Geschrieben am 22. August 2012 von für Bücher, Kolumnen und Themen, Litmag

Thema: Über minutiöses Erzählen und Ralf Friedrichs: The Lesson Today

Neues aus dem Minutiösitätenkabinett

– Bruno Arich-Gerz über Ralf Friedrichs‘ „The Lesson Today“ und das zeitdeckende Erzählen über besondere Tage.

„Es ist 19:41 Uhr deutscher Zeit, als Freddie Mercury sich an ein bereitstehendes Klavier setzt und ein, zwei Töne anspielt, ein wenig am Verstärker einstellt und dann die ersten erkennbaren Laute erklingen lässt. Das Publikum in Wembley jubelt, hinter mir raunt man nur ‚Bohemian Rhapsody‘ … ‘Mama, life had just begun, but now I’ve gone and thrown it all away’. Das folgende ‚Mamaaaa, uhuhuhuhuuuu‘ wird nicht nur von den Zuschauern in Wembley lauthals mitgesungen, auch ich bin voll dabei … und mit mir all die anderen, die um mich herum stehen“ (Ralf Friedrichs, „The Lesson Today. Als ich in den 13. Juli 1985 zurückkehrte“, S. 241).

Minutiös genaues Erzählen wie hier, wo Ralf Friedrichs seinen Helden Mike Richter am 13. Juli 1985 um neunzehn Minuten vor Tagesschauzeit den Auftritt von Queen beim Londoner Live-AID-Konzert in einer Kölner Kneipe verfolgen lässt, zählt zu den eher selten angewandten Narrationsverfahren. Einen ganzen Roman kriegt man damit schon mal gar nicht bestritten, würde man meinen, denn als zu langwierig und langweilig, zu handlungsarm oder wahlweise zu manieriert gilt der Erzählmodus, bei dem das Geschilderte mehr oder weniger genauso viel Zeit in Anspruch nimmt wie das Schildern selbst.

Den Regelfall stellt denn auch ein anderer, dem zeitdeckenden Erzählen genau entgegengesetzter Narrationsmodus dar: das zeitraffende Erzählen. Will heißen, viel Zeit vergeht in der Handlung, aber längst nicht alles wird geschildert („Böf, ein leises Platzen, es klang irgendwie … lakonisch. Das Letzte, was Wörtche wahrnahm. Dann trat er weg. Zwei Tage später kam er das erste Mal wieder zu sich, für drei, vier Minuten. Am dritten sogar für eine ganze Stunde, abends dann nochmal zwei. Am vierten Tag nahm ihm der Fausthieb auf seinen Bullensolarplexus zwar immer noch die Luft, doch er schaffte es, sich von der Couch in die Höhe zu wuchten und zum Kühlschrank mit den Bierdosen zu bewegen. Auch der Appetit kam allmählich zurück und eine Woche nach der Rauferei schaffte er es tatsächlich, sich ohne Schmerzen zwischen den Rippen ein halbes Dutzend Eier in ein Longdrinkglas zu kloppen und ohne mit der Wimper zu zucken in den Schlund zu kippen“).

Zeitraffendes Erzählen wirkt dynamisch und treibt die Handlung voran: Deswegen ist es so beliebt. Das Gegenteil davon, das zeitdehnende Erzählen – nicht zeitdeckend, sondern noch langatmiger, weil ausführlicher mit dem Erzählen des im Verhältnis kürzer andauernden Erzählten befasst – kommt vermutlich am allerseltensten zum Einsatz. Vielleicht mal, um den qualvollen Tod der Serienkillerin genüsslich in Zeitlupe auszubreiten („Mit einer blitzartigen Bewegung jagte Wörtche ihr das Käsemesser bis zum Heft in den Leib. Die beiden Spitzen schoben sich bis zur Leber vor, durchdrangen die Epidermis des Organs und perforierten es. Dann schienen sie für den Bruchteil einer Sekunde in der Außenhaut der Leber verharren zu wollen, überlegten sich es aber anders und bohrten sich weiter vorwärts in das erstaunlich feste rotbraune Gewebe“). Ansonsten so gut wie nie.

The Roaring Twenties, oder: Als die Erzählzeit die erzählte Zeit einholte.

