Pipilotti Rist: Augapfelmassage / Sandra Danicke: Kunst versteht keine Sau


Zwei neue Kunstbücher, besprochen von Christina Mohr.

Pickelpornos und Anusblüten

– Die Videokunst der Schweizerin Pipilotti Rist (Elisabeth Charlotte Rist) wird häufig als „farbenfroh, komplex und hintergründig“ beschrieben, was einerseits zutrifft und andererseits zu kurz greift. Zweifelsohne sind ihre Werke/Installationen „farbenfroh“, die Buntheit birgt aber mehr Verstörendes als Erheiterndes. Wobei: Selten hat sich die Rezensentin hinter Museumsmauern besser amüsiert als beim Betrachten des Videos „Ever Is Over All“ (1997), in dem eine gut gelaunte Frau in blauem Kleid und roten Schuhen in einer Endlosschleife eine Straße entlanggeht und mit einer Fackellilie die Scheiben parkender Autos einschlägt. Eine Polizistin nickt ihr ermutigend zu, in der Tonspur erklingen entrückte Frauenstimmen.

Abbildung1: Pipilotti Rist, Selbstlos im Lavabad, 1994, Audio-Video-Installation (Videostill) Courtesy Pipilotti Rist, Hauser & Wirth and Luhring Augustine, New York

Toll, ebenso wie ihre Frühwerke „Pickelporno“ von 1992, der als feministischer Porno gilt, aber so gar nichts Aufgeilendes hat und „I’m Not the Girl Who Misses Much“ von 1986, in dem Rist selbst mit heraushängenden Brüsten immer und immer wieder eine Zeile aus dem Beatles-Song „Happiness is a Warm Gun“ singt. Das Video ist mit Absicht derart unscharf und verwackelt, dass es jegliches Aufkeimen erotischer Stimmung ad absurdum führt. In vielen anderen Arbeiten von Pipilotti Rist geht es weniger eindeutig, aber stets körperlich zu, oft erkennt man nicht sofort, was hier gefilmt oder fotografiert wurde: In „Mutaflor“ oder „Eindrücke Verdauen“ (beide 1996) widmet sich Rist der Schönheit des Anus – den man in riesiger Nahaufnahme auch für eine Blüte oder ein bizarres Backwerk halten könnte. Rist geht gerne ganz nah ran, zeigt Blut, Schleim, Haut, Pickel, Brustwarzen, Zungen und Augen, immer sehr bunt und meistens von weiblichen Körpern.

Allerdings möchte sich Pipilotti Rist nicht als feministische Künstlerin bezeichnen. Sie „macht es lieber praktisch“, erklärt sie im Interview mit der Frankfurter Rundschau (25.3.2012): Ihre Videotechnikerin ist eine Frau, und Rist selbst ist der Meinung, dass es heutzutage auf den/die Einzelne/n ankommt, was man aus den Errungenschaften des Feminismus macht. Ihre Arbeiten – neben den erwähnten Videos und Installationen auch Skulpturen – bieten jedenfalls viel Interpretationsraum für dieses und andere Themen.

In der Kunsthalle Mannheim läuft noch bis zum 24.6.2012 die Ausstellung „Augapfelmassage“ mit dreißig Videoarbeiten und Skulpturen von Pipilotti Rist. Wer es nicht nach Mannheim schafft, möge sich den bei Prestel erschienenen Ausstellungsband zulegen, der neben der in diesem Umfang erstmals auf Papier gebannten Kunst Rists erläuternde Texte von Elisabeth Bronfen, Chrissie Iles, Stefanie Müller, Stephanie Rosenthal und Konrad Bitterli beinhaltet.

Christina Mohr

Stephanie Rosenthal (Hg.): Pipilotti Rist, Augapfelmassage. München: Prestel Verlag 2012. 200 Seiten.39,95 Euro. Zur Homepage von  Pipilotti Rist.

Nachdenken über das Rätselhafte der Kunst

Videoinstallationen wie die von Pipilotti Rist und Moderne Kunst generell gelten als unverständlich, rätselhaft oder, wie im Fall von Joseph Beuys, gar als Verhohnepiepelung des Publikums. Die Kunsthistorikerin und art-Redakteurin Sandra Danicke widmet sich nach ihrem Erfolgsbuch „Kunst interessiert keine Sau“ nun erneut der Ehrenrettung von Installationen, Videoarbeiten und Moderner Malerei, etwa Malewitschs umstrittenem „Schwarzen Quadrat auf weißem Grund“ (1915/21). In „Kunst versteht keine Sau“ präsentiert Danicke Bekanntes (wie eben das Quadrat), selten Gezeigtes wie James Lee Byars’ „The Death of James Lee Byars“ (1994),

Lustiges wie die Fotos des Ehepaars Anna und Bernhard Blume oder die Installationen von Peter Fischli und David Weiss, die wie der „Raum unter der Treppe“ (1993) im Frankfurter Museum für Moderne Kunst nicht selten für liegen gelassene Utensilien des Hausmeisters gehalten werden. Sandra Danicke nimmt Moderner Kunst die Schwere, aber nicht das Mysterium: Im Gegenteil plädiert sie dafür, das Rätselhafte der Kunst (nicht nur der neuzeitigen) wertzuschätzen und zu lieben – staunen und nachdenken kann man nur über Dinge/Gemälde/Kunstwerke, die sich eben nicht sofort erschließen.

Und so lassen sich im wie zufällig hingeworfenen Koffer von Kris Martin, der unheimlichen „Twilight“-Fotoserie von Gregory Crewdson oder Sophie Calles vordergründig gefälligen Frauenfotografien bei „näherer Betrachtung“ (so der Titel von Ex-MMK-Leiter Jean-Christophe Ammans Buch über Moderne Kunst) ganze Zyklen von Geschichten entdecken, die bei einem achtlosen Abtun als modernem Kitsch und Quatsch verborgen geblieben wären.

Es tut dem Buch und vor allem den Werken sehr gut, dass Sandra Danicke Wissen mit Humor verbindet. So manche Blut- und Müllinstallation erschließt sich leichter mit einem Lächeln im Gesicht.

Christina Mohr

Sandra Danicke: Kunst versteht keine Sau. Mysteriöses, Kurioses und Rätselhaftes in der Modernen Kunst. Stuttgart: belser Verlag 2012. 64 Seiten. 14,95 Euro.

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