Ricardo Piglia: Ins Weiße zielen


Metaphysiker des Verbrechens

– Ein ganz starkes Stück Literatur legt der Argentinier Ricardo Piglia mit seinem neuen Roman „Ins Weiße zielen“ vor. Sozusagen ein weiterer Beweis, dass man über Kriminalliteratur nachdenken und selber welche schreiben kann, wenn man es kann. Karsten Herrmann hat das Buch gelesen.

In den Siebzigern wird in einem kleinen Dorf der argentinischen Provinz der amerikanische Glücksritter und Spieler Tony Durán in seinem Hotelzimmer ermordet. Der mysteriöse Fremde hatte Aufsehen durch seine ménage à trois mit den lebenslustigen Belladonna-Schwestern, den Sprösslingen einer alten Dorf-Dynastie, gesorgt und war undurchsichtigen Geschäften nachgegangen. Kommissar Groce, „ein unberechenbarer Mann, der … keine Regeln befolgte, aber immer gerecht war“,  macht sich mit seinem Assistenten an die Aufklärung des Falles. Bald gerät der japanische Nachtportier des Hotels in Mordverdacht und ist für den Staatsanwalt Cueto schnell der ausgemachte Schuldige: „Allein deshalb wird man mich verurteilen – weil ich der Fremdeste aller Fremden in diesem Dorfe bin.“

Doch Groce ermittelt unbeirrt weiter und folgt dabei dem „Grundprinzip des intuitiven Erkenntnisgewinns“. Die quasi unsichtbaren Spuren führen in die alte Belladonna-Familiendynastie, zu Schwarzgeld-Transaktionen, Korruption, Immobilienspekulation und einem großen Traum. Als Groce von seinem Gegenspieler, dem Staatsanwalt Cueto, kaltgestellt wird und nur noch Unterstützung bei dem Journalisten Renzi findet, scheint der falsche Lauf der Dinge kaum mehr aufzuhalten zu sein.

Gauchos in der Postmoderne

Ricardo Piglia, der Literatur und Film in Princeton lehrt, erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte eines Verbrechens und entwickelt dabei ein detailreiches Sozio- und Psychogramm der argentinischen Provinz mit ihren Gauchos, Pferderennen und Hahnenkämpfen. „Ins Weiße zielen“ ist dabei auch eine sublime Meditation über das Fremde in und um uns und über die Sehnsucht „ganz woanders“ zu sein.

In seiner dichten Prosa zeichnet der 1941 geborene Piglia mit nur wenigen Strichen ausdrucksstarke Charaktere. Sein Kommissar Groce zeigt sich dabei als ein außergewöhnlicher Metaphysiker des Verbrechens: „Man sieht, was man weiß, und was man nicht weiß, kann man nicht sehen … Entdecken heißt das, was noch niemand beachtet hat, auf eine andere Art zu sehen. Darum geht es.“

„Ins Weiße zielen“ ist ein wunderbar geschriebener, vielschichtiger und zuweilen auch irritierender Roman, in dem das Verbrechen nur der Ausgangspunkt für eine verwickelte und geradezu faustische Familien-Tragödie ist, in der nichts so ist, wie es aussieht.

Karsten Herrmann

Ricardo Piglia: Ins Weiße zielen (Blanco nocturno, 2010). Roman. Deutsch von Carsten Regling. Berlin: Wagenbach 2010. 260 Seiten. 19,90 Euro.
Verlagsinformationen zu Buch und Autor
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