Wenngleich mit Betonung auf so gut wie. Freund/innen der gepflegten Innovation in der Literaturgeschichte und des experimentellen Schreibens wissen, es gab den „Ulysses“ und dort vor allem das „Penelope“-Kapitel, in dem James Joyce in stream-of-consciousness-Darstellung die Gedankengänge und -sprünge seiner kapriziösen Ko-Heldin Molly Bloom zu Papier bringt. Für Normalgeschwindigkeitsleser/innen waren diese Ausführungen in der Tat zeitdehnend, sprich Mollys Bewusstseinsstrom wälzte sich langsamer vorwärts als es dauerte, die Schilderungen zu lesen.

Und es gab die legendäre „Mrs. Dalloway“ von der noch legendäreren Virginia Woolf: wie „Ulysses“ ein Produkt der 1920er-Jahre und wie Joyces dicker Wälzer ein Stadtroman – nur spielt er in London statt in Dublin. Dazu, dritte Parallele, ist „Mrs. Dalloway“ wie ihr irisches Pendant eine Erzählung, die an einem einzigen Tag spielt, fein kalibriert durch die Glockenschläge von Big Ben, die nicht nur die Stunden anzeigen, sondern in einem für den sachten Übergang von der einen Figurenerzählperspektive zur nächsten sorgen.

Die beiden Klassiker der englischsprachigen Literatur zeigen: Minutiöses Erzählen war damals, vor knapp einhundert Jahren, ein Formexperiment, das – Zufall oder nicht – sich als Kulisse das alltägliche Treiben in urbanen Zentren wählte und dabei Stadt und Städter exemplarisch anhand eines einzigen Tages porträtierte. Die Wahl dieses Tages geschah bei Joyce und Woolf dabei nach dem Prinzip Zufall – jedenfalls bekommt man diesen Eindruck, denn weder hatte der 16. Juni 1904 für das historische Dublin, seine Dubliner und den Rest der Menschheit weltbewegende Ereignisse parat, noch war das an jenem Tag der Fall, an dem Virginia Woolf ihre Mrs. Dalloway durch die britische Kapitale streifen und den kriegstraumatisierten Septimus Warren Smith seinem unglücklichen Leben ein Ende setzen lässt.

 Nach wie vor hat die exakte Schilderung des urbanen Treibens am Anfang des 20. Jahrhunderts einen Reiz, dem sich Leser/innen nicht entziehen können. Erst das minutiöse Erzählen individueller Stadtquerungen – und nicht die reiseführerhaft grob skizzierten, stereotypen Charakteristika urbaner Zonen und ihrer Bewohner – macht das Geschilderte zum mit Hingabe ausstaffierten Modell eines (All-)Tags. Der Roman bekommt etwas von einer Miniatureisenbahn, die man als Leser/in zwar archimedisch von oben betrachtet, bei der der besondere Genuss aber darin besteht, sich lustvoll und wortwörtlich einen ganzen Tag lang in den Details zu verlieren und auf das kleine Maß der ziselierten Bahnhöfe, Gleisdreiecke und Schienenstrecken einzulassen, durch die und auf denen Züge und Lebenswege im Maßstab 1:87 pulsen.

Zum wohligen Modelleisenbahnbetrachten aus der souveränen Obersicht gesellt sich der romantische Impuls des vergangenheitsverklärenden Durchkreuzens einer Stadt, wie sie vor einem Jahrhundert dem erzählenden Ich und der schriftstellerischen Instanz dahinter erschienen ist. Pferdemist und Karbongestank aus U-Bahnschächten schwängern die Luft, die gents tragen Stehkragen, Marktweiber bieten Fisch und Muscheln feil, ein Leichenzug bahnt sich seinen Weg, gefolgt von Trauernden in gestärkten schwarzen Anzügen aus schwerem Stoff; im Park liest ein clerk in der Mittagspause Börsenkurse und die neuesten Neuigkeiten vom Aufstand der Hottentotten und Hereros in der Kaiserkolonie Südwestafrika. Alltag in der Großstadt anno Pief.

