“, „Sea of Love“ oder „Kiss of Death“  und für einzelne Folgen der Kult-Serie „The Wire“ einen Namen gemacht hat, siedelt seinen Roman in der heruntergekommenen Roosevelt-Siedlung in Dempsy und damit vor den Toren New Yorks  an. Hier beherrschen die „Clockers“, kleine Drogendealer, das Straßenbild. In einem ausgeklügelten Vertriebssystem bringen sie Drogenampullen an den Endkunden, deren Gesichter in den Häuserecken gelb aufleuchten, „wenn sie das Kokain anglühen“. Der junge Strike hat hier eine „Crew“ aus dealenden Kids am Laufen und ist eine Art Unteroffizier von Rodney, dem ebenso charismatischen wie rücksichtslosen Drogen-König des Viertels: „Wegen dieser Ampullen war Rodney so was wie Gott“ und er wie alle anderen sind „süchtig nach ihrem Status als Straßenstars“.

Der intelligente und zurückhaltend sein Geschäft betreibende Strike macht ein paar Tausend Dollar im Monat und träumt davon, mit seinem ersparten Geld sich und seine Familie raus aus diesem Sumpf zu bringen. Doch dann verlangt Rodney von ihm die Liquidierung seines „Drogen-Offiziers“ Darryl, der ihn hintergeht – für Strike liegt nun die Chance zum Aufstieg in der Drogenhierarchie und auf das ganz große Geld haarscharf neben dem Risiko, lebenslänglich im Knast zu landen.

Als Darryl tatsächlich ermordet wird, stellt sich völlig überraschend Strikes Bruder Victor, der seine Familie mit 80 Stunden  harter Arbeit in der Woche über Wasser hält und nie etwas mit Drogen zu tun hatte. Für Strike ändert sich alles und immer tiefer verstrickt er sich in eine undurchsichtige Gemengelage: „Er kam sich vor, als wenn ihm diese Nacht endgültig das Rückgrat gebrochen hätte.“

Zum Gegenspieler Strikes wird der erfahrene Mord-Ermittler Rocco, dem dieser Fall an die Nieren geht und der von Victors Unschuld überzeugt ist. Rocco, der die Straßen Dempsys  eigentlich schon lange satt hat und mit seiner Frau Patty und der kleinen Tochter Erin in einem New Yorker Loft lebt, findet eine neue Mission und „vielleicht war eine Mission genau das, was er brauchte, um sich selbst zu läutern, sich durch Besessenheit zu erlösen.“

Richard Price (Foto: Jürgen Bauer)

Verlorene Gesellschaft …

Richard Price entwirft in seinem Roman das Soziogramm einer verlorenen Gesellschaft, zeigt den „Kreislauf der Scheiße“, in dem das Dealen für einen Schwarzen die einzige Chance ist, zu Geld, Respekt und Anerkennung zu kommen. Ungeheurer authentisch und detailliert  leuchtet er diesen nach ganz eigenen Regeln funktionierenden Kosmos aus Straßendealern, Junkies, bestechlichen Cops und Bewährungshelfern aus, zeigt das nahtlose und unbarmherzige Nebeneinander von Kindheit, Gewalt und krimineller Karriere: „Jeder war auf sich allein gestellt, und dieser ganze ‚Wir sind eine Familie‘-Dreck ging sowieso den Bach runter.“

In wechselnder Perspektive zwischen Strike und Rocco gibt Richard Price seinen Figuren viel Raum, lässt sie sich langsam entwickeln und zeigt ihre Ecken und Kanten, ihre verborgenen Licht- und Schattenseiten. Sein Sound ist zwar durch und durch hardboiled, bleibt dabei aber immer menschlich und lässt einen letzten Hoffnungsschimmer.

„Clockers“ ist ein grandios komponierter Kriminalroman mit einem treibenden Rhythmus und packenden Dialogen im Straßen- und Cop-Slang. Über 800 Seiten hinweg erzeugt Richard Price so einen unwiderstehlichen Sog und zeigt sich schon in diesem frühen Roman als Großmeister.

Karsten Herrmann

Richard Price: Clockers. (Originalausgabe erschienen 1992 unter dem Titel Clockers). Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg.  Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2011. 800 Seiten. 22,95 Euro.
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