Von den Alltagen zu den unvergesslichen Tagen

Die Vermutung liegt nahe, dass minutiöse Alltagsbeschreibungen urbanen Lebens aus der Gegenwart in punkto Attraktivität da nicht mithalten können. Warum den Alltag einer Stadt noch haarklein lesen müssen, wo er in unseren Breiten in seiner ganzen Banalität, Grandezza, Aufgeplustertheit oder Schrecklichkeit ohne große Umstände – eine Bus- oder Bahnfahrkarte genügt – unmittelbar zu erleben und zu erfahren ist?

Eine andere, diametral entgegengesetzte Vermutung erscheint allerdings ebenso plausibel. Wenn es den Alltagen in Gegenwart und jüngerer Vergangenheit schon nicht vergönnt ist, zu minutiös-literarischen Erzählungen von Wert und Interesse verdichtet zu werden, dann sind es die besonderen Tage, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen in das lokale, nationale oder gar globale Kollektivgedächtnis eingebrannt haben.

Jeder, der es erlebt hat, weiß, wo er (und wie es für ihn) war, als Rahn zuerst aus dem Hintergrund schießen müsste, dann tatsächlich schoss und so das Wunder von Bern amtlich machte. F.C. Delius hat den Sommertag aus dem Jahr 1954 literarisiert in „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“. Jede heute Zwanzigjährige weiß noch haargenau, was sie getan hat und wo sie war, als am 11. September 2001 die Flugzeuge in das World Trade Center flogen: von den Älteren ganz zu schweigen. Frédéric Beigbeder hat die Minuten zwischen dem Einschlag des ersten Flugzeugs und dem Einstürzen des zweiten Turms in die Formensprache seines Romans „Windows on the World“ eingebracht: Jede einzelne dieser neunzig Minuten überschreibt ein Kapitel und strukturiert damit eine Erzählung, die zwar nicht in dem Sinn minutiös ist, dass sie das Geschehen in New York City noch einmal zeitdeckend Revue passieren lässt. Dennoch nimmt sie just diese Minuten der Zerstörung und des Tötens zum Anlass, um die breite globale Dimension des Anschlags und ihr Gegenteil, die schmale individuell-solipsistische Sicht des wie Millionen andere durch Echtzeitmedien zum Zeugen gewordenen Ich-Erzählers „Frédéric Beigbeder“, auszubreiten.

Back to the Future of 1985: „The Lesson Today“

Auch der 13. Juli 1985 zählt vermutlich zu den nicht alltäglichen und vor allem unvergessenen Tagen: Jedenfalls wenn man Mitte der 80er-Jahre schon mindestens im Teenageralter war. Womit wir wieder bei Ralf Friedrichs wären: Den Tag des Live-AID-Konzerts, von Bob Geldof in London und Philadelphia auf die Bühne sowie weltweit auf die Fernsehschirme gebracht, hat die heutige Ü-40-Generation vermutlich noch genauso parat wie Mike Richter, der Leopold Bloom aus „The Lesson Today“.

Ich möchte diesen Roman für sein konsequent zeitdeckendes Erzählen loben und ans Herz legen: wohlwissend, dass er nicht den Anspruch hat (noch halten könnte), belletristisch formvollendet zu sein. In der Tat zielen Balzverhalten und Machogehabe des Protagonisten Mike und seiner Rollerskates-bewehrten Kumpels auf die Lesegewohnheiten eines konventionellen (und heterosexuellen) Mainstreampublikums. Nicht jede Formulierung sitzt, nicht jede Umschreibung kommt elegant rüber, und die Vergleiche zwischen 1985 und 2010 sind selten klischee- und zotenfrei (Es handelt sich nicht nur um eine Minutiöserzählung, sondern gleichzeitig um einen Zeitreiseroman: Mike erlebt den 13. Juli 1985 zum zweiten Mal und kriegt die Chance, nun ein paar Dinge in andere Bahnen zu lenken, das Kennenlernen seiner späteren Gattin Manu zum Beispiel. „Back to the Future“ lässt grüßen).

Any yet, and yet: „The Lesson Today“ reüssiert als minutiös erzählter Roman über einen Tag in einer Stadt, Köln, von wo um „etwa 17:25 Uhr“ der deutsche Beitrag des Live-AID-Spektakels auf Sendung und damit in Echtzeit um die Welt ging:

„Janz winkt Udo Lindenberg zu sich heran, der sich beschwingt und voller Elan des Mikros bemächtigt. Ich muss ein wenig schmunzeln, wenn ich ihn jetzt so sehe. Auch er ist über Nacht hautgebügelt worden, jedenfalls wirkt das so auf mich, denn in meiner eigentlichen Gegenwart kann er seinen obligatorischen Hut wegen der tiefen Falten auf der Stirn oben draufschrauben. Hier und jetzt wirkt er schon fast wieder wie ein Jugendlicher, obwohl er 1985 auch schon auf die 40 zugeht. Alles eine Frage der Perspektive.

‚Hey Leute‘, begrüßt uns der Taktstockschwinger des nach ihm benannten Panikorchesters, verliest die gemeinsame Stellungnahme [und] fordert einen weltweiten Aufstand des Gewissens, schließlich sei die ganze Situation ein Exzess des Wahnsinns und die Herrschaften auf den Kommandobrücken in Washington und im Kreml hätten wegen der ganzen Rüstungs-Scheiße das totale Rad ab.

Damit ist Udo fertig, großer Jubel brandet auf, auch der altehrwürdige Kölner Dom, der im Hintergrund in der grellen Sonne bei blauem Himmel gut rüberkommt, scheint sein Einverständnis für die nun folgende Session zu geben. Die ersten Töne von ‚Nackt im Wind‘ sind zu hören. Ich konzentriere mich nun voll auf die Musik, auf die beteiligten Protagonisten und auf das, was sie uns darbieten werden. ‚Genieße das, Mike‘, sage ich mir, ‚genieße es, nimm‘ es mit. Wer weiß, wann dieser ganze Zeitsprung-Kram enden wird‘“. (217 f.)

Die letzten Zeilen zeigen, bei aller Fallhöhe, die Artverwandtschaft mit Woolf und Joyce. Personales oder, neunarratologisch formuliert, intern fokalisiertes Erzählen kennzeichnet auch Ralf Friedrichs Roman. Es muss ja nicht gleich stream-of-consciousness sein.

Fazit: Der Ein(es)tagesroman

Zeitdeckendes Erzählen über einen Tag in einer Stadt gibt es nach wie vor. Glücklicherweise. Geändert hat sich im Vergleich zu den Vorreitern aus der klassischen literarischen Moderne gar nicht mal so viel. Das Milieu ist in der Tendenz eher städtisch (Ausnahmen bestätigen die Regel, etwa Delius‘ Weltmeistertag auf dem hessischen Kracher). Erzähltechnisch dominiert nach wie vor die Innenperspektive einer erlebenden, wahrnehmenden und reflektierenden Figur. Lediglich die geschilderten Tage scheinen keine beliebigen mehr zu sein, sondern solche, die im kollektiven (Generationen-)Gedächtnis besonders intensiv haften geblieben sind. Ein(es)tagesromane eben: buchgewordene Zeitgeschichten à la SPIEGEL online, nur minutiös durcherzählt und deswegen vielleicht, „eines Tages“, mit dem Zeug zum eigenen Subgenre.

Bruno Arich-Gerz

Ralf Friedrichs: The Lesson Today. Als ich in den 13. Juli 1985 zurückkehrte. Rheinlese Verlag 2011. 336 Seiten. 12,95 Euro. Zur Homepage des Autors. Ulysses-Hörspiel im SWR. Bruno Arich-Gerz hat (in) Anglistik/Amerikanistik studiert, doziert und promoviert. Daneben arbeitet er über Literatur zu, aus und über Namibia und lektoriert in seiner Freizeit „Ein(es)tagesromane“.

Ralf Friedrichs: The Lesson Today. Als ich in den 13. Juli 1985 zurückkehrte. Rheinlese Verlag 2011. 336 Seiten. 12,95 Euro. Zur Homepage des Autors. Ulysses-Hörspiel im SWR.

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  • „Saturday“ von Ian „Atonement“ McEwan und „The Diviners“ (dt.: Wassersucher) von Rick „The Ice Storm“ Moody gehen auch in die Richtung, wobei die „Diviners“ für mich viel zu minutiös waren (nach einem Drittel abgebrochen).